"Man hat die Angst vor dem Chaos und
das Glücksverlangen, das hinter dem Simenon'schen
Werk steht, noch nicht ausreichend untersucht und
gewürdigt. Dabei bewegen sich all seine Romane (...)
zwischen den beiden Polen Ordnung und Chaos,
Dazugehören und Außenseitertum, Erfolg und Abgrund.
Es ist gewiss weder Überinterpretation noch
Küchenpsychologie, wenn man Simenons manisches
Schreiben als ständig wiederholten Versuch liest,
das Chaos zu bannen und dem drohenden Abgrund zu
entkommen.
Dafür mag man durchaus den Simenon'schen
Familienroman verantwortlich machen. Als Simenon
heute vor hundert Jahren in Lüttich geboren wurde,
war die französischste Stadt Belgiens im Gegensatz
zu unseren Tagen eine prosperierende Industriestadt.
Die Simenons repräsentierten dort Kleinbürgertum in
Reinkultur. Der Großvater war Hutmacher (...). Auch
in der erweiterten Verwandtschaft väterlicherseits
fanden sich genug Handwerker und kleine Leute. Dass
Simenons Vater nicht mehr Handwerker, sondern ein
kleiner Buchhalter war, tut dem keinen Abbruch: die
Klasse hatte er deshalb nicht verlassen. Das ist
ausreichend, um im Rückblick den Mythos des kleinen
Glücks und der Geborgenheit zu konstruieren.
Die Angst vor dem Abgrund dagegen speist sich aus
dem mütterlichen Hintergrund. Die Familie der Mutter
war weder aus Lüttich noch überhaupt wallonisch und
schon deshalb in der Position der Außenseiter. Der
Vater von Henriette Brüll, die dann Henriette
Simenon wurde, endete im Suff und im Ruin, wobei die
Reihenfolge bis heute nicht auszumachen ist. Zeit
ihres Lebens hatte Simenons Mutter gegenüber den
»Besseren« eine unterwürfig-respektvolle Haltung,
gepaart mit der Verachtung für die kleinen Leute.
Vor allem aber hatte sie eine panische Furcht davor,
sozial und moralisch abzusinken. Auch wenn es nicht
gerechtfertigt schien, wurde sie das Gefühl nie los,
am Rand der Katastophe zu leben."
(Jochen Schimmang in der
Frankfurter Rundschau vom 13.02.2003)