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Olga Pötzsch: Geburtenentwicklung in Deutschland

 
       
   
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Olga Pötzsch in ihrer eigenen Schreibe

 
       
   

PÖTZSCH, Olga (2005): Unterschiedliche Facetten der Geburtenentwicklung in Deutschland
Differenzierte Betrachtung der Geburtenstatistik als Grundlage für die Annahmen zur Bevölkerungsvorausberechungen,

in:
Wirtschaft und Statistik, Heft 6, Juni, S.569-581

PÖTZSCH, Olga (2007): Neue Datenquelle zu Geburten und Kinderlosigkeit,
in:
Wirtschaft und Statistik, Heft 3, März, S.260-263

PÖTZSCH, Olga (2007): Geburten in Deutschland,
in:
Statistisches Bundesamt,
Dezember

PÖTZSCH, Olga & Dieter EMMERLING (2008): Neue Daten zu Kinderlosigkeit und Geburten
in:
Statistisches Bundesamt v. 09.12.

PÖTZSCH, Olga (2009): Generatives Verhalten der Frauenkohorten im langfristigen Vergleich.
Ergebnisse der laufenden Statistik der Geburten und der Erhebung "Geburten in Deutschland",
in:
Wirtschaft und Statistik, Heft 5, Mai, S.377-396

PÖTZSCH, Olga (2010): Annahmen zur Geburtenentwicklung in der 12. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung,
in: Wirtschaft und Statistik, Heft 1, Januar, S.29-40

PÖTZSCH, Olga (2010): Kohortenfertilität: Ein Vergleich der Ergebnisse der amtlichen Geburtenstatistik und der Mikrozensuserhebung 2008,
in: Comparative Population Studies, Heft 1

CPOS-Themenheft: Tempoeffekte in demografischen Periodenmaßen

LUY, Marc & Olga PÖTZSCH (2010): Schätzung der tempobereinigten Geburtenziffer für West- und Ostdeutschland, 1955 - 2008,
in: Comparative Population Studies, Heft 3

Die normative, ehezentrierte amtliche Statistik verhinderte bis zum Jahr 2009 die korrekte Zuordnung von Geburten zu Frauen. Ohne eine solche Zuordnung konnten für Deutschland keine tempobereinigten Geburtenziffern ermittelt werden:

"Für die Berechnung der tempobereinigten TFR* sind die Geburtenzahlen nach einzelnen Paritäten erforderlich. Für das vereinigte Deutschland und das frühere Bundesgebiet lagen solche Angaben aufgrund der gesetzlichen Regelungen bis 2009 nicht vor. Vor 2009 wurde die Parität ausschließlich bei Geburten von verheirateten Müttern erfasst, wobei sich die Ordnungszahl (auch als Geburtenfolge bezeichnet) allein auf die Kinder der Frau aus der gegenwärtigen Ehe bezog (einschließlich vorehelicher Kinder mit dem aktuellen Ehemann). Die vorehelichen Kinder mit anderen Vätern als dem jetzigen Ehemann der Mutter sowie Kinder aus früheren Ehen wurden hierbei nicht berücksichtigt. Erst nach der Ergänzung des Bevölkerungsstatistikgesetzes (BGBl 2007) war für das Jahr 2009 erstmals ein deutschlandweiter Nachweis der sogenannten biologischen Geburtenfolge unabhängig vom Familienstand der Mutter möglich (siehe Statistisches Bundesamt 2010)."

LUY & PÖTZSCH haben diese Datenlücken nun für die Jahre 1955 - 2008 durch Schätzungen aufgrund anderweitiger Daten aufgefüllt. Bislang fehlte hierzu der politische Wille, doch mittlerweile wird die klassische Berechnung zum Hemmnis für weitere bevölkerungspolitisch motivierte Reformen. Deshalb wird diese Debatte erst jetzt geführt, obwohl diese Debatte international bereits seit 1998 geführt wird.

Ein Beispiel für den fehlenden politischen Willen gefällig? Im Jahr 2001 veröffentlichte der Bevölkerungsstatistiker Ron LESTHAEGHE für die westdeutschen Frauen folgende endgültigen (und vorläufige) Kinderzahlen:

"Betrachte man - anders als die deutsche Statistik - nicht nur die aktuelle Geburtenentwicklung pro Jahr, sondern das jeweilige Verhalten von Frauen-Altersgruppen (so genannten 'Kohorten'), so werde deutlich, dass der Geburtenrückgang langfristig weniger dramatisch sein dürfte. Die Frauen der Jahrgänge 1957 bis 1961 etwa hätten zwar viel später mit dem Kinderkriegen angefangen als ihre Vorgängerinnen, aber dann aufgeholt: Die Geburtenrate ihrer Altersgruppe liegt bei rund 1,6 Kindern pro Frau; verglichen mit 1,8 für die Jahrgänge 1942-1946. Die heute 35- bis 40-Jährigen hätten bereits jetzt eine Rate von 1,5 erreicht - obwohl sie sich durchschnittlich noch länger Zeit gelassen hätten, bevor das erste Baby kam."

Diese Zahlen stimmen mit den kürzlich veröffentlichten endgültigen und tempo-bereinigten Kinderzahlen des Max-Planck-Institut für demografische Forschung (MPIDR) überein.

Die Zahlen wurden im Nachgang zu einem Bundesverfassungsurteil zur Pflegeversicherung veröffentlicht. Das Urteil vom 3. April 2001 begründete die geforderten Änderungen neben dem Anstieg der Kinderlosigkeit hauptsächlich mit der durchschnittlichen Kinderzahl (TFR) folgendermaßen:

"In Deutschland ist seit Mitte der sechziger Jahre die Zahl der Lebendgeborenen je Frau von 2,49 in rascher Folge auf mittlerweile 1,3 gesunken. In den meisten der wirtschaftlich entwickelten Länder hat der Effekt beobachtet werden können, dass mit steigendem Lebensstandard und steigendem Pro-Kopf-Einkommen die Geburtenrate zum Teil erheblich unter 2,0 sinkt. Es ist - wie auch der Sachverständige dargelegt hat - nichts dafür ersichtlich, dass sich die für diese Entwicklung verantwortlichen Rahmenbedingungen alsbald grundlegend wandeln. Ein sprunghafter Anstieg der Geburtenrate ist nicht zu erwarten"

Alle damaligen Presseveröffentlichungen im Vorfeld des Urteils und zur Debatte um das Pflegeurteil - außer dem Interview mit Ron LESTHAEGHE - argumentierten mit der durchschnittlichen Kinderzahl von 1,3.

Bis heute hat kein einziger Frauengeburtsjahrgang eine endgültige Kinderzahl von 1,3 erreicht, sondern sie liegen bis zum Jahrgang 1961 bei 1,6. Jene Geburtsjahrgänge, die in den nächsten Jahren ihre endgültigen Kinderzahl erreichen werden, liegen allesamt über 1,5 - immer noch weit entfernt von 1,3. Der Trend bei den endgültigen Kinderzahlen weist jedoch immer noch nach unten. Solange dies der Fall ist, lässt sich das Gegenteil nicht sicher beweisen.

Was aber, wenn die durchschnittliche Kinderzahl (gemessen als TFR) nun in den nächsten Jahren sprunghaft nach oben weist? Bereits ein Wert von 1,5 würde die Bevölkerungswissenschaftler in Erklärungsnot bringen. Ein Wert von 1,6 war Anfang des Jahrtausends - zu Zeiten der Agenda 2010-Debatte - völlig undenkbar. Was, wenn die TFR diesen Wert übersteigt?

Dass nun auch in Deutschland die Debatte um tempobereinigte Geburtenziffern beginnt, ist also der Staatsraison geschuldet, und nicht etwa der Tatsache, dass es vorher nicht möglich gewesen wäre. Nein: einzig der politische Wille fehlte!

PÖTZSCH, Olga (2012): Geburten in Deutschland,
in:
Statistisches Bundesamt, Januar

PÖTZSCH, Olga (2012): Geburtenfolge und Geburtenabstand - neue Daten und Befunde,
in:
Wirtschaft und Statistik, Heft 2

Veröffentlichungen zur Geburtenentwicklung sind in Deutschland in der Regel so angelegt, dass die wichtigen Ergebnisse NICHT für jedermann deutlich werden, sondern aus dem Subtext herausgelesen werden müssen:

"Immer mehr Frauen bekommen ihr erstes Kind erst nach ihrem 30. Geburtstag. Allein in den letzten 20 Jahren stieg in Deutschland das durchschnittliche Gebäralter beim ersten Kind um mindestens drei Jahre an, von etwa 26 Jahren im Jahr 19895 auf 29 Jahre im Jahr 2010. Dabei stellt sich die Frage, ob diese Entwicklung mit einem entsprechenden Aufschub der zweiten und weiteren Geburten auf ein immer höheres Alter einhergeht. In diesem Fall könnte künftig der bisher relativ konstante Anteil der Mütter mit drei oder mehr Kindern sinken",
(Wirtschaft und Statistik, Heft 2, 2012)

schreibt PÖTZSCH. Hier geht es also darum, ob der Aufschub von Geburten in ein höheres Alter zu einem Rückgang kinderreicher Familien beiträgt. In Deutschland geht es jedoch in erster Linie um den Umfang der endgültigen Kinderlosigkeit der westdeutschen Akademikerinnen, der bis vor kurzem noch auf über 40 % geschätzt wurde, aber tatsächlich je nachdem welche Abschlüsse dazugezählt werden, zwischen 25 und 31 % liegt. Dies auch wiederum nur, wenn man nicht berücksichtigt, dass hoch qualifizierte oftmals noch mit über 40 Jahren Kinder bekommen. Unter diesem Aspekt ist die folgende Textpassage zu betrachten:

"Im früheren Bundesgebiet blieben die Intervalle bis zur zweiten und dritten Geburt bei den unter 40-jährigen Müttern praktisch konstant. Bei den 40- bis 44-jährigen Müttern verkürzten sie sich um sechs Monate bei der zweiten Geburt und um zwölf Monate bei der dritten Geburt. Der Anteil der Mütter, die in diesem Alter Kinder bekommen, nimmt ständig zu und hat sich in den letzten zehn Jahren mehr als verdoppelt. Trotzdem bilden sie nach wie vor eine kleine Gruppe von 5 % unter den Müttern der zweiten Kinder und von 9 % unter den Müttern der dritten Kinder (Angaben für 2010)."
(Wirtschaft und Statistik, Heft 2, 2012)

Diese Interpretation muss dahin gehend korrigiert werden, dass es sich bei diesem Geburten vor allem um Geburten von Akademikerinnen handelt. Wenn dieser Anteil als gering eingeschätzt wird, dann nur im Hinblick auf die Gesamtbevölkerung, nicht jedoch im Hinblick auf die kleine Gruppe der Akademikerinnen.

"Die früher in empirischen Untersuchungen gängige Altersgrenze von 39 Jahren ist durch neuere Forschungsergebnisse kritisiert und erweitert worden, denn gerade bei hochqualifizierten Frauen setzen Familiengründungsprozesse später, zu großen Teilen auch nach dem Alter von 39 Jahren, ein."
(2012, S.29)

heißt es hierzu in dem kürzlich erschienen Buch Kinderlosigkeit in Deutschland von Rabea KRÄTSCHMER-HAHN. In dem Buch heißt es weiter:

"Die überdurchschnittlich hohe Kinderlosigkeit bei hoch qualifizierten Frauen ist (...) kein neuartiges Phänomen, sondern lässt sich auch schon in den 1970er Jahren beobachten. Der einzige Unterschied besteht darin, dass damals nur 2 % der Frauen zwischen 35 und 39 Jahren einen Hochschulabschluss hatten (...), doch heute im Zuge der Bildungsexpansion etliche Frauen besser ausgebildet sind und die Anzahl der Akademikerinnen steigt. Dennoch stellen die Akademikerinnen auch im Jahr 2004 mit 10 % eine eher kleine Gruppe dar."
(2012, S.49)

Betrachtet man die Fakten, die PÖTZSCH zu den 40-44jährigen Müttern präsentiert, unter diesem Gesichtspunkt, dann könnte das darauf hindeuten, dass die Kinderzahl von Akademikerinnen nicht mehr so niedrig ist, wie das die bisherige Debatte vermuten ließ.

Man wird in Sachen Geburten von Akademikerinnen einfach nicht das Gefühl los, dass Fakten der Öffentlichkeit vorenthalten werden, bzw. ihre Lancierung politischen Erwägungen der Familienlobbyisten folgen. Darauf deutet z.B. eine Meldung auf Welt Online hin. Auch die Stoßrichtung des Szenarios von Uwe EBBINGHAUS 2030 - Odyssee in eine gealterte Gesellschaft lässt nichts Gutes erwarten:

"Wenige der naheliegenden Gegenmaßnahmen wie das erhöhte Renteneinstiegsalter wurden bisher politisch umgesetzt. Wie sehr Birgs nachvollziehbares Plädoyer, konsequent die Familien und damit den Nachwuchs zu fördern, verhallte, konnte man kürzlich wieder sehen, als Bundeskanzlerin Merkel Forderungen aus der eigenen Partei nach einer unglücklich formulierten Kinderlosen- oder Demographie-Abgabe als »nicht zielführend« bezeichnete. Dabei zahlen Kinderlose schon jetzt in der Pflegeversicherung einen höheren Beitrag als Eltern, ohne dass es bisher zur gesellschaftlichen Spaltung kam."
(FAZ 10.03.2012)

PÖTZSCH, Olga (2013): Wie wirkt sich der Geburtenaufschub auf die Kohortenfertilität in West und Ost aus?
in: Wirtschaft und Statistik, Heft 2

Gemäß PÖTZSCH werden die Ergebnisse des Mikrozensus 2012 und das heißt, der Entwicklung der Kinderlosigkeit in den vergangenen 4 Jahren, erst im Herbst - also voraussichtlich in der heißen Phase des Bundeswahlkampfes - veröffentlicht und können damit - wie bereits im Jahr 2005 - zu Wahlkampfzwecken missbraucht werden. Dies könnte auf zwei Arten geschehen: entweder durch gezielte Teilveröffentlichung von Fakten, die genehm sind bzw. durch Nichtveröffentlichung von Fakten, die der familienpolitischen Intention widersprechen.

Im Jahr 2005 wurde bekanntlich behauptet, dass Akademikerinnen, die Mitte der 1960er Jahren geboren wurden, zu über 40 % lebenslang kinderlos bleiben werden. Tatsächlich lag der Anteil bei ca. 30 % (Stand 2008).

Angesichts der Entwicklung der Geburtenraten stellt sich die Frage, welchen unsäglichen Einfluss die politische Debatte auf die Geburtenentwicklung hat. Denn offenbar sorgt der andauernde Richtungsstreit um die Familienpolitik keineswegs für Lust auf Kinder. In der "familienpolitischen Kampfpause" von 2007-2010 wurden kurzzeitig Kinderwünsche früher realisiert als in den vorangegangenen Frauenjahrgängen:

"Die maximale Abweichung im »Tiefpunkt« und der Rückstand in der kumulierten Kohortenfertilität am Ende des gebärfähigen Alters haben sich von Kohorte zu Kohorte vergrößert.

Bei den frühen 1970er-Jahrgängen wird diese Entwicklung allerdings unterbrochen. Die absolute maximale Abweichung zur Referenzkohorte war bei den Kohorten 1970 bis 1975 – entgegen dem bisherigen Trend – geringer als bei den älteren, Ende der 1960er-Jahre geborenen Frauen. Bei der Kohorte 1973 steigt die kumulierte Fertilität im Alter zwischen 34 und 37 Jahren (das heißt in den Kalenderjahren 2007 bis 2010) besonders schnell. Nach der Kohorte 1975 vergrößert sich die maximale Abweichung wieder deutlich. Bei der Kohorte 1980 ist sie beinahe doppelt so groß wie bei den Kohorten von Ende der 1950er-Jahre, die durchschnittlich 1,6 Kinder je Frau zur Welt gebracht haben."

Seit der Debatte um das Betreuungsgeld, dem Hickhack um den Kitaausbau wächst die Verunsicherung wieder. Der diesjährige Bundeswahlkampf dürfte zusätzlich Öl ins Feuer gießen, was frühere Bundestagswahlkämpfe belegen. Insbesondere die Bestrafung von Kinderlosen, d.h. von potentiellen Eltern, die von Nationalkonservativen aller Parteien gefordert wird, ist kontraproduktiv. Denn damit werden falsche Signale an die potentiellen Eltern ausgesandt, die eine bessere Betreuungsinfrastruktur und eine Politik der besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie erwarten.

Angesichts der gegenwärtigen familienpolitischen Blockadepolitik wäre ein weiterer Aufschub des Kinderkriegens nur logisch.

Neu:
PÖTZSCH, Olga (2016): (Un-)sicherheiten der Bevölkerungsvorausberechnungen.
Rückblick auf die koordinierten Bevölkerungsvorausberechnungen für Deutschland zwischen 1998 und 2015,
in:
Wirtschaft und Statistik, Heft 4

Auf dieser Website wurden die Annahmen der 13. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung bereits beim Erscheinen im April 2015 kritisiert. Ausführlich wurde auf die Problematik auch bei einem Vergleich mit einer IW-Bevölkerungsvorausberechnung eingegangen.

Nun erst sieht sich also auch das Statistische Bundesamt genötigt, auf Kritik zu reagieren. Olga PÖTZSCH ist nicht für eine fortschrittliche Analyse bekannt (mehr hier), sondern ihr bevölkerungspolitisch motivierte Credo lautet: Immer alles leugnen bis zuletzt. Diese Strategie wurde hier bereits seit der Jahrtausendwende immer wieder deutlich gemacht.

Auf dieser Website wurde immer wieder gefordert, die Treffsicherheit von Bevölkerungsvorausberechnungen im Vergleich mit früheren Berechnungen zu überprüfen. Denn gerne wird behauptet, dass nichts so sicher sei wie die demografische Entwicklung und das über Zeiträume von fast 50 Jahren wie zuletzt wieder die Deutsche Bundesbank mit ihren Forderungen nach einer Rente mit 69 bis 2064 gezeigt hat. Bei PÖTZSCH heißt es nun:

"Dieser Beitrag geht auf das Wesen und den Zweck der amtlichen Bevölkerungsvorausberechnungen ein und setzt sich mit der jüngsten medialen Kritik auseinander. Er vergleicht die Annahmen und Ergebnisse der 9. bis 13. koordinierten Vorausberechnungen untereinander und mit der realen Bevölkerungsentwicklung und zeigt somit Möglichkeiten und Grenzen der Bevölkerungsvorausberechnungen auf."

Hier stellt sich gleich die Frage, warum nur seit der 9. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung, denn die erste gesamtdeutsche Bevölkerungsvorausberechnung war die 7. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung mit Basisjahr 1989, während die 9. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung lediglich das Basisjahr 1997 betrifft, d.h. die Treffsicherheit wird lediglich für den lächerlichen Zeitraum von nicht einmal 20 Jahren überprüft. Die Bundesbank verlangt dagegen Rentenprognosen über 45 Jahre! Uns wird dagegen eine scheinheilige Begründung für diesen Sachverhalt geliefert:

"Die bis 1998 realisierten Bevölkerungsvorausberechnungen des Statistischen Bundesamtes, darunter die ersten acht koordinierten Berechnungen, wurden bereits in früheren Publikationen von Manfred Bretz ausführlich beschrieben und analysiert (Bretz, 1986; Bretz, 2001)."

Die Überprüfung der Treffsicherheit von Manfred BRETZ ist 15 Jahre her. In dieser Zeit passierten viele weitere Veränderungen der Entwicklung, die die damalige Analyse überholt haben. Man muss daraus schließen, dass hier verharmlost werden soll. Eine Re-Analyse hätte dagegen zeigen können, was die Bundesbank-Aussagen wirklich Wert sind: nämlich nichts! Pure Kaffeesatzleserei.

PÖTZSCH lehnt mit ihrer Aufgabenbeschreibung von Bevölkerungsvorausberechnungen im Grunde jegliche Verantwortung für einen Missbrauch ab, wenn sie schreibt:

"Vorausberechnungen (...) müssen aufzeigen, was passieren würde, wenn keine »integrativen und konstruktiven« Anstrengungen unternommen werden. Die Politik kann auf dieser Grundlage gestalterisch auf die tatsächliche Entwicklung Einfluss nehmen, sofern die aufgezeigten Trends politisch und gesellschaftlich unerwünscht sind".

Dabei bezieht sie sich speziell auf einen SZ-Artikel von LESSENICH & MESSERSCHMIDT, der sich auf die Annahmen zur Zuwanderung bezog. Man könnte diese Immunisierungsstrategie von PÖTZSCH auch genauso gut auf die Bundesbank münzen, die ja mit den Annahmen der Bevölkerungsvorausberechnung ebenfalls Politik betreibt. Kann sich das Statistische Bundesamt einfach auf eine unpolitische Position zurückziehen und Missbrauch ihrer Berechnungen einfach ignorieren? Oder wäre das Statistische Bundesamt nicht dazu verpflichtet, Missbrauch aufzuzeigen? Stattdessen heißt es:

"Wenn die absehbaren Auswirkungen durch neue Trends oder gerade aufgrund von Gegensteuerung abgemildert oder gar nivelliert werden, muss die Realität von der Bevölkerungsvorausberechnung zwangsläufig abweichen."

Wenn also Treffsicherheit ein belangloses Kriterium von Bevölkerungsvorausberechnungen wäre, dann werden die Annahmen dieser Vorausberechnungen umso bedeutsamer, denn sie müssten sofort korrigiert werden, wenn erkennbar ist, dass sie unhaltbar sind. Dies jedoch geschieht ebenfalls nicht, wie das Beispiel der steigenden Geburtenrate zeigt. Immer noch wird die Geburtenrate mit 1,4 Kinder pro Frau bis 2060 fortgeschrieben. Die Bundesbank betrachtet nicht einmal mögliche Alternativen mit 1,5 oder 1,6 Kinder pro Frau.

PÖTZSCH jedenfalls will als Kriterium für Bevölkerungsvorausberechnungen nur "richtige Signale senden" gelten lassen. Damit wird die Debatte von der Treffsicherheit in Bezug auf zukünftige Entwicklungen jedoch nur auf die getroffenen Annahmen verlagert, aber die grundsätzliche Kritik an solchen Bevölkerungsvorausberechnungen nicht aus der Welt geschafft:

"Ihrer Aufgabe, richtige Signale im Hinblick auf die künftige demografische Entwicklung zu senden, können Bevölkerungsvorausberechnungen allerdings nur dann gerecht werden, wenn sie auf möglichst treffenden Analysen der Gegenwart beruhen. Ein besonderes Augenmerk wird deshalb auf die Ableitung und Begründung der Annahmen zu einzelnen demografischen Komponenten gelegt. Diese sind die eigentliche Herausforderung bei der Weiterentwicklung der Bevölkerungsvorausberechnungen." (2016, S.39)

Und es kommt hinzu, dass dann der Einfluss von politischen Entscheidungen auch kausal belegt werden müsste, denn sonst könnten ja falsche Rückschlüsse gezogen werden aus der Differenz zwischen Vorausberechnung und Realität. Was wenn die Veränderungen gar nicht auf Politik, sondern auf ganz andere - nicht berücksichtigte Faktoren - zurückzuführen wären? PÖTZSCH baut sich hier ein Kartenhaus auf, das sehr einsturzgefährdet ist. Uns interessiert vor allem die Begründung der Annahmen zur Geburtenentwicklung, da darin gegenwärtig der größte Sprengstoff im Hinblick auf die Bundesbank-Berechnungen und der Debatte um die zukünftige Finanzierung der Renten liegt. Erstmals wird uns einigermaßen ausführlich erklärt, dass die Annahmen zur Geburtenentwicklung sich nicht einfach aus der zusammengefassten Geburtenziffer ergeben, sondern aus der jeweiligen Verteilung der altersspezifischen Geburtenziffern:

"Die zusammengefasste Geburtenziffer steht erst am Ende eines iterativen Annahmenfindungsprozesses und beeinflusst indirekt – über die altersspezifischen Geburtenziffern – die Stärke der neuen Geburtsjahrgänge und somit die künftige Bevölkerungsgröße und -struktur.
Die eigentlichen Annahmen werden zur Entwicklung der altersspezifischen Geburtenziffern getroffen. Sie beruhen einerseits auf einer linearen Extrapolation der altersspezifischen Trends und andererseits auf den Hypothesen zur Weiterentwicklung der Kohortenfertilität. Die Parametrisierung der Zielverteilung erfolgt schließlich mithilfe eines Quadratic-Spline-Modells von Carl Schmertmann (2003). Die zusammengefasste Geburtenziffer ergibt sich anschließend aus der Summation der extrapolierten altersspezifischen Werte. Infolgedessen können der gleichen zusammengefassten Geburtenziffer von 1,4 Kindern je Frau im Jahr 2005 und im Jahr 2020 unterschiedliche altersspezifische Verteilungen zugrunde liegen. Ihr lang anhaltendes annähernd konstantes Niveau kommt dadurch zustande, dass der Rückgang der Geburtenhäufigkeit im jüngeren gebärfähigen Alter durch den Geburtenanstieg im höheren Alter kompensiert wird. Bei der Formulierung der Annahmen wird deshalb oft neben dem Wert für die zusammengefasste Geburtenziffer auch das durchschnittliche Gebäralter als Verteilungsmaß genannt."

Nur wird dies bislang in keiner einzigen Broschüre explizit nachprüfbar aufgeführt. Wenn also den Annahmen derart immense Wichtigkeit zukommt, warum also legt das Statistische Bundesamt diese Annahmen nicht offen, sodass darüber öffentlich diskutiert werden kann. Stattdessen wird eine Art Geheimwissenschaft betrieben. Die Beschränkung auf eine einzige Annahme zur Geburtenentwicklung in der 9. und 10. koordinierten Bevölkerungsentwicklung wird lapidar mit der damaligen schlechten Datenlage begründet, denn die Verbesserung der Datenlage wurde bis zum Beschluss des Elterngeldes von den politischen Parteien und ihren Handlangern in Medien und Wissenschaft erfolgreich verhindert, weshalb uns PÖTZSCH nun scheinheilig mitteilt: 

"Für alternative Annahmen lagen keine empirischen Hinweise vor."

Wichtig sei stattdessen allein das Geburtenverhalten ostdeutscher Frauen gewesen:

"Zum Entstehungszeitpunkt dieser Berechnungen war zudem vor allem relevant, wie schnell sich die stark gesunkene Geburtenhäufigkeit in den neuen Ländern erholen und an das westdeutsche Niveau anpassen wird (Statistisches Bundesamt, 2000, 2003). Es wurde eine Annäherung zwischen 2005 und 2010 angenommen. Tatsächlich hat sich die zusammengefasste Geburtenziffer im Jahr 2007 in beiden Teilen Deutschlands beim Wert von 1,37 Kindern je Frau angeglichen. In den neuen Ländern stieg sie anschließend weiter und überholte das westdeutsche Niveau deutlich."

PÖTZSCH drückt sich in dem Beitrag jedoch um das Eingeständnis, dass die Geburtenentwicklung in den Bevölkerungsvorausberechnungen gravierend falsch eingeschätzt wurde, denn es fehlt ein für den Leser nachvollziehbaren Vergleich mit der realen Entwicklung. Stattdessen wird uns zum Schluss erklärt:

"Andererseits erscheinen einige im Zeitraum von 1998 bis 2015 getroffene Annahmen aus heutiger Sicht überholt. (...). Die Annahme eines kontinuierlichen Rückgangs der zusammengefassten Geburtenziffer entspricht zumindest nicht der Entwicklung der letzten Jahre." (2016, S.51)

Statt die Treffsicherheit der einzelnen Annahmen zur Bevölkerungsentwicklung zu untersuchen, präsentiert uns PÖTZSCH dagegen nur jene Ergebnisse, die eine hohe Treffsicherheit suggerieren. Die hohe Treffsicherheit über einen lächerlich kurzen Zeitraum von 14 Jahren kommt jedoch dadurch zustande, dass sich diverse Fehleinschätzung gegeneinander aufgehoben haben. Zudem werden die Ergebnisse nur für das Jahr 2040 verglichen, während z.B. die Bundesbank das Jahr 2060 zum Standardprognosezeitraum machen möchte. Gerade nach 2040 würden sich Fehleinschätzungen zur Geburtenentwicklung drastisch auswirken. Wurde deshalb das Jahr 2040 gewählt? Ein Vergleich wäre für die 3 Berechnungen jedenfalls bis 2050 ohne Probleme möglich gewesen.

Fazit: Der Beitrag von PÖTZSCH verschleiert die Hauptprobleme von Bevölkerungsvorausberechnungen. Die Ausführungen zu den Annahmen der zukünftigen Geburtenentwicklung sind sehr dürftig, obwohl (oder gerade weil?) sie den größten Sprengstoff bei der gegenwärtigen Rentendebatte enthalten. Weder die Annahmen der 9. und 10. noch die aktuelleren und auf  besserer Datengrundlage basierenden Annahmen der 11. bis 13. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung waren besonders treffsicher. Bei ersteren wurde die Entwicklung in Ostdeutschland falsch eingeschätzt (diese wird nur bei den Annahmen, nicht aber hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf die Treffsicherheit dargestellt), bei letzteren bleibt der Anstieg der zusammengefassten Geburtenziffer (TFR) unberücksichtigt. Beides wird nicht ausführlich diskutiert und deshalb auch keinerlei Konsequenzen daraus gezogen. Die Nachvollziehbarkeit der Annahmen ist nicht gegeben, weil keinerlei Kriterien angegeben werden, nach denen sich die Angemessenheit der Annahmen bemessen lässt. Hier waltet Gutdünken der Behörde. Aufgrund der besonderen Brisanz wären solche Angaben das Mindeste, was hier zu fordern wäre, ansonsten muss hier Unseriosität und Unwissenschaftlichkeit unterstellt werden. Alles in allem bietet der Beitrag also keine befriedigende Antwort auf die Frage nach dem Sinn solcher Bevölkerungsvorausberechnungen. Eher deutet die Stoßrichtung der Argumentation darauf hin, dass Bevölkerungsvorausberechnungen lediglich als politisches Rechtfertigungsinstrument dienen, um die Alternativlosigkeit von Politiken zu suggerieren. Diese Zweifel kann der Beitrag nicht zerstreuen.

 
       
       
   

Geburten in Deutschland (2012)
in: Statistisches Bundesamt, Januar

 
   
     
 

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Kennzahlen zu Geburten im Zeitvergleich

1.1 Geborene
1.2 Frauen zwischen 15 und 49 Jahren
1.3 Alter der Mütter bei der ersten Geburt
1.4 Altersspezifische Geburtenhäufigkeit
1.5 Zusammengefasste Geburtenziffer
1.6 Saisonalität der Geburten
1.7 Geburten in und außerhalb der Ehe
1.8 Geburtenhäufigkeit deutscher und ausländischer Frauen
2 Kennzahlen zum Geburtenverhalten und seinen soziodemografischen Aspekten

2.1 Kohortenfertilität
2.2 Mütter nach der Zahl ihrer Kinder
2.3 Kinderlosigkeit
2.4 Partnerschaft
2.5 Bildungsstand
2.6 Erwerbsbeteiligung und Beruf
2.7 Migrationserfahrung

3 Geburten in Europa
3.1 Zusammengefasste Geburtenziffer im europäischen Vergleich
3.2 Kohortenfertilität im europäischen Vergleich 
Glossar
 
     
 
       
       
       
   

Geburten in Deutschland (2007)
in: Statistisches Bundesamt, Dezember

 
   
     
 

Inhaltsverzeichnis

Einleitung
1 Zahlen und Fakten zur Geburtenentwicklung
1.1 Zahl der Frauen zwischen 15 und 49 Jahren
1.2 Zahl der Geburten im Zeitverlauf
1.3 Geborene in und außerhalb der Ehe
1.4 Staatsangehörigkeit der Geborenen und ihrer Eltern
1.5 Altersspezifische Geburtenhäufigkeit
1.6 Geburtenhäufigkeit im Zeitverlauf
1.7 Geburtenhäufigkeit der Frauenjahrgänge
1.8 Geburtenhäufigkeit ausländischer Frauen
1.9 Geburtenhäufigkeit im internationalen Vergleich
2 Frauen mit und ohne Kinder

2.1 Mütter nach der Zahl ihrer Kinder
2.2 Anteil der Frauen ohne Kinder
2.3 Alter der Mütter bei der Geburt ihrer Kinder
2.4 Kinderzahl bei Frauen mit unterschiedlichem Bildungsstand

Glossar
 
     
 
       
       
       
   

Unterschiedliche Facetten der Geburtenentwicklung in Deutschland (2005).
Differenzierte Betrachtung der Geburtenstatistik als Grundlage für die Annahmen zu Bevölkerungsvorausberechnungen
in:
Wirtschaft und Statistik, Heft 6, Juni S.569-581

 
   
     
 

Inhaltsverzeichnis

Vorbemerkung
Methodische Anmerkungen
Ist die Geburtenhäufigkeit wirklich konstant?
Was zeigen die altersspezifischen Trends?

Geburtenentwicklung bei den deutschen Frauen im früheren Bundesgebiet
Geburtenentwicklung bei den deutschen Frauen in den neuen Ländern

Entwicklung der endgültigen Kinderzahl
Fazit

Zusammenfassung

Die Autorin möchte mögliche Alternativszenarien für künftige Bevölkerungsvorausberechnungen erörtern.

Die Geburtenentwicklung wird anhand folgender Merkmale beschrieben:

1) endgültige Kinderzahl pro Frau
2) Alter zum Zeitpunkt der Geburt
3) zeitlicher Abstand zwischen den einzelnen Geburten
4) außerehelich oder ehelich geborene Kinder

Die Frauen werden hierzu in 3 Gruppen untergliedert:

1) ostdeutsche Frauen
2) westdeutsche Frauen
3) ausländische Frauen

Im Mittelpunkt stehen die deutschen Frauen. Begründet wird dies einerseits mit der Tatsache, dass die deutschen Frauen "für 82 % aller Lebendgeborenen (80 % davon werden im früheren Bundesgebiet geboren)" sorgen und andererseits für ausländische Frauen eine jahrgansspezifische Betrachtung nicht möglich ist.

PÖTZSCH weist darauf hin, dass sich hinter identischen zusammengefassten Geburtenziffern (siehe zu dieser Maßzahl den Beitrag Die politische Konstruktion der Geburtenkrise) verschiedene Phänomene verbergen können.

Die altersspezifischen Trends werden für die alten und die neuen Ländern getrennt beschrieben.

PÖTZSCH betrachtet jeweils einzelne Altersgruppen im Zeitraum zwischen 1970 und 2003. Die Autorin nennt für die westdeutschen Frauen folgende Trends:

1) Der Beitrag der 15 - 19jährigen Frauen liegt stabil bei ca. 3 % am Anteil der zusammengefassten Geburtenziffer.
2) Der Beitrag der 20- 24jährigen Frauen zur zusammengefassten Geburtenziffer hat sich seit 1975 auf 15 % halbiert.
3) Die geburtenstärkste Altersgruppe sind ab den Jahrgang 1966 nicht mehr die 25- bis 29jährigen Frauen, sondern die 30- bis 34jährigen westdeutschen Frauen.
4) Die Spätgebärenden im Alter zwischen 35 und 40 Jahren tragen mittlerweile genauso viel zur zusammengefassten Geburtenziffer bei wie die 20- bis 24jährigen Frauen.

PÖTZSCH weist darauf hin, dass der Anteil der ehelich Lebendgeborenen in den alten Ländern bei ca. 20 % liegt. In den neuen Ländern der Anteil bei über 50 %. Da die amtliche Statistik die Rangfolge der Geburten nur innerhalb von Ehen richtig erfasst, sind empirische Aussagen für diese Gruppe nicht machbar, weswegen PÖTZSCH hier nur durch Zusatzannahmen zum Ergebnis kommt, dass es sich bei unehelich geborenen Kindern überwiegend um erste Kinder handelt (siehe zu dieser Problematik Michaela KREYENFELD & Dirk KONIETZKA, die aufgrund von lebenslaufbezogenen Daten zu aussagekräftigeren Erkenntnissen kommen).

Ein weiterer Aspekt ist, dass sich der zeitliche Abstand der Geburten verringert hat, d.h. jüngere Frauenjahrgänge bekommen ihre Kinder innerhalb von weniger Jahren.

Für die neuen Bundesländer sind die Trends dagegen weniger eindeutig. Der tiefste Stand der zusammengefassten Geburtenziffer war im Jahr 1994 erreicht. Im Jahr 2000 lag sie bei 1,2 Kinder pro gebärfähiger Frau. Da der Geburtenanstieg seit 1994 in erster Linie auf das Konto außerehelicher Geburten geht, lassen sich gemäß PÖTZSCH keine zuverlässigen Aussagen der künftigen Entwicklung machen:

"Um diese Informationslücke zu schließen, wäre eine Ergänzung des Bevölkerungsstatistikgesetzes (...) notwendig."

Bei der Entwicklung der endgültigen Kinderzahl unterscheidet PÖTZSCH zwischen den Frauenjahrgängen, die ihre Reproduktionsphase im Jahr 2003 abgeschlossen hatten (Jahrgänge 1937 - 1954) und jenen Jahrgängen, die das Alter von 50 Jahren noch nicht erreicht haben (zur notwendig gewordenen Erhöhung der Reproduktionsgrenze von 45 auf 50 Jahre siehe Manfred SCHAREIN & Rainer UNGER).

Zum Abschluss skizziert PÖTZSCH drei Varianten für künftige Bevölkerungsvorausberechnungen:

1) optimistische Variante mit einem langfristig positiven Trend in der Geburtenentwicklung
2) Polarisierungstendenzen zwischen Kinderlosen und Kinderreichen
3) pessimistische Variante bei der sich neben einer hohen Kinderlosigkeit die Ein-Kind-Familie durchsetzt

Kommentar

Der bislang in der politischen Debatte im Vordergrund stehende Frauenjahrgang der 1965 Geborenen wird von PÖTZSCH nicht betrachtet.

Stattdessen wird der Vergleich zwischen den 1960 und 1970 Geborenen in den Vordergrund gestellt. Damit werden die groben Fehleinschätzungen der Demografen bezüglich der 1965Geborenen in mildes Schweigen gehüllt.

PÖTZSCH zieht lieber weitreichende Schlüsse, die teilweise im Gegensatz zu empirischen Daten stehen, die den Lebenslauf der Frauen und nicht nur Momentanaufnahmen wie PÖTZSCH zum Gegenstand haben.

Gert HULLEN, KREYENFELD & KONIETZKA, SCHAREIN & UNGER, Christian SCHMITT und Hans BERTRAM haben hier wesentlich präzisere Erkenntnisse zu bieten, die bei PÖTZSCH ignoriert werden.

PÖTZSCH möchte dagegen ausgerechnet die 1971 - 1973 Geborenen als Trendsetter adeln:

"Obwohl die Geburtenhäufigkeit der älteren Altersgruppe seit Mitte der 1970er-Jahre stets zugenommen hat, neigen die 30- bis 32-Jährigen in ihrer Geburtenhäufigkeit in den letzten 7 bis 8 Jahren zur Stagnation. " (S.572)

"Die Kohorten der 1960er-Jahre tragen heute vor allem zu den zweiten, dritten oder weiteren Geburten bei. Mit dem Herauswachsen dieser Kohorten aus der reproduktiven Phase bleiben - wenn das Gebäralter bei Geburt des ersten Kindes künftig nicht sinkt - immer weniger Frauen, die mit Anfang 30 bereits ein Kind haben. Dann wird es zu einer Verschiebung der weiteren Geburten auf ein noch höheres Alter kommen, als es heute der Fall ist, wobei die Geburtenwahrscheinlichkeit mit zunehmendem Alter immer geringer wird. Diese Überlegung scheint durch die bereits in den Jahren 2000 bis 2003 eingetretene Stagnation in der Entwicklung der 30- bis 32-Jährigen bestätigt." (S.573f.)

Nicht in Betracht gezogen wird z.B., dass die Stagnation durch die Boomphase der New Economy verursacht worden sein könnte. Welche Auswirkungen der Niedergang der New Economy hat, ist aus dem betrachteten Zeitraum noch gar nicht abschätzbar.

Gert HULLEN hat nachgewiesen, dass es zwischen dem Anstieg des Gebäralters und der endgültigen Kinderzahl keinen zwingenden Zusammenhang gibt.

Eines ist jetzt bereits absehbar: Nachdem der empirische Nachweis der Gebärfaulheit (Susanne GASCHKE) bei den 1965 Geborenen gescheitert ist, wird nun das gleiche Spiel mit den 1970ff. Geborenen gespielt.

Den ersten Roman zu dieser Altersgruppe hat Joachim LOTTMANN mit Die Jugend von heute verfasst. Single-generation.de hat bereits im Februar 2005 anhand dieses Buches die neue Front im Demografiekrieg aufgezeigt, die hier auch PÖTZSCH eröffnet hat.

Nachtrag: Im September 2011 widerlegt das Max-Planck Institut für demografische Forschung die von single-generation.de 2005 kritisierten Annahmen von Olga PÖTZSCH zu den Anfang der 1970er Jahre geborenen Frauenjahrgänge (mehr hier).  

 
     
 
       
   

Beiträge von single-generation.de zum Thema

Bestandsschutz für die 68er-Generation und hohe Sonderbeiträge für Kinderlose und die nachfolgenden Generationen? Nein!

Geburtenkrise - Die politische Konstruktion eines Themas

Christian Schmitt & Ulrike Winkelmann - Wer bleibt kinderlos?

Dirk Konietzka & Michaela Kreyenfeld - Angleichung oder Verfestigung von Differenzen?

Gert Hullen - Tempo und Quantum der Reproduktion

Hans Bertram - Nachhaltige Familienpolitik

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Manfred Scharein &  Rainer Unger-  Kinderlosigkeit bei Akademikerinnen?

 
       
   

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Update: 25. Mai 2017