"Cicero
(...) wendet sich gegen die Dekadenz und will durch die
Wiederherstellung des Respekts vor dem Alter den Niedergang
aufhalten. Ciceros Schrift »Über das Alter« - »De senectute« -
liest sich wie ein melancholischer Abgesang auf die
Gerontokratie: Das Alter sei nicht unproduktiv. Autorität und
Reife des Alters würden die Regierung in Weisheit leiten. »Die
Staaten wurden stets von jungen Leuten ruiniert, gerettet und
wiederaufgebaut aber von den Alten.«"
(S.90)
Kinderlosigkeit
"Zweiundzwanzig Prozent aller Ehepaare haben gegenwärtig keine
Kinder. 1950 war jeder fünfte Haushalt ein Einpersonenhaushalt,
1982 ist es jeder dritte. In Städten mit über hunderttausend
Einwohnern ist jeder zweite Haushalt ein Einpersonenhaushalt.
Aber die Alleinstehenden (...) hat es schon immer gegeben. Erst
als im zwanzigsten Jahrhundert die Familie in eine Krise geriet,
hat man ihr einen Alleinvertretungsanspruch angedichtet. Je
hysterischer er vorgebracht wird, desto deutlicher signalisiert
er ihren Untergang.
Die Generation der Eltern, die im Schatten des Wilhelmismus groß
geworden ist, ist wohl die letzte, die Kindererziehung und
Arbeit als Lebenssinn begriffen hat." (S.108)
Vision:
Deutschland im Jahr 2030
a)
Polarisierung zwischen Jungen und Alten
"Die Welt der
Jungen sind die Städte. Sie werden beherrscht von der
Single-Szene, einer Elite zwischen achtzehn und fünfundvierzig,
die exzessiv arbeitet und exzessiv konsumiert. Banken,
High-Tech-Firmen, extravagante Boutiquen, Freizeitanlagen, die
von der Sauna bis zum Kino alles umfassen, und Luxusappartements
bestimmen das Bild.
Eine alte ländliche und eine jugendliche urbane Lebenswelt
stehen sich gegenüber. (...).
In den ländlichen Regionen, wo die Alten wohnen, gibt es keine
gefilterte Luft. Die Nahrungsmittel stammen aus der heimischen
Produktion. Sie sind hochgradig vergiftet. Das teure
Auslandsgemüse und -obst ist unerschwinglich für die Senioren.
(...). Bei den über Sechzigjährigen werden keine Operationen
mehr vorgenommen. Für Prothesen und Medikamente steht jedem
Senior jährlich eine feste Summe zur Verfügung. Von den
bescheidenen Renten kann kaum jemand privat eine Operation, ein
Medikament oder ein Hörgerät bezahlen." (S.115f.)
b) Die
neue Klassengesellschaft
"Die Jugend
ist gespalten. Neben einer Elite gibt es Jugendliche und junge
Erwachsene, die am Rande der schönen neuen Welt leben. (...)
Ihre Arbeitskraft wird nicht gebraucht, sie werden stillgestellt
durch ununterbrochene Ausbildung und Unterhaltung. Wenn soziale
Unruhen zu befürchten sind, dann rühren sie von der Spaltung der
Jugend her. Der Luxus und die ökologischen Privilegien der Elite
provozieren zur Rebellion. Marodierende Jugendliche werden
therapeutisch ruhiggestellt oder zwangsweise in
Ausbildungszentren auf dem Land untergebracht." (S.121)
c) Späte
Elternschaft
"Es bietet
sich (...) für ehemalige Angehörige der Elite, die mit
fünfundvierzig aus dem Berufsleben ausscheiden: Kinder. In der
aktiven Phase sind Kinder kein Thema für diese Gruppe. Für sie
liegt es nahe, Kinder, wenn überhaupt, erst später zu bekommen,
und zwar mehrere gleichzeitig. Die Medizin hat alle
Schwierigkeiten aus dem Weg geräumt, die Fünfundvierzigjährigen
übernehmen in Labors gezeugte Kinder für etwa sechs Jahre.
Danach werden sie in Sozialisationsinstanzen geschult und
erzogen." (S.122)
Die
Wohlfahrtsgeneration
"Der
amerikanische Sozialwissenschaftler David Thomson hat die
Biographie der »Wohlfahrtsgeneration« beschrieben. Ihre
Angehörigen haben nach 1945 geheiratet, und sie gehen heute in
den Ruhestand." (S.125)
Der
Altersklassenkampf
"»Woopies« (well-off-older-People)"
(S.123)
"Die Woopies
von heute sind die erste und letzte Generation, die sich dem
Rausch des Wohlfahrtsstaats und des ungebremsten Konsums
hingeben kann. Die Alten werden künftig eher als gierige Greise,
als unersättliche Parasiten erscheinen. Der Boden ist bereitet
für den Altersklassenkampf. Von der Jahrtausendwende an könnte
er die Welt tiefer spalten als Rassenhaß, Geschlechterkrieg oder
Klassenkampf zwischen Kapital und Arbeit. (S.125)
"Der
Generationskonflikt (...) bricht als Altersklassenkampf neu auf,
die Jungen fangen an, ihr Verhältnis zu den Alten neu zu
betrachten. (...).
Die kommende Generation (..) wird sich nicht auf moralische
Kategorien berufen, sondern auf Berechnungen. Sie wird die
Kosten-Nutzen-Analyse zum Maßstab ihres Handelns machen, und
dabei haben die Alten schlechte Karten." (S.130)
Die
Alterslast
"»Heute
versorgen 100 Arbeiter 56 Rentner. Im Jahre 2030 werden es 132
Rentner sein.« So steht es in einer Zeitschriftenanzeige."
(S.126)
Die
Rentenversicherung als Versicherung gegen Kinderlosigkeit
"Die
Einführung der Rentenversicherung macht Kinder überflüssig. Die
hedonistische Lebensführung macht Kinder lästig, sie kosten Zeit
und Geld. Immer mehr Menschen leben als Singles oder Dinkies
(double income no kids). Kinder sind im ausgehenden zwanzigsten
Jahrhundert eine Fehlinvestition. Die Dinkis werden wohl als
erste zur Kasse gebeten werden, wenn sich herausstellt, daß die
Rentenversicherung am Ende ist." (S.129)
Das Ende
der Familie - Wahlverwandtschaften als Ersatzfamilie
"So, wie in
der Literatur des neunzehnten Jahrhunderts das Drama der
bürgerlichen Ehe zwischen Treue und Emotion in den Mittelpunkt
rückte, so beginnt sich heute in der Gegenwartsliteratur der
Zerfall der Familie herauszubilden, wie etwa in Christoph Heins
Roman »Drachenblut« (...).
Eine Rückkehr zur Familie wird es nicht geben. Wie das neue
aussehen wird, ist schwer vorherzusehen. Sicher ist nur, daß
ruiniert ist, was früher selbstverständlich war. Warum
eigentlich Kinder? Warum Versorgung der Eltern in der Familie?
Zurück bleiben Vereinzelte: Single-Kinder, Single-Erwachsene,
Single-Senioren. (...).
Im besten Fall wird es möglicherweise »Wahlverwandtschaften«
geben, die an die Stelle natürlicher Bindungen treten. Gegen
das, was uns droht, ist es im Wolfsrudel vergleichsweise
überschaubar zugegangen.
Das christliche Abendland stützte sich auf zwei Einrichtungen:
auf die Familie und auf den Nationalstaat. Beide sterben. (...).
Dei Gesellschaft zerfällt in Lobbys.
Am Ende des Jahrhunderts wird es so viele Scheidungen wie
Heiraten geben, die Mehrfachehe wird die Normalform sein."
(S.172f.)