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Hans W. Jürgens: Ehen und asoziale Familien in Deutschland

 
       
     
       
     
       
   

Hans W. Jürgens in seiner eigenen Schreibe

 
       
   

JÜRGENS, Hans W. (1972): Auswirkungen der Übersterblichkeit der Männer auf den Heiratsmarkt. In: Wolfgang Köllmann & Peter Marschalck (Hg.) Bevölkerungsgeschichte, Köln: Kiepenheuer & Witsch, S.356-361

JÜRGENS, Hans W. (1975): Motive, Möglichkeiten und Kritik einer Bevölkerungspolitik. In: Franz-Xaver Kaufmann (Hg.) Bevölkerungsbewegung zwischen Quantität und Qualität. Beiträge zum Problem einer Bevölkerungspolitik in industriellen Gesellschaften, Stuttgart: Enke, S.174-189

"Weder die schwache Geburtenentwicklung der Nachkriegszeit bis in die 50er Jahre hinein noch der Geburtenanstieg bis 1964 boten offenbar Anlaß zu bevölkerungspolitischen Reflexionen. Erst der in jüngster Zeit auftretende Geburtenrückgang läßt in zunehmendem Maße in der Öffentlichkeit Überlegungen und Forderungen aufkommen, die dahin gehen, daß es notwendig sei, bevölkerungspolitisch aktiv zu werden", erläutert JÜRGENS die gegenwärtige Situation.

JÜRGENS, Hans W./POHL, Katharina (1985): Sexualproportionen und Heiratsmarkt, in: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, 11, 2, S. 165-178

 
       
   

Hans W. Jürgens im Gespräch

 
       
   

PAI, Claudia (1985): Mütter in den Staatsdienst.
Frauen als hauptberufliche "Kinderbeamtinnen" könnten die Geburtenrate erhöhen. Interview mit dem Bevölkerungswissenschaftler Hans W. Jürgens,
in: Die Zeit, Nr.9 v. 22.02.

WINKELMANN, Ulrike (2003): Auf Wiedersehen, Kinder, 
in: TAZ v. 13.09.

Ulrike WINKELMANN lässt das Who-is-Who der deutschen Bevölkerungswissenschaft zu Wort kommen. Überraschungen sind dadurch nicht zu erwarten. Internationale Experten sind dagegen Fehlanzeige. Hans W. JÜRGENS fühlt sich verkannt:

"Wer vor dreißig Jahren Vorschläge machte, wie mehr Kinder geboren werden könnten, war gleich der Nazi. (...) Jetzt ist der Altersaufbau der Bevölkerung nicht mehr reparabel. Da ist nichts mehr zu machen."

 
       
       
   

Partnerwahl und Ehe (1973).
- Theorie und Praxis -
Hamburg: Wissenschaftlicher Verlag Altmann

 
   
     
 

Aus dem Vorwort

"Es zeigt sich immer wieder, daß ein über den Einzelfall hinausgehendes empirisch-statistisch basiertes Vorgehen für viele Fragestellungen notwendig ist, um zu weitergreifenden Erkenntnissen zu führen. Diese könnten dann für die Allgemeinheit in sinnvoller Weise bei der Partnerfindung und Eheberatung nutzbar gemacht werden.

Aus diesem Grund haben der Ausschuß   »Bevölkerung und Familie« der Deutschen Zentrale für Volksgesundheitspflege, Frankfurt (Prof. Dr. Dr. Hans Harmsen) und das Interdisziplinäre Lehrfach für Bevölkerungswissenschaft and er Universität Kiele (Prof. Dr. Dr. Hans W. Jürgens) (...) im November 1971 im Haus Rissen, Hamburg-Rissen, ein Symposion »Partnerwahl und Ehe in Gegenwart und Zukunft« veranstaltet."

 
     
 
       
   

Die Beiträge des Buches

Partnerwahl
  • VOGEL, Christian - Wieweit sind wir stammesgeschichtlich hinsichtlich Partnerbindung, Ehe und Familie "vorprogrammiert"?
  • POHL, Katharina - Regeln und Theorie der Partnerwahl
  • JÜRGENS, Hans W. - Zur Demographie der Partnerwahl
  • HARMSEN, Hans - Eine amtliche Heiratsvermittlung für Kriegerwitwen des 1. Weltkrieges
  • LENGSFELD, Wolfgang - Sozialpsychologische Faktoren bei der Partnerwahl
  • NAGEL, Jörg - Partner-Selektion durch psychodiagnostische Testverfahren
  • PAULA, Michael - Praxis und Probleme der institutionellen Partnervermittlung
  • POHL, Katharina - Demographische Merkmale gewünschter und gewählter Ehepartner im Vergleich zu den tradierten Regeln der Partnerwahl
Ehe
  • JÜRGENS, Hans W. - Bevölkerungspolitische Aspekte der Ehe
  • KEIL, Siegfried - Überlegungen zur Zusammensetzung der Klientel und ihrer Probleme in der Evangelischen Eheberatung
  • CYPRIAN, Gudrun - Ehezerrüttung und Ehescheidung
  • STADTER, Ernst - Die Möglichkeit des Erwerbs von neuen Verhaltensweisen durch "soziales Lernen" in Partnerschaft, Ehe und Familie
  • Diskussion: Partnerschaft und Ehe in Gegenwart und Zukunft. Überblick über Verlauf und Ergebnis der Diskussion 
 
       
       
   

Asozialität (1961)
als biologisches und sozialbiologisches Problem
Stuttgart: Ferdinand Enke Verlag (vergriffen)

 
   
     
 

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

A. Die Definition der Asozialität
B. Der Begriff der Asozialität im Rahmen unserer Untersuchung
C. Zur Geschichte der Asozialenfrage
D. Problemstellung der Untersuchung
E. Material und Methodik
F. Ergebnisse der Untersuchung

I. Wie sieht ein asozialer Sippenverband aus?
II. Das generative Verhalten

1. Die soziale Differenzierung der Fruchtbarkeit
2. Die asoziale Großfamilie
3. Der Einfluß eugenischer Maßnahmen
4. Die Fruchtbarkeit der Asozialen
5. Uneheliche Kinder
6. Fortpflanzungsalter und Fruchtbarkeitsperiode
7. Eheschließung, Ehedauer und Scheidungen

III. Zur Anthropologie der Asozialen

1. Der Sozialtypus
2. Sozialtypologische Differenzierung sozialer Schichten
3. Das Problem des Verbrechertypus
4. Gibt es einen biologischen Typus des Asozialen?
5. Körperliche Einzelmerkmale
6. Körpergröße
7. Der Konstitutionstyp
8. Die Menarche
9. Die Akzeleration
10. Farbmerkmale und Kopfform
11. Zusammenfassung: Der physische Sozialtypus des Asozialen

IV. Statistische Beiträge zur Bedeutung des Schwachsinns für die Asozialität
V. Die regionale Herkunft der Asozialen

1. Die geographische Herkunft großstädtischer Asozialer
2. Die geographische Herkunft ländlicher Asozialer
3. Das geographische Konnubium
4. Das Wanderungsverhalten
5. Die geographische Verteilung der Wohnsitze
6. Die Rolle der Flüchtlinge

VI. Sozialbiologische Verhaltensweisen

1. Das soziale Konubium
2. Die asoziale Großfamilie als soziales Problem
3. Die Einflüsse des Lagerlebens
4. Kriminalität und Prostitution

VII. Zur Anlage- und Umweltbedingtheit der Asozialität
VIII. Die Belastung der Gemeinschaft
IX. Zur Bevölkerungsstatistik der Asozialen

G. Die Volksgemeinschaft und die Asozialen

Nachwort
 

Zitate:

Asozialität als gemeinschaftschädigendes Verhalten

"Jede Gesellschaft hat zwangsläufig ihre spezifische Asozialität." (S.9)

"Ein wichtiges Faktum (...) ist die mangelnde wirtschaftliche Anpassung als Charakteristikum des Asozialen. In weiteren Ausführungen wird von Göbbels betont, daß es in einem modernen Wirtschaftssystem, das weitgehend auf Arbeit und Arbeitsteilung aufgebaut ist, nicht statthaft ist, daß ein arbeitsfähiges Glied der Gemeinschaft auf Dauer einseitig Werte aus der Gemeinschaft entnimmt, ohne ihr dafür Gegenwerte zu geben. Dieser Gedanke, der in der heutigen vom materialistischen Denken beherrschten sozialen Welt zu einem der wichtigsten Faktoren des gesamten Asozialenproblems geworden ist und er auch die soziale Praxis entscheidend beeinflußt, verlangt eine viel stärkere Herausstellung, als es bisher geschehen ist." (S.10).

Die Definition des Asozialen:

"In die vorliegende Untersuchung soll nur das seßhafte Asozialentum einbezogen werden.
(...).
Unter den Asozialen in engerem Sinne können wir nach ätiologischen Gesichtspunkten eine Unterteilung vornehmen, wobei wir uns aber bewußt sein müssen, daß diese nur mögliche Extreme charakterisiert und simplifiziert. (...) Wir unterscheiden die überwiegend umweltbedingten, die überwiegend anlagebedingten und als Zwischenstufe die labilen Asozialen. Allen drei Gruppen ist das asoziale Verhalten im Sinne von Göbbels Definition eigen." (S.14)

Typen der Asozialität

1. überwiegend umweltbedingte Asozialer

"Die umweltbedingten Asozialen, die wir auch als Verhaltensasoziale bezeichnen können, lassen sich wieder aufgliedern in umweltabhängige und umweltgestörte. Erstere weisen (häufig vorübergehend) ein an eine asoziale Umwelt angepaßtes Verhalten auf, fügen sich aber bei Aufhören der negativen Einflüsse wieder sozial ein. (...). Unter die umweltgestörten Asozialen können wir die große Gruppe derer einreihen, die zum Beispiel durch Erziehungsmängel und andere Umweltschäden beinflußt in das Asozialentum gelangen und nicht mehr in der Lage sind, sich ohne gezielte äußere Hilfe zu resozialisieren." (S.14)

2. überwiegend anlagebedingter Asozialer

"Unter Zustandsasozialen verstehen wir Menschen, die eine von der Umweltsituation weitgehend unabhängig auftretende asoziale Haltung zeigen. Sie sind sich ihrer Asozialität meist kaum oder gar nicht bewußt, in Grenzfällen verfügen sie über gewissen Spuren sozialer Maßstäbe, die sie gelegentlich die soziale Besonderheit ihres Verhaltens spüren lassen." (S.14)

3. Labiler Asozialer

"Der Labile bedarf keiner negativen Umwelt, um selbst asozial zu werden. Der fehlende Halt - sei es in Gestalt eines Verwandten, eines Ehepartners, auch eines sozialen Verbandes, wie einer Hausgemeinschaft - genügt bereits, um ihn trotz sozialer Umwelt asozial werden zu lassen." (S.15)

Asozialität und generatives Verhalten: Die Gefahr des Down-Breeding:

"Je höher eine Schicht oder Berufsgruppe in der sozialen Rangordnung steht, desto geringer sind im allgemeinen die durchschnittlichen Kinderzahlen pro Ehe. In unserer modernen und beweglichen Gesellschaft sind die sozialen Schichtungen Siebungsgruppen und weisen also eine verschiedene erbliche Beschaffenheit auf. Vor allem sind sie auf Intelligenz gesiebt, aber auch im Hinblick auf andere Faktoren, die für den sozialen Verband des Gesamtvolkes von Bedeutung sind. Fruchtbarkeitsunterschiede in den sozialen Schichten, die in der oben geschilderten Weise mit siebungsbedingten Qualitätsunterschieden derart parallel laufen, daß höher qualifizierte Gruppen nur wenig zum Volkswachstum beitragen, müssen sich auf die Dauer auf die innere und äußere Situation eines Volkes sehr negativ auswirken."

Das bevölkerungspolitische Ideal: eine kinderreiche Elite

"Bei Naturvölkern haben die bewährten Krieger und besonders die Häuptlinge die Möglichkeiten, die meisten Frauen zu nehmen und die meisten Kinder zu erzeugen. So war es auch noch bei den Germanen der Völkerwanderung. In den Zeiten der Hungersnot gingen überwiegend die Besitzlosen und die Unfreien zugrunde, insbesondere deren Kinder. Bis in die neuere Zeit konnte der wohlhabende Bauer eher heiraten als der besitzlose Arbeiter (...). Ganz ähnlich lagen die Verhältnisse im Handwerk (...).
Mit dem Beginn der Industrialisierung begann eine Lockerung des starren gesellschaftlichen Gefüges. (...) Im Zuge dieser Vorgänge kehren sich die sozialen Differenzierungen des generativen Verhaltens geradezu um."(S.41f.)

Die Asozialität im Nachkriegsdeutschland ist das Kennzeichen von Familien und nicht von Singles

"Es ist eine nicht zu bestreitende Tatsache, daß zum typischen Bild des seßhaften Asozialen in Deutschland die Familie gehört, wobei die Kinderzahl von untergeordneter Bedeutung ist. Der einzeln lebende Mann ohne wirtschaftlichen Rückhalt läßt sich von den staatlichen Organen meist besser erfassen, so daß er gar nicht die Möglichkeit hat, ein sozial parasitäres Leben zu führen. (...) Ähnlich geht es der unverheirateten Frau, wenn sie keinen Anschluß an ihre Sippe hat. (...).
Erst die Familie mit Kindern ermöglicht ein Leben, wie es einem Asozialen entspricht. Da eine Frau mit Kindern grundsätzlich vom Staat versorgt wird, ist damit dem asozialen Mann wie der Frau ein wirtschaftlicher Rückhalt gegeben, der um so stärker gegeben ist, je größer die Zahl der Kinder wird." (S.44f.)

Die asoziale Großfamilie als Patchworkfamilie

"Wir haben (...) dem Sprachgebrauch der Rassenhygieniker folgend, die Großfamilie der sozialen Vollfamilie gegenübergestellt.
(...).
Während die erste Familie (Anm. d. Verf.: Vollfamilie) regelmäßig in einer echten Fortpflanzungsgemeinschaft der Eltern begründet ist und also der biologische Familienverband mit dem sozialen kongruent ist, handelt es sich bei der Großfamilie vielfach um einen Zusammenschluß von Individuen, die zum Teil noch nicht einmal blutsverwandt sind. Durch wiederholte Eheschließungen und Scheidungen, uneheliche Kinder u.ä. bildet sich eine familienartige Personengruppe, die regelmäßig durch die Mutter der Familie, die nicht die Mutter aller Kinder zu sein braucht, zusammengehalten wird. Es handelt sich also bei der asozialen Großfamilie primär um einen Zusammenschluß auf sozialer Ebene, der sich aus Resten verschiedener biologischer Verbände zusammensetzen kann." (S.133f.)

Die biologische Belastung der Gemeinschaft durch die Förderung des Kinderreichtums

"eine »biologische Gefahr« (...) durch die Vergrößerung des Anteils der Asozialen in der Bevölkerung ist heute nicht gegeben. (...). Damit ist aber nicht gesagt, daß diese Verhältnisse in der dargestellten Weise auch für die Zukunft konstant bleiben. Bei jeder bevölkerungspolitischen Maßnahme, insbesondere bei Aktionen zur Förderung des Kinderreichtums, ist das Problem der Asozialen stets von neuem unter den gewandelten Aspekten zu prüfen, um eine Verzerrung der bevölkerungsbiologischen Planung zu verhüten." (S.149)

Der moderne Wohlfahrtsstaat erfordert eine aktive Bekämpfung der Asozialen

"In Anbetracht der äußerst komplizierten Struktur eines modernen Wohlfahrtsstaates muß es als utopisch erscheinen, sich mit defensiven Maßnahmen gegen eine Sozialgruppe zu wenden, die - und zwar in negativer Beziehung - vielfach in vollkommener Weise dieser Struktur angepaßt ist. Es wird also erforderlich, die Asozialität aktiv zu bekämpfen.
Diese Bekämpfung wird sich, auf längere Sicht gesehen, nicht auf fürsorgerische und pädagogische Maßnahmen beschränken. Die Forderung einer wirksamen Begrenzung und Ausschaltung des Nachwuchses der Asozialen wird daher immer wieder auftauchen. Man wird sich darüber klar sein dürfen, daß eine solche Anregung gegenwärtig auf wenig Zustimmung stoßen (...) würde, sind doch die staatlichen Miß- und Übergriffe (..) noch zu deutlich in aller Erinnerung. (...) Man wird jedoch zu fragen haben, ob man deswegen dauernd auf die Diskussion der Einbeziehung solcher Präventivordnungen und damit auf eine wichtige Großmaßnahme in der Bekämpfung des Asozialentums und seines Ballastes wird verzichten können." (S.161)

Stimmen zum Buch

"Jürgens knüpft am gesundheitspolitischen Konzept des Nationalsozialismus an, dem es in letzter Konsequenz darum ging, allen Unzuverlässigen und ökonomisch Unbrauchbaren den Lebenswert abzusprechen."
(Ludger Weß, 1986, S.129) 

 
     
 
       
   

Das Buch in der Debatte

WEß, Ludger (1986): Hans Wilhelm Jürgens, ein Repräsentant bundesdeutscher Bevölkerungswissenschaft. In: Heidrun Kaupen-Haas (Hg.) Der Griff nach der Bevölkerung. Aktualität und Kontinuität nazistischer Bevölkerungspolitik, Delphi Politik, S.121-145

 
       
       
   

Statements in der Debatte um das Down-Breeding

 
   
     
 

"Wird Menschen immer mehr dafür bezahlt, dass sie sich fortpflanzen, verliert das Kinderkriegen seine Selbstverständlichkeit noch weiter. Die Zahl derer, die Kinder bekommen, nimmt weiter ab, und die daran festhalten, tun dies, wie etwa der Soziologe Bernhard Nauck gezeigt hat, entweder, um ihre psychologischen Bedürfnisse in die lieben Kleinen zu projizieren - oder weil sich Kinder finanziell rechnen. Wen wundert es, wenn vor diesem Hintergrund »unschöne« Theorien nach Deutschland schwappen, hinter vorgehaltener Wissenschaftlerhand vom »down-breeding« die Rede ist, davon, dass diejenigen, die sich fortpflanzen, nicht unbedingt zur geistigen Elite gehören."
(Michael Klein in der Welt vom 30.12.2003)

"Nicht Kinder führen in die Armut, nein, zuweilen resultiert Armut in Kindern, sind die, die Kinder bekommen, auch ohne diese - in der Terminologie der Bundesregierung - »eine Randgruppe«. Und seit in manchen Alterskohorten, zum Beispiel bei den 1965 Geborenen, Nachwuchsverweigerung praktiziert wird, ist der Anteil der Kinder, die in arme Verhältnisse hineingeboren werden, insgesamt gewachsen. Down-breeding nennen das manche Wissenschaftler und beschreiben damit einen Trend, nach dem sich Nachwuchs vornehmlich in Schichten mit geringer Bildung, mit geringem sozialem Status und geringem Einkommen einstellt. Kinderarmut wäre somit nur eine Folge dieser Entwicklung, freilich eine zwangsläufige Folge."
(Michael Klein in der Welt vom 13.01.2005)

 
     
 
       
   

Nachhaltige Familienpolitik: Das Down-Breeding in der Debatte

KLEIN, Michael (2003): Halali auf Nachwuchsverweigerer.
Der Staat subventioniert das Kinderkriegen - und erreicht das Gegenteil des Erhofften,
in: Welt v. 30.12.

KLEIN, Michael (2005): Das Klischee von der Kinderarmut.
Durch Geld läßt sich die Verwahrlosung in vielen Familien nicht beheben,
in: Welt v. 13.01.

KLEIN knüpft mit seiner Downbreeding-Argumentation, die inzwischen auch in linksneoliberalen Kreisen (siehe Cosima SCHMITT in der taz von heute) salonfähig wird, an Nazi-Traditionen an. Im Jahre 1961 hat der spätere Direktor des Bevölkerungsinstitut in Wiesbaden Hans W. JÜRGENS ein Buch über "Asozialität als biologisches und sozialbiologisches Problem" publiziert. Darin sieht JÜRGENS eine wesentliche Aufgabe der Asozialenforschung in der Untersuchung des generativen Verhaltens, denn die Reproduktion asozialer Großfamilien ist in seinen Augen gesellschaftlich unerwünscht. JÜRGENS kann seine Zeitgenossen für die damalige Zeit zwar beruhigen (seine Untersuchung ergibt, dass es Ende der 1950er Jahre kein akutes Asozialenproblem gab), aber er verweist darauf, dass dies nicht so bleiben wird:

"In Anbetracht der äußerst komplizierten Struktur eines modernen Wohlfahrtsstaates muß es utopisch erscheinen, sich mit defensiven Maßnahmen gegen eine Sozialgruppe zu wenden, die - und zwar in negativer Beziehung - vielfach in vollkommener Weise dieser Struktur angepaßt ist. Es wird also erforderlich, die Asozialität aktiv zu bekämpfen.
Diese Bekämpfung wird sich, auf längere Sicht gesehen, nicht auf fürsorgerische und pädagogische Maßnahmen beschränken. Die Forderung einer wirksamen Begrenzung und Ausschaltung des Nachwuchses der Asozialen wird daher immer wieder auftauchen. Man wird sich darüber klar sein dürfen, daß eine solche Anregung gegenwärtig auf wenig Zustimmung stoßen (...) würde, sind doch die staatlichen Miß- und Übergriffe (..) noch zu deutlich in aller Erinnerung. (...) Man wird jedoch zu fragen haben, ob man deswegen dauernd auf die Diskussion der Einbeziehung solcher Präventivordnungen und damit auf eine wichtige Großmaßnahme in der Bekämpfung des Asozialentums und seines Ballastes wird verzichten können." (S.161).

KLEIN geht natürlich nicht so weit wie JÜRGENS das als erforderlich erachten würde, aber die Forderung "asozialen" Familien (Familien, die nicht die Kriterien unserer Leistungsgesellschaft erfüllen) die  finanzielle Förderung zu verwehren, geht in diese Richtung. Die Definition des Asozialentums sind mittlerweile ungleich feinsinniger (hier spielen in erster Linie wirtschaftliche Anforderungen die zentrale Rolle) als noch bei den Nazis. Aber auch den Nazis ging es nicht um die generelle Anhebung der Geburtenrate, sondern um die Geburt wertvoller Kinder:

"In den Dreißiger Jahren, als die Bevölkerungspolitik die kinderreiche Familie stark förderte, wurde sogar streng zwischen kinderreichen Vollfamilien und asozialen Großfamilien unterschieden, denen man selbst in der Literatur das Prädikat kinderreich strich" (JÜRGENS, 1961, S.44).

JÜRGENS weist darauf hin, dass Bevölkerungspolitik ohne die Definition asozialer Familien nicht zu haben ist. Gesellschaften mit aktiver Bevölkerungspolitik unterscheiden sich demnach nur danach wie Asozialität jeweils definiert ist. Nur hierin bestehen die Unterschiede zwischen der Nazidiktatur und demokratischen Gesellschaften.

BAHR, Daniel (2005): Unfruchtbare Elite:
Daniel Bahr vom FDP-Bundesvorstand machte mit der Bemerkung Furore, die Falschen kriegten die Kinder. Was meint er damit?
in: Welt am Sonntag v. 27.02.

Der FDP-Politiker BAHR instrumentalisiert das Down-Breeding-Argument, um Klientel-Politik für Besserverdienende durchzusetzen:

"Über Bildungs- und Betreuungsgutscheine können wir ermöglichen, daß Eltern sich die passende Betreuungsform aussuchen - sei es im Kindergarten in kommunaler, freier oder privater Trägerschaft, bei der Tagesmutter oder im Betriebskindergarten. Aufwendungen für die Beschäftigung einer Kinderfrau, Haushaltshilfe et cetera im Privathaushalt müssen im Kalenderjahr bis zur Höhe von 12 000 Euro vom Gesamtbetrag der zu versteuernden Einkünfte abgezogen werden können."

Als Rechtfertigung verweist BAHR auf die Haushaltsstatistik:

"Von den 35- bis 39jährigen Frauen mit Hochschulabschluß leben in Westdeutschland 44,3 Prozent ohne Kinder. Von den gleichaltrigen Frauen mit Hauptschulabschluß bleiben lediglich 23 Prozent kinderlos."

Die Haushaltsstatistik sagt jedoch nur bedingt etwas über die Kinderlosigkeit der Akademikerinnen aus, und schon gar nichts sagt diese Statistik etwas darüber aus, ob diese Kinderlosen überhaupt die behaupteten Karrieren gemacht haben, die BAHR voraussetzt, wenn er großzügig steuerliche Abschreibungsmöglichkeiten einfordert! Wo bleiben also hieb- und stichfeste Studien über das Kinderlosenproblem unserer Akademikerinnen?

Neu:
BESSING, Joachim (2006): Klasse statt Masse.
Was Familienpolitik sein könnte,
in: Welt v. 19.04.

Rettet die Familie!-Joachim BESSING mimt den Daniel BAHR und wettert gegen Ursula von der LEYEN:

"Es werden nämlich buchstäblich die Falschen sein, die sich aufgrund staatlicher Anreize zur Vermehrung entschließen. Wer, um seine Kinder großzuziehen, auf die Hilfe des Staates angewiesen ist, der hat von der kulturell entwickelten Lebensform Familie nämlich rein gar nichts begriffen. (...).
          
 Geburtenschwäche hat vor allem seelische Gründe, denen mit Zahlungen schwer zu behelfen sein wird. Gefördert werden muß nicht die Masse an Kindern, sondern das Bewußtsein jener Klasse, deren Nachwuchs wir dringend benötigen. Nicht die ohnehin bereits am staatlichen Tropf hängen, sollen die Kinderlein kommen lassen. Wir brauchen starke Familien, die Werte vermitteln können. Wir brauchen ein reproduktives Bürgertum. (...).
Die Zukunft unserer Kinder wird - zwingend wie jemals zuvor - nach Herkunft, Möglichkeit und Situation sortiert werden."

 
       
   

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© 2002-2017
Bernd Kittlaus
webmaster@single-generation.de Erstellt: 14. Januar 2005
Update: 06. November 2017