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Kurzbiographie
- 1999 Buch "La fatigue d'être
soi"
(deutsch: "Das erschöpfte Selbst")
- Professor für Soziologie am
Centre National de la Recherche Scientifique (CNRS)
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Alain Ehrenberg in seiner
eigenen Schreibe
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Alain Ehrenberg im
Gespräch
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Das
erschöpfte Selbst (2004).
Depression
und Gesellschaft in der Gegenwart.
Frankfurter Beiträge zur Soziologie und Sozialphilosophie, Band 6
(Original: Frankreich 1999)
Frankfurt a/M:
Campus Verlag
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Rezensionen
- Neu:
BAETHGE, Christopher (2004): An Freiheit leiden.
Alain Ehrenbergs sozialphilosophischer Blick auf die
Depression als zeittypische Erkrankung,
in: Literaturbeilage der Frankfurter Rundschau v.
06.10.
- Inhalt:
BAETHGE referiert ausgiebig EHRENBERGs
Ausführungen über die depressive Gesellschaft:
"Für Ehrenberg ist die
Depression die Krankheit der Freiheit. Sie ist die
Schattenseite der Emanzipation von den rigiden Normen und
Verboten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, der Preis für
den Übergang aus der hierarchischen in die moderne
klassenlose Gesellschaft, in der es nicht mehr um
Anpassung und Unterordnung gehe, dafür aber umso mehr um
Individualität und Eigeninitiative. Durch diese kulturelle
Veränderung erscheine auch das seelische Leiden in neuer
Form: Der moderne Mensch sei nicht mehr durch Beschränkungen
bedroht, sondern durch die Möglichkeiten, die ihm zur
Selbstverwirklichung offen stünden, die ihn aber oft genug
überforderten."
Der Rezensent findet das
Buch anregend und widersprüchlich zugleich:
"Ehrenberg weist immer wieder
sehr gewinnbringend auf die Strukturen hin, in denen sich
das depressive Zeitalter entfaltet. (...).
Konflikte? Es überrascht, dass Ehrenberg (..) doch nicht auf
den Konflikt im psychoanalytischen Sinne verzichten möchte,
wo er ihn schließlich in seiner Hauptthese feierlich hinaus
expediert hatte. Ehrenberg führt zwar aus, dass im Rahmen
des therapeutischen Paradigmenwechsels in Richtung der
Antidepressiva nun auch Erkrankungen medikamentös behandelt
werden, bei denen Konflikte nach wie vor eine Rolle spielten
(etwa Persönlichkeitsstörungen), aber warum sollte das Gros
der Depressionen, deren Entstehung nach Ehrenberg nichts
mehr mit innerpsychischen Konflikten zu tun hat, nun durch
solche Konflikte aufrecht erhalten werden?
Detailverliebte könnten weitere Widerhaken finden: etwa
Ehrenbergs inflationären Depressionsbegriff (...). Auch
beantwortet er die Frage, warum eine narzisstische
Überforderungssituation mit Antriebsschwäche einhergehen
muss (...) eher mit einer Metapher (der der
»Hemmung«) als mit einer psychopathologischen
Herleitung; und er versäumt es, eine solche depressive
Symptomverschiebung im historischen Maßstab zu zeigen.
Zudem stören einige sachliche Fehler, deren
korrekturbedürftigster sicher ist, dass
Angsterkrankungen
nicht, wie Ehrenberg meint, seltener als Depressionen
vorkommen, sondern häufiger, und daher die Depression die
Angst keineswegs überflügelt hat. Doch insgesamt sind solche
Unschärfen und kleineren Widersprüche nur der faire Preis
für einen erhellenden sozialphilosophischen Panoramablick
auf die Landschaft - und auf die Krankheit - der Freiheit."
- RATHGEB, Eberhard (2004): Die
Gesellschaft im Brunnen der eisenblauen Müdigkeit.
Das erschöpfte Selbst: Alain Ehrenberg fragt, warum immer
mehr Menschen depressiv werden,
in: Literaturbeilage der Frankfurter Allgemeinen
Zeitung v. 06.10.
- Kommentar:
Eberhard RATHGEB passt die
ganze Richtung nicht: zu wenig Empirie, zu viel
unreflektierte Selbsttheorie:
"Wir erfahren
nichts Genaues über die sozialen Schichten, in denen sich
die Depression als Krankheit durchsetzt. (...). Auch nimmt
Ehrenberg das Selbst etwas auf die leichte Schulter. Es ist
einfach da, weil das Selbst im französischen Diskurs der
Psychoanalytiker und Psychiater da ist, so wie man sicher
ist, daß der Kühlschrank in der Küche rumsteht. Ehrenbergs
Ansicht, daß die Menschen heute verzweifelt sie selbst sein
wollen - die ist als ein sozialpsychologischer Fund
vielleicht neu, doch grundsätzlich neu ist sie eben nicht,
sondern sie wurde von Sören Kierkegaard in »Die Krankheit
zum Tode« lange vorm Strukturwandel des Kapitalismus als
Existenzproblem ausgeführt."
Für
RATHGEB ist das erschöpfte Selbst also weder Ausfluss
postmoderner
Individualisierungsprozesse,
noch
neoliberaler Strukturen,
dennoch findet er EHRENBERGs Ausführungen bedenkenswert:
"Es bleiben Befund,
These und Aussicht: Die traditionelle Politisierung des
Einzelnen über den Konflikt mit der Gesellschaft hat sich
aufgelöst. An dessen Stelle ist die Psychologisierung der
sozialen Beziehungen getreten. Die Institutionen werden zu
Betreuern der Subjekte. Wenn das stimmt: Das wäre eine
Katastrophe."
-
THADDEN, Elisabeth von (2004): Der Souverän dankt ab.
Die Seele kann
nicht mehr. Der Soziologe Alain Ehrenberg analysiert, wie im
20. Jahrhundert die Erschöpfung zur Massenerkrankung wurde,
in: Literaturbeilage der ZEIT Nr.42 v. 07.10.
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Alain Ehrenberg in der
Debatte
-
VIRILIO, Paul (2001): Wissenschaft als Grossspektakel.
Die optische Täuschung des Fortschritts,
in:
Le Monde diplomatique, Juni 2001. Beilage der TAZ v.
10.08.
- Inhalt:
Paul VIRILIO würdigt in seinem
Streifzug durch die Wissenschaft des Spektakels auch Alain
EHRENBERG:
"Der Soziologe Alain Ehrenberg
veranschaulicht in seinem Buch über den
»Überdruss, man selbst zu sein«(...),
einen Satz Flauberts (»Die tiefgründigste Art, etwas zu
empfinden, ist, daran zu leiden«), indem er die Schäden
aufzählt, die der Rhythmus des Fortschritts und dessen neue
Propaganda anrichten: »Die Depression, in den 1950er-Jahren
für den Psychiater kaum noch von Interesse, ist zur weltweit
häufigsten seelischen Störung geworden. [. . .] Die Neurose
ist die Tragödie der Schuld; die Depression das Drama des
Ungenügens. Sie entsteht dann, wenn sich der Mensch nach der
Liberalisierung der Sitten in den 1960er-Jahren nicht mehr
fragt: ,Was ist mir erlaubt?', sondern: ,Was ist mir
möglich?'«"
-
BETHKE, Ricarda (2003): Depressive aller Länder...
Offen stehende Türen. Ein Plädoyer für "Programme", die
von der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz vertrieben
werden,
in: Freitag Nr.26 v. 20.06.
- Inhalt:
BETHKE zitiert
Guillaume PAOLIs Kritik an
Alain EHRENBERG:
"Während
Alain Ehrenberg in Kapitalismus und Depression I
behauptet: »Depression ist die Melancholie in einer
Gesellschaft, in der alle gleich und frei sind«, stellt sich
Guillaume Paoli in Kapitalismus und Depression III
dem entgegen: »Ich glaube nicht, dass wir im Reich der
Gleichheit und Freiheit leben ...« Kampf sei angesagt. »Um
den kämpferischen Geist zu stärken«, müsse man üben, »Typen
in der Öffentlichkeit: Besatzungstruppen, Kollaborateure,
Gewinnler, Agenten der Zeit ... von einfachen
Besatzungssoldaten, nervende Marketinganrufer vom
›Obersturmdesigner‹ zu unterscheiden.«"
- BUSCH, Hans-Joachim (2004):
Das "gemeine Unglück" nicht einfach hinnehmen.
Bei der Bearbeitung der melancholischen Grundstimmung
unserer Gesellschaft kann die Psychoanalyse ihre
unverminderte Aktualität unter Beweis stellen,
in: Frankfurter Rundschau v. 14.09.
- SCHÖN, Wolf (2004): Ratlos im
Supermarkt,
in: Rheinischer Merkur Nr.41 v. 07.10.
- Kommentar:
Anlässlich des Erscheinens von Alain
EHRENBERGs Buch "Das
erschöpfte Selbst" deutet
der Rheinische Merkur EHRENBERG institutionentheoretisch
um in das "überforderte Ich".
Das Anliegen des
Merkur-Spezial fasst
SCHÖN folgendermaßen zusammen:
"Von
der Vereinzelung der Einzelnen handeln die breit
gefächerten Beiträge auf diesen Seiten. Deutschland bleibt
auf dem Egotrip, aber er ist – abzüglich der Schar
wohlhabender Hedonisten – ein unfreiwilliger und kein
lustvoller mehr. Die Befunde sind jedoch trotz fehlender
Patentlösungen kein Anlass zur Resignation. Die
menschliche Natur duldet auf Dauer keine
unübersichtlichen, ungeordneten Zustände, die Unbehagen
erzeugen. Es werden sich neue Strukturen bilden, die
Wohlbefinden auf der Basis von Sicherheit schaffen".
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