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Alain Ehrenberg: Das erschöpfte Selbst

 
       
     
       
     
       
   

Alain Ehrenberg in seiner eigenen Schreibe

 
   

Alain Ehrenberg (2000): Die Müdigkeit, man selbst zu sein,
in: Carl Hegmann (Hg) Endstation. Sehnsucht. Kapitalismus und Depression I,  Berlin: Alexander-Verlag

Alain Ehrenberg (2004): Das erschöpfte Selbst,
in: Kursbuch, H. 157 Die große Entsolidarisierung, September, S.57-67

 
       
   

Alain Ehrenberg im Gespräch

 
   

HURET, Marie (2000): "La psychanalyse a encore des billes dans son sac",
in: L'Express v. 03.08.

RUTSCHKY, Katharina (2005): Mein Unglück, das bin Ich.
Der Soziologe Alain Ehrenberg über den ungeheuren Stress der Selbstverwirklichung,
in: Berliner Zeitung v. 03.01.

"Beim Leser hinterlässt Ehrenberg die Einsicht, dass die Psychiatrie und die Wissenschaft unserem Verlangen nach Gesundheit und Glück ohne Ende keine Aufklärung entgegenzusetzen hat.
            Das in Frankreich schon vor Jahren veröffentlichte Buch war dort ein Bestseller und gilt inzwischen als ein Klassiker der Sozialforschung. Hierzulande hat es mit dem Handicap zu kämpfen, dass Ehrenberg (...) sich vor allem mit französischen Debatten befasst. Man möchte hoffen, dass er deutsche Soziologen dazu inspiriert, im Interesse der Reformen im Gesundheitswesen und vor allem der Aufklärung sozialer Medikalisierung eine ähnliche Untersuchung vorzunehmen", hofft Katharina RUTSCHKY.

REBENTISCH, Juliane & Felix ENSSLIN (2008): "Nur glücklich zu leben ist unvorstellbar".
Alain Ehrenberg begreift Melancholie als eine Krankheit des Ausnahmemenschen in früheren elitären Gesellschaften. In den heutigen Demokratien verliere die Melancholie ihre heroischen Momente, so der französische Soziologe, und werde damit zur Depression, zur bloßen Krankheit,
in: TAZ v. 14.07.

 
       
   

Das Unbehagen in der Gesellschaft (2011)
Berlin: Suhrkamp Verlag

 
   
     
 

Klappentext

"In den letzten Jahrzehnten sind in den westlichen Gesellschaften die Freiheitsspielräume und Wahlmöglichkeiten bei der individuellen Lebensgestaltung enorm gewachsen. Im Zuge der Liberalisierung und Privatisierung wurden traditionelle Rollenvorgaben und gesellschaftliche Bindungen aufgelöst. Die alte Frage »Was darf ich tun?« ist abgelöst worden von der neuen Frage »Wozu bin ich fähig, was kann ich tun?«. Dadurch sehen sich die Menschen heute mit einer neuen Quelle des Leidens konfrontiert: ihrer Unfähigkeit, die Freiheitsspielräume und Wahlmöglichkeiten für ein gelingendes Leben zu nutzen. Eine rapide Zunahme narzißtischer Persönlichkeitsstörungen und depressiver Erkrankungen ist nach Alain Ehrenberg die Folge.

In seiner monumentalen Studie verfolgt Ehrenberg diese Entwicklung und ihre diskursive Verarbeitung unter anderem anhand zweier großangelegter Fallstudien in Frankreich und den USA. Autonomie ist auf je spezifische Weise zum höchsten Wert dieser Gesellschaften geworden; zugleich kommt es in diesen Gesellschaften mit dem Scheitern am Ideal des selbstbestimmten Lebens zunehmend zu psychischen Pathologien. Diese individuellen Pathologien sind jedoch für Ehrenberg immer auch soziale Pathologien: Phänomene einer individualistischen und privatisierten, einer kranken Gesellschaft."

 
     
 
       
   
  • Rezensionen

THADDEN, Elisabeth von (2011): Das Ich geht erneut an den Start.
Er hat die Erschöpfung der Seele beschrieben. Nun will Alain Ehrenberg wissen, was Autonomie heißt,
in: Die ZEIT Nr.21 v. 19.05.

SPEICHER, Stephan (2011): Vom Zwang ein Ich zu sein.
Nicht mehr die Triebunterdrückung des Menschen ist sein Problem, sondern die Selbstbestimmung. Ob darin der Keim eines neuen Unglücks liegt, untersucht Alain Ehrenberg in seinem Buch "Das Unbehagen in der Gesellschaft",
in: Süddeutsche Zeitung v. 24.05.

NUTT, Harry (2011): Jammern auf hohem Niveau.
Dass die Seele leidet ist heute ein anerkannter Massenbefund. Doch warum schwächelt das autonome Ich? Alain Ehrenbergs Studie über "Das Unbehagen in der Gesellschaft" untersucht dieses Phänomen,
in: Frankfurter Rundschau v. 31.05.

SABIN, Stefana (2011): Die Schwierigkeit, gesund zu sein.
Der Soziologe Alain Ehrenberg beschreibt das «Unbehagen in der Gesellschaft»,
in: Neue Zürcher Zeitung v. 22.06.

BOEHME, Tim Caspar (2011): Leiden gehört zur Demokratie.
Autonomie und Krankheit: Der französische Soziologe Alain Ehrenberg geht der Frage nach, ob der westliche Individualismus in der Krise steckt,
in: TAZ v. 09.07.

Neu:
DUSINI, Matthias (2011): Die Freiheit des Müssens, der Drill des Dürfens.
Der französische Soziologe Alain Ehrenberg analysiert, warum die Freiheit – und der Neoliberalismus – die Menschen depressiv macht,
in: Falter Nr.28 13.07.

 
       
   

Das erschöpfte Selbst (2004).
Depression und Gesellschaft in der Gegenwart.
Frankfurter Beiträge zur Soziologie und Sozialphilosophie, Band 6
(Original: Frankreich 1999)

Frankfurt a/M: Campus Verlag

 
   
     
 

Klappentext

"Eigenverantwortung, Selbstverwirklichung, Erfolg und Glück sind Ansprüche, die in der modernen kapitalistischen Gesellschaft wie selbstverständlich von jedem und jeder übernommen werden. Viele Menschen scheitern daran und reagieren mit innerer Leere, mit Depression, Antriebslosigkeit und Suchtverhalten, so die Analyse des französischen Soziologen Alain Ehrenberg, dessen Buch in Frankreich zum Bestseller wurde."

 
     
 
       
   

Essays zum Thema

Der Sozialstaat als Angstschutz

Der Terror der Individualisierungsthese

 
   
  • Rezensionen

BAETHGE, Christopher (2004): An Freiheit leiden.
Alain Ehrenbergs sozialphilosophischer Blick auf die Depression als zeittypische Erkrankung,
in: Literaturbeilage der Frankfurter Rundschau v. 06.10.

BAETHGE referiert ausgiebig EHRENBERGs Ausführungen über die depressive Gesellschaft:

"Für Ehrenberg ist die Depression die Krankheit der Freiheit. Sie ist die Schattenseite der Emanzipation von den rigiden Normen und Verboten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, der Preis für den Übergang aus der hierarchischen in die moderne klassenlose Gesellschaft, in der es nicht mehr um Anpassung und Unterordnung gehe, dafür aber umso mehr um Individualität und Eigeninitiative. Durch diese kulturelle Veränderung erscheine auch das seelische Leiden in neuer Form: Der moderne Mensch sei nicht mehr durch Beschränkungen bedroht, sondern durch die Möglichkeiten, die ihm zur Selbstverwirklichung offen stünden, die ihn aber oft genug überforderten."

Der Rezensent findet das Buch anregend und widersprüchlich zugleich:

"Ehrenberg weist immer wieder sehr gewinnbringend auf die Strukturen hin, in denen sich das depressive Zeitalter entfaltet. (...).
            Konflikte? Es überrascht, dass Ehrenberg (..) doch nicht auf den Konflikt im psychoanalytischen Sinne verzichten möchte, wo er ihn schließlich in seiner Hauptthese feierlich hinaus expediert hatte. Ehrenberg führt zwar aus, dass im Rahmen des therapeutischen Paradigmenwechsels in Richtung der Antidepressiva nun auch Erkrankungen medikamentös behandelt werden, bei denen Konflikte nach wie vor eine Rolle spielten (etwa Persönlichkeitsstörungen), aber warum sollte das Gros der Depressionen, deren Entstehung nach Ehrenberg nichts mehr mit innerpsychischen Konflikten zu tun hat, nun durch solche Konflikte aufrecht erhalten werden?
            Detailverliebte könnten weitere Widerhaken finden: etwa Ehrenbergs inflationären Depressionsbegriff (...). Auch beantwortet er die Frage, warum eine narzisstische Überforderungssituation mit Antriebsschwäche einhergehen muss (...) eher mit einer Metapher (der der »Hemmung«) als mit einer psychopathologischen Herleitung; und er versäumt es, eine solche depressive Symptomverschiebung im historischen Maßstab zu zeigen.
            Zudem stören einige sachliche Fehler, deren korrekturbedürftigster sicher ist, dass Angsterkrankungen nicht, wie Ehrenberg meint, seltener als Depressionen vorkommen, sondern häufiger, und daher die Depression die Angst keineswegs überflügelt hat. Doch insgesamt sind solche Unschärfen und kleineren Widersprüche nur der faire Preis für einen erhellenden sozialphilosophischen Panoramablick auf die Landschaft - und auf die Krankheit - der Freiheit."

RATHGEB, Eberhard (2004): Die Gesellschaft im Brunnen der eisenblauen Müdigkeit.
Das erschöpfte Selbst: Alain Ehrenberg fragt, warum immer mehr Menschen depressiv werden,
in: Literaturbeilage der Frankfurter Allgemeinen Zeitung v. 06.10.

Eberhard RATHGEB passt die ganze Richtung nicht: zu wenig Empirie, zu viel unreflektierte Selbsttheorie:

"Wir erfahren nichts Genaues über die sozialen Schichten, in denen sich die Depression als Krankheit durchsetzt. (...). Auch nimmt Ehrenberg das Selbst etwas auf die leichte Schulter. Es ist einfach da, weil das Selbst im französischen Diskurs der Psychoanalytiker und Psychiater da ist, so wie man sicher ist, daß der Kühlschrank in der Küche rumsteht. Ehrenbergs Ansicht, daß die Menschen heute verzweifelt sie selbst sein wollen - die ist als ein sozialpsychologischer Fund vielleicht neu, doch grundsätzlich neu ist sie eben nicht, sondern sie wurde von Sören Kierkegaard in »Die Krankheit zum Tode« lange vorm Strukturwandel des Kapitalismus als Existenzproblem ausgeführt."

Für RATHGEB ist das erschöpfte Selbst also weder Ausfluss postmoderner Individualisierungsprozesse, noch neoliberaler Strukturen, dennoch findet er EHRENBERGs Ausführungen bedenkenswert:

"Es bleiben Befund, These und Aussicht: Die traditionelle Politisierung des Einzelnen über den Konflikt mit der Gesellschaft hat sich aufgelöst. An dessen Stelle ist die Psychologisierung der sozialen Beziehungen getreten. Die Institutionen werden zu Betreuern der Subjekte. Wenn das stimmt: Das wäre eine Katastrophe."

THADDEN, Elisabeth von (2004): Der Souverän dankt ab.
Die Seele kann nicht mehr. Der Soziologe Alain Ehrenberg analysiert, wie im 20. Jahrhundert die Erschöpfung zur Massenerkrankung wurde,
in: Literaturbeilage der ZEIT Nr.42 v. 07.10.

 
   

Das Buch in der Debatte

Anlässlich des Erscheinens von Alain EHRENBERGs Buch Das erschöpfte Selbst deutet der Rheinische Merkur Alain EHRENBERG institutionentheoretisch um in das "überforderte Ich". Das Anliegen des Merkur-Spezial fasst SCHÖN folgendermaßen zusammen:

"Von der Vereinzelung der Einzelnen handeln die breit gefächerten Beiträge auf diesen Seiten. Deutschland bleibt auf dem Egotrip, aber er ist – abzüglich der Schar wohlhabender Hedonisten – ein unfreiwilliger und kein lustvoller mehr. Die Befunde sind jedoch trotz fehlender Patentlösungen kein Anlass zur Resignation. Die menschliche Natur duldet auf Dauer keine unübersichtlichen, ungeordneten Zustände, die Unbehagen erzeugen. Es werden sich neue Strukturen bilden, die Wohlbefinden auf der Basis von Sicherheit schaffen".

 
   
  • Alain Ehrenberg in der Debatte

VIRILIO, Paul (2001): Wissenschaft als Grossspektakel.
Die optische Täuschung des Fortschritts,
in:
Le Monde diplomatique, Juni 2001. Beilage der TAZ v. 10.08.

Paul VIRILIO würdigt in seinem Streifzug durch die Wissenschaft des Spektakels auch Alain EHRENBERG:

"Der Soziologe Alain Ehrenberg veranschaulicht in seinem Buch über den »Überdruss, man selbst zu sein«(...), einen Satz Flauberts (»Die tiefgründigste Art, etwas zu empfinden, ist, daran zu leiden«), indem er die Schäden aufzählt, die der Rhythmus des Fortschritts und dessen neue Propaganda anrichten: »Die Depression, in den 1950er-Jahren für den Psychiater kaum noch von Interesse, ist zur weltweit häufigsten seelischen Störung geworden. [. . .] Die Neurose ist die Tragödie der Schuld; die Depression das Drama des Ungenügens. Sie entsteht dann, wenn sich der Mensch nach der Liberalisierung der Sitten in den 1960er-Jahren nicht mehr fragt: ,Was ist mir erlaubt?', sondern: ,Was ist mir möglich?'«"

BETHKE, Ricarda (2003): Depressive aller Länder...
Offen stehende Türen. Ein Plädoyer für "Programme", die von der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz vertrieben werden,
in: Freitag Nr.26 v. 20.06.

BETHKE zitiert Guillaume PAOLIs Kritik an Alain EHRENBERG: "Während Alain Ehrenberg in Kapitalismus und Depression I behauptet: »Depression ist die Melancholie in einer Gesellschaft, in der alle gleich und frei sind«, stellt sich Guillaume Paoli in Kapitalismus und Depression III dem entgegen: »Ich glaube nicht, dass wir im Reich der Gleichheit und Freiheit leben ...« Kampf sei angesagt. »Um den kämpferischen Geist zu stärken«, müsse man üben, »Typen in der Öffentlichkeit: Besatzungstruppen, Kollaborateure, Gewinnler, Agenten der Zeit ... von einfachen Besatzungssoldaten, nervende Marketinganrufer vom ›Obersturmdesigner‹ zu unterscheiden.«"

BUSCH, Hans-Joachim (2004): Das "gemeine Unglück" nicht einfach hinnehmen.
Bei der Bearbeitung der melancholischen Grundstimmung unserer Gesellschaft kann die Psychoanalyse ihre unverminderte Aktualität unter Beweis stellen,
in: Frankfurter Rundschau v. 14.09.

ALTMEYER, Martin (2005): Na, wie bin ich?
Früher hatten wir Neurosen, die in all ihrer Zwanghaftigkeit letztlich auch unser Selbst konstituierten. Heute haben wir keine solchen Störungen mehr - aber auch keine wirkliche Identität. Ein Fortschritt?
in: TAZ v. 09.04.

REICHERT, Martin (2006): Ich kann nicht mehr!
Affektive Störung oder zerebrale Dysfunktion, Zeitgeistkrankheit oder kodifiziertes Chaos: Was ist eine Depression, und wie wird sie behandelt?
in: TAZ v. 14.01.

Das taz-Dossier beschäftigt sich heute mit der Depression.
          
Während Jan FEDDERSEN eher die medizinischen Aspekte behandelt, widmet sich Martin REICHERT den soziokulturellen Aspekten der Depression:

"Der französische Soziologe Alain Ehrenberg hat sich dem Modethema Depression diskursanalytisch genähert und ist auf eine Art kodifiziertes Chaos gestoßen - Mediziner und Psychologen wissen gar nicht genau, was sie behandeln, und bemühen sich umso wackerer, das menschliche Elend Bibliotheken füllend zu beschreiben. »Das erschöpfte Selbst«, in Frankreich bereits 1998 veröffentlicht, erschien vor zwei Jahren (...) auf Deutsch und zeichnet nach, wie der mentale Erschöpfungszustand im Laufe des 20. Jahrhunderts zur Massenerkrankung wurde. Ehrenberg kommt im Anschluss an Foucaults »Überwachen und Strafen« zu dem Schluss, dass die Depression die Krankheit einer Gesellschaft sei, »deren Verhaltensnorm nicht mehr auf Schuld und Disziplin gründet, sondern auf Verantwortung und Initiative«. Mit anderen Worten: Der moderne Mensch ist dem »Anything goes« einfach nicht gewachsen und verfällt angesichts zu vieler Optionen der schier unmöglichen Anforderung, »man selbst« zu werden, in eine Angststarre. Die deutsche Depression wäre dem entsprechend eine natürliche Reaktion auf die »Herausforderung« der Globalisierung."

VOß, Günter G. (2010): Auf dem Weg zu einer neuen Verelendung?
Psychosoziale Folgen der Entgrenzung und Subjektivierung der Arbeit,
in: Vorgänge, Heft 3, September

Der Soziologe Günter G. VOß sieht im Wandel der Arbeitswelt eine entscheidende Ursache für die Zunahme speziell depressiver Symptomatiken einschließlich Angsterkrankungen, die eine aktuelle Metastudie der Bundestherapeutenkammer ergeben hat. Der Wandel von Arbeitnehmer zum "Arbeitskraftunternehmer" und der

"Umbau der Gesellschafts- und Sozialverfassung in Richtung einer umfassenden Reduzierung sozialer Strukturen und Sicherungen",

den der Soziologe Berthold VOGEL in seinem Buch Wohlstandskonflikte auch als Umbau vom vorsorgenden zum gewährleistenden Sozialstaat beschrieben hat, bringt psychosoziale Belastungen mit sich, von denen insbesondere auch die Mittelschicht betroffen ist. Die Individualisierungsverheißungen haben sich mittlerweile in ihr Gegenteil verwandelt:

"Die These von der »Subjektivierung« betont (...) eine ganz andere Seite der seit den 1980er Jahren diskutierten »Individualisierung« der Gesellschaft: Statt einer neuen Vielfalt und Freiheit des Handelns (...) hat sich ein Zwang zur Selbstzuständigkeit unter immer prekäreren Lebensbedingungen bei keineswegs verschwindenden sozialen Kontrollen entwickelt, mit der Folge einer wachsenden Überlastung und, wie sich zeigt, psychosozialen Gefährdung großer Gruppen."

In Anlehnung an Alain EHRENBERG spricht der Soziologe angesichts der Zunahme von psychischen Problemen sogar von einer "erschöpften Gesellschaft". Aufgrund der Betroffenheit gerade der Mittelschicht, geht VOß davon aus, dass sich die Gesellschaft diesen Problemen stellen muss.

DIEZ, Georg (2010): Traktate der schlechten Laune.
Der Kapitalismus ist ein Monster, das Internet macht dumm, die Leistungsgesellschaft führt in die Depression - viele Sachbücher dieses Herbstes erklären unsere Gesellschaft für krank. Es sind die Wutbücher eines aufgebrachten Bürgertums,
in: Spiegel Nr.48 v. 29.11.

Georg DIEZ zählt Die Kunst, kein Egoist zu sein von Richard David PRECHT, Müdigkeitsgesellschaft von Byung-Chul HAN und Der kommende Aufstand zu den Wutbüchern eines aufgebrachten Bürgertums. Der Urheber dieser Traktate der schlechten Laune sieht DIEZ in Alain EHRENBERG und seinem Buch Das erschöpfte Selbst:

"Ehrenberg ist der Stichwortgeber all der antimodernistischen Traktakte der letzten Jahre. Er verbindet Kritik an Konsum, Kreativwirtschaft, Internet, Individualismus zu einem Bündel von Klischees, die zu Philosophie werden."

Nicht weniger klischeehaft ist aber, wenn DIEZ den sozialen bzw. demografischen Wandel zur Ursache der Wut erklärt:

"Dass diese Bücher gerade jetzt geschrieben, gekauft und gelesen werden, hat mit ganz realen Veränderungen zu tun, die zu eher irrealen oder zumindest wunschhaften Ausflüchten führen. Die alternde Gesellschaft, die Angst vor dem Abstieg der Mittelschicht, das Schwinden des Westens, das Outsourcing unserer Intelligenz an eine Maschine".

Weder demographischer Wandel noch sozialer Wandel sind neu. Ganz einfach wird es, wenn DIEZ behauptet

"Angst steckt hinter diesen Versuchen, die Wirklichkeit zu reduzieren".

Mit LUHMANN gesprochen könnte man auch sagen: Komplexitätsreduktion ist funktional und notwendig. Die Frage, die sich zu allererst stellt, ist doch die: Wie kann jemand im Spiegel, der eine treibende Kraft in allen diesen Angstdebatten ist, diesen Sachverhalt vollkommen ausblenden und sich dabei auch noch toll finden? Der Artikel ist in diesem Sinne Teil des Problems. Aufklärung geht anders.

 
   

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© 2002-2015
Bernd Kittlaus
webmaster@single-generation.de Erstellt: 30. September 2004
Update: 04. Juni 2015