"Michel Houellebecq ist ein
Medienstar und seine Bücher sind Mega-Seller. Für
seine sexbeladenen, depressiven Skandalromane ist
der Autor weltbekannt. Über sein Leben weiß man
jedoch fast nichts. Nun hat sein Landsmann Denis
Demonpion eine nicht autorisierte Biografie
geschrieben, die kapitale Fehler in Houellebecqs
offiziellem Lebenslauf aufdeckt. Mit den Worten von
Denis Demonpion: »Beim Spurenverwischen ist
Houellebecq durchaus professionell vorgegangen. Er
ließ zum Beispiel seinen Namen aus allen Schullisten
streichen.«
Was um alles
in der Welt hat der Mann für einen Grund, seinen
Lebenslauf zu frisieren? »Er will Herr über sein
Bild sein, das nach außen dringt«, sagt Demonpion,
»und das ist ihm bisher auch gelungen – bis zum
letzten Komma. Man denkt immer, man kenne
Houellebecq, weil er in den Medien so präsent ist,
weil er ständig Interviews gibt. Bei meinen
Recherchen – ich habe mit 130 Personen gesprochen,
die ihn gut kennen – habe ich festgestellt, dass es
ganz anders ist. Er hat die Spuren seines Lebens
gezielt verwischt.«
Demonpion
stellt fest: Houellebecq hat sich um zwei Jahre
jünger gemacht und konsequenterweise auch das Examen
als AgrarIngenieur zwei Jahre später angesetzt. Auch
hat er seinen Namen gewechselt. Der Zungenbrecher
»Houellebecq« hieß einmal ganz schlicht Michel
Thomas, geboren 1956, nicht 1958, wie überall zu
lesen ist.
»Natürlich ist
er nicht der einzige Schriftsteller, der seinen
Namen geändert hat«, gibt Demonpion zu. »Aber
Houellebecq ist viel weiter gegangen als andere: Er
hat seine offizielle Biografie minutiös geplant und
lanciert. Vieles hat er einfach unter den Tisch
fallen lassen, weil es nicht zu dem Image passte,
das er sich aufgebaut hat, das des depressiven und
verlassen wirkenden Schriftstellers. Ein Genie, aber
immer schräg drauf, immer irgendwie mitleiderregend.«
Demonpion hat
auch mit der sehr lebendigen Mutter Houellebecqs
jüngst Kaffee getrunken – dabei hatte sie der Sohn
in Interviews für verstorben erklärt. Doch Demonpion
hat recherchiert: »Sie ist heute 79 und bei bester
Gesundheit, sie lebt immer noch auf Réunion. Und
obwohl sie alles andere war als eine perfekte
Mutter, sorgte sie immer für den Sohn, egal, wie
weit sie voneinander entfernt waren.«
Demonpion
deckt in seiner Biografie Houellebecqs
Doppelstrategie auf. Er spricht in aller
Einfühlsamkeit von der schwierigen Jugend des
wichtigsten Literaten von heute. Doch zugleich
entlarvt er, wie er sich immer wieder als
Verlassener stilisiert – und das trotz Ruhm, Ehefrau
und Vermögen.
Vor kurzem hat
Houellebecq auf Demonpions Biografie im Internet
reagiert: In dem Text Mourir (Sterben) stimmt er dem
Biografen erstaunlich oft zu. Seine Freunde jedoch
nennt er Verräter, und zwar alle, die mit Demonpion
sprachen. Dieser kommentiert etwas lakonisch: »Und
schon wieder gibt er den Verlassenen! Den
unglücklichen Künstler mit Spleen.« Wie seine
Romanfiguren Bruno und Michel hat auch Houellebecq
eine Doppelidentität: Der ewig pubertierende Michel
Thomas und der Erfolgsschriftsteller Michel
Houellebecq."