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Édouard Louis: Sozialer Aufstieg und Gewalt in Frankreich

 
       
     
       
     
       
   

Édouard Louis in seiner eigenen Schreibe

 
       
   

fehlt noch

 
       
   

Édouard Louis im Gespräch

 
       
   

RÜHLE, Alex (2017): Aufstieg ausgeschlossen.
Der französische Schriftsteller Édouard Louis spricht über die Scham der Armen und die Blindheit der Reichen,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 20.04.

Alex RÜHLE interviewt den französischen Bestsellerautor Éduard LOUIS, dessen Buch Das Ende von Eddy zum Buch der Stunde erklärt wird. Im Gegensatz zu Didier ERIBON vertritt er die Meinung, dass Marine Le PEN gewählt werden könnte, wenn Emmanuel MACRON der Gegenkandidat wäre. Scham ist für LOUIS ein Problem, weil sie Arme ihre Armut verleugnen lässt und so die Verhältnisse zementiert würden. Er kritisiert die "Mystifizierung der Armut" in den Filmen von Jean GENET, Pier Paolo PASOLINI oder Ken LOACH. Von "authentischer" Armut will er nichts wissen, schließlich musste er in seinem Armutsmilieu seine Homosexualität verleugnen. Er beschreibt, dass sein Buch von einem angesehenen Verlag abgelehnt wurde, weil das Bild der Armen seit Emile ZOLA ein anderes sei:

"Die Ausgeschlossenen kommen in Büchern und Filmen so wenig vor, dass dieser hochgebildete Mann reinen Herzens glaubte, dass es diese Menschen schlichtweg nicht gibt. Und diese sehen, dass der Prix Goncourt jedes Jahr an einen bourgeoisen Autor geht, der über die Probleme der Bourgeoisie schreibt. Also wissen sie, dass Literatur sie einfach nicht angeht".

Man fühlt sich an den deutschen Literaturbetrieb aus dem Jahr 2014 erinnert, als eine Debatte der Literaturbetriebsangehörigen zum Schluss kam, dass es ganz in Ordnung sei, dass der Literaturbetrieb mit der Gesellschaftsrealität nichts zu tun hat und die Türsteher der reinen Literatur alles verbannte, was literaturfremd war. LOUIS sieht sich als Teil einer neuen Kulturbewegung:

"Die Texte von Geoffroy de Lagasnerie. Die Texte von Sophie Calle. Die Filme von Xavier Dolan. Wir inspirieren uns und versuchen, eine neue linke Debatte mitzuentwerfen."

Es wird sich zeigen müssen, inwiefern dies tatsächlich eine Erneuerungsbewegung ist. Die Rechte von Minderheiten sollten genauso Ernst genommen werden wie die soziale Frage. Aber was das konkret bedeutet, dafür bleiben die Aktivisten dieser Sichtweise bislang die Antwort schuldig.

 
       
       
   

Im Herzen der Gewalt (2017).
Roman
Fischer Verlag

 
   
     
 

Klappentext

"In seinem autobiographischen Roman »Im Herzen der Gewalt« rekonstruiert der französische Bestsellerautor Édouard Louis die Geschehnisse einer dramatischen Nacht, die sein Leben für immer verändert.

Auf der Pariser Place de la République begegnet Édouard in einer Dezembernacht einem jungen Mann. Eigentlich will er nach Hause, aber sie kommen ins Gespräch. Es ist schnell klar, es ist eine spontane Begegnung, Édouard nimmt ihn, Reda, einen Immigrantensohn mit Wurzeln in Algerien, mit in seine kleine Wohnung. Sie reden, sie lachen, aber was als zarter Flirt beginnt, schlägt um in eine Nacht, an deren Ende Reda Édouard mit einer Waffe bedrohen wird.
Indem er von Kindheit, Begehren, Migration und Rassismus erzählt, macht Louis unsichtbare Formen der Gewalt sichtbar. Ein Roman, der wie schon »Das Ende von Eddy« mitten ins Herz unserer Gegenwart zielt – politisch, mitreißend, hellwach"

 
     
 
       
   

Rezensionen

BORKENHAGEN, Christina (2017): Die Lüge als Chance.
Literatur: In seiner Ich-Erzählung such das französische Wunderkind Édouard Louis eine Heilung vom Sprachverlust,
in:
Freitag Nr.33 v. 17.08.

HOCHGESAND, Stefan (2017): Die Lektüre einer Nacht.
Analyse: Edouard Louis ist 24 Jahre jung und ein Literaturstar in Frankreich. Sein Roman "Im Herzen der Gewalt" ist ein Plädoyer für Empathie und ein Nachdenken über die Ursachen der Gewalt,
in:
TAZ v. 19.08.

Stefan HOCHGESAND verknüpft seine Rezension mit Zitaten aus einem Videochat mit dem Autor:

"»Die Unterscheidung zwischen dem, was intim, und dem, was politisch ist, ist konstruiert, historisch bedingt«, sagt Édouard Louis. »Aber die Literatur kann jene künstliche Grenze zwischen dem Intimen und dem Politischen einreißen«."

formuliert LOUIS seine soziologische Romantheorie. Andere würden von Privatheit und Öffentlichkeit sprechen. LOUIS kritisiert den Literaturbetrieb, in dem nur als normal oder erzählenswert gilt, was die Bildungsbürgerschicht dafür hält:

"99 Prozent der Literatur gaukeln einem doch vor, das Leben der intellektuellen Mittelklasse in Europa wäre das normale Leben schlechthin. Das Leben aus den Bücherläden ist aber nur das einer Minderheit".

Der Roman spiegelt eine bestimmte Vorstellung der Gewaltentstehung wieder, die zwischen "Symptombekämpfung" und dem gesellschafts- und lebensgeschichtlich bedingten Entstehungszusammenhang unterscheidet:

"Aufgezogen an der autobiografischen Traumanacht fragt Louis also, welche gesellschaftlichen Begebenheiten zu dieser Nacht führten - und diese in ein neues Licht rücken, für das der mitunter selbst rassistische Strafverfolgungsapparat blind ist: Armut, Ausgrenzung, Fremddefinition, Rassismus, Kolonialismus."

Man könnte das auch als klassische Sozialarbeiterperspektive bezeichnen, die mittlerweile dem Aktivierungsparadigma gewichen ist.

Neu:
RÜHLE, Alex (2017): Die zweite Person im eigenen Körper.
Édouard Louis erzählt von einer Vergewaltigung, einem Mordversuch. Sein autobiografischer Roman "Im Herzen der Gewalt" ist ein großes Buch über die Macht der Sprache, das Unsichtbare zu zeigen,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 01.09.  

 
       
       
   

Das Ende von Eddy (2015).
Roman
Fischer Verlag

 
   
     
 

Klappentext

"Ein Befreiungsschlag, ein Aufbruch in ein neues Leben – mit unglaublicher Sprachgewalt erzählt der junge französische Autor Édouard Louis die Geschichte einer geglückten Flucht aus einer unerträglichen Kindheit: inspiriert von seiner eigenen. »Das Ende von Eddy« ist sein Debütroman, der zu einem großen Erfolg und einer der meistdiskutierten Veröffentlichungen des Jahres wurde."

 
     
 
       
   

Das Buch in der Debatte

BOPP, Lena (2017): Ein Akt politischer Notwehr.
Wie konnte der Front National in Frankreich gerade in der Arbeiterklasse so stark werden? Die Antwort führt weit in die Familiengeschichten zurück, wie drei aktuelle Bücher von Didier Eribon, Aurélie Filippetti und Edouard Louis zeigen,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 22.04.

 
       
   

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Bernd Kittlaus
webmaster@single-generation.de Erstellt: 20. August 2017
Stand: 01. November 2017