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Jean-Claude Kaufmann: Der Morgen danach

 
       
   

Jean-Claude Kaufmann  bei single-generation.de

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Jean-Claude Kaufmann in seiner eigenen Schreibe

 
   
fehlt noch
 
       
   

Jean-Claude Kaufmann im Gespräch

 
   

DUVAL, Jean-François (2002): Le premier matin après l'amour.
Vous souvenez-vous de vos premiers matins après une nuit d'amour? C'est le thème qu'explore le sociologue Jean-Claude Kaufmann dans une enquête et un livre intitulé «Premier matin»,
in: Construiere Nr.40 v. 01.10.

UVK (2004): Wie eine Liebesbeziehung beginnt.
Jean-Claude Kaufmann im Gespräch über sein neues Buch "Der Morgen danach"

MARKERT, Barbara (2004): Der Morgen danach,
in: Brigitte Nr.7 v. 17.03.

GOETSCH, Monika (2004): "Kleine Affäre oder große Liebe?
Am Morgen nach der ersten gemeinsamen Nacht entscheidet sich die Zukunft eines Paares. Oder eines ganzen Lebens. Sagt der französische Soziologe Jean-Claude Kaufmann,
in: TAZ v. 13.04.

 
       
   

Der Morgen danach (2005).
Wie eine Liebesgeschichte beginnt
München: Goldmann (deutsche Hardcoverausgabe: Konstanzer UVK-Verlag, 2004)

 
   
     
 

Klappentext

"Die Aufsehen erregende Studie über die schicksalhafte Rolle des Morgens nach der ersten Liebesnacht.

Basierend auf schonungslos offenen Gesprächen und Interviews mit jungen Paaren zwischen 20 und 30.

Wie beginnt eine Liebesbeziehung? Wann entscheidet sich, ob aus einer Begegnung zweier Menschen eine längere oder gar eine lebenslange Beziehung wird? Die Romantiker sagen: schon im ersten Augenblick. Andere mutmaßen in der ersten Liebesnacht. Der französische Soziologe Jean-Claude Kaufmann behauptet, am »Morgen danach«."

 
     
 
       
   

Essay zum Thema

Der Morgen danach - Das Liebesmodell im Übergang: Von der romantischen Liebe zum Erfahrungshunger der Partnerwahl
 
       
   

Der Morgen danach (2004).
Wie eine Liebesgeschichte beginnt
Konstanz:
UVK
Original: Premier matin (2002).
Comment naît une histoire d'amour, Armand Colin

 
   
     
 

Klappentext

"Jean-Claude Kaufmann hat bereits den Abwasch, die schmutzige Wäsche und den entblößten Busen am Strand zum Gegenstand seiner Untersuchungen gemacht. Nun hat er Männer und Frauen ausführlich befragt, wie der Morgen nach der ersten gemeinsam verbrachten Nacht verlaufen sei.

Aus der Perspektive des Soziologen entfaltet sich am Morgen danach ein bislang geheimnisvolles Spiel: Dieser Morgen hat einen entscheidenden Einfluss darauf, ob die beteiligten Personen sich aufeinander einlassen und zu Partnern in einer Liebesbeziehung werden, solange sich die Identität noch in einem Zustand der Schwebe befindet und die Sensibilität besonders groß ist.

In den Ergebnissen von Kaufmanns Studie deuten sich die Konturen eines neuen und pragmatischeren Beziehungsmodells an. Das autonome Individuum will sich nicht mehr in seinen Gefühlen verlieren. Dennoch bleibt Raum für die große Liebe. Sie setzt sich aus konkreten Eindrücken und Erfahrungen zusammen und stellt sich im Verlauf eines Prozesses ein, in dem die beteiligten Personen eine Identität als Paar entwickeln."

Pressestimmen

"Kaufmanns Buch liest sich wie ein Kommentar zu den Filmen der Nouvelle Vague, mit all ihren komplizierten Café-au-lait-Mädchen und komplikationsverliebten Causeuren, ihren verwirrenden Fragespielen vor und nach der ersten Nacht."
(Jürgen Kaube in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 26.11. 2004)

Ein Gespräch mit dem Autor über sein Buch:

WIE EINE LIEBESBEZIEHUNG BEGINNT

Jean-Claude Kaufmann hat bereits den Abwasch, die schmutzige Wäsche und den entblößten Busen am Strand zum Gegenstand seiner Untersuchungen gemacht. Nun hat er Männer und Frauen ausführlich befragt, wie ihr Morgen nach der ersten gemeinsam verbrachten Nacht verlief.

Aus der Perspektive des Soziologen entfaltet sich am Morgen danach ein bislang geheimnisvolles Spiel: Dieser Morgen hat einen entscheidenden Einfluss darauf, ob die beteiligten Personen sich aufeinander einlassen und zu Partnern in einer Liebesbeziehung werden.
In den Ergebnissen von Kaufmanns Studie deuten sich die Konturen eines neuen und pragmatischen Beziehungsmodells an. Das autonome Individuum will sich nicht mehr in seinen Gefühlen verlieren. Dennoch bleibt Raum für die große Liebe: Sie setzt sich aus konkreten Eindrücken und Erfahrungen zusammen und stellt sich im Verlauf eines Prozesses ein, in dem die beteiligten Personen eine Identität als Paar entwickeln. Über den Morgen danach sprachen wir mit dem Autor.

Weshalb haben Sie sich für den Morgen danach in Liebesgeschichten interessiert? Was wollten Sie daran zeigen?

Jean-Claude Kaufmann Meine gesamte Arbeit besteht darin, herauszufinden und zu verstehen, was das moderne Individuum ist, woraus es sich zusammensetzt, wie es sich wandelt und wie es interagiert. Das ist es, was mich an der Paarbeziehung interessiert: das intime Aufeinandertreffen von zwei Personen, von zwei verschiedenen Systemen. Dieses Mal habe ich mir Fragen über die Liebe gestellt. Wie entsteht sie konkret? Wie fällt die Entscheidung, ein Stück des Lebensweges gemeinsam zu gehen? Um hier weiter zu kommen, musste ich mir eine List einfallen lassen, einen Moment oder einen Gegenstand finden, ähnlich dem der Wäsche, der mir einen Einblick gewähren würde. Zunächst dachte ich an das Bett, aber dann wurde mir klar, dass dadurch Sex ohne Zweifel eine zu große Bedeutung bekommen hätte. Der Morgen danach als Gegenstand der Untersuchung erschien mir interessant, weil er eine Einheit von Zeit und Raum bietet und weil er alle Elemente der Liebe enthält. Der Rausch der Sinne des Vorabends ist ein wenig verflogen, aber das Begehren ist noch da und dann fordert der Alltag die Aufmerksamkeit. Im Laufe meiner Untersuchung habe ich entdeckt, dass der Morgen danach nicht nur ein gutes analytisches Instrument ist, sondern ein Ereignis von entscheidender Bedeutung bei der Entstehung des Lebens als Paar.

Für Sie entscheidet sich also am Morgen danach viel mehr, als man auf den ersten Blick meinen könnte.

Kaufmann Die Begegnung löst einen Zustand der Erschütterung aus, einen Zustand der Erregung und des Wohlbefindens, der sich bis zur sexuellen Apotheose steigern kann. Man hat den Eindruck, dass alles passt, dass man sich liebt und dass der Rest sich schon von allein ergeben werde. Häufig aber entdeckt man am Morgen danach die Banalität des Alltags, der letztendlich den Kern eines Lebens zu zweit ausmacht. In diesem Moment stellt sich die Frage nach der Zukunft des Paares und die Umrisse des Lebens zu zweit deuten sich an.

Ihre Untersuchung stützt sich auf 23 Personen. Reicht das, um daraus irgendwelche Schlüsse zu ziehen?

Kaufmann Ich gebe nicht vor, dass es sich um eine repräsentative Untersuchung handelt. Ich bin wie ein Ethnologe, der sich aufmacht zu einem Eingeborenen-Stamm und der zu verstehen versucht, was ihm dort begegnet. Die befragten Personen wurden nach dem Zufallsprinzip ausgewählt und stammen aus allen Milieus. Der überwiegende Teil von ihnen ist zwischen 20 und 30 Jahren alt, viele kennen sich vor ihrem ersten Morgen danach erst kurze Zeit. Die Gespräche haben mindestens zwei Stunden gedauert. Danach wäre ich beim Enträtseln der Mitschnitte fast verrückt geworden; beim Versuch zu verstehen, was sich hinter den Gesten, den Sprüchen und Details verbirgt, die diese Paare mir erzählt haben.

Ähneln sich die Morgen danach?

Kaufmann Natürlich nicht. Es gibt entzückte Morgen, kummervolle Morgen und völlig unbedeutende Morgen. Gleichwohl stößt man auf einen allgemeinen Eindruck der Scham, des Unwohlseins. Beim Aufwachen befindet man sich in einem Zustand der Schwebe, der Zeit und dem Gewöhnlichen entrückt. Man weiß nicht mehr so recht, wer man ist, denn das Ich befindet sich in einem Prozess der Veränderung. Man quält sich deshalb aber nicht mit existenziellen Fragen wie: »Wer bin ich?«, »Wo geht es hin?« Man verharrt in einem weichen, flaumigen Gemisch. Man unterhält sich über Gegenstände, die in der Regel sehr banal sind: »Hast du gut geschlafen? »Ist der Kaffee fertig?«, »Waren die Brötchen lang genug im Ofen?« Man gibt sich gegenseitig kleine Küsse, um die Lücken im Gespräch zu überbrücken. Man hat wirklich den Eindruck, es passiert nichts Bedeutendes.

Natürlich ist das Gegenteil der Fall.

Kaufmann Ja, manche wissen sofort, wo sie sind, ob sie aus dieser beginnenden Geschichte etwas Festes machen wollen oder ob sie rennen und sich aus dem Staub machen werden. Aber die meisten lassen die Dinge auf sich zukommen. Sie versuchen zu verstehen, was vor sich geht. Sie suchen nach Zeichen und beobachten dabei die Einrichtung des Zimmers, das Gesicht des Partners beim Aufwachen, seine Unterwäsche, wie er isst. Gleichzeitig sind sie oftmals sehr besorgt. Sie haben Angst, den Ansprüchen des Partners nicht zu genügen. Sie werden plötzlich sehr schamhaft. Die Frauen, aber auch die Männer sagen: »Ich sehe nicht so gut aus«, »ich schäme mich ein wenig meines Körpers« - Aussagen, in denen sich der generelle Mangel an Selbstwertgefühl in der heutigen Gesellschaft spiegelt. Sie haben das Bedürfnis, auf Distanz zu gehen, um nachzudenken, sich zu fragen, ob sie sich gut fühlen mit dieser neuen Identität, die gerade dabei ist, sich zu formieren. Die taktischen Varianten sind zahlreich: Flucht ins Badezimmer, zum Bäcker, oder geradewegs zu sich nach Hause mit dem Satz »wir telefonieren«.

Ja, das ist frappierend in der Untersuchung: Die Zahl der Männer, die Croissants holen geht.

Kaufmann Croissants-holen-gehen ist ideal, weil es einem erlaubt durchzuatmen und gleichzeitig die Partnerin zu verwöhnen. Manche kommen übrigens nie vom Bäcker zurück. Ein Mann hat mir gestanden, dass er 30 Kilometer getrampt sei bis zu sich nach Hause, nur um nicht mehr in das Bett seiner Schönen vom Abend zuvor zurück zu müssen.

Gibt es bestimmte Worte oder Verhaltensweisen, die ausschlaggebend sind für diesen Meinungsumschwung?

Kaufmann Nein, viele machen innerlich negative Bemerkungen über den anderen: »diese dämlichen Hausschuhe«, »diese furchtbare Unterhose aus dem Aldi«, »dieses kitschige Badezimmer«. Aber das entmutigt nicht zwangsläufig. Die kummervollen Morgen schließen nicht immer eine Zukunft als Paar aus. Nehmen wir das Beispiel von einer der Personen der Untersuchung, Vincent. Sein erster Morgen war ein Alptraum. Alles war furchtbar, Spinnen und Mäuse, die das Haus seiner Partnerin bevölkerten, die Gerüche des Nachttopfs, das schreckliche Bild, das über seinem Kopf an der Wand hing. Und dennoch, er blieb bei ihr.

Letztlich ist es auch und vor allem der Wille der Partner, sich aufeinander einzulassen, der den Fortgang der Geschichte bestimmt.

Kaufmann Ja, schauen Sie sich den Fall von Rodolphe an: Er ist sehr verliebt in seine Partnerin, im Bett läuft es perfekt, Zärtlichkeit, Begehren sind da. Und dennoch führt der Kontakt mit der gewöhnlichen Alltagswelt dazu, dass alles verdirbt. Plötzlich bemerkt er, dass sie geräuschvoll atmet, dass sie geschwollene Augen hat und das findet keinerlei Gnade vor seinen Augen. Um die Beziehung über den ersten Morgen danach hinaus weiter zu verfolgen, muss man bereit sein, sein Leben zu ändern und sein altes Ich hinter sich zu lassen. Aus diesem Grund sind Begegnungen in unserer heutigen Gesellschaft so kompliziert: Man hat Angst, seine Identität zu verlieren, seine Orientierungspunkte durcheinander zu bringen. Wir sind alle in einem Widerspruch gefangen: Auf der einen Seite wollen wir eine partnerschaftliche Beziehung eingehen, um nicht mehr so sehr unter Druck zu stehen; wir wollen uns geliebt fühlen und aufgehoben, wollen eine Familie gründen. Auf der anderen Seite hat man Angst, sich zu täuschen und die Kontrolle über seine Existenz zu verlieren. Eine permanente Spannung, die am Morgen danach offen zu Tage tritt. Um in diesem Moment nicht völlig durcheinander zu geraten, lässt man sich mittragen, man sagt sich, wir werden schon sehen.

Sie schreiben sogar, dass eine Paarbeziehung entsteht, weil man sich nicht trennt.

Kaufmann Ja, wenn die Klippe des ersten Morgens danach einmal umschifft ist, stehen die Chancen gut, dass sich eine dauerhafte Beziehung einstellt. Heute tun sich die Menschen schwer damit, Entscheidungen zu treffen. Man wird mitgerissen, oft auf einer feucht-fröhlichen Party, man lernt jemanden kennen, man findet sich am nächsten Morgen Seite an Seite wieder, und so bleibt es dann auch. Auf diese Weise finden heute viele Paare zueinander.

Aber wie deuten Sie die Liebe auf den ersten Blick, die große Liebe, die alles andere beiseite fegt?

Kaufmann Ah, die schicksalhafte Liebe, die in den Sternen geschrieben steht und die vom Himmel fällt. Die Vorstellung, dass es nur eine einzige, richtige Person für mich gibt, und dass diese Person von einer leuchtenden Aura umgeben sein wird an dem Tag, an dem ich ihr begegne. Das ist ein Mythos. Im wirklichen Leben passiert das nur ganz wenigen. Es gibt nicht nur eine Person, die zu einem passt, sondern mehrere. Und je nach meiner Wahl wird mein Leben anders sein und auch meine Identität wird eine andere sein.

Aber wir alle halten in unserem Glauben an diesem Mythos fest.

Kaufmann Das ist wahr. Übrigens neigen die Leute in meiner Untersuchung dazu, ihre Geschichten umzuschreiben, um nicht zugeben zu müssen, dass sie in der Folge eines feucht-fröhlichen Abends zusammengefunden haben, oder sie behaupten, dass sie bereits lange vorher Freunde gewesen seien, bevor sie zu Liebenden wurden. Sie tun alles, um nur irgendwie am Mythos der Liebe auf den ersten Blick festhalten zu können, der auch heute noch unsere Vorstellung in Sachen Liebe beherrscht. Sie können sich nicht vorstellen, wie verheerend dieses Ideal wirkt. Man wartet auf diesen Tag, an dem Cupido seinen Pfeil auf einen schießt und einen damit elektrisiert. Ich habe Frauen sagen hören: »An diesem Tag werde ich es genau wissen!« Wenn sie auf eine Abendgesellschaft, zu einem Abendessen kommen, schauen sie sich im Kreis um und sagen verärgert: »Nein, er ist nicht dabei!« Aber Begegnungen sind nicht immer romantisch. Schauen Sie, in meiner Untersuchung gibt es einen, der sich am Morgen danach nicht mehr an den Namen seiner Begleiterin erinnern konnte, eine andere gesteht beim Frühstück, nicht verliebt zu sein und mit ihrem Partner nur geschlafen zu habe, um etwas zu erzählen zu haben... und dennoch kam es in beiden Fällen zu einer Paarbeziehung. Doch auch bei denjenigen, die in einer Paarbeziehung leben, ist nicht alles so klar und eindeutig. Sie haben manchmal den Eindruck, als müssten sie auf etwas in ihrem Leben verzichten. »Das ist keine umwerfende Liebesgeschichte, wie in den Romanen, aber ich bin eigentlich ganz glücklich!« Dabei habe sie in vielen Fällen eine wunderbare Beziehung zustande gebracht.

Sie schreiben, dass diese Untersuchung sie dazu gebracht hätte, ihre Meinung über das Leben als Paar zu ändern. Was sie sagen, klingt nach einem Loblied auf die Routine.

Kaufmann Das Paar ist in erster Linie ein Instrument der Bequemlichkeit und der Unterstützung. Man braucht den anderen, um sich an seiner Schulter anlehnen zu können, weil es eine so schwere Aufgabe ist, die eigene Identität zu schaffen. Ich bin vielleicht ein wenig provokativ, aber wenn erst einmal der Zustand der Verzauberung am Anfang vorbei ist, wäre die letzte Person, die zu verführen man Lust hätte, der eigene Partner. Denn wenn man nach Hause kommt, sehnt man sich nach Behaglichkeit. Das Risiko besteht darin, den Partner nicht mehr wahrzunehmen und sich in der Routine zu verlieren. Dennoch kommen viele Paare gut miteinander klar. Im Verlauf der Untersuchung habe ich eine neue Form der Liebe entdeckt, die sich sehr von den emotionalen Stürmen der leidenschaftlichen Liebe unterscheidet, eine partnerschaftliche Liebe, die sich aus sanfter Zuneigung, aus Vertrautheit und aus Zärtlichkeit zusammensetzt. Und auch aus einer besonderen Art des Vergnügens, einer wohltuenden Kultur des Unscheinbaren.

Die meisten ihrer Gesprächspartner haben aber noch keine zehn Jahre des Zusammenlebens hinter sich.

Kaufmann Ich habe den Eindruck, dass sich allmählich ein neues Modell der Liebe etabliert, das realistischer und pragmatischer ist. Die Menschen träumen von der leidenschaftlichen Liebe, aber sie misstrauen ihr auch. Sie wollen von der Leidenschaft mitgerissen werden, vom Begehren des anderen. Aber sie wollen auch die Kontrolle behalten, um nicht zu leiden. Die Beziehung befindet sich zu jedem Zeitpunkt auf dem Prüfstand: Man prüft, ob man sich wohl fühlt, authentisch, ob die Gefühle echt sind. Man geht vorsichtig vor, tastend und hofft dabei, sein Glück zu finden. Darin besteht das Drama heute: Man hat solche Angst davor, sich zu täuschen, dass man ganz zaghaft und vorsichtig wird.

Jean-Claude Kaufmann ist Soziologe am Centre national de la Recherche Scientifique (CNRS) an der Universität Paris V - Sorbonne. Von ihm sind bei UVK die Bücher »Schmutzige Wäsche. Zur ehelichen Konstruktion von Alltag«, »Frauenkörper - Männerblicke«, »Das verstehende Interview«, »Mit Leib und Seele« und »Singlefrau und Märchenprinz« erschienen. Im Februar 2004 erscheint sein neues Buch »Der Morgen danach«.

 
     
 
       
   

Essay zum Thema

Der Morgen danach - Das Liebesmodell im Übergang: Von der romantischen Liebe zum Erfahrungshunger der Partnerwahl
 
   

Rezensionen

Deutschland

SCHAERTL, Marika (2004): Zwischen Laken & Toast.
...entwickelt sich Liebe - oder ein schneller Abschied. Die prekäre Zeitspanne hat ein Soziologe genauer untersucht,
in: Focus Nr.4 v. 19.01.

HARTMANN, Martin (2004): Diese tausend Gefühle.
Jean-Claude Kaufmann befragt die Liebe am Morgen danach,
in: Frankfurter Rundschau v. 24.03.

  • Martin HARTMANN hat die von Jean-Claude KAUFMANN beschriebenen Liebesmodelle knapp und präzise auf den Punkt gebracht. Welche Folgen diese Liebesvorstellungen für das Erleben des "Morgen danach" haben, das wird aus der Befragung deutlich:

    "Folgt man dem französischen Soziologen Jean-Claude Kaufmann und seiner neuen Studie Der Morgen danach. Wie eine Liebesgeschichte beginnt, dann eignen sich Fallgeschichten (...) gut, um etwas über die verborgenen Wege partnerschaftlicher Zweisamkeit in der Gegenwartsgesellschaft herauszufinden. Vor allem junge Leute hat Kaufmann nach ihren Erfahrungen mit dem Morgen danach befragt, hat sie selbst intimste Details ausmalen lassen: Wie fühlt es sich an, neben ihm aufzuwachen? Was hat sie für Unterwäsche? Welche Bilder hängen an seiner Wand? Wie lange schläft sie? Es sind diese banalen Fragen, die sich am Morgen danach mit großer Dringlichkeit stellen, da hier »in Wahrheit« das ganze Leben auf der Kippe steht.
    An diesem Morgen nämlich, meint Kaufmann, entscheidet sich in der Regel, ob ein Paar zusammenbleibt oder nicht, da erst jetzt die Zeit vorhanden ist, um das Geschehen zu überblicken und durch den Wirrwarr der Gefühle hindurch die Tragfähigkeit der Beziehung zu »testen«. Ein Test, eine Experimentierphase, ein Versuch herauszufinden, ob man dabei ist, die richtige Wahl zu treffen. Allerdings leugnen viele der Befragten im Nachhinein gerade diesen Aspekt der mehr oder weniger bewussten Entscheidung, der Wahl. (...).
    Um zu verstehen, was das bedeutet, führt Kaufmann am Ende seiner Studie, leider reichlich spät, drei Modelle der Liebe ein. Da ist zum einen das »traditionelle« Modell der arrangierten Ehe. Auf der Basis ökonomischer Aspekte entscheiden andere, in der Regel die Eltern, welche Partner füreinander in Frage kommen. Dieses Modell wird durch das »romantische« Modell abgelöst, das gegen das traditionelle Modell rebelliert. Denn hier sind es nicht mehr andere, die den Partner auswählen, es ist vielmehr ein schicksalhaft auftretendes überschwängliches Gefühl, das die Liebenden im besten Fall lebenslang aneinander bindet. Der andere wird dabei bedingungslos idealisiert.
    Dieses romantische Modell wird nun in der Gegenwart durch ein »pragmatisches« Modell ersetzt. Die Gespräche über den Morgen danach verraten, dass es am Anfang einer Beziehung nicht mehr das eine große Gefühl gibt, dass in der Lage ist, alle negativen Aspekte des anderen zu überblenden. Stattdessen stehen heute »tausend kleine Gefühle« am Anfang".

SCHLAGENWERTH, Michaela (2004): Nach dem nächtlichen Koitus,
in: Berliner Zeitung v. 13.04.

KAUBE, Jürgen (2004): Ein Dreier mit dem Soziologen.
Wie war ich? Jean-Claude Kaufmann weiß, wie sich der Morgen danach anfühlt,
in: Literaturbeilage der Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 26.11.

Neu:
MÜNCH, Thomas (2005): Eine neue Leseerfahrung,
in: social.net v. 31.10.

Frankreich

FREY, Pascale (2002): Croissant ou tartine beurrée?
in: Lire, Oktober

 
   

weiterführende Links

 
     
   
 
   

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© 2002 - 2011
Bernd Kittlaus
webmaster@single-generation.de Erstellt: 26. Januar 2004
Update: 16. Oktober 2011