Ein Gespräch mit dem Autor über sein Buch:
WIE EINE LIEBESBEZIEHUNG
BEGINNT
Jean-Claude
Kaufmann hat bereits den Abwasch, die schmutzige Wäsche und
den entblößten Busen am Strand zum Gegenstand seiner
Untersuchungen gemacht. Nun hat er Männer und Frauen
ausführlich befragt, wie ihr Morgen nach der ersten gemeinsam
verbrachten Nacht verlief.
Aus der Perspektive des
Soziologen entfaltet sich am Morgen danach ein bislang
geheimnisvolles Spiel: Dieser Morgen hat einen entscheidenden
Einfluss darauf, ob die beteiligten Personen sich aufeinander
einlassen und zu Partnern in einer Liebesbeziehung werden.
In den Ergebnissen von Kaufmanns Studie deuten sich die
Konturen eines neuen und pragmatischen Beziehungsmodells an.
Das autonome Individuum will sich nicht mehr in seinen
Gefühlen verlieren. Dennoch bleibt Raum für die große Liebe:
Sie setzt sich aus konkreten Eindrücken und Erfahrungen
zusammen und stellt sich im Verlauf eines Prozesses ein, in
dem die beteiligten Personen eine Identität als Paar
entwickeln. Über den Morgen danach sprachen wir mit dem Autor.
Weshalb haben Sie
sich für den Morgen danach in Liebesgeschichten interessiert?
Was wollten Sie daran zeigen?
Jean-Claude Kaufmann
Meine gesamte Arbeit besteht darin, herauszufinden und zu
verstehen, was das moderne Individuum ist, woraus es sich
zusammensetzt, wie es sich wandelt und wie es interagiert. Das
ist es, was mich an der Paarbeziehung interessiert: das intime
Aufeinandertreffen von zwei Personen, von zwei verschiedenen
Systemen. Dieses Mal habe ich mir Fragen über die Liebe
gestellt. Wie entsteht sie konkret? Wie fällt die
Entscheidung, ein Stück des Lebensweges gemeinsam zu gehen? Um
hier weiter zu kommen, musste ich mir eine List einfallen
lassen, einen Moment oder einen Gegenstand finden, ähnlich dem
der Wäsche, der mir einen Einblick gewähren würde. Zunächst
dachte ich an das Bett, aber dann wurde mir klar, dass dadurch
Sex ohne Zweifel eine zu große Bedeutung bekommen hätte. Der
Morgen danach als Gegenstand der Untersuchung erschien mir
interessant, weil er eine Einheit von Zeit und Raum bietet und
weil er alle Elemente der Liebe enthält. Der Rausch der Sinne
des Vorabends ist ein wenig verflogen, aber das Begehren ist
noch da und dann fordert der Alltag die Aufmerksamkeit. Im
Laufe meiner Untersuchung habe ich entdeckt, dass der Morgen
danach nicht nur ein gutes analytisches Instrument ist,
sondern ein Ereignis von entscheidender Bedeutung bei der
Entstehung des Lebens als Paar.
Für Sie entscheidet
sich also am Morgen danach viel mehr, als man auf den ersten
Blick meinen könnte.
Kaufmann Die
Begegnung löst einen Zustand der Erschütterung aus, einen
Zustand der Erregung und des Wohlbefindens, der sich bis zur
sexuellen Apotheose steigern kann. Man hat den Eindruck, dass
alles passt, dass man sich liebt und dass der Rest sich schon
von allein ergeben werde. Häufig aber entdeckt man am Morgen
danach die Banalität des Alltags, der letztendlich den Kern
eines Lebens zu zweit ausmacht. In diesem Moment stellt sich
die Frage nach der Zukunft des Paares und die Umrisse des
Lebens zu zweit deuten sich an.
Ihre Untersuchung
stützt sich auf 23 Personen. Reicht das, um daraus
irgendwelche Schlüsse zu ziehen?
Kaufmann Ich gebe
nicht vor, dass es sich um eine repräsentative Untersuchung
handelt. Ich bin wie ein Ethnologe, der sich aufmacht zu einem
Eingeborenen-Stamm und der zu verstehen versucht, was ihm dort
begegnet. Die befragten Personen wurden nach dem
Zufallsprinzip ausgewählt und stammen aus allen Milieus. Der
überwiegende Teil von ihnen ist zwischen 20 und 30 Jahren alt,
viele kennen sich vor ihrem ersten Morgen danach erst kurze
Zeit. Die Gespräche haben mindestens zwei Stunden gedauert.
Danach wäre ich beim Enträtseln der Mitschnitte fast verrückt
geworden; beim Versuch zu verstehen, was sich hinter den
Gesten, den Sprüchen und Details verbirgt, die diese Paare mir
erzählt haben.
Ähneln sich die
Morgen danach?
Kaufmann
Natürlich nicht. Es gibt entzückte Morgen, kummervolle Morgen
und völlig unbedeutende Morgen. Gleichwohl stößt man auf einen
allgemeinen Eindruck der Scham, des Unwohlseins. Beim
Aufwachen befindet man sich in einem Zustand der Schwebe, der
Zeit und dem Gewöhnlichen entrückt. Man weiß nicht mehr so
recht, wer man ist, denn das Ich befindet sich in einem
Prozess der Veränderung. Man quält sich deshalb aber nicht mit
existenziellen Fragen wie: »Wer bin ich?«, »Wo geht es hin?«
Man verharrt in einem weichen, flaumigen Gemisch. Man
unterhält sich über Gegenstände, die in der Regel sehr banal
sind: »Hast du gut geschlafen? »Ist der Kaffee fertig?«,
»Waren die Brötchen lang genug im Ofen?« Man gibt sich
gegenseitig kleine Küsse, um die Lücken im Gespräch zu
überbrücken. Man hat wirklich den Eindruck, es passiert nichts
Bedeutendes.
Natürlich ist das
Gegenteil der Fall.
Kaufmann Ja,
manche wissen sofort, wo sie sind, ob sie aus dieser
beginnenden Geschichte etwas Festes machen wollen oder ob sie
rennen und sich aus dem Staub machen werden. Aber die meisten
lassen die Dinge auf sich zukommen. Sie versuchen zu
verstehen, was vor sich geht. Sie suchen nach Zeichen und
beobachten dabei die Einrichtung des Zimmers, das Gesicht des
Partners beim Aufwachen, seine Unterwäsche, wie er isst.
Gleichzeitig sind sie oftmals sehr besorgt. Sie haben Angst,
den Ansprüchen des Partners nicht zu genügen. Sie werden
plötzlich sehr schamhaft. Die Frauen, aber auch die Männer
sagen: »Ich sehe nicht so gut aus«, »ich schäme mich ein wenig
meines Körpers« - Aussagen, in denen sich der generelle Mangel
an Selbstwertgefühl in der heutigen Gesellschaft spiegelt. Sie
haben das Bedürfnis, auf Distanz zu gehen, um nachzudenken,
sich zu fragen, ob sie sich gut fühlen mit dieser neuen
Identität, die gerade dabei ist, sich zu formieren. Die
taktischen Varianten sind zahlreich: Flucht ins Badezimmer,
zum Bäcker, oder geradewegs zu sich nach Hause mit dem Satz
»wir telefonieren«.
Ja, das ist
frappierend in der Untersuchung: Die Zahl der Männer, die
Croissants holen geht.
Kaufmann
Croissants-holen-gehen ist ideal, weil es einem erlaubt
durchzuatmen und gleichzeitig die Partnerin zu verwöhnen.
Manche kommen übrigens nie vom Bäcker zurück. Ein Mann hat mir
gestanden, dass er 30 Kilometer getrampt sei bis zu sich nach
Hause, nur um nicht mehr in das Bett seiner Schönen vom Abend
zuvor zurück zu müssen.
Gibt es bestimmte
Worte oder Verhaltensweisen, die ausschlaggebend sind für
diesen Meinungsumschwung?
Kaufmann Nein,
viele machen innerlich negative Bemerkungen über den anderen:
»diese dämlichen Hausschuhe«, »diese furchtbare Unterhose aus
dem Aldi«, »dieses kitschige Badezimmer«. Aber das entmutigt
nicht zwangsläufig. Die kummervollen Morgen schließen nicht
immer eine Zukunft als Paar aus. Nehmen wir das Beispiel von
einer der Personen der Untersuchung, Vincent. Sein erster
Morgen war ein Alptraum. Alles war furchtbar, Spinnen und
Mäuse, die das Haus seiner Partnerin bevölkerten, die Gerüche
des Nachttopfs, das schreckliche Bild, das über seinem Kopf an
der Wand hing. Und dennoch, er blieb bei ihr.
Letztlich ist es auch
und vor allem der Wille der Partner, sich aufeinander
einzulassen, der den Fortgang der Geschichte bestimmt.
Kaufmann Ja,
schauen Sie sich den Fall von Rodolphe an: Er ist sehr
verliebt in seine Partnerin, im Bett läuft es perfekt,
Zärtlichkeit, Begehren sind da. Und dennoch führt der Kontakt
mit der gewöhnlichen Alltagswelt dazu, dass alles verdirbt.
Plötzlich bemerkt er, dass sie geräuschvoll atmet, dass sie
geschwollene Augen hat und das findet keinerlei Gnade vor
seinen Augen. Um die Beziehung über den ersten Morgen danach
hinaus weiter zu verfolgen, muss man bereit sein, sein Leben
zu ändern und sein altes Ich hinter sich zu lassen. Aus diesem
Grund sind Begegnungen in unserer heutigen Gesellschaft so
kompliziert: Man hat Angst, seine Identität zu verlieren,
seine Orientierungspunkte durcheinander zu bringen. Wir sind
alle in einem Widerspruch gefangen: Auf der einen Seite wollen
wir eine partnerschaftliche Beziehung eingehen, um nicht mehr
so sehr unter Druck zu stehen; wir wollen uns geliebt fühlen
und aufgehoben, wollen eine Familie gründen. Auf der anderen
Seite hat man Angst, sich zu täuschen und die Kontrolle über
seine Existenz zu verlieren. Eine permanente Spannung, die am
Morgen danach offen zu Tage tritt. Um in diesem Moment nicht
völlig durcheinander zu geraten, lässt man sich mittragen, man
sagt sich, wir werden schon sehen.
Sie schreiben sogar,
dass eine Paarbeziehung entsteht, weil man sich nicht trennt.
Kaufmann Ja, wenn
die Klippe des ersten Morgens danach einmal umschifft ist,
stehen die Chancen gut, dass sich eine dauerhafte Beziehung
einstellt. Heute tun sich die Menschen schwer damit,
Entscheidungen zu treffen. Man wird mitgerissen, oft auf einer
feucht-fröhlichen Party, man lernt jemanden kennen, man findet
sich am nächsten Morgen Seite an Seite wieder, und so bleibt
es dann auch. Auf diese Weise finden heute viele Paare
zueinander.
Aber wie deuten Sie
die Liebe auf den ersten Blick, die große Liebe, die alles
andere beiseite fegt?
Kaufmann Ah, die
schicksalhafte Liebe, die in den Sternen geschrieben steht und
die vom Himmel fällt. Die Vorstellung, dass es nur eine
einzige, richtige Person für mich gibt, und dass diese Person
von einer leuchtenden Aura umgeben sein wird an dem Tag, an
dem ich ihr begegne. Das ist ein Mythos. Im wirklichen Leben
passiert das nur ganz wenigen. Es gibt nicht nur eine Person,
die zu einem passt, sondern mehrere. Und je nach meiner Wahl
wird mein Leben anders sein und auch meine Identität wird eine
andere sein.
Aber wir alle halten
in unserem Glauben an diesem Mythos fest.
Kaufmann Das ist
wahr. Übrigens neigen die Leute in meiner Untersuchung dazu,
ihre Geschichten umzuschreiben, um nicht zugeben zu müssen,
dass sie in der Folge eines feucht-fröhlichen Abends
zusammengefunden haben, oder sie behaupten, dass sie bereits
lange vorher Freunde gewesen seien, bevor sie zu Liebenden
wurden. Sie tun alles, um nur irgendwie am Mythos der Liebe
auf den ersten Blick festhalten zu können, der auch heute noch
unsere Vorstellung in Sachen Liebe beherrscht. Sie können sich
nicht vorstellen, wie verheerend dieses Ideal wirkt. Man
wartet auf diesen Tag, an dem Cupido seinen Pfeil auf einen
schießt und einen damit elektrisiert. Ich habe Frauen sagen
hören: »An diesem Tag werde ich es genau wissen!« Wenn sie auf
eine Abendgesellschaft, zu einem Abendessen kommen, schauen
sie sich im Kreis um und sagen verärgert: »Nein, er ist nicht
dabei!« Aber Begegnungen sind nicht immer romantisch. Schauen
Sie, in meiner Untersuchung gibt es einen, der sich am Morgen
danach nicht mehr an den Namen seiner Begleiterin erinnern
konnte, eine andere gesteht beim Frühstück, nicht verliebt zu
sein und mit ihrem Partner nur geschlafen zu habe, um etwas zu
erzählen zu haben... und dennoch kam es in beiden Fällen zu
einer Paarbeziehung. Doch auch bei denjenigen, die in einer
Paarbeziehung leben, ist nicht alles so klar und eindeutig.
Sie haben manchmal den Eindruck, als müssten sie auf etwas in
ihrem Leben verzichten. »Das ist keine umwerfende
Liebesgeschichte, wie in den Romanen, aber ich bin eigentlich
ganz glücklich!« Dabei habe sie in vielen Fällen eine
wunderbare Beziehung zustande gebracht.
Sie schreiben, dass
diese Untersuchung sie dazu gebracht hätte, ihre Meinung über
das Leben als Paar zu ändern. Was sie sagen, klingt nach einem
Loblied auf die Routine.
Kaufmann Das Paar
ist in erster Linie ein Instrument der Bequemlichkeit und der
Unterstützung. Man braucht den anderen, um sich an seiner
Schulter anlehnen zu können, weil es eine so schwere Aufgabe
ist, die eigene Identität zu schaffen. Ich bin vielleicht ein
wenig provokativ, aber wenn erst einmal der Zustand der
Verzauberung am Anfang vorbei ist, wäre die letzte Person, die
zu verführen man Lust hätte, der eigene Partner. Denn wenn man
nach Hause kommt, sehnt man sich nach Behaglichkeit. Das
Risiko besteht darin, den Partner nicht mehr wahrzunehmen und
sich in der Routine zu verlieren. Dennoch kommen viele Paare
gut miteinander klar. Im Verlauf der Untersuchung habe ich
eine neue Form der Liebe entdeckt, die sich sehr von den
emotionalen Stürmen der leidenschaftlichen Liebe
unterscheidet, eine partnerschaftliche Liebe, die sich aus
sanfter Zuneigung, aus Vertrautheit und aus Zärtlichkeit
zusammensetzt. Und auch aus einer besonderen Art des
Vergnügens, einer wohltuenden Kultur des Unscheinbaren.
Die meisten ihrer
Gesprächspartner haben aber noch keine zehn Jahre des
Zusammenlebens hinter sich.
Kaufmann Ich habe
den Eindruck, dass sich allmählich ein neues Modell der Liebe
etabliert, das realistischer und pragmatischer ist. Die
Menschen träumen von der leidenschaftlichen Liebe, aber sie
misstrauen ihr auch. Sie wollen von der Leidenschaft
mitgerissen werden, vom Begehren des anderen. Aber sie wollen
auch die Kontrolle behalten, um nicht zu leiden. Die Beziehung
befindet sich zu jedem Zeitpunkt auf dem Prüfstand: Man prüft,
ob man sich wohl fühlt, authentisch, ob die Gefühle echt sind.
Man geht vorsichtig vor, tastend und hofft dabei, sein Glück
zu finden. Darin besteht das Drama heute: Man hat solche Angst
davor, sich zu täuschen, dass man ganz zaghaft und vorsichtig
wird.
Jean-Claude Kaufmann
ist Soziologe am Centre national de la Recherche Scientifique
(CNRS) an der Universität Paris V - Sorbonne. Von ihm sind bei
UVK die Bücher »Schmutzige Wäsche. Zur ehelichen Konstruktion
von Alltag«, »Frauenkörper - Männerblicke«, »Das verstehende
Interview«, »Mit Leib und Seele« und »Singlefrau und
Märchenprinz« erschienen. Im Februar 2004 erscheint sein neues
Buch »Der Morgen danach«.