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Luc Boltanski:
Der neue Geist des Kapitalismus & Abtreibungen
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Luc Boltanski in seiner
eigenen Schreibe
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Luc Boltanski: Porträts
und
Gespräche
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MEISTER, Martina
(2007): Was es heißt, eine Frau zu sein.
Der französische Soziologe Luc Boltanski hat über das Tabu der
Abtreibung geforscht. Beim Ungeborenen findet er die Paradoxien der
menschlichen Existenz. Ein Porträt,
in: Literaturen, Nr.5 , Mai
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Klappentext
"Die Abtreibung gehört auch heute
noch zu den umstrittensten Fragen unserer
Gesellschaft. Weder findet sie eine breite
gesellschaftliche Akzeptanz, noch wird offen über
sie gesprochen. Abtreibung ist nach wie vor ein
gesellschaftliches Tabu. Eine merkwürdige Grauzone
umgibt sie. Das mag durchaus überraschen, da die
Abtreibung in den westlichen Ländern unter
bestimmten Voraussetzungen legal ist. Das Recht auf
Abtreibung gehört zudem zu den Errungenschaften der
Frauenbewegung und des Kampfes um die
Selbstbestimmung der Frau.
Der französische Soziologe Luc
Boltanski versucht, diese paradoxe Situation zu
erklären. Dabei greift er zum einen auf ausführliche
Interviews mit einhundert Frauen zurück, die von
ihren persönlichen Erfahrungen mit der Abtreibung
berichten, und rekonstruiert zum anderen eine
umfassende Geschichte der gesellschaftlichen
Abtreibungspraxis von der Antike bis zur Gegenwart.
Die Entscheidung für oder gegen Abtreibung, so
skizziert Boltanski seine Hauptthese, erweist sich
dabei als unauflösbarer Widerspruch, der der
gesellschaftlichen Ordnung insgesamt innewohnt:
Einerseits ist jedes einzelne menschliche Wesen
einzigartig und unersetzbar, andererseits ist seine
Austauschbarkeit Grundvoraussetzung dafür, daß sich
die Gesellschaft fortwährend demographisch erneuert.
Diese Paradoxie wiederholt sich in der symbolischen
Ordnung, die der Schwangerschaft, der Geburt und der
Abtreibung ihre gesellschaftlichen Regeln gibt.
Boltanskis Buch führte in Frankreich zu
einer heftigen und überaus kontroversen Debatte, in
der es um nichts weniger ging als um die Grundregeln
der gegenwärtigen Gesellschaft."
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Rezensionen
-
RUTSCHKY, Katharina (2007): Gescheiterte Experimente.
Der französische Soziologe Luc Boltanski erforscht die
Gründe für Abtreibungen,
in: Berliner Zeitung v. 22.05.
- Inhalt:
"Die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche ist
zwar seit der Reform des Paragraphen 218 kontinuierlich
gesunken - zuletzt von 135 000 im Jahr 2001 auf knapp 120
000 im Jahr 2006 - aber immer noch hoch. (...). Verfügt
nicht jede Frau, jedes Paar über eine ganze Palette von
Methoden zur Empfängniskontrolle? Ist Sexualkunde nicht
Thema bereits in der Grundschule?
Oder sollen wir umgekehrt die hohe Zahl der Abbrüche nicht
auf Unwissen, sondern auf die kinder- und
familienfeindliche deutsche Gesellschaft zurückführen?
Frankreich, dessen Verhältnisse Luc Boltanski in seiner
»Soziologie der Abtreibung« zum Anschauungsstoff einer
bahnbrechenden Studie macht,
wird
uns oft als Vorbild empfohlen. Die Geburtenquote dort
ist vergleichsweise hoch, weil die Franzosen auch kleinste
Kinder rabenmütterideologiefrei fremdbetreuen lassen und
überall Krippen anbieten.Von den Vorzügen der
traditionellen Ganztagsschule zu schweigen. So liest man
immer wieder.
Nichts dagegen von 220 000 registrierten
Schwangerschaftsabbrüchen bei unseren Nachbarn. Liegt die
Abbruchquote in Deutschland bei 7,6 je tausend Frauen, so
ist sie in Frankreich mit 16,2 mehr als doppelt so hoch.
Kommt das daher, dass die Beratungspflicht dort 2001
abgeschafft und der Abbruch seit jeher auf Kassenkosten
ging? Müssten die Franzosen sich also diesbezüglich bei
uns belehren, während wir umgekehrt nach ihrem Vorbild
Krippen einrichten und so die Geburtenquote anheben?"
fragt sich
Katharina RUTSCHKY.
- Neu:
PAWLIK, Michael (2007): Jemands Anfang in der Schwebe.
Luc Boltanski entwirft eine Soziologe der Abtreibung,
in: Frankfurter
Allgemeine Zeitung v. 20.07.
- Inhalt:
PAWLIK beschäftigt sich vor allem mit dem postmodernen Ideal des projektgebundenen Kindes, das die Frucht einer weitgehenden Abkopplung der
Sexualität von der Zeugung ist, und die damit verbundene Sicht auf
die Abtreibung:
"Mit dem Ideal des
projektgebundenen Kindes scheint die Autonomierhetorik der
philosophischen und publizistischen Abtreibungsbefürworter sich
durchgesetzt zu haben. Wie Boltanski auf der Basis zahlreicher
Gespräche mit betroffenen Frauen darlegt, ist dem aber keineswegs
so.
(...).
Der Fötus (...) ist demnach in der Sicht derer, die über sein
Schicksal entscheiden, weder Person noch Nichtperson. An ihm bricht
sich die binäre Logik des Rechts. Boltanski hätl daher die
Abtreibung zwar einerseits für nicht legitimierbar, andererseits
aber auch für nicht strafbar."
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Klappentext
"Luc Boltanski und Ève Chiapello
beschreiben den Kapitalismus als ein normatives
System, dem es unter sich wandelnden Bedingungen
immer wieder gelingt, Menschen zu gewinnen und davon
zu überzeugen, sich am Prozess der kapitalistischen
Akkumulation zu beteiligen. Den Autoren zufolge
verdankt der Geist des Kapitalismus sein
Anpassungsvermögen der gegen ihn gerichtete Kritik
und seiner Fähigkeit, diese Kritik konstruktiv zu
verarbeiten. In seiner jüngsten Ausprägung wurzelt
er im Mai 1968, als sich Künstler und Intellektuelle
gegen sämtliche durch den Kapitalismus bedingten
Prozesse der Entfremdung auflehnten.
In den Unternehmen und
Fabriken, die in jenen Jahren von Streiks und
Arbeitskämpfen massiv betroffen waren, wurde diese
emanzipatorische Kritik von jungen Führungskräften
und Beratern aufgegriffen und in einer neuen
Organisation der Produktion umgesetzt. Ergebnis
dieses Umbaus ist das »schlanke« Unternehmen der
Gegenwart. In einem detaillierten qualitativen
Vergleich zwischen der Management-Literatur der
1960er-Jahre und der 1990er-Jahre zeigen Luc
Boltanski und Eve Chiapello die normativen
Verschiebungen, die die Neuorganisation der
Produktion in den Unternehmen begleiten haben.
Der neue Geist des
Kapitalismus definiert sich durch Flexibilität,
Mobilität, Kreativität und Eigenverantwortung, die
die employability der Menschen bestimmen. Wer
über diese Eigenschaften verfügt, kann die
Möglichkeiten nutzen, die der projektbasierte
Kapitalismus des 21. Jahrhunderts bietet. Zugleich
stellt sich aber die Frage der Gerechtigkeit, vor
allem für jene, die nicht Teil der vernetzten Welt
des projektbasierten Kapitalismus sind. Einstweilen
bleibt die Kritik an diesem neuen Kapitalismus
machtlos, weil sie die Gegenwart an vergangenen
Idealen misst und die sozialen Konflikte der
Gegenwart mit Begriffen zu klären versucht, die in
der ökonomischen Realität des 21. Jahrhunderts
keinen Sinn mehr ergeben. Neue Interpretationsmuster
und ein Wiedererstarken der Kritik aber werden den
Legitimationsdruck auf den Kapitalismus erhöhen. Der
Geist des Kapitalismus wird seine Antwort auf die
Frage nach neuen Formen der Gerechtigkeit nicht
schuldig bleiben. "
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Rezensionen
-
HARTMANN, Martin (2003): Der
Kapitalismus frisst seine Kritiker.
Alles, was Ihr Wollt: Luc Boltanski und Eve Chiapello
beschreiben die Widersprüche der Netzwerkgesellschaft auf
neuestem Stand,
in: Frankfurter Rundschau v. 12.12.
- Kommentar:
"Um
sich zu rechtfertigen, hat sich der Kapitalismus der
Gegenwart Argumentationsfiguren zu eigen gemacht, die aus
der Kapitalismuskritik der sechziger und siebziger Jahre
des letzten Jahrhunderts stammen. Ob dort vom
eindimensionalen Menschen die Rede war, von entfremdeter
Arbeit oder instrumentellem Handeln - stets verband sich
mit diesen Schlagworten die Kritik an einer unpersönlichen
Fabrikdisziplin. Im Namen von Authentizität und
Selbstverwirklichung, so Boltanski und Chiapello,
formulierten linke Intellektuelle eine Kritik, die weniger
an Gerechtigkeit orientiert war als an der Schaffung
erweiterter Möglichkeiten für die
Persönlichkeitsentfaltung in den Unternehmen. So stand
einer gewerkschaftlich artikulierten »Sozialkritik« eine
»Künstlerkritik« zur Seite, die sich von dem
Nonkonformismus und der freiwilligen Außenseiterrolle der
Großstadtdandys des 19. Jahrhunderts inspirieren ließ.
Der Kapitalismus hat auf diese Kritik reagiert, er hat
gleichsam seine Kritiker gefressen,"
fasst HARTMANN die Kernthese der französischen
Wissenschaftler zusammen.
Der
bourgeoise Bohemien (Bobo)
und der "privileged
poor" verkörpern - auf je
unterschiedliche Weise - den neuen Geist des Kapitalismus.
Trendforscher wie Matthias HORX
haben jene neuen Ideologien des individualisierten
Spaßarbeiters popularisiert, deren Kehrseiten nun im
Zusammenhang mit dem neoliberalen Sozialabbau zunehmend
deutlicher sichtbar werden.
Der Poptheoretiker
Diedrich DIEDERICHSEN
hat dagegen in
"Sexbeat" auch die
Gefahren des "glücklichen Arbeitssklaventums"
beschrieben).
Im
Bild der Popökonomie
wird die
Religion dieser neuen Form des
Arbeitens auf den Punkt gebracht.
-
VOGEL, Berthold (2003): Soziale Kampfeinheiten.
Luc Boltanski und
Ève Chiapello haben eine neue Soziologie der
Kapitalismuskritik formuliert. Ihre Studie setzt die Reihe
der großen Gesellschaftsanalysen fort, die Pierre Bourdieu
und Robert Castel begründeten
in: TAZ v.
20.12.
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