Klappentext
"Seit die letzten weißen
Flecke von unseren Landkarten verschwunden
und die verwegenen Abenteurer in die
Romanwelt verbannt sind, ist unser Alltag
grau geworden. In einer Gesellschaft der
Pflichtversicherten ist für den
ungebärdigen Helden und den Bohemien kein
Platz. Der regierende Zwang zur Anpassung ans
Mittelmaß hat den neuen Herrn Jedermann
geschaffen. Doch auch in dessen Brust rumort
die Sehnsucht nach der Befreiung vom
täglichen Einerlei. Wo er das Abenteuer
sucht und was er dort findet, analysieren
Bruckner und Finkielkraut mit Witz und
Ironie.
Schicht für Schicht wird der Berg der
Mythologien des Alltagsabenteuers abgetragen.
Es geht um Mythen des Krieges und der
Guerilla, um die Flucht in den Urlaub, die
Fallstricke der Zweierbeziehung, das Reisen
einst und jetzt, die Großstadt und die coole
Generation. Schließlich folgt noch ein
bittersüßer Nachruf auf das große
Happening, das den hermetischen Trott mit
Phantasie sprengen wollte: der Mai '68 und
die Folgen. Am Ende haben die beiden Autoren
nicht nur die Lebenskunst des neuen Jedermann
aus den Angeln gehoben. En pasant ist auch
ein hellsichtiges Psychogramm des
Lebensgefühls in den siebziger Jahren
entstanden."
Zitate:
Der Club Méditerranée
als höchste Entwicklungsstufe des
klassischen Tourismus
"Den Club
Méditerranée, die Wochenendversion
einer Gesellschaft ohne Klassen, ohne Geld
und ohne Arbeit, eine wahrhaft konkrete
Utopie, die Tag und Nacht funktioniert, Jahr
um Jahr, Ort der idealen Ehe des Neuen
Menschen mit einer zauberhaften Natur."
(S.60)
"Ausbeutung durch
die Einsamkeit in der Fabrik oder im Büro,
Ausbeutung der Einsamkeit im Urlaub
und das Aufkommen eines neuen
Wirtschaftszweiges der Begegnungsindustrie.
Märchenhafter Zynismus einer Gesellschaft,
die an beiden Enden der Kette jene Krankheit
verwaltet, die sie verursacht, um sozusagen
doppelten Gewinn aus ihr zu
schlagen."(S.62)
"Das wahre Leben, das der
Club auf seine Fahnen schreibt, ist (...) der
Gegenalltag: Leben ohne Flaute, Genuß ohne
Hindernis. Diese alte Platte der
Situationisten ist zum Losungswort und zur
Verheißung des Clubs geworden, denn er
verkehrt ins Wünschenswert-Positive jene
Prinzipien, die die industrielle Gesellschaft
ablehnt: Lässigkeit, Sinneslust, Nichtstun,
spontane Ernährung, Gleichheit aller vor der
Fülle und dem Überfluß. Der Club ist die
genaue Umkehrung der Welt von Arbeit und
Verdienst." (S.64)
"Gewiß ist der Club
Méditerranée (...) ein gewährtes, also
vorgegebenes Vergnügen. Dennoch zwingt
er niemanden zum sexuellen Konsum, sondern
genügt sich damit, die Voraussetzungen des
Liebesabenteuers zu schaffen. Er ist eine
Utopie, die weiß, wo sie haltzumachen hat,
die die Initiative nicht unterdrückt,
keinerlei Kontakte verordnet und den
Narzißmus nicht antastet." (S.67)
Die Krise der Ehe als
Krise der Gesellschaftsordnung
"Was ist von einer Analyse
zu haten, die jede Unbeständigkeit, also
auch die Leichtfertigkeit gegenüber der Ehe,
als Pathologie oder Verwirrtheit denunziert?
Von einer Krise zu sprechen heißt, sich
angesichts der Unbeständigkeit auf die Seite
der Dauer zu schlagen (...). Der Begriff der
Krise verurteilt die Deserteure der Ewigkeit
zu chronischem Unbehagen und sucht in jeder
Unschlüssigkeit des Gefühls die
ohnmächtige Nostalgie jener Zeit, da die Ehe
fürs Leben eine Selbstverständlichkeit war.
Nun ist aber die Verantwortlosigkeit keine
häusliche Krankheit. Die unverheirateten
Eheleute sind weder Opfer noch zuchtlos, sie
sind Adepten des Vagen. Wenn man schon
unbedingt in Begriffen von Verwirrung und
Störung denken will, so wäre festzustellen,
daß sich die Ordnung in der Krise
befindet und nicht die Verhaltensweisen, auf
denen nicht mehr der Zwang zur Beständigkeit
lastet." (S.92)
Die Ursachen der
Unbeständigkeit
"Das Eigentum schuf
beständige Wesen, die Lohnabhängigkeit
schafft flatterhafte Geschöpfe. Nichts in
der Hand, nichts auf der hohen Kante, so sind
wir Bräute ohne Brautschatz, ähnlich jenen
Weißnäherinnen und Wäscherinnen des Ancien
Régime, die zum Heiratsmarkt nicht
zugelassen waren, weil sie keine Mitgift
hatten (...) Mit der generellen Ausbreitung
der Lohnarbeit verlor die Zweierbeziehung
ihre Funktion, das Familienvermögen zu
vergrößern. Auf der anderen Seite brauchten
die Frauen nur massenhaft Zugang zur
wirtschaftlichen Unabhängigkeit zu finden,
und schon befanden sich »ewig« und
»Liebe« nicht mehr automatisch in derselben
Gedichtzeile (...). Die Moralordnung geht
unter, getroffen von einem Doppelschlag: von
der wuchernden Ausbreitung bohemehafter
Liebschaften und von der juvenilen
Leichtfertigkeit, die die Grenzen der Jugend
weit überschreitet." (S.95)
Die Auflösung der
Entwicklungsstufen
"Auf die einst
lebenslängliche Ernsthaftigkeit nach einer
organischen Zeit der Reife folgt heute eine
pikareske Zeit, eine Folge ohne Zusammenhang,
eine Akkumulation für nichts, ein
Lebensstil, der die Erfahrungen inkonsequent
und beziehungslos aneinanderreiht (...). Wir
altern, ohne zu reifen, weil unsere
Leidenschaften uns nichts mehr lehren: keine
Erziehung des Herzens krönt jemals ihre
wirre Folge." (S.95)
Vom "den Hof
machen" zur Technik des Aufreißens
"Ein Abenteuer des Gefühls
verlangte einst drei Protagonisten: Romeo,
Julia und die anderen. Heute bleiben die
Verliebten unter sich (...). Der Tod aus
Liebe ist veraltet, weil es kein
mörderisches Kollektiv und keinen
allmächtigen Vater mehr gibt, die sich
zwischen die Partner stellen könnten(...).
Durch diese Tilgung des Dritten entstand vor
noch nicht so langer Zeit die Begegnung.
Die zufällige Berührung zweier fremder
Schicksale kann nur in einer anonymen Welt
stattfinden (...). Die Kontingenz ersetzt die
Mittlerfunktion der Gemeinschaft."
(S.97)
"Der Bedeutungsverlust der
Gesellschaft bedingt andererseits, daß sich
die alten Verführungsriten in die Technik
des Aufreißens verwandelt haben (...). In
diesem Zweipersonenstück ist der andere
zugleich der Preis und die Jury. Selbst an
den rituellen Orten des Aufreißens (in der
Disko oder beim Samstagsabendschwoof) bewirkt
die Unpersönlichkeit des Umfelds eine
vehemente Personalisierung unserer
Begegnungen; die Neutralität der Umgebung
verhindert beiläufige Annäherungen und
macht aus dem Gespräch unter vier Augen
sofort einen Ort der Verführung. Schon der
erste Kontakt trägt ehelichen Charakter. Auf
Anhieb ist man Du und Ich, vom ersten Moment
an ein Paar." (S.98f.)
Der Aufstieg des Paars
"Nichts entzieht sich dem
Imperialismus der Zweierzahl, nicht einmal
die ersten zögernden Schritte zu einer
Gefühlsverbindung. Die Gesellschaft ist tot
und die Zweierbeziehung ihr Universalerbe. In
ungeheurem Maß profitiert die Ehe von der
Auflösung der gesellschaftlichen Existenz.
Genau in dem Augenblick, da die Ehe nicht
mehr unwideruflich ist, wird es die
Zweierbeziehung (...). Wir erleben nicht die
Krise sondern die Morgenröte der
Zweierbeziehung, die Geburt der Zahl
zwei." (S.99)
Die Entkopplung von Ehe
und Familie
"Mag sie schließlich noch
so sehr nach Orthodoxie streben, die
Zweierbeziehung hat kein Nachher mehr, eine
familiäre Zweckbestimmtheit, deren Werkzeug
sie wäre (...). Kinder sind beispielsweise
nicht mehr ihr Schicksal. Einst war
fruchtbare Sexualität die Norm und
spielerische Erotik ihre Perversion. Wer
würde heute noch behaupten wollen, es sei
ein Vergehen gegen die Natur, also
widernatürlich, wenn man der Fruchtbarkeit
vorbeugt? Die Begriffe haben sich umgekehrt.
Natürlich ist es, zu lieben, künstlich ist
es zu zeugen." (S.102)
Das Wunschkind als
Problem der Wahlfreiheit
"Niederschmetternd die
Freiheit einer gänzlich programmierbaren
Geburt, eine so totale Wahlfreiheit, daß sie
schon wieder lähmt. Sind wir schon reif?
Glücklich genug zusammen? Unser selbst
sicher genug? Sind wir bereit, unserem Baby
unsere gesamte Freizeit zu opfern?"
(S.102)
Die Nutzlosigkeit der
alten Ehe im Postpillen-Zeitalter
"Sobald die Zeugung aus
ihrem natürlichen Bezugssystem herausfällt,
bricht ein ganzes symbolisches Universum
zusammen. Die Zweierbeziehung läßt sich
nicht mehr als transitorische und
funktionelle Form erleben, die von einer
überlegenen Macht gewählt wurde, um für
die Fortdauer der Geschöpfe zu sorgen. Wozu
dient sie dann, die Ehe? Zu gar nichts. Sie
ist eine unnütze Veranstaltung, eine
willkürliche Verbindung (...). Ob sich der
Haushalt Kinder zulegt oder nicht - sie sind
fortan weder seine Bestimmung, noch seine
Erfüllung. Wir haben Kinder (oder nicht),
eine Nachkommenschaft haben wir kaum noch.
Die Natur entzieht und verflüchtigt sich,
was dem Eheleben verbietet, die Reproduktion
zu seinem Grundprinzip zu machen."
(S.103)
Der Sinn der neuen Ehe
"Was will nun aber die
eheliche Dyade heute? Nur dies: den Wahnsinn
in die Wohnung schmuggeln, das heißt, die
Dauer in den Dienst der Lust stellen und sich
alle Empfindungen wieder aneignen, die als
unvereinbar mit häuslichem Leben
galten" (S.104)
Die Scheidung als Folge
des neuen Eheideals
"Heute hat man vorm
Überdruß mehr Angst als vor der Trennung
(...). Die Routine ist ein Abstieg, den
nichts mehr rechtfertigt. Neben dieser
allmählichen Katastrophe - der Ehe -
erscheint die Scheidung als das kleinere
Übel."
Die Individualisierung
der Ehe
"Vor dem Wir das Ich
- der einzelne weigert sich, ganz in der
ehelichen Identität aufzugehen. Gegen den
häuslichen Imperialismus setzt er das
»eigene Zimmer«. Fortan müssen die Paare
mit dem störrischen Egoismus ihrer
Bestandteile rechnen (...). Statt eine
Metamorphose zu feiern, gibt man der
Entscheidung für die Ehe alle Züge der
Entscheidung für ein Junggesellendasein. Die
Hochzeit war das obligate Protokoll einer binären
Welt, in der es noch einen gewissen Sinn
hatte, kein Blaustrumpf bleiben zu wollen
oder sein Leben als Hagestolz zu verbringen.
Ihr folgt eine Zwitterwelt, in der die
Liebenden bestrebt sind, lediglich partielle
Veränderungen zu erfahren, in der man
zugleich das eine und das ganz andere sein
möchte, alleinstehend und verheiratet.
Ehe und Single-Dasein
nähern sich einander an
"Ehe, freie Verbindung,
Zölibat - diese Dreiteilung ist veraltet. Es
gibt immer mehr offiziell Verheiratete, die
als »Singles« leben, spießige Ehen ohne
Trauschein, in den die Partner leben wie Mann
und Frau, und schließlich Leute, die man
keiner der drei Kategorien zurechnen kann, da
sie allen dreien zugleich angehören."
Der puritanische
Hedonist
"Der puritanische
Hedonismus, dieses moderne Ungeheuer, ist
entstanden aus der Verbindung von Lustprinzip
und Prinzip des Nicht-Müßiggangs (...).
Wir haben eine kaufmännische Vorstellung vom
abenteuerlichen Leben und das macht uns zu
Geschäftsführern der Lust, mit dem einzigen
Ziel, die Erfahrungen zu maximieren und den
Gebrauch noch des unbedeutesten Augenblicks
zu intensivieren." (S.205)
Suburbanität ersetzt
Urbanität
"Was Verstädterung genannt
wird, ist nicht die monströse Geburt einer
Megalopolis, sondern die weit monströsere
einer Megalosuburbia, einer riesigen nicht
abreißenden Vorstadt. In New York, dieser
irrsinnigen Konzentration, wo sich auf
engstem Raum eine ungeheure Menge von Energie
entfaltet, wird Amerika sich selber fremd.
Man wird kein neues Manhattan bauen, die
Zukunft der Menschheit ist Los Angeles, die
im Raum sich verlierende Stadt." (S.215)
Die kinderlose Stadt
"Kinderreiche Familien
werden an die Peripherie gedrängt, während
im Inneren der Hauptstadt nur kinderlose
Ehepaare leben. »Ein Erwachsener, zwei
Erwachsene, drei Erwachsene, aber in 60 % der
Haushalte keine Kinder.« Mit einem Haufen
schreiender Gören kann man nicht in einem
Einzimmerapartment für 1000 Francs im Monat
leben. So sehen sich viele junge Pariser vor
ein noch nie dagewesenes Dilemma gestellt:
entweder Sterilität oder Emigration.
Zunächst verflüchtigt sich die Kindheit aus
der Großstadt. Wohlhabende und geschäftige
Erwachsene halten den Stadtraum
besetzt." (S.217)
Cocooning
"Noch vor zwanzig Jahren
waren abendliche Unterhaltung und Ausgehen
synonym (...). Was noch vor kurzem
aushäusliches, ja »antihäusliches
Vergnügen« (Fourier) war, ist zur
Stubenhockerlust verkommen (...). Alle
Gesellschaften bis zu unseren waren
Gesellschaften des Spektakels - man
versammelte sich im Tempel, im Zirkus, im
Theater und selbst noch im Kino. Erst wir
verfügen über das technische Wunderwerk
eines Spektakels ohne Gesellschaft, eine
Zerstreuung, die uns zwar von unseren
Problemen ablenkt, aber an unsere Wohnungen
fesselt, eines Vergnügens, das sich im
gleichen Moment eine Vielzahl vereinzelter,
auf ihre Häuslichkeiten verteilter
Individiduen zu Gemüte führt (...). Das
Fernsehen (...) ist das Meisterstück einer
Gesellschaft, die sich unablässig
atomisiert, ihre Mitglieder isoliert und nach
dem Prinzip des Jeder-für-sich
funktioniert." (S.221f.)
"Was ist ein Einwohner?
Einer, der nicht mehr ausschwärmt, der die
Straße vergißt zugunsten seines trauten
Heims, die Menge zugunsten seiner Familie,
das Draußen zugunsten seines Kokons; ein
Mensch des Innenraums, der sich außer
Reichweite der Massen und ihrer
Zersetzungskraft bringt." (S.240)
Die Kinder des
Wohlfahrtsstaat
"Wir sind (...) das Produkt
der infamen Hochzeit von Komfort und
Banalität, die Kinder von McDonald's und der
Sozialversicherung. Verlorene Generation?
Verloren hat diese Generation lediglich
Ereignis und Unrast. Bequeme Generation,
Generation von Etappenschweinen, von
Nachtmützen, die das Frösteln zur
Lebensform erhoben haben und immer zu tief
hinauswollen (...) Die sechziger Jahre:
das Reich der Banalität mit seinen beiden
Provinzen Überdruß und Simulation."
(S.255)
Wir Zaungäste
"wenn der erste Teil des
Jahrhunderts tragisch gewesen ist, in Gestalt
von Stalinismus und Faschismus (...), so sind
die folgenden dreißig Jahre ständige Farce
und Mimikry gewesen, ein großes Massengrab
für die Clowns, die ihre Jugend damit
vergeudet haben, ihre Vorväter nachzuäffen
und all die Mythologien auszupressen, die
jene ihnen als geistigen Mundvorrat mit auf
den Weg gaben. Das letzte Vierteljahrhundert
wird ihnen nun vielleicht zur Romantik
geraten, doch es wird eine unruhige Romantik
sein (...). Das ist unsere Lage heute, da
fortgeschrittenes Machertum und
Krisenmanagement den revolutionären
Messianismus ersetzt haben und die Geschichte
sich in lauter Pastiches der eigenen Episoden
aufsplittert. Als nüchterne Kinder eines
maßlosen Jahrhunderts, die wir als geistiges
Gepäck nur eine unbestimmte Sehnsucht und
eine maßlose Unentschlossenheit mitbekommen
haben, wissen wir nicht so recht, welche
Rolle wir übernehmen, welche Persönlichkeit
wir uns zulegen, welche Maske wir uns auf
unser Gesicht schminken sollen, das die
eignen Nacktheit so schlecht erträgt. Mit
einem Wort, wir sind die Kinder der
Desillusionierung und des Zögerns."
(S.256)
Von der Revolte zurück
in den Alltag
"Wir sind Ex-Gläubige, und
dieser Atheismus ganz neuer Art veranlaßt
uns, uns den Dingen, um die es in der Politik
geht, um so bereitwilliger zu widmen, als wir
ihnen sehr wenig von uns selbst widmen. Denn
nur die enttäuschten Liebhaber und die
eifernden Frömmler verkünden heute das Ende
der Politik." (S.261)
Von der politischen
Bewegung zum Dienstleistungsstaat
"Die Leute erwarten
Dienstleistungen, aber was ihnen die
Politiker statt dessen andienen wollen, ist
ein Schicksal. Vorbei die großen Epen von
Ordnung und Revolutionen. Parteien und
Gewerkschaften spielen fortan die gleiche
Rolle wie die Versicherungsanstalten.
Fürsorgeinstitutionen sind sie, von denen
wir verlangen, daß sie unser Recht auf Leben
garantieren, nicht aber, daß sei unserem
Leben einen Sinn geben.
(...).
Politik ohne Utopie, ohne seelische Zutat
ist, eine materielle und eben nicht mehr
religiöse Politik. Mobilisiert werden wir
heute nicht mehr vom Marxschen »die Welt
verändern« oder vom Rimbaudschen »das
Leben verändern«, diesen
abgedroschenen Imperativen, diesen Losungen
einer bereits veralteten Modernität.
Mobilisiert werden wir von dem bescheidenen
und prosaischen »Recht auf...«.
Recht auf Glück, auf Sicherheit, auf
Gesundheit, auf Mindestlohn.
Unveräußerliches Recht, als solches über
alle Pflicht gestellt." (S. 263)
Pluralisierung statt
Polarisierung
"die Minderheiten haben
recht behalten gegenüber der von der
Revolutionsidee verhängten
Einheitsdisziplin. Jede Konfrontation ist ein
Sonderfall, die Kämpfe werden jder für sich
ausgefochten (...). Alle Proteste und
Verweigerungen sind heute partiell und
minoritär (sogar der Klassenkampf), denn
abhanden gekommen ist uns der Ort der Großen
Verweigerung (...). In einem politischen
Raum, der nirgends mehr einen Mittelpunkt
hat, führt kein Weg von der Vielfalt zu
Einheit (...). Ende aller Hierarchien,
Unmöglichkeit jeder logischen
Unterordnung." (S.272)
Der kleinbürgerliche
Individualismus der Angestellten in der
polarisierten Gesellschaft
"»Was ist, altes Haus, du
amüsierst dich, und im Ruhrgebiet sind
Arbeiter entlassen worden?« Um diesen
alltäglichen Verrat zu bezeichnen, spricht
man auch gelegentlich von kleinbürgerlichem
Individualismus. Dieser Ausdruck ist
übrigens ein Pleonasmus, denn wwer sonst als
der Kleinbürger sollte sich in der Falle des
Individualismus fangen? Als Angehöriger
einer Zwischenklasse muß er ganz natürlich
zu der Auffassung gelangen, daß sich die
wesentlichen Dinge des Lebens außerhalb des
Klassenkampfes abspielen. Wenn er sich mehr
für sich selbst als für Politik
interessiert, so weil er nicht mit Leib und
Seele Akteur des gesellschaftlichen
Konfliktes ist (...). Egoistisch weil
nebensächlich, ist der Kleinbürger das
Stiefkind der Geschichte. In diesem Melodrama
für zwei Personen nimmt er den Platz des
Parasiten ein. Metaphysisch ist er eine Null,
weil er im Gegensatz zum Proletarier nicht
den Auftrag hat, dem Menschen das Heil zu
bringen. Ideologisch ist er zurückgeblieben,
weil er anders als der Kapitalist stets eine
mystische Auffassung von der
gesellschaftlichen Totalität hat. Moralisch
schließlich ist er schuldig, weil er in
Selbstgerechtigkeit erstickt. Der
Kleinbürger ist der Antiheld der Geschichte
(...). Dennoch läßt die revolutionäre
Logik diesem Armseligen die Möglichkeit,
sich freizukaufen. Er kann Abbitte leisten,
indem er sich für die Sache der
Arbeiterklasse engagiert, und
engagieren heißt für diese nutzlose Kreatur
zuallererst, sich dafür zu entschuldigen,
daß sie zu nichts dienlich ist und im
Kielwasser der Geschichte dahintreibt. Die
sozialistische Ideologie hat die Politik um
die unvergeßliche Schöpfung eines
Sühneaktivismus bereichert. Politisches
Engagement als Bußübung"
(S.273f.)
Auf dem Weg in die Neue
Mitte
"das Arbeiter-Überich ist
tot, überall nehmen die individualistischen
Kleinbürger überhand, die sich ebensowenig
mit der sozialistischen Ordnung einrichten
können wie mit den überlieferten
moralischen Imperativen." (S. 276)
Die Politik der Neuen
Mitte für die individualisierte Gesellschaft
"Heute ist der Marxismus in
lobenswertem aggiornamento darum
bemüht, sich der Realität der
Arbeiterklasse anzupassen." (S.276)
Die
Individualisierungsthese
"Wenn alle Klassen sich
einander annähern und miteinander mischen,
begegnen sich ihre Angehörigen mit
Gleichgültigkeit und wie Fremde.
Kleinbürger, das heißt im modernen Westen
eine Lebensweise, die vom Topmanager zum
angelernten Arbeiter allen eigen ist, der
Kleinbürger ist ein universeller Mensch. Die
sozialen Klassen konstituierten noch vor
kurzem, nach der Familie und der Nation, die
letzte Heimat. Heute bildet keine Klasse mehr
einen dichten und geschlossenen Körper, jede
hat ein bißchen an allen anderen teil - eine
konfuse Gesellschaft, der man nur noch ein
bißchen mehr Konfusion wünschen kann; und
obwohl es Kleinbürger gibt, gibt es keine
Kleinbürgerklasse, weil die Kleinbürger
weder eine gemeinsame Tradition noch eine
gemeinsame Hoffnung haben. Es gibt noch
Glieder, aber keinen Körper mehr, jeder
läßt die Rollen im Stich, die Gesellschaft
und Geburt für ihn vorgesehen hatten. Wäre
der Jedermann also der Mann ohne
Eigenschaften? Oder ist er nicht vielmehr aus
so widersprüchlichen Eigenschaften gemacht,
daß man kein Porträt von ihm zeichnen kann.
Eher inkonsequent als indifferent, ist er
weniger der Mann ohne Bestimmung als der Mann
ohne Stabilität - und daher der Mann ohne
Persönlichkeit." (S.282)