Die neuen Reaktionäre und
der Sozialstaat
"Wie
Hirschman (1992) gezeigt hat, breitete sich eine vielfältige
»Rhetorik der Reaktion« aus und beklagte die paradoxe »Entsozialisierung
des Sozialstaats« - man sprach von Kosten, die er verursacht,
von den Lasten, die er zu tragen hat, und von den
Ungerechtigkeiten, die er produziert -, eine Rhetorik, die
fast auf allen Seiten des politischen Spektrums zu hören war.
(...). Obwohl diese politisch-moralische Kritik am Sozialstaat
auf jeweils ganz unterschiedlichen Voraussetzungen beruhte,
ist eine gewisse »Familienähnlichkeit« zwischen den kritischen
Positionen unverkennbar. Die Argumente von Libertären aus dem
linken wie rechten Lager, Fortschrittsbefürwortern und
Menschenrechtsaktivisten, Verfechtern von Bürgerrechten und
Anwälten einer Stärkung von Basisinitiativen stimmten
insbesondere darin überein, dass sie die Subjekte, die
regiert werden sollten, in neuer Weise definierten. Menschen,
die es zu regieren galt - Männer wie Frauen, Reiche und Arme
-, wurden nunmehr als Individuen begriffen, die selbst einen
aktiven Part bei diesem ihrem Regiertwerden zu
übernehmen hatten. Ihre Mitverantwortung wurde nicht länger
als ein Verhältnis gesehen, das Bürger und Gesellschaft
einander verpflichtet und das durch Vermittlung des Staates
umgesetzt und geregelt wird, sondern als ein Verhältnis, durch
das Einzelne denen gegenüber gebunden und verantwortlich ist,
die ihm am nächsten stehen und deren Schicksal er teilt."
(S.77f.)
Von der Community als
Gegengift zum Regieren durch Community
"Bereits Anfang der
sechziger Jahre bemühten Soziologen die »Community« als
mögliches Gegengift gegen die Einsamkeit und Isolierung des
Einzelnen in der »Massengesellschaft«. Anfangs entfaltete
sich diese Vorstellung von der Gemeinschaft als verloren
gegangener Authentizität und Zusammengehörigkeit im sozialen
Raum als Teil der Kritik und Opposition gegen eine
bürgerferne Bürokratie. Wer sich als Aktivist für die
Gemeinschaft stark machte, war kein Vertreter des
wohlfahrtsstaatlichen Systems, das ja gerade als
Entmündigungs-, Überwachungs- und Kontrollinstanz galt; »Community«-Aktivisten
waren im Gegenteil jene, die dem System in irgendeiner Form
ausgeliefert waren, die Bewohner von Wohnsiedlungen,
Sanierungsgebieten und Ghettos. Annähernd zeitgleich wurde
der Gemeinschaftsdiskurs auch von den Behörden,
beispielsweise der Polizei, übernommen, um die Probleme zu
begreifen, mit denen sie in »sozialen Brennpunkten«
konfrontiert waren (...).
Umgekehrt intensivierte die Soziologie unter dem Stichwort
der Gemeinschaft ihre empirische Forschungstätigkeit über
das menschliche Zusammenleben und untersuchte die
kulturellen Bande und lokalen Verankerungen, die als
Grundlage der moralischen Ordnung galten. Innerhalb kurzer
Zeit verwandelte sich das, was als Diskurs des Widerstands
und der Gegenkultur begonnen hatte, aus zweifellos höchst
ehrenwerten Motiven in einen Expertendiskurs und verfestigte
sich zu einem professionellen Aufgabenfeld. »Community« war
fortan etwas für Gemeinschafts-Entwicklungsprogramme; sie
kam unter die Obhut der öffentlichen Hand (...).
Was auf diese Weise Gestalt annahm, war eine neue Art und
Weise, einen Bereich des Regierens abzugrenzen, dessen
Kräfteverhältnisse mobilisiert, integriert und in neuen
Programmen und Techniken genutzt werden konnten. Diese
beruhten auf er Instrumentalisierung persönlicher
Loyalitätsbeziehungen und der Bereitschaft, aktiv
Verantwortung zu übernehmen: Regieren durch Community.
In ebendieser Bedeutung hat sich der Terminus »Community« in
neueren politischen Debatten in den Vordergrund gespielt
(z.B. Etzioni 1995; Grey 1996)." (S.80f.)
Habitusgemeinschaften
"Heute ist man (...)
der Auffassung, dass unser gesellschaftlicher Zusammenhalt
aktuell oder potenziell durch eine Vielzahl von
»Gemeinschaften« bestimmt wird: (religiöse, ökologische oder
feministische) Überzeugungsgemeinschaften,
Habitusgemeinschaften (die sich über ihre
Geschmacksvorlieben, ihren Modevorstellungen oder
Lebensformen definieren, Betroffenengruppen (Behinderte,
Selbsthilfegruppen bei speziellen Krankheiten,
Bürgerinitiativen) und so weiter. Gelegentlich werden sie
nach den geografischen Koordinaten definiert, die sich auf
winzig kleine Räume beziehen. In anderen Fällen handelt es
sich um »virtuelle Gemeinschaften«, die durch keinen
»wirklichen« Raum beziehungsweise keine »wirkliche« Zeit,
sondern durch ein Netz kommunikativer Relais wie etwa
Symbole, Bilder, Moden und sonstige Formen der
Identifikation, miteinander verbunden sind". (S.82)
Eingegliederte
unternehmerische Einzelne und die Marginalisierten
"Unter Eingegliederten
verstehe ich diejenigen, die gesellschaftlich integriert
sind: Personen und deren Familien, die über ausreichende
finanzielle, bildungsmäßige und moralische Möglichkeiten
verfügen, um die Rolle von aktiven Bürgern in
selbstverantwortlichen sozialen Zusammenhängen zu
übernehmen. Um weiter dazuzugehören, muss der Einzelne sich
bewusst entschließen, sein Leben als »Unternehmen« zu
führen.
(...).
Demgegenüber sind die Marginalisierten diejenigen, denen man
die Zugehörigkeit zu diesen anerkannten und zivilisierten
kulturellen Gemeinschaften abspricht. Entweder gelten sie
aufgrund ihrer Unfähigkeit, ihr Leben selbstbestimmt in den
Griff zu bekommen, als grundsätzlich in kein
Kollektiv integrierbar, oder sie werden als zu irgendeiner
»Anti-Gemeinschaft« gehörig betrachtet, deren
Moralvorstellungen, Lebensstil und Gebaren als Bedrohung
oder Vorwurf an die Adresse öffentlicher Zufriedenheit und
der politischen Ordnung wahrgenommen werden.
Risikoindustrie,
Risikopolitik und Angstgesellschaft
"Die
Sozialversicherung wurde eine Bestandteil der
staatsbürgerlichen Rechte. (...). Selbstverständlich trat im
Verlauf des 20. Jahrhunderts jenes ältere Gebot persönlicher
Vorsorge zum eignen Wohl und dem seiner Angehörigen nicht
völlig in den Hintergrund. Gleichwohl lässt sich sagen, dass
es heute zu einer strategischen Wende in der Politik der
sozialen Sicherheit gekommen ist. Erneut fordern Politiker
und andere den Einzelnen auf, selbst die
Verantwortung für seine soziale Sicherung und die seiner
Familie zu übernehmen (...). Diese »neue Versorgerrhetorik«
(O'Malley 1992) nutzt die aus der Konsumptionssphäre
vertrauten Techniken - Werbung, Marktforschung, Marktnischen
ausnutzen und dergleichen -, um die Zukunftsängste des
Einzelnen um sich und seine Nächsten zu schüren, um uns dazu
zu bringen, diese Risiken unter Kontrolle zu halten und
unser Schicksal durch den Erwerb einer für uns und unsere
spezielle Situation maßgeschneiderten Versicherung zu
meistern. Ganz offensichtlich ist hier eine
»Risikoindustrie« am Werk, die im eigenen Profitinteresse
für ihre Produkte nach Märkten sucht und solche schafft.
Doch es gibt daneben auch eine Politik des Risikos, wenn
sich etwa Politiker in Warnungen über die Zukunft der
Altersrenten und der sozialen Sicherungssysteme ergehen".
(S.96f.)
Lebensstil-Optimierung
als Imperativ des Risikomanagements
"Die Moral einer
Lebensstil-Optimierung, an die sich eine Logik anschließt,
nach der ein Schuldiger für alles gefunden werden muss, was
die »Lebensqualität« des Einzelnen zu gefährden droht, setzt
den unerbittlichen Imperativ des Risikomanagements frei.
(...). Diese Mechanismen, durch die der Einzelne wiederum
für das Management der ihn bedrohenden Risiken
verantwortlich gemacht wird, eröffnen ein Feld, dessen
Kennzeichen Unsicherheit, Unübersichtlichkeit und Angst sind
und das infolgedessen förmlich dazu einlädt, beständige neue
Probleme zu konstruieren und neue Lösungen marktfähig zu
präsentieren." (S.98f.)