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Florian Coulmas:
Die Kultur Japans
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Florian Coulmas in seiner
eigenen Schreibe
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"Japan
war (...) das erste Land, in dem es nach 1945 zu einem drastischen
Geburtenrückgang kam",
lesen wir und fragen uns erstaunt, wie
konnte Japan trotz Geburtenrückgang derart lange wirtschaftliches
Vorbild für Deutschland sein? Den Autor interessiert das jedoch
gar nicht.
Und
auf der Strecke bleibt auch die Tatsache, dass Japan in den 70er
Jahren einen "Alters-Schock" erlebte. Arthur
E. IMHOF beschreibt,
"daß erwachsene (20jährige) Menschen
nicht länger, wie noch unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg
durchschnittlich mit 60,9 Jahren (Männer) und 64,9 Jahren (Frauen)
starben, sondern (im Jahr 1970) mit 71,3 und 76,1 Jahren. Doch war
nicht nur die Lebenserwartung in kurzer Zeit sprunghaft
angestiegen; im Zusammenhang damit hatte ein ebenso rascher Wandel
vom alten zum neuen Sterbemuster stattgefunden, weg von den ehedem
rasch tötenden Infektionskrankheiten und hin zu langwierigen
chronischen degenerativen Leiden, zu Senilität und langer
Abhängigkeit von Fremdbetreuung." (Individualismus und
Lebenserwartung in Japan. Japans Interesse an uns, 1986).
IMHOF
erwähnt einen japanischen Bestseller aus dem Jahr 1972, der das
Problem auf den Punkt brachte. Die Schriftstellerin
Sawako ARIYOSHI
beschreibt in der Novelle Kokukotsu no hito das Dilemma einer modernen
japanischen Frau angesichts des Pflegeproblems, für das im
damaligen Japan kein Bewusstsein vorhanden war.
Die
Entstehung des Schimpfwortes vom "parasitären Single", das
modernen berufstätigen Singlefrauen gerne angehängt wird, hat
seine Ursache u. a. auch in dieser rasanten Entwicklung der Zunahme
der Lebenserwartung. |
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Waren bislang
"parasitäre Singles", also
Frauen, das Gesellschaftsthema Nr.1, wenn es um Japan ging, so hat
nun COULMAS den freigesetzten Mann als Problemfall der alternden
Gesellschaft entdeckt:
"Als
«Sperrmüll» wurden die Männer bezeichnet, die nach Jahrzehnten der
Arbeit plötzlich tagsüber zu Hause waren - sie stehen im Weg und
sind schwer loszuwerden. «Nasses Herbstlaub» ist ein anderer wenig
schmeichelhafter Ausdruck - klebt an den Schuhen und ist zu nichts
zu gebrauchen. Frauen, die mit derart nichtsnutzigen Männern
geschlagen sind, gestehen offen ein, ihre verwitweten Freundinnen zu
beneiden. Das «Mann-zu- Hause-Stress-Syndrom» wurde zum
Gesprächsthema. Die Zahl der Scheidungen im Rentenalter nimmt in
Japan schneller zu als in jeder anderen Altersgruppe.
Mittlerweile schenkt man dem Problem nicht mehr nur in Talkshows
Aufmerksamkeit; auch die Wissenschaft hat sich seiner angenommen.
Der Soziologe Hidehiko Sekizawa bezeichnet die ausgebrannten Männer
der heutigen Rentnergeneration als das grösste Problem der alternden
Gesellschaft, sie noch einmal einen Sinn im Leben finden, neue
Erfahrungs- und Tätigkeitsfelder erschliessen zu lassen, als eine
vordringliche Aufgabe, zu deren Lösung die Betroffenen selbst nicht
in der Lage sind."
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Florian COULMAS beschreibt die demografische
Krise in Japan als Folge der Zunahme flexibler
Doppelverdiener-Arbeitsverhältnisse in der "Freeta-Generation":
"Vorübergehende Arbeitsverhältnisse
nehmen ständig zu. Ihre Inhaber sind als Freeta bekannt - ein
Wortbastard aus «free» und «Arbeit». Mehr als vier Millionen sind es
bereits. Was als vermeintlich erstrebenswerte Alternative zur
Tretmühle des Angestelltendaseins mit dem vorgezeichneten Lebensplan
begann, ist zum Strukturelement der Neuordnung der Gesellschaft
geworden. Denn die erste Freeta-Generation ist jetzt bereits Mitte 30.
Eine feste Stelle mit Pensionsberechtigung werden nur die
allerwenigsten von ihnen noch bekommen. Die Mittelschicht mit
Festanstellung und gleichmässig steigenden Löhnen schmilzt dahin. Das
Brotverdiener-Modell der Familie ist obsolet. Schon mehr als 60
Prozent aller Haushalte beruhen heute auf zwei Einkommen. Unterdessen
geht die Geburtenrate weiter zurück, die Zahl der Scheidungen steigt,
und Eheschliessungen werden immer länger hinausgeschoben. Alternative
Partnerschaftsformen nehmen zu."
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COULMAS berichtet aus
Japan:
"Die
Volkszählung (...) soll die Datengrundlage für die Entwicklung neuer
politischer Konzepte in den Bereichen Familie, Rente und Gesundheit
liefern. Nach den Wahlen im September kam eine aktive
Bevölkerungspolitik unter den bei den Bürgern erfragten Erwartungen
an die Politik immerhin auf den fünften Platz. Viele Menschen sehen
in der niedrigen Geburtenrate und der ihr folgenden
Bevölkerungsschrumpfung eine Bedrohung."
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COULMAS, Florian (2005): Eine Last und
keine Lust.
Die Japaner heiraten nicht gern und wünschen sich keine Kinder: Das
Land schrumpft,
in: Süddeutsche Zeitung v. 29.10.
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Florian COULMAS erzählt die Geschichte von
Midori Ohara, einer gut gebildeten, 30jährigen Nesthockerin als
typische Frau einer jungen Generation, die sich der Tradition
verweigert:
"Das
traditionelle Verhältnis der Geschlechter und damit das
Brotverdienermodell der japanischen Familie ist obsolet, ein neues,
in dem zwei arbeitende Partner und Kinder Platz haben und auch die
Großeltern nicht nur als Last angesehen werden, ist noch nicht
etabliert."
COULMAS
sieht im steigenden Heiratsalter und der niedrigen Geburtenrate ein
Symptom dieses gesellschaftlichen Wandels, bei dem
Bevölkerungsalterung und neoliberale Ökonomisierung des Lebens
zusammenwirken. In
Tokio ist für COULMAS dieser Trend am ausgeprägtesten:
"Die
Geburtenrate der japanischen Hauptstadt liegt mit 1,0 noch deutlich
unter dem Landesdurchschnitt."
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"Hikikomori ist ein Begriff, den vor einigen Jahren
der Psychologe Tamaki Saito geprägt hat. Er bedeutet «akuter
Rückzug aus der Gesellschaft» und bezeichnet sowohl das Syndrom
als auch die davon Befallenen.
(...). Hikikomori ist heute in Japan eine anerkannte
Zivilisationskrankheit, deren Auftreten den Rahmen individueller
Fehlentwicklung längst gesprengt hat. Die Zahl der Betroffenen
wird auf über eine Million geschätzt.
(...).
Achtzig Prozent der Hikikomori sind junge Männer über achtzehn",
berichtet Florian COULMAS, der das
Phänomen der Hikikomori auch im Zusammenhang mit der
Modernisierung Japans sieht:
"Kollektivismus war die herrschende Ideologie, die von dem
Einzelnen verlangte, sich im Interesse des Gemeinwohls
unterzuordnen, es ihm aber auch erlaubte, sich einzuordnen,
mit dem Strom zu schwimmen in der Gewissheit, voranzukommen und
nichts falsch zu machen.
Inzwischen sind die Grundlagen des steten gleichförmigen Aufstiegs
zerbrochen. Die Deregulierung des Arbeitsmarkts im Zuge der
Globalisierung und der lang anhaltenden Wirtschaftsflaute seit
Beginn der neunziger Jahre hat zu einem drastischen Rückgang
dauerhafter Beschäftigungsverhältnisse geführt. Statt durch
Wachstum und Konformitätsdruck ist das Leben durch Risiko und
Konkurrenzdruck gekennzeichnet, eine Entwicklung, die an der
ideologischen Front durch die Propagierung des Individualismus als
wertvoller Lebenshaltung noch verstärkt wird."
Zu den
demographischen Ursachen des Phänomens hat COULMAS Spekulatives zu
bieten, nämlich die Verringerung der Personen pro Haushalt, die
COULMAS als Vormarsch er Ein-Kind-Familie beschreibt:
"Begleitet wurde diese Entwicklung von
tiefgreifendem
demografischem Wandel mit vielen Folgen für die Gesellschaft."
(...).
Alle Energie, alle Hoffnungen und Erwartungen der Eltern
konzentrieren sich auf die wenigen Kinder, deren Wünsche erfüllt
werden und die nicht lernen, einem Druck standzuhalten und sich
durchzusetzen.
Die Verkleinerung der Familie bringt neue Persönlichkeitstypen und
neue Interaktionsmuster hervor, wie sie die Hikikomori
exemplifizieren. Beweise dafür, dass diese Art der Unangepasstheit
eine Folge der verminderten Familiengrösse ist, gibt es nicht,
aber die wachsende Zahl von Einzelkindern wird von vielen Japanern
mit Sorge betrachtet. Die Einzelkind-Familie ist auf dem
Vormarsch."
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COULMAS, Florian (2008): Muttersprache: Japanisch.
Roboter sind nicht länger Spielzeug, sie werden in unserem Leben
eine immer grössere Rolle spielen,
in: Neue Zürcher Zeitung v. 15.05.
COULMAS, Florian (2008): Zwischen Japan und Amerika.
Okinawa – die bittere Idylle einer Insel im Ostchinesischen Meer,
in:
Neue Zürcher
Zeitung v. 06.11.
"Okinawa ist die ärmste Präfektur Japans, aber auch
die, wo die Menschen am längsten leben und die meisten Kinder
bekommen",
berichtet Florian COULMAS. |
COULMAS, Florian (2008): Die Grenzen des Reichtums.
Glück hat Konjunktur, doch wird es durch seine konsumgestützte
Verwirklichung immer schaler – in Japan und anderswo auf der Welt,
in:
Neue Zürcher
Zeitung v. 24.11.
Neu:
COULMAS, Florian (2010): Der müde Samurai.
Die Japaner sind erschöpft - Sie sind alt geworden,
in:
Neue Zürcher
Zeitung v. 09.04.
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Klappentext
"Nure ochiba,
»nasses Laub«, das an den Schuhen klebt, wurde in
Japan zum Wort des Jahres gekrönt. Es bezeichnet
boshaft pensionierte Männer, die ohne Aufgabe
zuhause ihr Dasein fristen und zum Problem für ihre
Angehörigen werden.
Die Japaner
sind reich, leben sicher und gesund und erfreuen
sich hoher Bildung. Trotzdem sind sie nicht sehr
zufrieden; denn starke Kräfte zwingen die
zweitgrößte Wirtschaftsmacht der Welt zu
tiefgreifenden Veränderungen, allen voran die
Globalisierung der Märkte und die Alterung. Der
Autor untersucht die Auswirkungen dieser beiden
Entwicklungen auf das Verhältnis der Geschlechter
und Generationen, die sozialen Netzwerke, die
Politik und den Arbeitsmarkt, aber auch auf
gesellschaftliche Normen und Vorstellungen von Leben
und Tod. Um ihren Wohlstand zu erhalten, muß die
Gesellschaft umgebaut werden. Ein eindrücklicher
Blick auf ein Land, das in rasanter Weise
Veränderungen durchmacht, die sich in Deutschland
erst langsam abzeichnen."
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Inhaltsverzeichnis
Vorwort
I
Zeichen der Veränderungen
II Das Problem der Generationen und die Struktur der
Gesellschaft
III Soziale Beziehungsnetzwerke
IV Das einsame Kind
V
Frauen und Männer an der Arbeit
VI Die Vergesellschaftung der Pflege
VII "Reife" Kunden
VIII Das Risiko der Langlebigkeit und die Renten
IX Politik der Alten von Alten für Alte?
X
Grenzen des Alterns?
XI Ausländer rein?
XII Bevölkerungsalterung und sozialer Wandel
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fehlen noch
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Klappentext
"Denkt
man an Japan, so kommen einem zunächst einmal vor
allem Stereotype in den Sinn. Das
»Land
des Lächelns«
gilt als Kulturraum, in dem die Menschen bis zum
Umfallen arbeiten, strenge Förmlichkeit das
Verhalten bestimmt und Tradition und Moderne eine
eigenartige Symbiose eingegangen sind. Entsprechend
changiert unsere Vorstellung von Japan zwischen
Zen-Buddhismus und Japan-Pop, zwischen Kalligraphie
und Manga. Ausgehend von der doppelten Frage, was an
der japanischen Kultur japanisch und was kulturell
ist, zeigt Florian Coulmas, was die heutige
japanische Kultur von anderen unterscheidet, und
verdeutlicht, was unter Kultur zu verstehen ist: das
Verhalten im Alltag und die sozialen Beziehungen
(Umgangsformen, Verwandtschaft etc.); Werte und
Überzeugungen (vor allem religiöser Art);
Institutionen wie der Jahreszyklus, die Schule oder
die Firma; schließlich Formen materieller Kultur
(u.a. Kleidung und Mode, Behausung und Architektur,
Essen und Ästhetik). Die Analyse des geistigen
Hintergrunds kultureller Traditionen ermöglicht es,
Verhaltensweisen, Wertvorstellungen und Formen der
ästhetischen Gestaltung zu verstehen, die auch dem
hyper-modernen Japan von heute einen ganz eigenen,
unverwechselbaren Platz in der zunehmend
globalisierten Welt erhalten haben."
Pressestimmen
"Kultur im konventionelleren, engeren Sinne (...)
hat in diesem Buch keinen Platz. Literatur, bildende
und darstellende Künste werden lediglich als
»kulturelles Subsystem« erwähnt."
(Irmela Hijya-Kirschnereit in der
Frankfurter Rundschau vom 26.11.)
"Florian Coulmas, ursprünglich Linguist, hat
sich in den vergangenen Jahren immer mehr zum
Kulturwissenschaftler und Ethnologen entwickelt -
übrigens auch der deutschen Gesellschaft, die er
nach einem langjährigen Japanaufenthalt durch die
verfremdende ethnografische Brille gelesen hat. Nun
hat er eine Synthese der »Kultur
Japans« vorgelegt. Das ist ein sehr
anspruchsvolles Unterfangen.
Coulmas will zeigen, dass auch in einer modernen
Gesellschaft wie der japanischen die
Handlungsspielräume nicht in erster Linie durch die
Sozialstruktur bestimmt werden, sondern dass
Soziales und kulturelle Muster in beständiger
Wechselwirkung stehen.
(...).
Wer eine Analyse des modernen Japan sucht, wird bei
Coulmas nur in Ansätzen bedient. Wer jedoch nach der
Wirkung kultureller Traditionen fragt, die auch im
gegenwärtigen Japan eine mehr oder weniger große
Rolle spielen, wird in diesem schönen Buch gut
informiert."
(Sebastian Conrad in der Berliner
Zeitung vom 26.04.2004)
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HIJYA-KIRSCHNEREIT, Irmela (2003): Die Nudeln der Anderen.
Florian Coulmas
bahnt sich einen Weg durch die Klischees vom Land des
Lächelns, der Arbeitsdisziplin und der Teezeremonie,
in: Frankfurter Rundschau v. 26.11.
CONRAD, Sebastian (2004):
Essstäbchen bitte kreuzen.
Florian Coulmas wirft einen Blick auf die "Kultur Japans"
und übersieht die blondierten Haare,
in: Berliner Zeitung v. 26.04.
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Klappentext
"Bis vor
kurzem galt Japan als das Vorbild einer modernen
Industriegesellschaft ohne Schattenseiten. Wohlstand
für alle, kaum Arbeitslosigkeit, sozialer Frieden,
heile Familien und eine geringe Kriminalitätsquote.
Die Illusion, daß sich diese Erfolgsgeschichte
unendlich fortsetzen würde, ist mittlerweile
zerplatzt wie eine Seifenblase. Florian Coulmas
aktueller Bericht gibt einen spannenden Einblick in
die Phänomene und Hintergründe der japanischen
Krise."
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Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Risutora
1
Von der Internationalisierung zur Globalisierung
2
Zwischen Asien und der Welt
3
Nachkriegszeit, Postmoderne, Jahrhundertende
4
Der Kampf um die Geschichte
5
Träume: Von Produzenten zu Konsumenten
6
Umbruch in der Politik: Reform und Trägheit
7
Von Homogenität zu (mehr) Pluralität
8
Frauen und Männer: Lebensmodelle im Wandel
9
Auf Messers Schneide: Jugend ohne Vorbild
10 Abschied von Traditionen: Mehr Offenheit statt
Korruption?
Zitat:
Die vergreisende
Gesellschaft als zukünftiges Problem
"In Japan ehrt man das Alter, aber diese Tendenz
betrachten doch viele mit gewisser Beklemmung. 1947
war die durchschnittliche Lebenserwartung für Frauen
54, die für Männer 50 Jahre. Ein halbes Jahrhundert
später war sie für beide Geschlechter fast 30 Jahre
länger. Mit 83 bzw. 77 Jahren hatten Japanerinnen
und Japaner die höchste Lebenserwartung der Welt.
Rückblickend ist darin gewiß ein Beweis ihres
Wohlstands und ihrer gut funktionierenden
Gesellschaft zu sehen, aber vorausschauend vor allem
eine gigantische Herausforderung. Die Probleme, die
die Vergreisung der Gesellschaft mit sich bringt,
können nicht länger übersehen werden.
Was
das Sozialsystem betrifft, hinkt Japan hinter
anderen Industrieländern her, konnten sich doch die
meisten bis vor einer Generation für die
Altersversorgung auf die Familie verlassen. Das ist
heute, wo die große Mehrheit der Bevölkerung in den
Städten wohnt und Drei-Generationen-Haushalte zur
Ausnahme geworden sind, anders. Der Staat muß eine
größere Rolle übernehmen, ob er will oder nicht.
Denn auf die Jungen kommen unvermeidlich größere
Lasten zu. Schon jetzt ist die Altersgruppe der bis
14jährigen kleiner als die der über 65jährigen. Der
dem Gesundheitsministerium unterstehende Rat für
Bevölkerungsprobleme hat eine Rechnung vorgelegt,
nach der die sozialen Lasten - Steuern,
Krankenversicherung, Rente - für den
durchschnittlichen Arbeitnehmer von 38,5 % seines
Einkommens Ende der neunziger Jahre auf 55,5 % im
Jahre 2025 anwachsen werden. Dabei wurde ein
durchschnittliches jährliches Wirtschaftswachstum
von 1,5 % bis 1,75 % vorausgesetzt. Bei geringerem
Wachstum werden die Lasten für die Steuerzahler noch
größer sein. Es wird erwartet, daß die japanische
Bevölkerung bis 2007 weiter auf 127 Millionen
anwächst und dann abnimmt. Als Folge dieser
Entwicklung werden um die Mitte des nächsten
Jahrhunderts 1,7 Menschen im arbeitsfähigen Alter
für einen Senior sorgen müssen, während das
Verhältnis jetzt noch 4,7 zu 1 ist." (S.112f.)
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