"Die Familie Tachibana
lebt am Rande Tokyos in einem bescheiden komfortablen
Einfamilienhaus. Ehemann Nabutoshi ist Angestellter in einer
Handelsfirma. Seine Ehefrau Akiko arbeitet ganztätig als
Sekretärin in einer Anwaltspraxis. Beide sind in ihren »besten
Jahren«, das heißt im mittleren Alter. Sie haben einen einzigen
Sohn, Satoshi. Er bereitet sich intensiv auf das für seine
spätere Karriere entscheidende Eintrittsexamen auf die höhere
Schule vor. - Auf dem zum Haus gehörigen Gartengrundstück leben
Nabutoshis Eltern in einem eigens für sie errichteten kleinen
Heim. Der Vater Shigezo ist 84, die Mutter ein Jahrzehnt jünger.
Völlig unerwartet stirbt sie an einem Schlaganfall. Erst jetzt
wird allen deutlich, wie senil Shigezo geworden ist. Er kann
nicht mehr allein für sich sorgen, sondern braucht permanente
Betreuung. Das Drama kann beginnen.
Entsprechend japanischer Tradition ist es die Aufgabe des
ältesten Sohnes, seinen Vater bei sich aufzunehmen, und Aufgabe
der Schwiegertochter, ihn zu betreuen. Doch Akiko hängt an ihrem
Beruf und weigert sich, zu Hause zu bleiben. Da Shigezo
wiederholt von zu Hause wegläuft, findet sich keines der sowieso
seltenen Alters- und Pflegeheime bereit, ihn aufzunehmen.
Einzige Alternative wäre die permanente Unterbringung in einer
Irrenanstalt - ein für Japaner unakzeptierbarer Gedanke.
Schließlich bahnt sich eine Lösung insofern an, als Akiko ihren
Beruf nur noch an drei Tagen in der Woche ausübt und die
restlichen vier nach ihrem Schwiegervater schaut, während ein
Studentenehepaar, das die leere Gartenwohnung bezieht, an drei
Tagen die Betreuung Shigezos übernimmt."
(aus: Arthur E. Imhof "Individualismus und
Lebenserwartung in Japan. Japans Interesse an uns", 1986)
Der
historische Hintergrund
"Wie in mehreren anderen
europäischen Ländern hatten wir (...) auch in Deutschland
bereits mehr Zeit, uns an die Situation eines hohen Anteils von
älteren Menschen zu gewöhnen und historische Erfahrungen zu
sammeln. die Japaner dagegen erlebten vor allem in den 1950er
und 1960er Jahren einen Alterungs-Schock, und viele leben noch
heute darunter. (Swako Ariyoshis Novelle »Kokotsu no hito« (...)
war 1972 erschienen und sofort zum vielhunderttauschenfachen
Bestseller in Japan geworden. Die Nation hatte offensichtlich
auf die Behandlung des Themas gewartet."
(aus: Arthur E. Imhof "Individualismus und
Lebenserwartung in Japan. Japans Interesse an uns", 1986)
Japan
auf dem Weg zu einer Gesellschaft der Einzelgänger?
"Ariyoshis Postulat »Growing
old should not be someone else's problem« (...) richtet sich in
erster Linie an jeden einzelnen von uns. Wir müssen selbst dafür
sorgen, daß die quantitativ zusätzlichen Jahre auch qualitativ
tatsächlich gewonnene Lebensjahre werden.
Dies leitet zur zentralen abschließenden Frage über. Wollte
Ariyoshi andeuten, daß sich auch die Japaner zunehmend zum
Einzelgängertum bekennen sollten? Sie werden nun einmal, genauso
wir wir auch, älter als nur pensionsreif. (...) Shigezo täglich
vor Augen, der die zusätzlichen Jahre bloß vergeudet hatte,
entschied sie (Anm.: Akiko) sich dafür, vorbeugend etwas zu tun,
für ihren Körper und ihren Geist. Dabei dachte sie
offensichtlich nur an sich, nur an ihre eigene Zukunft, als
Individuum. (...). Japan auf dem Weg zu einem Volk von
Einzelgängern?"
(aus: Arthur E. Imhof "Individualismus und
Lebenserwartung in Japan. Japans Interesse an uns", 1986)
Vergleich der Haushaltsentwicklung in der Bundesrepublik und
Japan
"Bundesrepublik bereits
1950 an einem Punkt angelangt, auf den Japan eben erst zugeht
(...). Würde nun diese parallele, wenn auch zeitverschobene
Entwicklung im selben Tempo weiterverlaufen, würde Japan im Jahr
2000 etwa dort angelangt sein, wo die Bundesrepublik 1970 stand.
(...). Schon 1950 bestand in der Bundesrepublik jeder fünfte
Haushalt aus einer einzigen Person (19,4 %), 1970 jeder vierte
(25,1 %), 1982 fast schon jeder dritte (31,3 %). In gut dreißig
Jahren dürfte Japan (...) ebenfalls dort angelangt sein.
(aus: Arthur E. Imhof "Individualismus und
Lebenserwartung in Japan. Japans Interesse an uns", 1986)
Individualisierung als Fortschritt
"Man sollte m. E. (...) die
zunehmende Zahl alter Menschen, die allein leben (wollen) (...)
als eines der deutlichen Anzeichen für einen allgemeinen Trend
zum Einzelgängertum nehmen. Vor diesem breiten Hintergrund gäbe
es denn auch weniger Veranlassung schockiert zu sein.
Pointiert ließe sich die These aufstellen, daß der Mensch -
gleichgültig ob jung, ob alt - an sich gar kein soziales Wesen
ist, das in irgendwelchen »Gemeinschaften« völlig aufgehen
möchte. Er war bloß situationsbedingt bis vor kurzer Zeit dazu
gezwungen gewesen. Wenn er jedoch die Möglichkeit hat und ihm
die Möglichkeiten von einer Gesellschaft bereitgestellt werden,
als einzelner durchs Leben zu gehen, dann tut er das und nimmt
die Gelegenheit dazu wahr."
(aus: Arthur E. Imhof "Individualismus und
Lebenserwartung in Japan. Japans Interesse an uns", 1986)