Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Frauenarbeit. Zur Geschichte des Konflikts
Hausarbeit/Beruf
Wechselfälle. Perspektiven im Zusammenhang der
Arbeitszeitverkürzung - nicht nur für Frauen
Gegen eine politische Ökonomie der Hausarbeit
Die Kunst, miteinander auszukommen. Bemerkungen über
einen Verlust
Der Feminismus der CDU
Selbständige Frauen. Die ökonomische Seite der
Emanzipation
Goldspinnerei. Die Geschäftsfrau als Ahnin der
Emanzipation
Vom richtigen Leben mit Schulden und von der
Kreditfähigkeit der Frau
Zitate:
Die Hausfrau oder die
Familie als letztes Bollwerk gegen den Kapitalismus
"Tradiert
wird immer noch das frühbürgerliche, heute praktisch
überholte Bild von der Frau, die einfach nur »zuhause
bleibt« (selbst wenn sie sich, dableibend, abschuftet):
für den Mann, für Söhne und Töchter und für Gott. Was da
so stark ist, daß es dieses Bild bis heute erhält, ist
(...) ein überfraktionelles und unterbewußtes
Schutzbedürfnis der Gesellschaftsglieder vor den
Gewalten, die die Akkumulation losgetreten hatte.
Das war es also, was die Frau, die »zuhause bleibt« tat:
dasein für die Familie. In dem Sprachgebrauch, mit dem
ich aufgewachsen bin (...), klingt das alles noch mit:
der Widerstand gegen die kapitalistische
Vergesellschaftung, die Sehnsucht nach einem
Fluchtpunkt, auf den sie alle zustreben könnten". (S.25)
"Die Vorstellung,
daß Hausarbeit und Familienpflege sich der
kapitalistischen Vergesellschaftung sprich
Marktgesetzlichkeit, bis zu einem gewissen Grade
entzieht, verdient bewahrt und zur Grundlage einer
Strategie gemacht zu werden, innerhalb derer sich die
Privatsphäre, ob nun in der sozialen Form der Familie
oder nicht, als Widerstandsmoment gegen das
Verwertungsfieber halten oder besser noch:
stabilisieren, ausbauen, innerhalb derer sich die
Fähigkeiten, die Frauen infolge ihrer langen häuslichen
Geschichte einfach »mitbringen«, bestätigen,
kultivieren, qualifizieren lassen. Die Idee eines
Schutzwalls gegen das abstrakte Funktionieren war nicht
verkehr, sie war sogar nötig, sie sollte weitergedacht
werden, aber ihre Realisierung kann heute nicht mehr
reine Frauensache sein. Das Haus, wenn es denn gelingen
sollte (...), müßte von beiden Geschlechtern, Männer und
Frauen gemeinsam gehütet werden." (S.31f.)
Die Christdemokratische Familienpolitik und die
Verschiebung der Konfliktlinien
"- Stichwort
»Gleichberechtigung«: In den früheren Jahren bezog
es sich auf die Gleichberechtigung zwischen Männern und
Frauen. Im Zuge der Tendenzwende wird eine andere
Vergleichsebene aufgebaut: die Gleichberechtigung
zwischen berufstätigen Frauen und Hausfrauen.
(...).
- Stichwort »Benachteiligung«: Früher war damit
die Benachteiligung von Frauen gegenüber Männern
gemeint, insbesondere in der Berufswelt. Jetzt wird auch
hier eine neue Vergleichsebene aufgebaut, nämlich Frauen
untereinander und gegeneinander: In den Mittelpunkt wird
die Benachteiligung der »Familienfrau« gegenüber der
»Berufsfrau« gestellt."
(...).
Besieht man sich die neue Familienpolitik im Kontext
dieser Umdeutung, so wird klar: Die Leistungen des
Staates sind jetzt keine Ersatzleistungen mehr für
entgangenes Erwerbseinkommen, sondern Belohnungen fürs
Kinder-Aufziehen, Salär für die »berufliche (!) Aufgabe
in der Familie«. Der bevölkerungspolitische Nebensinn
ist genauso deutlich wie die Absicht, den Arbeitsmarkt
von ehrgeizigen jungen Frauen zu entlasten." (S.53)
Wider die Verstaatlichung und die Privatisierung der
Kinderbetreuung
"Die
Entstaatlichung, die von rechts versucht wird, ist ja
als solche nicht falsch, und sie trifft auf einen
breiten Konsens in der Bevölkerung - die Frage ist nur,
wie die Entstaatlichung aussieht, ob es eine
Privatisierung im Kleinfamiliensinn sein muß.
Seniorenheime und Kinderkrippen können doch nicht im
Ernst Elemente einer realen Utopie sein, aber Opa und
Baby im Zweizimmer-Appartement und die berufslose Mutter
als Betreuerin - das geht erst recht nicht. Wie also?
(...).
Das ganze breite Mittelfeld zwischen staatlicher
Institution und familiärem Privatbereich (...) kann und
sollte von unten politisch beackert und von oben mit
Geld gedüngt werden; »Staatsknete für Stillgruppen«, das
wäre so etwa die Losung." (S.60f.)
Die Biologie als Verbündete gegen die Ökonomisierung des
Sozialen
"Wer die
Gebärfähigkeit von Frauen eine natürliche Potenz nennt,
gerät sofort in den Verdacht, den § 218 zu befürworten
und berufstätige Mütter moralisch zu verurteilen. Es ist
seltsam, daß so vielen engagierten Verfechterinnen der
Frauenemanzipation nicht auffällt wie bedrohlich die
Annahme einer Totalvergesellschaftung und
Vollfunktionalisierbarkeit aller menschlichen
Eigenschaften und Fähigkeiten wäre. Es gilt zu
begreifen, daß die Annahme »natürlicher« Potenzen und
Grenzen etwas Befreiendes an sich hat (...). Die
Leibbezogenheit der Hausarbeit jedenfalls belibt die
differentia specifica zu jeder anderen Arbeit."
(S.71ff.)
Die Vormoderne als Ideal
"Noch erscheint es
mir fruchtbarer zu fragen: Was haben wir verloren? (...)
Und da stoße ich auf eine ganz bestimmte Fähigkeit, die
in vorkapitalistischen Gesellschaften gelernt werden
mußte und die uns heute zunehmend abhanden kommt: die
Kunst, miteinander auszukommen. Genauer: in einem Kreis
von von Familienmitgliedern und anderen Mitbewohnern,
die sich nicht aufgrund eines freien Entschlusses
und einer individuellen Wahl zusammengefunden haben, ein
Alltagsleben zu führen." (S.78)
Die politische Konstruktion einer Verfallsgeschichte des
ganzen Hauses Großfamilie
"Es mag empirisch
belegbar sein, daß in einer Vielzahl der alten
Familienverbände auch nicht mehr als zwei Generationen
unter einem Dach lebten; das entsprach jedoch nicht den
familialen Gesellungsvorstellungen, -geboten und
-idealen jener Zeit. Es waren Notlösungen, von den
Umständen erzwungen, und immerhin gab es Stände oder
Klassen, die das Ideal verwirklichen konnten: der Adel
in Stadt und Land und das frühe Großbürgertum. Daß in
diesen hochmögenden Familien die Söhne häufig den
Heimgang des Patriarchen ersehnten, um selbst die Zügel
in die Hand zu bekommen, ist kein Einwand gegen die in
jener Zeit mächtig wirkende Tendenz, eine Familie
ähnlich einem (tierischen) Schwarm oder einer Herde
gegen alle zentrifugalen Kräfte zusammenzuhalten und zu
stärken, wobei in den reichen Klassen auch die
Dienstboten, die ja oft über Generationen hinweg bei
einer Herrschaft blieben, eine wichtige Rolle gespielt
haben. Jener Tendenz zum Zusammenhalten, die auch
Seitenzweige, angeheiratete Verwandtschaft sowie die
Loyalität nicht-verwandter Familienverbündeter wie
Berater, Helfer, Lieferanten und Dienstboten umgriff,
ist heutzutage der Boden entzogen worden (...).
Wenn man den Vergleich in dieser Weise organisiert, also
(...) nach den Strebungen, Politiken und Praktiken
fragt, (...) dann erkennt man, wie grundlegend die
Wandlungen sind, die das Familienleben in den letzten
zwei Jahrhunderten durchgemacht hat; daß eben doch einst
wegen der Dominanz der Familie als sozialem Brennpunkt
(...) sich die Bemühungen um Familieneinfluß und (auch
numerischer) -stärke, in allen Schichten bemerkbar
gemacht haben dürften - während heute mit der
Ein-Kind-Familie, der zunehmenden Heiratsunlust und der
Single-Bewegung (die weit mehr als eine Mode ist) das
andere Ende der »Familienfreundlichkeits«-Skala erreicht
hätten. Die Großfamilie - hier gefaßt als sozialer
Verband, der zwei bis vier Generationen sowie
entferntere Verwandte und Gesinde zusammenschließt -
hat es gegeben, wenn auch für manche Stände oder
Klassen eher als Idee und Vorbild denn als Realität, und
es gibt sie heute nicht nur kaum noch, sie ist auch als
Ideal und Wunschvorstellung aus den Lebensplänen und
Zukunftsphantasien der jungen Generation verschwunden."
(S.79f.)
Die Vereinzelung ist zwar vordergründig eine Befreiung,
aber letztlich ein gesellschaftlicher Leistungsverlust
"Natürlich hat uns
diese Entwicklung etwas eingebracht: Der Individuation
jener Familienglieder (im weiten Sinn), die früher in
dienender Position im und am Haus beschäftigt waren, der
Bediensteten, von der Zofe bis zum Gärtner, der
Hausfrauen, der unverheirateten weiblichen Verwandten
und - je nachdem, wie vermögend die Familie war - der
heranwachsenden Kinder ist breiterer Raum gegeben. Die
Familie hat gleichsam ihre Hand aufgehoben und die
früher von ihr Ausgebeuteten und Geschützten der
verlockenden, aber auch kalten Luft der Emanzipation
ausgesetzt. Das gilt nur in Grenzen, denn die
überlebende Kleinfamilie absorbiert immer noch die
Arbeitskraft (zu) vieler Frauen. Heranwachsende Kinder
aber haben in der Regel die Möglichkeit, sich der
elterlichen Kontrolle ab einem bestimmten Alter zu
entziehen; die ledige Tante genießt ihre Freiheit in
ihrem eigenen Appartement, anstatt sich der Familie des
Bruders gleichsam beiordnen zu lassen und auch die
Großeltern kümmern sich - meist - um ihren eigenen Kram.
Dienstpersonal schließlich gibt es gar nicht mehr,
genauer gesagt: es ist nur noch für eine winzige
Oberschicht erschwinglich. Das »überzählige« Kind aus
armer Familie hat heute wenigstens theoretisch
akzeptable Alternativen zum »In-Stellung-Gehen« (sei es
bei einer Herrschaftsfamilie oder bei Kommiß). So
vorteilhaft es zunächst unterm Strich für alle
Beteiligten aussieht, soviel zuträglicher es der Würde
des Individuums zu sein scheint, daß die Familie ihre
Diktatur über ihre Glieder und Diener gelockert hat - so
nötig ist es auf der anderen Seite, den Preis der
Freiheit abzuschätzen und bekanntzumachen. Denn die
neuen Familienformen bzw. das, was sich aus den Resten
hergestellt hat, leisten offenbar nicht genug." (S.80f.)
Die Arbeiterbewegung ist für die Abschaffung der
Dienstbotengesellschaft verantwortlich
"Die bürgerliche
Hausfrau als Herrin der Dienstboten wurde indirekt durch
die Arbeiterbewegung abgeschafft. Nachdem der
Durchschnittslohn eine gewisse Höhe erreicht und
gehalten hatte, war schließlich auch für das
Großbürgertum Personal in nennenswertem Umfang kaum noch
finanzierbar. Parallel zum Verschwinden von Diener und
Stubenmädchen aus der Liste der proletarischen Berufe
schrumpften Häuser und Wohnungen auch in der besseren
Mittelschicht auf das heutige Einfamilienmaß - die die
Frau mußte ja nun allein klarkommen. In das, was die
Kleinbürgersfrau schon lange geübt hatte, schickte sich
nun auch die bessere Dame: höchstselbst die Kinder in
die Schule fahren, einkaufen, sogar kochen und sich über
die träge Putzhilfe ärgern. Hausfrau-Sein verlor
(endgültig in der jüngsten Nachkriegszeit) die letzen
oder doch vorletzten Spuren von Muße und Kunst."
(S.25f.)
Der Trend zum Single-Haushalt als Entweiblichung und als
Ende der Leitbildfunktion der Hausfrauenehe
"Während die
Erwerbstätigkeit von Frauen, auch von Müttern, in
derjüngeren Vergangenheit weiter zunahm, bis - in der
Bundesrepublik seit sechs Jahren - das knappe
Arbeitsangebot hier eine Grenze zog, zeigen andererseits
die Reproduktionspflichten und -leistungen eine Tendenz
zur Entweiblichung: die Zahl der Ein-Personen-Haushalte,
in denen eben zunehmend auch Männer spielend sich selbst
versorgen, steigt, die Hausfrauenehe verliert ihre
Leitbildfunktion, »sorgen« und »pflegen« werden als
Neigungen und Fähigkeiten von Männern entdeckt und von
Frauen suspendiert. Diese Trends gelten natürlich nicht
für Mehrheiten, aber für solche Minderheiten, deren
soziale Experimentierlust bislang stets zur Nachahmung
angeregt hat." (S.29)