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Günter Franzen:
Vor den Müttern sterben die Söhne
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Günter Franzen in
seiner eigenen Schreibe
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FRANZEN, Günter (1990): Wenn Frauen zuviel
schreiben.
Der Mann im Zeitalter seiner feministischen Reduzierbarkeit.
Ketzerische Anmerkungen über neuere Romane von Julie Burchill, Fay
Weldon, Benoíte Groult und Erica Jong,
in: Die ZEIT v. 16.11.
FRANZEN, Günter (1999): Die Artisten im
Frauenzirkus. In:
Matthias Matussek (Hg.) Die vaterlose Gesellschaft. Briefe,
Berichte, Essays, Reinbek: Rowohlt
FRANZEN, Günter (2001): Brüder in Waffen.
Als die RAF entstand: Erinnerungen an einen Wahn, den die
Realität nährte,
in: Die ZEIT Nr.6
FRANZEN,
Günter (2001): Das Märchen von der
Schnabeltasse.
Versorgt
auf grüner Wiese: Auch Pflegeheime sind ein Weg,
im Alltag das Altern zu leugnen,
in:
Welt
v. 03.04.
-
Die Kampagne gegen Kinderlose gewinnt mit
dem Artikel von FRANZEN eine neue Dimension. Der Autor konstruiert einen
idealtypischen Lebenslauf einer 40jährigen Karrierefrau, der wohl
zukünftig die Debatte - nicht nur um die so genannte
Präimplantationsdiagnostik
- bestimmen
könnte. FRANZEN möchte damit belegen, dass Frauen mit der
Geburtenplanung heutzutage überfordert sind:
"Wir stellen uns vor, 1979,
kurz vor dem Abitur, erleidet sie mit einem gleichaltrigen
Mitschüler beim ersten sexuellen Kontakt einen Verhütungsunfall.
Mit Hilfe verständnisvoller Eltern einigen sich die Beteiligten
darauf, die Schwangerschaft in aller Stille zu unterbrechen. Zwölf
Jahre später geht sie eine Beziehung ein, die nach ihrer
Vorstellung in eine Familiengründung einmünden könnte.
Die Mitteilung des positiv ausgefallenen Babytests belehrt sie
eines Besseren. Der Mann an ihrer Seite fühlt sich überrumpelt und
macht ihr unmissverständlich klar, dass sein aufs Weite zielender
Lebensentwurf mit den Einschränkungen der Brutpflege derzeit nicht
kompatibel sei. Weil sie sich als allein erziehende Freiberuflerin
auf verlorenem Posten wähnt und den Absturz in die Sozialhilfe
fürchtet, entschließt sie sich, das Kind nicht auszutragen. 1997
endlich stehen der Erfüllung des Kinderwunsches keine äußeren
Hindernisse mehr im Wege. Ihre ökonomische Lage ist einigermaßen
stabil. Der Erfahrungshunger ihres reiferen und wesentlich älteren
Lebensgefährten scheint gestillt.
Nun droht sie ihr Körper im Stich zu lassen: Sie wird nicht
schwanger. Nach der Konsultation eines Reproduktionsmediziners
wird die künstliche Insemination eingeleitet, eine beschämende
Behandlung, die nach zwei Jahren zum Erfolg führt. Bei der
Erstellung des obligatorischen humangenetischen Gutachtens wird
der Spätgebärenden nahe gelegt (...) eine Fruchtwasseruntersuchung
(...) vornehmen zu lassen, mit der eine altersbedingte Schädigung
des Erbgutes erkannt werden kann. Ein Paar am Scheideweg, eine
Frau im Dilemma. Werden sich die betagten Eltern für ein Kind
entscheiden können, von dem nicht auszuschließen ist, dass es mit
einer irreparablen Behinderung zur Welt kommt?"
FRANZEN beruft sich mit seiner
Argumentation auf den Frankfurter Psychoanalytiker
Reimut REICHE,
der
"kürzlich unter
der Überschrift 'Und versage uns die volle Befriedigung' eine
sexualwissenschaftliche Zeitdiagnose der gegenwärtigen Kultur
formuliert (hat), in der er nicht davor zurückschreckte, das durch
die Einführung der Antibabypille in den sechziger Jahren
beförderte Ideal einer Selbststeuerung der weiblichen Individuen
für eine Entwicklung verantwortlich zu machen, die in ein bis zum
heutigen Tage anhaltendes 'kollektives Infantizid' einmündete."
FRANZEN wirft den Männern und
Frauen vor, dass sie
"seit Jahrzehnten an der Zerstörung des
werdenden Lebens auf dem Wege seiner planmäßigen Vertagung und
Verhinderung beteiligt sind."
Die Einstellung zu Kindern oszilliert nach Reiche zwischen
"Vernichtung und Vergötterung" der Kinder. Der Wunsch nach einem
Kind wird umso stärker, je näher das Ablaufen der biologischen Uhr
herannaht. Und je näher dieser Zeitpunkt rückt, desto
verzweifelter wird jede Möglichkeit der Realisierung in Anspruch
genommen werden. Diese Sicht der Dinge dürfte
auf alle Fälle den Beifall der Vollzeitmütter finden. FRANZEN
erweckt den Eindruck, dass es sich bei dem Fallbeispiel um eine
normale "Durchschnittsfrau" handelt. Zahlen bleibt er jedoch
wohlweislich schuldig. Die vielfältigen
Ursachen der
Kinderlosigkeit jenseits der Unvereinbarkeit von Kindern und
Karriere bleiben bei FRANZEN ausgeblendet. Angesichts der Zunahme von
McJobs, bei denen es selbst bei zwei Vollzeitjobs immer
schwieriger wird die Ernährung einer Familie zu sichern, wird die
These von der Selbstverwirklichungsgesellschaft mehr als
fragwürdig. |
FRANZEN, Günter (2001):
Verführung und Verfügbarkeit...
...schließen sich aus. Warum durch die sexuelle Freizügigkeit seit
1968 das Köstliche der Liebe abhanden kam,
in: Welt v. 27.07.
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|
Für alle, die
glauben, dass vor 1968 die Welt noch in Ordnung war. |
FRANZEN, Günter (2002): Die Schläfer sind unter uns,
in: Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte, H.10
FRANZEN, Günter (2004): Vor den Müttern
sterben die Söhne.
Marginalien zu einer demographischen Randerscheinung,
in:
Wespennest Nr.136 Rumänien v. 15.09.
FRANZEN, Günter (2006): Der Idiot der
Familie.
Seit sie den Krieg verloren, sind die Männer bei den Frauen in
Mißkredit: Alles Schweine. Oder: Das schwächliche Geschlecht,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 15.10.
-
FRANZEN ist weiter mit der Aufarbeitung
seiner persönlichen Herkunftsgeschichte beschäftigt, die ihn
direkt in den Schoss des Antifeminismus geführt hat. Wie
Rainer PARIS ("Doing
Gender") sieht er im Feminismus das Grundübel dieser
Gesellschaft. Der
68er Günter FRANZEN muss sich jedoch fragen lassen, warum er nicht
Ende der 70er Jahre, Anfang der 80er Jahre seine Anklage
vorbrachte. Mit 30 plus hätte er manns genug sein müssen. Damals
also, als der 70er-Jahre-Feminismus - zumindest in bestimmten
Milieus - noch Anhänger fand. Heute
dagegen, da
die neue Hausfrau ausgerufen wird
und "Neo-Feministinnen" der Generation Golf wie
Thea DORN den
70er-Jahre-Feminismus als Sackgasse begreifen, wirken die
Ressentiments von FRANZEN doch arg verstaubt. Über
seinen Vater schreibt FRANZEN:
"Er starb in einer Absteige in Konstanz an einer
Überdosis Veronal, dem Vergeltungsbedürfnis seiner Frau und der
Feigheit seiner Söhne".
Das
Vergeltungsbedürfnis der Frauen sieht FRANZEN ungebrochen weiter
wirken:
"von der
Generation der Treckführerinnen, Trümmerfrauen und
Wiederaufbauheroinen über Alice Schwarzers und Andrea Dworkins
Pol-Pot-Strategie weiblicher Emanzipation in den Siebzigern bis zu
den heutigen Beschwerdeführerinnen des zartbitteren
Girlie-Feminismus".
Die
Linie der männlichen Feigheit dagegen verwandelt sich in
wundersamer Weise bei den "postheroischen Generationen" in das
Abhandenkommen männlicher Lust. Es
gibt offenbar nicht nur einen Fall GRASS, sondern noch mehr ein
Versagen der westdeutschen Männer aus der 68er-Generation. Nicht
nur die Flakhelfer, auch die lautstarken 68er sind Schweiger
gewesen. Ein Thema, das seiner Bearbeitung durch die
Single-Generation immer noch harrt. Das zeigt nicht nur dieser
Artikel von FRANZEN, sondern auch
jener von Hans Christoph BUCH. |
FRANZEN, Günter (2007): Schöne
Aussichten.
Nach mehr als dreißig Jahren wurde im September vergangenen
Jahres das Frankfurter Institut für Sexualwissenschaft geschlossen.
In den Augen ihrer Parteigänger wurde die Einrichtung aus
zweifelhaften Motiven demontiert. Doch nur so viel ist sicher: Die
Bedeutung dieser Institution und ihrer Repräsentanten für die
jüngere Geschichte der Sexualität in Deutschland ist nicht zu
unterschätzen,
in:
Frankfurter
Allgemeine Zeitung v. 20.07.
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FRANZEN kritisiert auf den Seiten der Gegenwart,
den überzogenen Pluralismus, der im Zeichen der sexuellen
Revolution durch das Frankfurter Institut für Sexualforschung
unter Martin DANNENBERG & Volkmar SIGUSCH vorangetrieben wurde.
FRANZEN erzählt u.a. wie er noch in den 1960ern von seiner Mutter
auf den "Weg zur heterosexuellen Eindeutigkeit" gebracht wurde,
den er bei den heutigen Jugendlichen vermisst. |
FRANZEN, Günter (2008): Ich auch.
Wir Mitläufer der Revolte sind uns in dem Wunsch, nicht mehr von
der Erinnerung behelligt zu werden, mit unseren Vorfahren auf
seltsame Weise einig. Portrait eines Altachtundsechzigers als junger
Mann,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 20.01.
-
Günter FRANZEN leidet unter Geständniszwang,
dem das Blatt für die Bobos gerne großzügig Raum bietet. Nichts
lesen Bobos lieber als Veteranengeschichten der besonderen Art.
FRANZEN bedient jene, für die der häßliche Deutsche ein Alt-68er
ist:
"Kurzsichtig,
übergewichtig, neidzerfressen und hasserfüllt, wie ich war,
zertrümmerte ich (...) das im ersten Stock einer neogotischen
Gründerzeitvilla gelegene Erkerfenster meines ehemaligen
Lateinlehrers."
Günter
FRANZEN möchte das Selbstbild der 68er zertrümmern. Dies würde
voraussetzen, dass es sich bei den 68ern um eine homogene Bewegung
gehandelt hat. Tatsächlich ging mitten durch die 68er eine
unüberbrückbare Kluft, die sich
auch bei FRANZEN wiederfindet:
"Nach
zwei isolierten Semestern im Studentenwohnheim wurde ich 1971 in
eine Frankfurter Wohngemeinschaft aufgenommen, deren Bewohner sich
stillschweigend darauf verselbständigt haben, ihr Liebesleben nach
dem Modell der sogenannten »offenen Zweierbeziehung« zu
organisieren. Am Ende des Flurs nistete sich ein Pärchen ein, das
zunächst dadurch auffiel, dass es die systematische,
schulungsmäßige Lektüre der Marxschen Frühschriften und des
»Grundwissens des jungen Kommunisten« in Frage stellte. Als diese
Genossen, die bald keine mehr sein sollten, dazu übergingen, die
Zahlungen in die Gemeinschaftskasse einzustellen und im
Kühlschrank die Frischhalteboxen, mit ihren Namen zu versehen,
weit hinten unterzubringen, wurden sie beim nächsten Jour fixe vor
die Wahl gestellt, ihre Privatisierungsbestrebungen einzustellen
oder die WG zu verlassen. Um mich für den eigenen Verbleib in der
Gruppe zu empfehlen - ich hatte weder eine offene noch irgendeine
andere Zweierbeziehung nachzuweisen -, legte ich argumentativ nach
und konfrontierte das Paar mit den Erkenntnissen, die ich aus der
Lektüre von Wilhelm Reichs »Was ist Klassenbewusstsein?« gewonnen
hatte: die Gesellungsform der bürgerlichen Kleinfamilie als
Brutstätte des alten und neuen Faschismus."
Die
politischen Kader-68er und die kulturellen 68er stehen sich auch
heute noch unversöhnlich gegenüber. Dieser Konflikt wird
weitervererbt über
Michel HOUELLEBECQ bis zu
Sophie DANNENBERG. Und nicht zuletzt findet sich der
Konflikt im Zentrum der
Individualisierungsthese von Ulrich BECK. Wie
immer bei FRANZEN-Geschichten: Wer seinen Weg kreuzt, der ist
alsbald tot... |
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Günter Franzen im Gespräch
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fehlt noch
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Zitate:
Die neuen Alten
sind zum frühen Tode verdammt
"Wendet
man sich von der objektiven Datenlage ab und dem
statistisch gewiss unerheblichen subjektiven Erleben
zu, verfestigt sich allerdings der Eindruck, dass
meinen männlichen Altersgenossen, den Kriegs- und
Nachkriegskindern der Geburtsjahrgänge 1940 bis
1950, aus denen sich die Studentenbewegung
rekrutierte, die Teilhabe an der allgemeinen
Errungenschaft eines langen und womöglich
beschwerdefreien Lebens in bedrängend hoher Zahl
verwehrt bleibt. Viele sind gestorben, und das
Sterben will kein Ende nehmen."
Der Fluch der
Anonyma
"Zwei
Wochen, bevor das Dritte Reich im Orkus der
Geschichte verschwindet, am 26. April 1945, findet
sich in dem 1959 und 2003 unter dem Titel Eine
Frau in Berlin erschienenen Tagebuch einer
Anonyma folgender Eintrag:
»Als wir aus dem Laden traten, fuhr ein LKW vorbei;
deutsche Truppen darauf, rote Spiegel, also Flak.
Sie fuhren in Richtung Stadt, von uns weg aufs
Zentrum zu. Saßen stumm da und stierten vor sich
hin. Eine Frau rief ihnen nach: Haut ihr ab? Sie
bekam keine Antwort. Wir sahen uns achselzuckend an.
Die Frau meinte: Sind auch bloß arme Schweine. Immer
wieder bemerkte ich in diesen Tagen, dass sich mein
Gefühl, das Gefühl aller Frauen den Männern
gegenüber ändert. Sie tun uns leid, erscheinen uns
so kümmerlich und kraftlos. Das schwächliche
Geschlecht. Eine Art von Kollektiv-Enttäuschung
bereitet sich unter der Oberfläche bei den Frauen
vor. Die männerbeherrschte, den starken Mann
verherrlichende Naziwelt wankt – und mit ihr der
Mythos ›Mann‹. In früheren Kriegen konnten die
Männer darauf pochen, dass ihnen das Privileg des
Tötens und des Getötetwerdens fürs Vaterland
zustand. Heute haben wir Frauen daran teil. Am Ende
dieses Krieges steht neben vielen anderen
Niederlagen auch die Niederlage der Männer als
Geschlecht.«"
"Vor den Müttern sterben die Söhne. Plötzlich und
unerwartet. Werner K.1997, Klaus W. 1998, Peter S.
2001, Dieter F. 2004: Pankreaskarzinom, Hirnschlag,
Speiseröhrenkrebs, Koronarinsuffizienz. (...)
Nicht weil man aus der Ferne von diesen Geschichten
gehört hat, weil sie einem irgendwie bekannt
vorkommen oder weil man sie so oder so ähnlich
erlebt zu haben glaubt, sondern weil sie im
beteiligten männlichen Beobachter das bedrückende
Gefühl der Unentrinnbarkeit eines Fluchs auslösen,
den die zitierte Anonyma 1945 als wortgewaltige
Sprecherin eines neuen, im Feuer der Geschichte
gehärteten Geschlechts über die deutschen Männer
verhängt hat: Von dieser Niederlage sollt und werdet
ihr Versager euch nicht erholen!"
Von den Müttern
verwöhnt, mit dem Kontaktgift des Feminismus in
Berührung gekommen und mit der Lächerlichkeit der
Revolte konfrontiert
"Über
(...) spektakulären, im kollektiven Gedächtnis fest
verankerten Haupt- und Staatsaktionen ist mühelos
von der Tatsache abzusehen, dass wir, Werner K.,
Klaus W., Peter S., Dieter F. und all die anderen
kleinen Kader, Mitläufer und Sympathisanten, uns in
der Disziplin des rücksichtslosen Brückenabbruchs
wesentlich schwerer taten als unsere prominenten
Brüder und Schwestern in Waffen und die kurzen
Atempausen des weltumspannenden Befreiungskampfes
gerne dazu nutzten, uns heimlich durch die offen
gehaltene Hintertür in Richtung Heimat
davonzustehlen. Dort, (...), im zeitlosen
matriarchalen Windschatten der Geschichte, wurden
die spätadoleszenten deutschen Empörer mit nahezu
allem versorgt, was sie entbehrten: Geld, sauberer
Wäsche, pünktlich servierten warmen Mahlzeiten, vor
allem jedoch mit einer bedingungslosen Zuneigung,
die die mit dem Kontaktgift des Feminismus in
Berührung gekommenen Genossinnen zunehmend
verweigerten: Junge, komm bald wieder!
Der Verdacht, dass es sich bei unserer aufs große
Ganze zielenden Revolution um eine mütterlich
alimentierte und lizenzierte Veranstaltung im
überschaubaren Geviert des ewigen Sandkastens
gehandelt haben könnte, setzt unser Ringen um
Autonomie und Identität einer Lächerlichkeit aus,
die das verzweifelte Empfinden der Vergeblichkeit
nur mit Mühe bemänteln kann."
Vaterlosigkeit
als Krankheit zum Tode
"Die
universellen, von der Psychoanalyse entdeckten
kindlichen Bestrebungen der »Verliebtheit in die
Mutter und der Eifersucht gegen den Vater«(...)
stießen in der Ära des Interregnums der von Gott und
den Männern verlassenen Trümmerfrauen und
Treckführerinnen auf keinen nennenswerten
Widerstand. So wurden all jene Wünsche wahr, deren
Erfüllung sich in den späteren Paarbeziehungen als
veritabler, von Misstrauen, Konfliktscheu,
Verfolgungsängsten und Überwältigungsfantasien
vergifteter Albtraum erwies, der auf dem Weg
verlassen wurde, den schon die Väter eingeschlagen
hatten: Nichts wie weg.
Die langen Schatten, den die mächtigen mütterlichen
Objekte werfen, haben nicht nur das Leben der Männer
verdunkelt, von denen hier die Rede war, sondern
auch das all jener Frauen, die sich im Lauf der Zeit
erkühnten, den inneren Platz dieser Objekte
einnehmen zu wollen. Diese Eintrübung der
Sichtverhältnisse allein ist keine lebensbedrohliche
Krankheit. Ich kann mich aber vor dem Hintergrund
der ausgebreiteten Biografien beinahe mühelos einer
Lebensmüdigkeit anverwandeln, die der Erfahrung der
Unverrückbarkeit einer psychischen Realität
entspringt: Wir kommen aus dem Frauenhaus unserer
Kindheit nicht heraus.
Matthias Beltz ist in der Nacht vom 26. zum 27. März
2002 einem Herzinfarkt erlegen (...). Auf der
Homepage des Frankfurter Kabarettisten, der am 31.1.
1945 geboren wurde und seinen in Russland vermissten
Erzeuger nie zu Gesicht bekam, findet sich folgender
Eintrag:
»Es gibt ein Menschenrecht des Kindes, etwas von der
Kälte und Brutalität der Wirklichkeit, von der
realen Furchtbarkeit der Welt zu erfahren. Für
dieses Erlebnis unbeugsamer Strenge hat es einmal
den Vater gegeben und damit die Chance, sich besser
vorzubereiten auf den Härtetest des Lebens.«"
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Die Toten der 68er bei
single-generation.de
BAIER, Lothar (1942 - 2004)
BRINKMANN, Rolf Dieter
(1940 - 1975)
DUTSCHKE, Rudi (1940 - 1979)
FAUSER, Jörg (1944 - 1987)
INNERHOFER,
Franz (1944 - 2002)
RIPKE, Thomas (1943 - 2001)
VESPER, Bernward (1938 - 1971)
ZORN, Fritz (1944 -
1976)
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Günter Franzen in der
Debatte
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Michael BUSELMEIER berichtet uns
von der Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte der Zeitschrift
Kommune:
"Die
Zeitschrift Kommune, 1982 als Forum für Politik, Ökonomie
und Kultur begründet, ist hervorgegangen aus einem maoistischen
Organ namens Kommunismus und Klassenkampf, welches
seinerseits auf das Heidelberger Studentenblatt forum academicum
zurückweist - eine hier verkürzt dargestellte, doch nicht unübliche
Entstehungsgeschichte. In ihren ersten Jahren war die Kommune
eine lebendige Monatsschrift der heimatlos gewordenen Linken, bis
sie sich, als eine Art inoffizielles Theorieorgan, den Grünen
andiente. Lange vor der Wende wurde umfassend über die Situation in
Osteuropa und auf dem Balkan berichtet, und es gab, Heft um Heft,
eine »grüne Strategiedebatte«.
Seit der allmächtige Chefredakteur Joscha Schmierer
in Fischers Außenministerium planend tätig geworden ist und Die
Grünen eine ganz normale Partei geworden sind, ist auch die
Kommune naturgemäß ruhiger, biederer, man könnte auch sagen,
ein Stück weit staatstragend geworden."
Wer BUSELMEIERs
Untergang von Heidelberg gelesen hat, der versteht,
warum der
Artikel von
Günter FRANZEN als Reaktion nur Fragezeichen hinterlässt:
"Franzen
berichtet von vier Altersgenossen der Jahrgänge 1940 bis 1950, die
unerwartet früh gestorben sind, Wegbegleiter, denen er nachtrauert,
derweil an ihren Gräbern die greisen Mütter stehen, scheinbar
regungslos und kerzengerade. Selbst wenn das in diesen Fällen so
gewesen sein sollte - verkraften die »deutschen Mütter« wirklich
ungerührt alles? Oder wird hier nicht nur ein anderes Klischee
aufgewärmt, das von erbärmlich schwachen Männern und dominanten (Trümmer-)Frauen
handelt und aus diesem Widerspruch das frühe Sterben der Söhne
erklären will, genauer: aus deren »Feigheit vor der Frau« und deren
Unfähigkeit, »die Macht der alleingelassenen Mütter« zu begrenzen?
War 68 tatsächlich eine »muttergestützte Rebellion«, und hätten wir,
wären wir weitsichtiger gewesen, gegen das Matriarchat aufbegehren
sollen, zu Hause statt auf der Straße?"
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JÄGER, Lorenz
(2006): Die Borger.
Identität der Achtundsechziger,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 07.06.
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Lorenz JÄGER berichtet über die Kontroverse
zwischen Wolfgang LEUSCHNER ("Kriegskinder und 68er", April)
und Günter FRANZEN ("Nach Auschwitz. Zur Identitätsproblematik
der 68er", Juni) in der psychoanalytischen Zeitschrift
Psyche. |
Neu:
BROCKHAUS,
Gudrun (2008): "Was ich (mir) nie verzeihen werde" - Deutungskampf
um die "68er",
in: Ästhetik & Kommunikation, Heft 140/141, Frühling
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BROCKHAUS zeigt am Beispiel einer Kontroverse
um die NS-Zeit und die 68er in der Zeitschrift
Psyche (April,
Juni und Juli 2006 - eine
Zusammenfassung der Debatte von Utz PALUßEK siehe
hier), wie Bewertungen
Argumente ersetzen.
"Die zentrale These ist,
dass sich in der emotionalen Polarisierung des
Deutungskampfes um die 68er Ähnlichkeiten zu den von dem
Schuld-Thema bestimmten Dynamiken der Debatte über die
NS-Vergangenheit zeigen. Auch hier geht es um
Schuldzuweisung und ihre Abwehr."
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Weiterführende
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