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Günter Franzen: Vor den Müttern sterben die Söhne

 
       
     
       
     
       
   

Günter Franzen in seiner eigenen Schreibe

 
   

FRANZEN, Günter (1990): Wenn Frauen zuviel schreiben.
Der Mann im Zeitalter seiner feministischen Reduzierbarkeit. Ketzerische Anmerkungen über neuere Romane von Julie Burchill, Fay Weldon, Benoíte Groult und Erica Jong,
in: Die ZEIT v. 16.11.

FRANZEN, Günter (1999): Die Artisten im Frauenzirkus. In: Matthias Matussek (Hg.) Die vaterlose Gesellschaft. Briefe, Berichte, Essays, Reinbek: Rowohlt

FRANZEN, Günter (2001): Brüder in Waffen.
Als die RAF entstand: Erinnerungen an einen Wahn, den die Realität nährte,
in: Die ZEIT Nr.6

FRANZEN, Günter (2001): Das Märchen von der Schnabeltasse.
Versorgt auf grüner Wiese: Auch Pflegeheime sind ein Weg, im Alltag das Altern zu leugnen,
in:
Welt v. 03.04.

FRANZEN, Günter (2001): Unser Alltag im Reich der medizintechnischen Freiheit.
Zwischen Vernichtung und Vergötterung der Kinder: Wie eine auf Selbstverwirklichung zielende Gesellschaft mit ihrem Nachwuchs umgeht,
in: Welt v. 11.06.

  • Die Kampagne gegen Kinderlose gewinnt mit dem Artikel von FRANZEN eine neue Dimension. Der Autor konstruiert einen idealtypischen Lebenslauf einer 40jährigen Karrierefrau, der wohl zukünftig die Debatte - nicht nur um die so genannte Präimplantationsdiagnostik - bestimmen könnte. FRANZEN möchte damit belegen, dass Frauen mit der Geburtenplanung heutzutage überfordert sind:

    "Wir stellen uns vor, 1979, kurz vor dem Abitur, erleidet sie mit einem gleichaltrigen Mitschüler beim ersten sexuellen Kontakt einen Verhütungsunfall. Mit Hilfe verständnisvoller Eltern einigen sich die Beteiligten darauf, die Schwangerschaft in aller Stille zu unterbrechen. Zwölf Jahre später geht sie eine Beziehung ein, die nach ihrer Vorstellung in eine Familiengründung einmünden könnte.
    Die Mitteilung des positiv ausgefallenen Babytests belehrt sie eines Besseren. Der Mann an ihrer Seite fühlt sich überrumpelt und macht ihr unmissverständlich klar, dass sein aufs Weite zielender Lebensentwurf mit den Einschränkungen der Brutpflege derzeit nicht kompatibel sei. Weil sie sich als allein erziehende Freiberuflerin auf verlorenem Posten wähnt und den Absturz in die Sozialhilfe fürchtet, entschließt sie sich, das Kind nicht auszutragen. 1997 endlich stehen der Erfüllung des Kinderwunsches keine äußeren Hindernisse mehr im Wege. Ihre ökonomische Lage ist einigermaßen stabil. Der Erfahrungshunger ihres reiferen und wesentlich älteren Lebensgefährten scheint gestillt.
    Nun droht sie ihr Körper im Stich zu lassen: Sie wird nicht schwanger. Nach der Konsultation eines Reproduktionsmediziners wird die künstliche Insemination eingeleitet, eine beschämende Behandlung, die nach zwei Jahren zum Erfolg führt. Bei der Erstellung des obligatorischen humangenetischen Gutachtens wird der Spätgebärenden nahe gelegt (...) eine Fruchtwasseruntersuchung (...) vornehmen zu lassen, mit der eine altersbedingte Schädigung des Erbgutes erkannt werden kann. Ein Paar am Scheideweg, eine Frau im Dilemma. Werden sich die betagten Eltern für ein Kind entscheiden können, von dem nicht auszuschließen ist, dass es mit einer irreparablen Behinderung zur Welt kommt?"

    FRANZEN beruft sich mit seiner Argumentation auf den Frankfurter Psychoanalytiker Reimut REICHE, der

    "kürzlich unter der Überschrift 'Und versage uns die volle Befriedigung' eine sexualwissenschaftliche Zeitdiagnose der gegenwärtigen Kultur formuliert (hat), in der er nicht davor zurückschreckte, das durch die Einführung der Antibabypille in den sechziger Jahren beförderte Ideal einer Selbststeuerung der weiblichen Individuen für eine Entwicklung verantwortlich zu machen, die in ein bis zum heutigen Tage anhaltendes 'kollektives Infantizid' einmündete."

    FRANZEN wirft den Männern und Frauen vor, dass sie

    "seit Jahrzehnten an der Zerstörung des werdenden Lebens auf dem Wege seiner planmäßigen Vertagung und Verhinderung beteiligt sind."

    Die Einstellung zu Kindern oszilliert nach Reiche zwischen "Vernichtung und Vergötterung" der Kinder. Der Wunsch nach einem Kind wird umso stärker, je näher das Ablaufen der biologischen Uhr herannaht. Und je näher dieser Zeitpunkt rückt, desto verzweifelter wird jede Möglichkeit der Realisierung in Anspruch genommen werden. Diese Sicht der Dinge dürfte auf alle Fälle den Beifall der Vollzeitmütter finden. FRANZEN erweckt den Eindruck, dass es sich bei dem Fallbeispiel um eine normale "Durchschnittsfrau" handelt. Zahlen bleibt er jedoch wohlweislich schuldig. Die vielfältigen Ursachen der Kinderlosigkeit jenseits der Unvereinbarkeit von Kindern und Karriere bleiben bei FRANZEN ausgeblendet. Angesichts der Zunahme von McJobs, bei denen es selbst bei zwei Vollzeitjobs immer schwieriger wird die Ernährung einer Familie zu sichern, wird die These von der Selbstverwirklichungsgesellschaft mehr als fragwürdig.

FRANZEN, Günter (2001): Verführung und Verfügbarkeit...
...schließen sich aus. Warum durch die sexuelle Freizügigkeit seit 1968 das Köstliche der Liebe abhanden kam,
in: Welt v. 27.07.

  • Für alle, die glauben, dass vor 1968 die Welt noch in Ordnung war.

FRANZEN, Günter (2002): Die Schläfer sind unter uns,
in: Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte, H.10

FRANZEN, Günter (2004): Vor den Müttern sterben die Söhne.
Marginalien zu einer demographischen Randerscheinung,
in:
Wespennest Nr.136 Rumänien v. 15.09.

FRANZEN, Günter (2004): Vor den Müttern sterben die Söhne.
Marginalien zu einer demographischen Randerscheinung,
in: Kommune, Nr. 5

FRANZEN, Günter (2006): Nach Auschwitz.
Zur Identitätsproblematik der "68",
in: Psyche, Juni

FRANZEN, Günter (2006): Der Idiot der Familie.
Seit sie den Krieg verloren, sind die Männer bei den Frauen in Mißkredit: Alles Schweine. Oder: Das schwächliche Geschlecht,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 15.10.

  • FRANZEN ist weiter mit der Aufarbeitung seiner persönlichen Herkunftsgeschichte beschäftigt, die ihn direkt in den Schoss des Antifeminismus geführt hat. Wie Rainer PARIS ("Doing Gender") sieht er im Feminismus das Grundübel dieser Gesellschaft. Der 68er Günter FRANZEN muss sich jedoch fragen lassen, warum er nicht Ende der 70er Jahre, Anfang der 80er Jahre seine Anklage vorbrachte. Mit 30 plus hätte er manns genug sein müssen. Damals also, als der 70er-Jahre-Feminismus - zumindest in bestimmten Milieus - noch Anhänger fand. Heute dagegen, da die neue Hausfrau ausgerufen wird und "Neo-Feministinnen" der Generation Golf wie Thea DORN den 70er-Jahre-Feminismus als Sackgasse begreifen, wirken die Ressentiments von FRANZEN doch arg verstaubt. Über seinen Vater schreibt FRANZEN:

    "Er starb in einer Absteige in Konstanz an einer Überdosis Veronal, dem Vergeltungsbedürfnis seiner Frau und der Feigheit seiner Söhne".

    Das Vergeltungsbedürfnis der Frauen sieht FRANZEN ungebrochen weiter wirken:

    "von der Generation der Treckführerinnen, Trümmerfrauen und Wiederaufbauheroinen über Alice Schwarzers und Andrea Dworkins Pol-Pot-Strategie weiblicher Emanzipation in den Siebzigern bis zu den heutigen Beschwerdeführerinnen des zartbitteren Girlie-Feminismus".

    Die Linie der männlichen Feigheit dagegen verwandelt sich in wundersamer Weise bei den "postheroischen Generationen" in das Abhandenkommen männlicher Lust. Es gibt offenbar nicht nur einen Fall GRASS, sondern noch mehr ein Versagen der westdeutschen Männer aus der 68er-Generation. Nicht nur die Flakhelfer, auch die lautstarken 68er sind Schweiger gewesen. Ein Thema, das seiner Bearbeitung durch die Single-Generation immer noch harrt. Das zeigt nicht nur dieser Artikel von FRANZEN, sondern auch jener von Hans Christoph BUCH.

FRANZEN, Günter (2007): Schöne Aussichten.
Nach mehr als dreißig Jahren wurde im September vergangenen Jahres das Frankfurter Institut für Sexualwissenschaft geschlossen. In den Augen ihrer Parteigänger wurde die Einrichtung aus zweifelhaften Motiven demontiert. Doch nur so viel ist sicher: Die Bedeutung dieser Institution und ihrer Repräsentanten für die jüngere Geschichte der Sexualität in Deutschland ist nicht zu unterschätzen,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 20.07.

  • FRANZEN kritisiert auf den Seiten der Gegenwart, den überzogenen Pluralismus, der im Zeichen der sexuellen Revolution durch das Frankfurter Institut für Sexualforschung unter Martin DANNENBERG & Volkmar SIGUSCH vorangetrieben wurde. FRANZEN erzählt u.a. wie er noch in den 1960ern von seiner Mutter auf den "Weg zur heterosexuellen Eindeutigkeit" gebracht wurde, den er bei den heutigen Jugendlichen vermisst.

FRANZEN, Günter (2008): Ich auch.
Wir Mitläufer der Revolte sind uns in dem Wunsch, nicht mehr von der Erinnerung behelligt zu werden, mit unseren Vorfahren auf seltsame Weise einig. Portrait eines Altachtundsechzigers als junger Mann,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 20.01.

  • Günter FRANZEN leidet unter Geständniszwang, dem das Blatt für die Bobos gerne großzügig Raum bietet. Nichts lesen Bobos lieber als Veteranengeschichten der besonderen Art. FRANZEN bedient jene, für die der häßliche Deutsche ein Alt-68er ist:

    "Kurzsichtig, übergewichtig, neidzerfressen und hasserfüllt, wie ich war, zertrümmerte ich (...) das im ersten Stock einer neogotischen Gründerzeitvilla gelegene Erkerfenster meines ehemaligen Lateinlehrers."

    Günter FRANZEN möchte das Selbstbild der 68er zertrümmern. Dies würde voraussetzen, dass es sich bei den 68ern um eine homogene Bewegung gehandelt hat. Tatsächlich ging mitten durch die 68er eine unüberbrückbare Kluft, die sich auch bei FRANZEN wiederfindet:

    "Nach zwei isolierten Semestern im Studentenwohnheim wurde ich 1971 in eine Frankfurter Wohngemeinschaft aufgenommen, deren Bewohner sich stillschweigend darauf verselbständigt haben, ihr Liebesleben nach dem Modell der sogenannten »offenen Zweierbeziehung« zu organisieren. Am Ende des Flurs nistete sich ein Pärchen ein, das zunächst dadurch auffiel, dass es die systematische, schulungsmäßige Lektüre der Marxschen Frühschriften und des »Grundwissens des jungen Kommunisten« in Frage stellte. Als diese Genossen, die bald keine mehr sein sollten, dazu übergingen, die Zahlungen in die Gemeinschaftskasse einzustellen und im Kühlschrank die Frischhalteboxen, mit ihren Namen zu versehen, weit hinten unterzubringen, wurden sie beim nächsten Jour fixe vor die Wahl gestellt, ihre Privatisierungsbestrebungen einzustellen oder die WG zu verlassen. Um mich für den eigenen Verbleib in der Gruppe zu empfehlen - ich hatte weder eine offene noch irgendeine andere Zweierbeziehung nachzuweisen -, legte ich argumentativ nach und konfrontierte das Paar mit den Erkenntnissen, die ich aus der Lektüre von Wilhelm Reichs »Was ist Klassenbewusstsein?« gewonnen hatte: die Gesellungsform der bürgerlichen Kleinfamilie als Brutstätte des alten und neuen Faschismus."

    Die politischen Kader-68er und die kulturellen 68er stehen sich auch heute noch unversöhnlich gegenüber. Dieser Konflikt wird weitervererbt über Michel HOUELLEBECQ bis zu Sophie DANNENBERG. Und nicht zuletzt findet sich der Konflikt im Zentrum der Individualisierungsthese von Ulrich BECK. Wie immer bei FRANZEN-Geschichten: Wer seinen Weg kreuzt, der ist alsbald tot...

FRANZEN, Günter (2008): Mitläufer und Sympathisanten.
Essay-Serie Insider - Outsider,
in: DeutschlandRadio v. 16.03.

 
       
   

Günter Franzen im Gespräch

 
   
fehlt noch
 
       
   

Vor den Müttern sterben die Söhne (2004).
Marginalien zu einer demographischen Randerscheinung
in:
Wespennest Nr.136 & Kommune H.5

 
   
     
 

Zitate:

Die neuen Alten sind zum frühen Tode verdammt

"Wendet man sich von der objektiven Datenlage ab und dem statistisch gewiss unerheblichen subjektiven Erleben zu, verfestigt sich allerdings der Eindruck, dass meinen männlichen Altersgenossen, den Kriegs- und Nachkriegskindern der Geburtsjahrgänge 1940 bis 1950, aus denen sich die Studentenbewegung rekrutierte, die Teilhabe an der allgemeinen Errungenschaft eines langen und womöglich beschwerdefreien Lebens in bedrängend hoher Zahl verwehrt bleibt. Viele sind gestorben, und das Sterben will kein Ende nehmen."

Der Fluch der Anonyma

"Zwei Wochen, bevor das Dritte Reich im Orkus der Geschichte verschwindet, am 26. April 1945, findet sich in dem 1959 und 2003 unter dem Titel Eine Frau in Berlin erschienenen Tagebuch einer Anonyma folgender Eintrag:
»Als wir aus dem Laden traten, fuhr ein LKW vorbei; deutsche Truppen darauf, rote Spiegel, also Flak. Sie fuhren in Richtung Stadt, von uns weg aufs Zentrum zu. Saßen stumm da und stierten vor sich hin. Eine Frau rief ihnen nach: Haut ihr ab? Sie bekam keine Antwort. Wir sahen uns achselzuckend an. Die Frau meinte: Sind auch bloß arme Schweine. Immer wieder bemerkte ich in diesen Tagen, dass sich mein Gefühl, das Gefühl aller Frauen den Männern gegenüber ändert. Sie tun uns leid, erscheinen uns so kümmerlich und kraftlos. Das schwächliche Geschlecht. Eine Art von Kollektiv-Enttäuschung bereitet sich unter der Oberfläche bei den Frauen vor. Die männerbeherrschte, den starken Mann verherrlichende Naziwelt wankt – und mit ihr der Mythos ›Mann‹. In früheren Kriegen konnten die Männer darauf pochen, dass ihnen das Privileg des Tötens und des Getötetwerdens fürs Vaterland zustand. Heute haben wir Frauen daran teil. Am Ende dieses Krieges steht neben vielen anderen Niederlagen auch die Niederlage der Männer als Geschlecht.«"

"Vor den Müttern sterben die Söhne. Plötzlich und unerwartet. Werner K.1997, Klaus W. 1998, Peter S. 2001, Dieter F. 2004: Pankreaskarzinom, Hirnschlag, Speiseröhrenkrebs, Koronarinsuffizienz. (...)
Nicht weil man aus der Ferne von diesen Geschichten gehört hat, weil sie einem irgendwie bekannt vorkommen oder weil man sie so oder so ähnlich erlebt zu haben glaubt, sondern weil sie im beteiligten männlichen Beobachter das bedrückende Gefühl der Unentrinnbarkeit eines Fluchs auslösen, den die zitierte Anonyma 1945 als wortgewaltige Sprecherin eines neuen, im Feuer der Geschichte gehärteten Geschlechts über die deutschen Männer verhängt hat: Von dieser Niederlage sollt und werdet ihr Versager euch nicht erholen!
"

Von den Müttern verwöhnt, mit dem Kontaktgift des Feminismus in Berührung gekommen und mit der Lächerlichkeit der Revolte konfrontiert

"Über (...) spektakulären, im kollektiven Gedächtnis fest verankerten Haupt- und Staatsaktionen ist mühelos von der Tatsache abzusehen, dass wir, Werner K., Klaus W., Peter S., Dieter F. und all die anderen kleinen Kader, Mitläufer und Sympathisanten, uns in der Disziplin des rücksichtslosen Brückenabbruchs wesentlich schwerer taten als unsere prominenten Brüder und Schwestern in Waffen und die kurzen Atempausen des weltumspannenden Befreiungskampfes gerne dazu nutzten, uns heimlich durch die offen gehaltene Hintertür in Richtung Heimat davonzustehlen. Dort, (...), im zeitlosen matriarchalen Windschatten der Geschichte, wurden die spätadoleszenten deutschen Empörer mit nahezu allem versorgt, was sie entbehrten: Geld, sauberer Wäsche, pünktlich servierten warmen Mahlzeiten, vor allem jedoch mit einer bedingungslosen Zuneigung, die die mit dem Kontaktgift des Feminismus in Berührung gekommenen Genossinnen zunehmend verweigerten: Junge, komm bald wieder!
Der Verdacht, dass es sich bei unserer aufs große Ganze zielenden Revolution um eine mütterlich alimentierte und lizenzierte Veranstaltung im überschaubaren Geviert des ewigen Sandkastens gehandelt haben könnte, setzt unser Ringen um Autonomie und Identität einer Lächerlichkeit aus, die das verzweifelte Empfinden der Vergeblichkeit nur mit Mühe bemänteln kann.
"

Vaterlosigkeit als Krankheit zum Tode

"Die universellen, von der Psychoanalyse entdeckten kindlichen Bestrebungen der »Verliebtheit in die Mutter und der Eifersucht gegen den Vater«(...) stießen in der Ära des Interregnums der von Gott und den Männern verlassenen Trümmerfrauen und Treckführerinnen auf keinen nennenswerten Widerstand. So wurden all jene Wünsche wahr, deren Erfüllung sich in den späteren Paarbeziehungen als veritabler, von Misstrauen, Konfliktscheu, Verfolgungsängsten und Überwältigungsfantasien vergifteter Albtraum erwies, der auf dem Weg verlassen wurde, den schon die Väter eingeschlagen hatten: Nichts wie weg.
Die langen Schatten, den die mächtigen mütterlichen Objekte werfen, haben nicht nur das Leben der Männer verdunkelt, von denen hier die Rede war, sondern auch das all jener Frauen, die sich im Lauf der Zeit erkühnten, den inneren Platz dieser Objekte einnehmen zu wollen. Diese Eintrübung der Sichtverhältnisse allein ist keine lebensbedrohliche Krankheit. Ich kann mich aber vor dem Hintergrund der ausgebreiteten Biografien beinahe mühelos einer Lebensmüdigkeit anverwandeln, die der Erfahrung der Unverrückbarkeit einer psychischen Realität entspringt: Wir kommen aus dem Frauenhaus unserer Kindheit nicht heraus.
Matthias Beltz ist in der Nacht vom 26. zum 27. März 2002 einem Herzinfarkt erlegen (...). Auf der Homepage des Frankfurter Kabarettisten, der am 31.1. 1945 geboren wurde und seinen in Russland vermissten Erzeuger nie zu Gesicht bekam, findet sich folgender Eintrag:
»Es gibt ein Menschenrecht des Kindes, etwas von der Kälte und Brutalität der Wirklichkeit, von der realen Furchtbarkeit der Welt zu erfahren. Für dieses Erlebnis unbeugsamer Strenge hat es einmal den Vater gegeben und damit die Chance, sich besser vorzubereiten auf den Härtetest des Lebens.«
"

 
     
 
       
   

Die Toten der 68er bei single-generation.de

BAIER, Lothar (1942 - 2004)

BRINKMANN, Rolf Dieter (1940 - 1975)

DUTSCHKE, Rudi (1940 - 1979)

FAUSER, Jörg (1944 - 1987)

INNERHOFER, Franz (1944 - 2002)

RIPKE, Thomas (1943 - 2001)

VESPER, Bernward (1938 - 1971)

ZORN, Fritz (1944 - 1976)

 
   

Günter Franzen in der Debatte

BUSELMEIER, Michael (2004): Bewältigen als Lebensform.
Zeitschriftenrundschau,
in: Freitag Nr.47 v. 12.11.

  • Michael BUSELMEIER berichtet uns von der Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte der Zeitschrift Kommune:

    "Die Zeitschrift Kommune, 1982 als Forum für Politik, Ökonomie und Kultur begründet, ist hervorgegangen aus einem maoistischen Organ namens Kommunismus und Klassenkampf, welches seinerseits auf das Heidelberger Studentenblatt forum academicum zurückweist - eine hier verkürzt dargestellte, doch nicht unübliche Entstehungsgeschichte. In ihren ersten Jahren war die Kommune eine lebendige Monatsschrift der heimatlos gewordenen Linken, bis sie sich, als eine Art inoffizielles Theorieorgan, den Grünen andiente. Lange vor der Wende wurde umfassend über die Situation in Osteuropa und auf dem Balkan berichtet, und es gab, Heft um Heft, eine »grüne Strategiedebatte«.
    Seit der allmächtige Chefredakteur Joscha Schmierer in Fischers Außenministerium planend tätig geworden ist und Die Grünen eine ganz normale Partei geworden sind, ist auch die Kommune naturgemäß ruhiger, biederer, man könnte auch sagen, ein Stück weit staatstragend geworden.
    "

    Wer BUSELMEIERs Untergang von Heidelberg gelesen hat, der versteht, warum der Artikel von Günter FRANZEN als Reaktion nur Fragezeichen hinterlässt:

    "Franzen berichtet von vier Altersgenossen der Jahrgänge 1940 bis 1950, die unerwartet früh gestorben sind, Wegbegleiter, denen er nachtrauert, derweil an ihren Gräbern die greisen Mütter stehen, scheinbar regungslos und kerzengerade. Selbst wenn das in diesen Fällen so gewesen sein sollte - verkraften die »deutschen Mütter« wirklich ungerührt alles? Oder wird hier nicht nur ein anderes Klischee aufgewärmt, das von erbärmlich schwachen Männern und dominanten (Trümmer-)Frauen handelt und aus diesem Widerspruch das frühe Sterben der Söhne erklären will, genauer: aus deren »Feigheit vor der Frau« und deren Unfähigkeit, »die Macht der alleingelassenen Mütter« zu begrenzen? War 68 tatsächlich eine »muttergestützte Rebellion«, und hätten wir, wären wir weitsichtiger gewesen, gegen das Matriarchat aufbegehren sollen, zu Hause statt auf der Straße?"

JÄGER, Lorenz (2006): Die Borger.
Identität der Achtundsechziger,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 07.06.

  • Lorenz JÄGER berichtet über die Kontroverse zwischen Wolfgang LEUSCHNER ("Kriegskinder und 68er", April) und Günter FRANZEN ("Nach Auschwitz. Zur Identitätsproblematik der 68er", Juni) in der psychoanalytischen Zeitschrift Psyche.
  • Neu:
    BROCKHAUS, Gudrun (2008): "Was ich (mir) nie verzeihen werde" - Deutungskampf um die "68er",
    in: Ästhetik & Kommunikation, Heft 140/141, Frühling

    • BROCKHAUS zeigt am Beispiel einer Kontroverse um die NS-Zeit und die 68er in der Zeitschrift Psyche (April, Juni und Juli 2006 - eine Zusammenfassung der Debatte von Utz PALUßEK siehe hier), wie Bewertungen Argumente ersetzen.

      "Die zentrale These ist, dass sich in der emotionalen Polarisierung des Deutungskampfes um die 68er Ähnlichkeiten zu den von dem Schuld-Thema bestimmten Dynamiken der Debatte über die NS-Vergangenheit zeigen. Auch hier geht es um Schuldzuweisung und ihre Abwehr."

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    Bernd Kittlaus
    webmaster@single-generation.de Erstellt: 13. Oktober 2004
    Update: 02. März 2011