"Betäubt und wütend stand Dotz
auf, das Licht wurde langsam heller, bis es aufflammte, die
anderen reckten sich und kamen träge hoch, Jochen gähnte;
während Dotz auf dem Gang nach den Ärmellöchern in seinem
Mantel lange, rempelte ihn jemand an, und Dotz stieß ihn
sofort weg, paß auf, du Sau, sage er, und gleich umringten
zwei Gruppen einander, wie sich Eisenspäne anordnen, in die
ein Magnet gehalten wird, ein lautloses Aufeinanderzurücken,
wie oft trainiert, drohend und ernst sah Dotz dem anderen in
die Augen, in seinem Gesicht sollte keine Linie zuviel sein.
Doch das Gedränge, das allmählich im Seitengang entstand,
schwemmte etwas vom Bedrohlichen dieser Situation hinweg,
Dotz konnte sie nicht ausspielen, Bemerkungen von anderen
glitten dazwischen, geht hier der Film weiter? Jemand
lachte, also lenkten sie ein, war ja weiter nichts passiert,
geschlagen hatte keiner, nur ein bißchen gerempelt, ein
bißchen gedrückt, was machst du auch nur, sagte Risiko zu
Dotz draußen vor der Tür, im Freien, in das sie
hinausgetreten waren wie durch eine kalte Wand hindurch.
Inzwischen war es vollkommen dunkel geworden, doch die
Lichter wirkten noch frisch wie Pfefferminz, die
Neonreklamen, die Röhren in den Schaufenstern, den
Schaukästen der Kinos schienen kühl auf die Straße hinaus.
Feierabend, jetzt hätte Riko bereits Feierabend, wäre heute
nicht ohnehin Sonntag, damit war der freie Tag vorbei, jetzt
gab es nur mehr einen Abend vor dem nächsten Arbeitstag,
fünf Tage im Büro hatte Riko wieder vor sich, ein zäher
Schlamm von Stunden, in den er sich hineinsetzen mußte und
warten und nicht schreien, so laut wie möglich, wo schon die
bloße Länge der Stunde ihn folterte. Das Bier, das sie
nachher noch in der Stechuhr trinken wollten, bedeutete
nicht viel mehr als einen Aufschub, eine Pause vor den Toren
eines modern und luxuriös ausgestatteten Gefängnisses mit
Fahrstuhl, eingewachsten Fußböden, Schreibunterlagen auf den
Tischen und jeder Menge Aktenordner".
Stimmen zum Roman
"Was
diesen Roman (...) von vielen anderen in letzter Zeit
erschienen Büchern über die 50er Jahre unterscheidet, ist
seine besessene und dabei doch distanzierte Präzision, durch
die sich der Zusammenhang zwischen Nachkriegsjugend und
Studentenrevolte einfach ergibt, ohne daß Theobaldy auch nur
ein einziges Mal mit dem Zeigefinder absichtsvoll in
Richtung Apo deuten muß.
Die jungendlichen Protagonisten erscheinen (...) als in sich
selber eingesperrte Tagträumer, die vor ungeduldiger
Langeweile platzen und sich aus Notwehr Phantasien hingeben
(...).
Das stellen sie sich immer noch besser vor, als in den
Familien-Sonntagen unterzugehen (...).
(...).
»Sonntags Kino« (ist) ein literarischer Akt der Befreiung,
der Befreiung vom Eis der kalten 50er Jahre."
(Christian Schultz-Gerstein im Spiegel vom
18.12.1978)
"Heute
ist »68« in seinen Zeugnissen stumm.
Es wurde viel photographiert damals; aber die Bilder
übermitteln wenig, vor allem eine geradezu vorzeitliche
Starre, einen großen Ernst. Sie sehen eher nach
Drei-Personen-Haushalt als nach Revolution aus. Das sind
noch die Kinder von Schelsky und Coca Cola, fast ängstlich
wirken sie, buchstabengläubig und guten Willens und nicht
gut eingerichtet in einer Zwischenzeit, deren Ende sich noch
nicht abzuzeichnen scheint. Noch stecken sie in den alten
Kleidern. Zu Beginn eines Romans, der ein paar Jahre früher
spielt, heißt es: »In diesen Tagen hatten sie nichts
Bestimmtes vor, keiner von ihnen (...) Ein Pulk unter der
Straßenlampe, der sich allmählich verlief, in spätere Jahre,
ohne Begründung«"
(aus: Thomas Schmid "Die Wirklichkeit
eines Traums", 1988, S.10)
"«Sonntags Kino», erschien 1978 und war der eigenen Herkunft
gewidmet. Theobaldy ist in Mannheim aufgewachsen. Er machte
die mittlere Reife und anschliessend eine dreijährige
kaufmännische Ausbildung bei der Mannheimer Niederlassung
des Rothrister Strebelwerks (Heizung und Warmwasser):
«Dieses Eingesperrtsein zwischen acht und fünf nachmittags»,
erinnert er sich, «empfand ich als Gefängnis. Ich wollte
weg, ich wollte eine andere Perspektive, als die nächsten
Jahre fürs Häusle zu sparen.»
(...).
Mitte der siebziger Jahre schreibt Theobaldy eine kurze
Erzählung über die Jugendszene in Mannheim und merkt: Da ist
mehr drin. Er steht vor der Alternative, sich hinter die
Magisterarbeit über Walt Whitman und seine Rezeption in
Deutschland zu setzen oder hinter eine eigene literarische
Arbeit: «Ich sagte mir: Wenn mir die gelingt, lasse ich das
Studium sausen.» Im Winter 1977/78 baut er in Berlin die
alte Erzählung über die Mannheimer Jugendszene aus: Er
schildert fünf Tage im Leben von sechs Jugendlichen Ende der
fünfziger Jahre, die «immerzu dasselbe reden und auf den
grossen Knüller warten» – Bier saufen, Fussball spielen, mit
Frauen herumknutschen, aktuellen Jazz hören, sonntags ins
Kino gehen und sich danach sehnen, etwas zu können, «womit
sich alles sagen liess, was sich wie ein Stück Blei in den
Körper senkte». Der abschliessende Ausbruchsversuch des
einen Jugendlichen in die Existenzialistenkeller von Paris
scheitert noch im Bahnhof Mannheim."
(Fredi Lerch in der WochenZeitung vom
29.05.2003)