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Das Buch in der Debatte
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HERRMANN, Ulrike (2010): Ihro Hoheit geruhen zu warnen.
ACHTUNG! ACHTUNG! ACHTUNG! Seine Alarmiertheit Thilo Sarrazin,
Bundesbanker, befürchtet im Majestätsplural, dass wir alle aussterben
und durch Kopftuchträgerinnen ersetzt werden,
in: TAZ v.
24.08.
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Seit Anfang des 20. Jahrhunderts wird
regelmäßig das Aussterben der Deutschen vorgerechnet.
"Ein ewigwährender Untergang"
hat der Historiker Thomas ETZEMÜLLER diesen Bevölkerungsdiskurs
genannt.
In
Deutschland ist diese Debatte eng verknüpft mit der
Sozialstaatsdebatte - insbesondere mit der Rentendebatte, wie die
Politikwissenschaftlerin Christina MAY in ihrem hervorragenden Buch
"Generation als Argument"
erläutert. MAY hat die Mediendebatten in Deutschland, den
Niederlanden und in Großbritannien. Demnach wird das Aussterben
inzwischen auch in solchen Ländern wie den Niederlanden
thematisiert, deren Rentensystem nicht auf dem "Generationenvertrag"
beruhen. Tatsächlich wurde selbst in Frankreich, das inzwischen eine
bestandserhaltende Geburtenrate aufweist, das Aussterben der
Franzosen proklamiert. Wir haben es inzwischen mit einem Phänomen
der Europäischen Union zu tun. So schrieb bereits Walter LAQUEUR
im Jahr 2006 über die letzten Tage
von Europa.
Thilo
SARRAZIN ist also kein Einzelfall, sondern ein verspäteter Mitläufer
im Kampf um die knappe Ressource Aufmerksamkeit auf dem Felde der
Bevölkerungspolitik.
Im
Mai hat SARRAZIN gar behauptet,
dass die Deutschen bereits in 80 Jahren ausgestorben seien. SARRAZIN
muss in Deutschland immerhin die Thesen von
Herwig BIRG und
Gunnar HEINSOHN toppen, was
notwendigerweise zu abstrusen Ergebnissen führen muss.
Nicht
nur
Ulrike HERRMANN, sondern auch in
der Berliner Zeitung setzt sich
heute Sabine RENNEFANZ mit den
Thesen von SARRAZIN auseinander:
"Sarrazin
schreibt: »Die Geburtenrate ist höher als die der einheimischen
Bevölkerung.«
Fakt
ist: Migranten bekommen ihren Nachwuchs zwar früher, sie haben aber
nicht mehr Kinder als deutsche Frauen. Das hat die Soziologin Nadja
Milewski von Universität Rostock in einer umfassenden Studie
herausgefunden. »Frauen der zweiten Migrantengeneration haben sich
dem Geburtenverhalten von deutschen Frauen nahezu angepasst«, sagt
sie. Sie bekommen ihr erstes Kind im Schnitt zwei Jahre früher als
Deutsche, mit 27 Jahren. Migrantinnen der ersten Generation hätten
meist keine Arbeitserlaubnis gehabt. Das habe eine höhere Kinderzahl
begünstigt."
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GEYER, Christian (2010): So wird Deutschland dumm.
Thilo Sarrazin hat ein antimuslimisches Dossier verfasst. Das
Buch erscheint am Montag und will elementare Lebenszusammenhänge auf
den Punkt bringen. Die Botschaft ist klar: Die islamische
Immigration nach Deutschland muss gestoppt werden - aus "letztlich"
genetischen Gründen,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v.
26.08.
Infos zu:
Christian Geyer -
Autor der Single-Generation
PREISENDÖRFER, Bruno (2010): "Intelligenz ist zu 50 bis 80 Prozent
angeboren".
Sarrazins Buch: Von links bis rechts verhasst und verehrt, deckt
Thilo Sarrazin, der zur Bundesbank entlaufene Berliner Ex-Senator,
das ganze Spektrum des politischen Erregungspotenzials ab.
Deutschland schafft sich ab, behauptet er in seinem neuen Buch. Eine
Rezension,
in: Tagesspiegel v. 27.08.
Infos zu:
Bruno Preisendörfer - Autor
der Single-Generation
KAMANN, Matthias (2010): Nur als Provokateur originell.
Noch vor der Veröffentlichung seines Buches brach ein Sturm der
Entrüstung über Thilo Sarrazin herein. Bei der Lektüre aber findet
sich viel Unproblematisches und Altbekanntes. Das Neue an dem Werk
allerdings ist haltlos,
in: Welt v. 27.08.
Infos zu:
Matthias Kamann - Autor der
Single-Generation
BRUNS, Tissy (2010): Die Stunde der Selbstgerechten.
Sarrazins Thesen: Von der Kanzlerin bis zu den Migrantenvereinen
hat sich, erwartungsgemäß, eine öffentliche Empörungsfront
aufgestellt. Doch Sarrazins Thesen beziehen ihre Durchschlagskraft
aus den Körnchen Wahrheit, die sich in der Realität finden,
in: Tagesspiegel v. 28.08.
Infos zu:
Tissy Bruns - Autorin der
Single-Generation
WIDMANN, Arno (2010): Das Buch eines Besessenen.
Thilo Sarrazin genießt in seinem Buch "Deutschland schafft sich
ab" seine Angriffe auf die Menschenwürde. Das ist nicht nur ein Fall
für die Justiz,
in: Frankfurter Rundschau v.
28.08.
Infos zu:
Arno Widmann - Autor der 68er-Generation
KADDOR, Lamya (2010): Warum es mich nicht geben darf.
Jung und weiblich, muslimisch, fromm und aufgeklärt - das passt
nicht in Thilo Sarrazins islamfeindliche Thesen,
in: Süddeutsche Zeitung v. 28.08.
SCHIRRMACHER, Frank (2010): Ein fataler Irrweg.
Thilo Sarrazin ist der Ghostwriter einer verängstigten
Gesellschaft. Aber er verschweigt die Pointe seines Thrillers,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v.
29.08.
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Wenn Frank SCHIRRMACHER den Aufmacher im
Feuilleton der FAS schreibt, dann wird sie bei uns immer
kostenlos verteilt, als ob es sich um ranzige Butter handelt, die man
anderweitig nicht los würde. SCHIRRMACHER und SARRAZIN ähneln
sich darin, dass
sie es mit den demographischen Fakten nicht so
genau nehmen. Ersterer hat mit
"Minimum" ein Pamphlet verfasst, das
in die gleiche Richtung zielt. Wir möchten uns hier deshalb
ausdrücklich dagegen verwahren, dass SARRAZIN unser Ghostwriter ist!
Wenn sich SCHIRRMACHER darunter subsumiert ist das allein seine Sache! |
KLINGHOLZ, Reiner (2010): Ausländer her.
Wir wissen nicht, ob es der Plan von Thilo Sarrazin war, die
Diskussion um die Zuwanderung nach Deutschland abzuwürgen. Sicher ist,
dass seine Streitschrift genau das bewirkt,
in: Spiegel Nr.35 v. 30.08.
Infos zu:
Reiner Klingholz -
Autor der Single-Generation
KELEK, Necla (2010): Ein Befreiungsschlag.
Die Thesen von Thilo Sarrazin zu Bildung und Zuwanderung sollte man
diskutieren, nicht den Autor verteufeln. Aber die politische Klasse,
der seine Kritik gilt, verweigert sich der Debatte,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v.
30.08.
BUTTERWEGGE, Christoph (2010): Rechtspopulismus pur.
Nur ein Demagoge wie Sarrazin kann Verbündete in etablierten
Kreisen finden,
in: Frankfurter Rundschau v.
30.08.
Infos zu:
Christoph
Butterwegge - Autor der Single-Generation
HARMSEN, Torsten (2010): "Hier wird Kulturrassismus gepredigt".
Populismus: Bundesbankvorstand und SPD-Mitglied Thilo Sarrazin
erntet mit seinen Thesen zur Einwanderung Applaus bei strammen
Islamfeinden. Aber taugt er als ihre Frontfigur? Gespräch mit dem
Historiker Wolfgang Benz,
in: Berliner Zeitung v. 30.08.
DROBINSKI, Matthias (2010): Alle mal herhören: Das Ende naht!
Wie muslimische Migranten und "Gutmenschen" das Land in den Ruin
führen: Thilo Sarrazin versucht seine Polemiken der vergangenen Jahre
mit einem Buch seriös zu untermauern. Es wimmelt von Zahlen, Grafiken
- und Fehlern. Aber dies ist noch nicht einmal die größte Schwäche
dieses Werkes,
in: Süddeutsche Zeitung v. 30.08.
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"Das
Buch ist der Versuch Sarrazins, seriös zu untermauern, was er die
vergangenen Jahre als Polemik formuliert hat. Entsprechend wimmelt
es in dem Werk (...) von Zahlen, Grafiken, Tabellen (...). Das soll
die
These vom Niedergang des Landes glaubhaft machen, die grob
zusammengefasst so lautet: Deutschland wird immer dümmer; vor allem
fehlen die Ingenieure, Chemiker, Tüftler, Erfinder.
Das
liegt daran, dass die Akademikerinnen zu wenige und die
Sozialhilfeempfängerinnen zu viele Kinder kriegen. Schuld daran
sind vor allem die Migranten",
meint Matthias DROBINSKI. |
KOLB, Matthias (2010): Zu kurz gedacht, zu kurz gesprungen.
Seit Tagen diskutiert die Republik über das neue Buch von Thilo
Sarrazin. Heute stellt der Bundesbanker den dicken Wälzer vor. Darin
entwirft das Noch-SPD-Mitglied unter anderem zwei Szenarien über
Deutschland in 100 Jahren - und zeigt in diesen Gedankenspielen all
seine finsteren Tricks,
in: sueddeutsche v. 30.08.
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"Vor
ein paar Jahren fing hierzulande eine Debatte darüber an, was es
für die zukünftige Gesellschaft bedeutet, wenn vor allem die
akademisch erfolgreichen Frauen aus beruflichen Gründen immer
weniger Kinder bekommen, aber gleichzeitig die Kinderzahl in den
beruflich gering qualifizierten Schichten weniger stagniert.
Da
diese Debatte seinerzeit genderpolitisch korrekt konnotiert war, hat
sich niemand aufgeregt. Greift jedoch Sarrazin dieselbe Debatte
auf, verlängert allerdings um die Frage, wie es aussieht, wenn sich
der größte Anteil einer fehlgesteuerten Immigration im unteren
Stratum der Gesellschaft versammelt, dann soll er des Teufels sein",
kritisiert Robert LEICHT. |
HERRMANN, Ulrike & Alke WIERTH (2010): Die Gene sind schuld.
Faktencheck: Thilo Sarrazin vermischt in seinem neuen Buch
Halbwahrheiten mit Unsinn - und das in einem schrillen Tonfall,
in: TAZ v. 30.08.
BURCHARDT, Rainer (2010): Populistische Pauschal-Diffamierung.
Vorabdrucke, Interviews, zahllose Debattenbeiträge in Zeitungen,
Magazinen, Blogs: Es war eine beispiellose Marketingmaschinerie, die
schon lange vor Erscheinen des Buchs von Thilo Sarrazin in Gang
gesetzt wurde. Dessen krude Thesen bedürfen jedoch eines
Warnhinweises: Lesen auf eigene Gefahr,
in: DeutschlandRadio v. 30.08.
Infos zu:
Thea Dorn - Autorin der Generation
Golf
KILB, Andreas (2010): Erst mal lesen, dann gratulieren.
Bei der Buchvorstellung von Thilo Sarrazin drehten sich die
Kompassnadeln der Berliner Republik in eine Richtung: Drinnen
versuchte der Autor, zur Sache zu kommen, draußen probten die
Abzuschaffenden den Aufstand,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v.
31.08.
ORDE, Sabine am (2010): Zirkus Sarrazani.
Buchpräsentation: Sarrazin stellt sein Buch vor und überlässt es
Necla Kelek, seine These zu verteidigen,
in: TAZ v. 31.08.
KAMANN, Matthias (2010): Der Preis der Ungenauigkeit.
Thilo Sarrazin hat sich von einigen seiner Thesen distanziert.
Dennoch erklärt er immer noch nicht, was er genau meint. Seinen
Gegnern liefert der Autor damit gute Argumente,
in: Welt v. 31.08.
STEINFELD, Thomas (2010): Sich selbst rationalisieren.
Deutschland und sein imaginärer Verwalter: Die Verwandlung eines
Volks in eine Humanressource,
in: Süddeutsche Zeitung v. 31.08.
Infos zu:
Thomas Steinfeld - Autor der
Single-Generation
KÄPPNER, Joachim (2010): Tage des Zorns.
Auch wenn sich Sarrazin verrannt hat, stößt er eine überfällige
Debatte an: Integration ist möglich, der Weg dahin weit. Wer den
Rauswurf des Bundesbankers fordert, handelt unsouverän - so würde nur
ein Märtyrer geschaffen,
in: Süddeutsche Zeitung v. 31.08.
Infos zu:
Feridun Zaimoglu - Autor der
Single-Generation
WALTER, Franz (2010): Sozialdemokratische Genetik.
Sarrazins Thesen sind keineswegs neu. Im Gegenteil: Die Idee von
der Optimierung der Gesellschaft war lange Zeit Bestandteil
sozialdemokratischer Politik,
in: Zeit Online v. 31.08.
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Der Politikwissenschaftler
Franz WALTER weist darauf, dass SARRAZINs durchaus auch
in sozialdemokratischer Tradition stehen. Dies ist ausführlich in
Thomas ETZEMÜLLERs hervorragendem Buch
"Ein ewigwährender Untergang"
nachzulesen.
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BÜSCHEMANN, Karl-Heinz & Thomas ÖCHSNER (2010): "Sozialer
Sprengstoff".
Demographen zeichnen ein dramatisches Bild der misslungenen
Integration von Einwanderern, die Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin
anprangert. Sie haben die schlechtesten Bildungschancen und das größte
Armutsrisiko. In Verbindung mit dem Fachkräftemangel ist das eine
Gefahr für die ganze Gesellschaft,
in: Süddeutsche Zeitung v. 01.09.
STEINFELD, Thomas (2010): Der Volksverbesserer.
Thilo Sarrazin und das Erbe der Sozialdemokratie,
in: Süddeutsche Zeitung v. 01.09.
KEKULÉ, Alexander S. (2010): Verquaste Theorie.
Thilo Sarrazin beschäftigt mit seinen provokativen Thesen seit
Wochen die Republik. Doch die sind biologisch unhaltbar,
in: Tagesspiegel v. 01.09.
SICHTERMANN, Barbara (2010): Hyper, Hyper.
Sarrazin bei "Beckmann": Blässe, Bauchgefühl und rosarote Wölkchen
in: Tagesspiegel v. 01.09.
Infos zu:
Barbara Sichtermann - Autorin der
68er-Generation
ZAIMOGLU, Feridun u.a. (2010): Radikalismus der Mitte.
Was Schriftsteller, Islamforscher, Bildungs- und Migrationsexperten
zu Thilo Sarrazins Buch "Deutschland schafft sich ab" sagen,
in: Tagesspiegel v. 01.09.
Infos zu:
Robert Misik - Autor der
Generation Golf
GEPP, Josef (2010): Thilo Sarrazin schafft sich ab.
In seinem neuen Buch erklärt der SPD-Provokateur und deutsche
Bundesbanker die ganze Welt mit einem Problem: dem Islam,
in: Falter Nr.35 v. 01.09.
DEDIAL, Jürg (2010): Thilo Sarrazin und der Krieg der Korrekten.
Deutschland empört sich über den vorlauten ehemaligen SPD-Politiker
Sarrazin. Dabei sollte es froh sein, dass es noch solch kritische
Stimmen gibt,
in: Neue Zürcher Zeitung v. 01.09.
BUIS, Claire-Lise (2010): Die Grenzen verwischen.
Integration: Sarrazins Thesen provozieren. Der SPD-Politiker
bedient sich biologistischer Argumente und zitiert Vordenker der
Eugenik,
in: Rheinischer Merkur Nr.35 v. 02.09.
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Die ZEIT - allen voran
Susanne
GASCHKE - kämpfte nach der
Jahrtausendwende an vorderster Front für die
Durchsetzung einer qualitativen
Bevölkerungspolitik in Deutschland,
nichts anderes ist das Elterngeld, das die Förderung des
Akademikernachwuchses sichern sollte (wie
Robert LEICHT einwarf, war das aber
wenigstens "genderpolitisch korrekt"). Seitdem sind Akademikerkinder
mehr wert als Unterschichtkinder.
Dies
ist Kritikern schon immer zu wenig gewesen.
Gunnar HEINSOHN z.B., der hinsichtlich Hartz
IV-Empfängern nichts anderes fordert wie Thilo SARRAZIN,
darf seit Jahren seine Thesen verkünden ohne, dass dies die
bürgerliche Mitte (inklusive taz) sonderlich gestört hätte.
Die Unterschichtendebatte und die jetzige Migrantendebatte sind in
dieser
Logik der qualitativen Bevölkerungspolitik
also lediglich konsequent.
Man
benötigt in der Mediengesellschaft immer einen Polarisierer wie
SARRAZIN, um harte Maßnahmen reibungsloser durchsetzen zu können. Ob
wie in der Elterngelddebatte Kinderlose als Sündenböcke fungieren
oder nun Unterschichten oder Migranten - immer geht es um politische
Versäumnisse der Vergangenheit, die vertuscht werden sollen.
Während
die Öffentlichkeit lautstark über
SARRAZINs
mediale Inszenierung
diskutiert (das Buch konnte ja bislang kaum einer lesen und der
SPIEGEL-Vorabdruck
enthält keine Rassismen, höchstens einen unseriösen
Umgang mit Bevölkerungsstatistiken,
den man bereits von Herwig BIRG oder Frank SCHIRRMACHER kennt),
schafft die Bundesregierung Fakten. Gestern wurde z.B. das
Elterngeld für Hartz IV-Empfänger gestrichen während die
Besserverdienenden auf gerade einmal 2 Prozent verzichten müssen.
Die
SARRAZIN-Debatte ist eine bürgerliche Wohlfühldebatte (Wir tollen
Kulturmenschen gegen populistische Barbaren), derweil der politische
Paradigmenwechsel längst vollzogen wurde.
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ULRICH, Bernd (2010): Wo Rauch ist, da ist auch Feuer.
Muss man türken kennen, um über Türken zu urteilen? Warum Debatten
über Migranten in Deutschland so schwierig sind. Acht Thesen,
in: Die ZEIT Nr.36 v. 02.09.
Infos zu:
Bernd Ulrich - Autor der
Single-Generation
LAU, Mariam (2010): "Der Ali ist in Ordnung".
Aber der Thilo nicht. Warum die SPD-Spitze so empfindlich auf die
Äußerungen ihres Parteifreundes Sarrazin reagiert,
in: Die ZEIT Nr.36 v. 02.09.
Infos zu:
Mariam Lau - Autorin der Single-Generation
JOFFE, Josef (2010): Die Rassismus-Falle.
Exorzismus hilft nicht gegen Sarrazin. Scharfer Disput macht
klüger,
in: Die ZEIT Nr.36 v. 02.09.
SEZGIN, Hilal (2010): Deutschland schafft mich ab.
Debatten, wie Thilo Sarrazin sie führt, haben mich als
türkischstämmige Intellektuelle muslimifiziert. Was ist in diesem Land
nur schiefgelaufen?
in: Die ZEIT Nr.36 v. 02.09.
LINDEN, Markus (2010): Lob des Populismus.
Demagogie: Provokateure wie Thilo Sarrazin sind gut für die
Demokratie. Sie zwingen zur Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen
Ressentiments,
in: TAZ v. 02.09.
KREYE, Andrian & Christian WEBER (2010): Gehirn und Erbse.
Es gibt ja auch kein Strick-Gen: Thilo Sarrazin politisiert mit
seinen Aussagen über erbliche Intelligenz wissenschaftliche
Ungewissheiten. Und was ist überhaupt Intelligenz?
in: Süddeutsche Zeitung v. 02.09.
Infos zu:
Andrian Kreye - Autor der
Single-Generation
HUBER, Joachim (2010): Goethe und Radau.
Wer will, kann Thilo Sarrazin
beikommen – das immerhin hat "Hart aber fair" gezeigt,
in: Tagesspiegel v. 03.09.
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HUBER zeigt, wie man SARRAZIN beikommt, z.B. in
der Sendung "Hart aber fair":
"Untersucht
wurde seine Rechnung, in Deutschland würden bei Fortschreibung der
aktuellen Bevölkerungsentwicklung in 120 Jahren mehr als 71 Prozent
Migranten leben. Das Statistische Bundesamt förderte nach der
Sarrazinschen Logik zutage, dass 2010 über 230 Millionen Menschen in
Deutschland leben müssten. Gerade mal 80 Millionen sind es
tatsächlich."
Wer
die Sendung gesehen hat, der weiß: SARRAZIN wurde dadurch so aus der
Fassung gebracht, dass er nur noch rumstottern konnte.
Auch Veit Medick geht
auf Spiegel
Online auf die Rechnung des
Statistischen Bundesamtes ein, die bei "Hart aber fair" gesendet
wurde. Jedoch ausführlicher:
"Plasbergs
Redaktion nahm sich eine Schätzung aus Sarrazins Buch vor, der zufolge
der Anteil der Migranten an der deutschen Bevölkerung langfristig
dramatisch wachsen wird. Sarrazin geht dabei davon aus, dass Geburten-
und Zuwanderungsraten über 120 Jahre konstant bleiben. In 120 Jahren
würden dann 71,5 Prozent der Menschen in Deutschland aus der Türkei,
anderen Staaten des Nahen und Mittleren Ostens oder Afrika stammen,
behauptet er und beruft sich auf Zahlen des Statistischen Bundesamtes.
Eben
jenes Statistische Bundesamt lieferte der Redaktion dagegen eine
andere Rechnung. Die Beamten legten Sarrazins Annahmen einer
konstanten Geburten- und Zuwanderungsrate einfach auf die vergangenen
120 Jahre um. Auf der Basis von 1890 gerechnet, müssten heute rund 253
Millionen Menschen in Deutschland leben - etwa dreimal so viele wie
tatsächlich. "Mehr als fragwürdig" seien die langfristigen Prognosen
des Bundesbankers, schlussfolgerten die Bundesstatistiker, denn es
seien nun mal zwei Weltkriege, die Pille und einige andere Faktoren
dazwischengekommen. Die Botschaft: Solch langfristige Vorhersagen sind
unmöglich bis unredlich. Sarrazin hatte dem in der Sendung inhaltlich
wenig entgegenzusetzen und verwies darauf, er habe den Charakter der
Schätzung im Text ja kenntlich gemacht."
Das
Pikante an dieser Art der Argumentation des Statistischen
Bundesamtes ist, dass bis heute in allen größeren Tageszeitungen
Argumentationsfiguren abgedruckt wurden wie sie SARRAZIN in dem
Beispiel benutzte, um in den letzten Jahren den Sachzwang
demografischer Wandel als Rechtfertigung für massive Einschnitte in
das Sozialsystem verwenden zu können. Auch das
Elterngeld als expliziter Einstieg in die
qualitative Bevölkerungspolitik wäre ohne solche Praktiken
nicht so einfach durchsetzbar gewesen.
Auf
single-generation.de wurde bereits im Mai 2002 das Prinzip der
"Projektion" angewandt, um ein
Deutschland ohne Pillenknick zu
veranschaulichen.
Erst im Jahr 2004 problematisierte der
gewerkschaftsnahe Statistiker Gerd BOSBACH erstmals ebenfalls in der
Presse Vorausberechnungen über 50 und mehr Jahre, die z.B.
immer wieder von dem nationalkonservativen Bevölkerungswissenschaftler
Herwig BIRG verbreitet wurden. Nun hat also das
Statistische Bundesamt die Methode von BOSBACH übernommen und auf
den Fall SARRAZIN angewandt. Es bleibt die Frage: Warum erst jetzt?
Obwohl der Missbrauch von Bevölkerungsstatistiken in der Art und Weise
wie sie SARRAZIN betrieben hat, bislang übliche Praxis in den Medien
war? Herwig BIRG hat dies z.B. nicht geschadet. Er wurde gerade wieder
in der Süddeutschen Zeitung für seine "guten Analysen" gelobt.
War er etwa keine Person, die öffentliche Verantwortung hatte?
Offensichtlich wird hier mit zweierlei Maß gemessen. In der Welt
prognostizierte Herwig BIRG
im Jahr 2002 folgendes:
"In
den Großstädten kippt bei den unter 40-Jährigen schon ab 2010 das
Mehrheitsverhältnis Deutscher zu Zugewanderten."
Wir
schreiben 2010. Wie sieht es mit der Prognose von BIRG aus? Die
Welt hat das Interview mit BIRG mittlerweile nicht mehr Online
stehen. Ein Hinweis darauf, dass man davon nichts mehr wissen möchte?
Ohne die langjährige Vorarbeit von Herwig BIRG und die bürgerliche
Presse wäre SARRAZINs Argumentation mit Bevölkerungsstatistiken gar
nicht erst auf fruchtbaren Boden gefallen.
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KÖNIG, Jürgen (2010): "Er landet furchtbar auf dem Bauch".
Historiker Ulrich Herbert nennt Sarrazin "blauäugig" und sein Werk
"ziemlich traurig, auch intellektuell",
in: DeutschlandRadio v. 03.09.
GÜNTNER, Joachim (2010): Biedermann als Brandstifter.
Zur Debatte um Thilo Sarrazin und zu seinem Buch «Deutschland
schafft sich ab»,
in: Neue Zürcher Zeitung v. 04.09.
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GÜNTNER schlägt vor die unselige
"sozialdarwinistische Gesellschaftstheorie" des Buches "Deutschland
schafft sich ab" außen vor zu lassen und es als
populärwissenschaftlichen Beitrag zur soziologischen
Exklusionsdebatte zu lesen:
"welche
sich mit dem modernen Paradox beschäftigt, wie Empfänger von
Sozialleistungen, die der staatlichen Fürsorge teilhaftig sind,
gleichwohl zu «Ausgeschlossenen» und «Überflüssigen» werden. Und
zwar eben dadurch, dass Sozialtransfers den Stolz des Empfängers
zerreiben und seine Aktivität verkümmern lassen können. Der
Soziologe
Heinz Bude, der die Aufmerksamkeit auf dieses Phänomen gelenkt hat,
wird nicht von ungefähr von Sarrazin zitiert."
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SEIDL, Claudius (2010): Die
Katastrophe hat längst begonnen.
Wer sagt denn, dass unser Aufstieg
immer weitergehen wird? Und wer glaubt, Sarrazins Ächtung helfe?
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 05.09.
HEINSOHN, Gunnar (2010): Die
unterschlagenen fünftausend Prozent.
Als Expertin für den Bildungsaufstieg der türkischen Migranten wird
gerade Naika Foroutan herumgereicht. Doch die beeindruckenderen
Erfolge, von denen sie berichtet, dokumentieren eine Irreführung
mittels Statistik,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v.
09.09.
FLORIN, Christiane
(2010): Ach, wie reizend.
Provokateur: Wer als Enfant terrible verhaltensauffällig werden
will, mischt nicht mehr mit linken Posen den Kunstbetrieb auf. Er
schreibt ein Buch, das irgendwie rechts sein könnte. Chronologie einer
Erschöpfung,
in: Rheinischer Merkur Nr.36 v. 09.09.
Infos zu:
Christiane Florin - Autorin
der Generation Golf
ZIELCKE, Andreas (2010): Vorauseilender Pessimismus.
Angst und Wahrheit: Sarrazin fürchtet die Verdummung der Deutschen.
Aber tut er etwas dagegen, außer Zahlen zu fälschen?
in: Süddeutsche Zeitung v. 10.09.
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Andreas ZIELCKE weist Thilo SARRAZIN einen
Missbrauch der Bevölkerungsstatistik vor. Noch vor wenigen Jahren
machten dies alle Qualitätszeitungen ebenfalls.
In der Elterngelddebatte, dem
Einstieg in die qualitative Bevölkerungsstatistik, war es Konsens,
dass MINDESTENS 40 % der westdeutschen Akademikerinnen lebenslang
kinderlos seien. Diese Debatte ist auf single-dasein.de und
single-generation.de ausführlich dokumentiert.
Vorreiter des Missbrauchs war der
nationalkonservative Bevölkerungswissenschaftler Herwig BIRG.
Es ist durchaus üblich, dass in Büchern völlig veraltete Zahlen
publiziert werden - selbst innerhalb der Wissenschaften! Wenn man
SARRAZIN kritisiert, dann sollte man endlich die eigenen Leichen im
Keller entsorgen und das eigene Versagen aufarbeiten.
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FLEISCHHAUER, Jan u.a. (2010): Das Bündnis der Weggucker.
Mit seinen umstrittenen Thesen hat Thilo Sarrazin ein Thema auf die
Agenda katapultiert, das die Parteien gern verschweigen: ihr Versagen
in der Integrationspolitik. Ausgerechnet in der Ausländerpolitik hat
eine große Koalition aus links und rechts jahrzehntelang die
Wirklichkeit ignoriert,
in: Spiegel Nr.37 v. 13.09.
Infos zu:
Jan
Fleischhauer - Autorin
der Single-Generation
WERGIN, Clemens (2010): Herzliche Grüße von Henrico.
Thilo Sarrazins Buch, vorurteilsfrei gelesen, ist eine präzise
Kritik an den falschen Anreizen des Sozialstaates. Armut ist ein
geistiges, kein materielles Problem. Und, ja, auch das:
Eigenverantwortung macht glücklich,
in: Welt v. 14.09.
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Der umstrittene Historiker
Götz ALY
weist auf die bevölkerungspolitische Positionen von SPD-Mitgliedern
wie Alfred GROTHJAN in den 1920er Jahren hin. Darauf hatte
bereits vor einiger
Zeit der Politikwissenschaftler Franz WALTER aufmerksam
gemacht.
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YÜCEL, Deniz (2010): Die Diktatur der Anpassung.
Seit einigen Jahren sprechen Bundesregierungen nicht mehr von
Ausländerpolitik, sondern von Integration. An den Implikationen hat
sich aber nichts geändert, es geht weiterhin um Anpassung,
in: Jungle World Nr.37 v. 16.09.
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YÜCEL fragt sich, angesichts der Thesen, die
der Verhaltensforscher Irenäus EIBL-EIBESFELDT in den 1980er Jahren
aufgestellt hat, nicht zu einem ähnlichen Skandal wie bei Thilo
SARRAZIN gekommen ist:
"Dass
es nie analog zur Causa Sarrazin zu einer Causa Eibl-Eibesfeldt kam,
hat vor allem zwei Gründe: Zum einen folgt heute die mediale
Inszenierung von Skandalen anderen Gesetzmäßigkeiten als noch vor 20
oder 30 Jahren. Zum anderen hat sich der Diskurs um die Einwanderung
verändert. Das Mantra, Deutschland sei kein Einwanderungsland, ohne
das jahrzehntelang keine Regierungserklärung zum Thema Ausländer
auskam, ist verschwunden, und »Integration« wurde längst
parteiübergreifend zu einem der dringlichsten gesellschaftlichen
Ziele schlechthin erklärt. Zugleich hat sich in der
Einwanderergesellschaft die Erkenntnis durchgesetzt, dass der
Aufenthalt in Deutschland von dauerhafter Natur ist. Zudem hat sich
die klassenmäßig ehedem homogene Einwanderergesellschaft
ausdifferenziert und Figuren des öffentlichen Lebens wie Özdemir,
Özkan und Özil hervorgebracht."
Auf
dieser Website wurde dagegen gefragt, warum der
Bevölkerungswissenschaftlicher Herwig BIRG nicht einen ähnlichen
Skandal heraufbeschwor wie Thilo SARRAZIN, obwohl er mit der
Bevölkerungsstatistik einen ähnlichen Missbrauch betrieb wie Thilo
SARRAZIN.
Offenbar
ist diese Frage noch weitaus tabuisierter als jede andere, die
derzeit in der Öffentlichkeit verhandelt wird, denn sie
betrifft die Konvergenz von Neuer Mitte und Neuer Rechte in Sachen
qualitativer Bevölkerungspolitik (Mehr
hier und
hier).
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STEINITZ, Matti (2010): Fans und Feinde.
Die NPD würde Thilo Sarrazin gerne als neues Parteimitglied
begrüßen, und auch die Rechtspopulisten von Pro Köln und Pro
Deutschland umwerben ihn. In den Internetforen der Neonazis findet der
SPD-Politiker allerdings weniger Zustimmung,
in: Jungle World Nr.37 v. 16.09.
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Gibt es einen Deal der gesellschaftlichen
Mitte mit Thilo SARRAZIN wie manche Beiträge in Internetforen nahe
legen?
"Weit
verbreitet ist zum Beispiel die Version, dass Sarrazin vom »System«
aufgebaut wurde, um ein Ventil für den wachsenden Unmut der
Deutschen über die »Überfremdung« zu schaffen. Demnach habe Sarrazin
den Auftrag, eine staatlich kontrollierte Sammelpartei rechts der
Union aufzubauen, was den Erfolg des »wahren« nationalen Widerstands
verhindern würde."
Die
Meldungen über den Erfolg einer möglichen rechten Partei neben
CDU/CSU (Die ZEIT übt sich in ihrer aktuellen Ausgabe bereits
mit diesbezüglichen Planspielen) und über einen "goldenen
Handschlag", der durch Verhandlungen hinter geschlossenen Türen
erreicht wurde, lassen Verschwörungstheorien ins Kraut schießen.
Aber diese sind zur Erklärung gar nicht nötig, denn Thilo SARRAZIN
kommt der großen Koalition derjenigen, die die Einwanderungsdebatte
auf die politische Agenda setzen möchte, ganz gelegen.
Die
Debatte folgt den gleichen
Prinzipien der Skandalisierung, die im Bereich
der Bevölkerungspolitik seit den 1980er Jahren - in
zunehmendem Maße - üblich geworden ist, ob es um die Unterjüngung in
der Rentenpolitik (Frank
SCHIRRMACHERs "Methusalem-Komplott"), die Kinderlosigkeit
der Akademikerinnen (Frank
SCHIRRMACHERs "Minimum") und den
Kampf um das Elterngeld usw. geht.
Jeweils werden Popanze aufgebaut, damit das Anvisierte als das
kleinere Übel erscheint. Die Enttabuisierung der
qualitativen Bevölkerungspolitik, die in
der Vergangenheit eng mit der Eugenik verbunden war - was
bei SARRAZIN nur am Offensichtlichsten zum Vorschein kam, zieht sich
wie ein roter Faden durch die Empörungsdebatten der letzten Jahre.
Die Präsentation von Minderheiten als Sündenböcken, die als
zukünftige massenhaft verbreitete Sozialfiguren die Gesellschaft der
Rechtschaffenen bedroht, gehört zum Standardrepertoire der
Tabubrecherrethorik. Von der Single-Gesellschaft über die
Kultur der Kinderlosigkeit bis zur
Einwanderung in die Sozialsysteme heißen die - je nach Thema -
schnell aktualisierbaren Klischeebilder der Bedrohungszenarien, mit
denen wirklich unerwünschte Debatten von vornherein verhindert
werden.
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LIPPHARDT, Veronika (2010): Die Bequemlichkeit des Erbes.
Ist Thilo Sarrazin ein Rassist? Eine Betrachtung über Wesen und
Verwendung des biologischen Determinismus in unserer Zeit,
in: Freitag Nr.37 v. 16.09.
HOFFMANN, Martin (2010): Sarrazin und der Biologismus-Vorwurf.
Kann wirklich nur ein "Biologist" behaupten, Intelligenz sei
größtenteils erblich bedingt? Und spräche die Erblichkeit von
Intelligenz wirklich für die Irrelevanz von Bildung und Erziehung? In
der Debatte um Thilo Sarrazins Buch gehen die Begriffe wild
durcheinander,
in: faz.net v. 16.09.
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Für HOFFMANN, einem Vertreter des
Entfaltungskonzepts, ist gerade bei hohem Vererblichkeitskoeffizient
ein "allgemein zugängliches und auf individuelle Talente abgestimmten
Bildungssystem" das optimale pädagogische Förderungskonzept.
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GABRIEL, Sigmar (2010): Anleitung zur Menschenzucht.
Warum die SPD einen Thilo Sarrazin in ihren Reihen nicht dulden
kann - eine Anklage,
in: Die ZEIT Nr.37 v. 16.09.
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GABRIEL kritisiert u. a. die vorgeschlagene
Fortentwicklung des Elterngeldes - ein Instrument qualititativer
Bevölkerungspolitik, das bekanntermaßen von der
SPD-Familienministerin Renate SCHMIDT auf den Weg gebracht
wurde:
"Thilo
Sarrazin scheut sich in seinem Buch auch nicht, Vorschläge dafür zu
machen, wie man diese gezielte Auswahl von scheinbar werthaltigeren
Eltern voranbringen könnte: »Es könnte beispielsweise bei
abgeschlossenem Studium für jedes Kind, das vor Vollendung des 30.
Lebensjahres der Mutter geboren wird, eine staatliche Prämie von 50000
Euro ausgesetzt werden. (…) Die Prämie – und das wird die politische
Klippe sein – dürfte allerdings nur selektiv eingesetzt werden,
nämlich für jene Gruppen, bei denen eine höhere Fruchtbarkeit zur
Verbesserung der sozioökonomischen Qualität der Geburtenstruktur
besonders erwünscht ist.« (S. 389/390)
Die
Forderung, hohe staatliche Gebärprämien gezielt für unter 30-jährige
Akademikerinnen auszuloben, klingt schon einigermaßen absurd. Die dann
allerdings beschriebene politische Aufgabe, diese nur jenen Frauen
zukommen zu lassen, die aus der richtigen gesellschaftlichen Gruppe
kommen, ist zutiefst verstörend: Sarrazin würde diese Prämie eben
nicht jeder Akademikerin geben, sondern nur dann, wenn sie in seinen
Augen eine Förderung verdient, weil sie über ein besseres genetisches
Potenzial verfügt. Wenn sie also aus einer sozial erwünschten Gruppe
oder Schicht kommt. Und die Definition der zu fördernden Gruppe oder
Schicht ist nach Sarrazins Auffassung die Aufgabe der Politik. Welch
ein Wahnsinn! Spätestens jetzt ist klar: Thilo Sarrazin führt keine
Integrations-, sondern eine Selektionsdebatte."
Offenbar
ist die harsche Kritik von GABRIEL vor allem deshalb vonnöten, um zu
verschleiern, dass der Vorschlag von SARRAZIN bereits dem Grundprinzip
des Elterngelds innewohnt. 2005 schrieb die renitente
Elterngeld-Verfechterin und ZEIT-Redakteurin Susanne GASCHKE in
ihrem Buch
"Die Emanzipationsfalle":
"Lange
Zeit schien die Trennlinie innerhalb der Gesellschaft vor allem
zwischen Familien und Kinderlosen zu verlaufen, doch die
Schichtkomponente gewinnt an Bedeutung. Wenn wir den gegenwärtigen
Trend der Kinderlosigkeit im akademischen Milieu fortschreiben, droht
Nachwuchs tatsächlich zu einer Angelegenheit der Unterklasse zu werden
- und zwar vor allem, weil die eine Seite aussteigt. Zynisch
formuliert könnte das heißen: Kinder bekommen in Zukunft nur noch die
Gefühlvollen und Blöden."
Das
Elterngeld sollte also auch in SPD-Diktion verhindern, dass die
"Blöden" die Kinder bekommen. Die
SPD-Familienministerin SCHMIDT sprach noch ganz vorsichtig
von "bevölkerungsbewusster Familienpolitik". Und Selektionsdebatte ist
nur ein anderes Wort für
qualitative Bevölkerungspolitik.
Selektion muss schließlich nicht genetisch begründet werden, sondern
kann auch sozial durch das Bildungssystem und die Herkunftsfamilie
geschehen.
Dass
diese Diskussion geführt werden würde, das war
bereits im Jahr 2004 vorherzusehen,
wie der Essay über die politische Konstruktion der Geburtenkrise
beweist.
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SCHIRRMACHER, Frank (2010): Frau Merkel sagt, es ist alles gesagt.
Über die Kälte der Macht und die Weigerung, ein Buch zu lesen: Es
geht im Fall Sarrazin eben doch um nichts weniger als die
Meinungsfreiheit,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 19.09.
MINKMAR, Nils (2010): Lesen ist nicht genug.
Thilo Sarrazins "Deutschland schafft sich ab" ist ein klassischer
Bildungsroman: Mittelbegabter, fauler Junge entdeckt die Literatur und
rettet sich selbst. Jetzt verachtet er alle, die nicht so geworden
sind wie er,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 19.09.
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Nils MINKMAR, ein Angehöriger der
Generation Golf, liest Thilo SARRAZINs Sachbuch als
Autobiographie bzw. als Bildungsroman. MINKMAR erklärt SARRAZINs
Motive aus dessen Lebenslauf. Dies ist jedoch zu kurz gegriffen. Die
SPD, speziell die Verfechter des Geistes der Agenda 2010, atmen den
Geist der SARRAZINs. Es handelt sich bei SARRAZIN also nicht um
einen Einzelfall, sondern um ein ganzes Milieu, das sich der
einstigen politischen Basis entfremdet hat und dadurch das
Spaltprodukt Linke erst ermöglicht hat. Die Integration ist
sozusagen bereits vor längerer Zeit innerparteilich gescheitert.
Jetzt erleben wir die daraus resultierende Radikalisierung.
Der Parteienforscher Franz WALTER hat dieses
Milieu treffend bereits 2003 charakterisiert.
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MATUSSEK, Matthias (2010): Ein Freak, ein Störenfried, ein
Jahrmarktsereignis.
Sarrazin-Debatte: Kaum ist Thilo Sarrazin "erfolgreich geächtet",
nehmen Kommentatoren in einer großangelegten Publikumsbeschimpfung
seine Leser aufs Korn. Spekulationen über eine rechte
Sammlungsbewegung schießen ins Kraut. Das Profil der potentiellen
Mitglieder: männlich, allein, frauenhassend,
in: Spiegel Online v. 20.09.
-
Im Plauderton berichtet
Matthias MATUSSEK über eine Veranstaltung mit Thilo
SARRAZIN. Im Saal hat er "jüngere Menschen, Akademiker, viele
Pärchen darunter" ausgemacht. Die müssen jedoch stumm bleiben, denn
in der öffentlichen Debatte lässt - nicht nur - MATUSSEK seine
bereits mehr oder weniger angegrauten Altersgenossen sprechen. Phase
zwei sei nun angebrochen: die
Publikumsbeschimpfung.
Weswegen MATUSSEK nun dringend ein paar jüngere Menschen als
Statisten braucht...
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MÜLLER, Martin U. (2010): Anonyme Aggression.
In den Meinungsforen großer Online-Portale sorgt der Fall Sarrazin
für einen heftigen Ansturm verbaler Exzesse,
in: Spiegel Nr.38 v. 20.09.
SCHULZE, Gerhard (2010): Sarrazin - ein Fall für Schopenhauer.
Der Philosoph hätte den Migrationskritiker einen Denk-Monarchen
genannt - eigenständige Ideen aber haben gegen den Vorurteilskonsens
unserer Deutungselite keine Chance,
in: Welt v. 21.09.
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Der Soziologe
Gerhard SCHULZE, mit dem Buch
Die
Erlebnisgesellschaft zur deutschen Deutungselite
aufgestiegen, verteidigt den Denk-Monarchen Thilo SARRAZIN.
Merkwürdig
erscheint jedoch die Idee, dass man heutzutage als Außenseiter
geächtet wird, indem man eine lebenslängliche Pension erhält, als
ob man seine Tätigkeit so lange wie vertraglich festgelegt
ausgeübt hätte. Davon können alle anderen nicht-geächteten
Außenseiter dieser Gesellschaft nur träumen! Eine Ächtung wäre es
höchstens, wenn SARRAZIN ab sofort in der Diskurswelt keinerlei
Podium mehr bekäme. Davon kann jedoch keine Rede sein, weswegen
der Vergleich von SCHULZE mit archaischen Gemeinschaften an den
Haaren herbeigezogen ist.
Angeblich
wollen viele aus Deutschland weg, aber der politisch korrekt
während der ungeliebten Regierungszeit von Rot-Grün in die Welt
gesetzte Brain Drain, wird selbst nicht einmal mehr von der FAZ
verbreitet. Was angesichts einer neuen Studie des DIW
(Wochenbericht Nr.37 v. 15.09.2010
als PDF-Datei downlowdbar) auch
mehr als töricht wäre.
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RÖHL, Bettina (2010): Angriff auf die Unschuldsvermutung.
Die SPD treibt das Ausschlussverfahren gegen Thilo Sarrazin voran
und begibt sich damit auf schwieriges juristisches Terrain.
Parteichef Sigmar Gabriel persönlich wird nicht müde, Sarrazin zu
attackieren - und überzieht dabei maßlos,
in: Spiegel Online v. 22.09.
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Was auf dieser Website bereits mehrfach -
auch im Hinblick auf
Sigmar GABRIEL - kritisiert wurde, nämlich, dass längst
umgesetzt ist, was SARRAZIN bezüglich Akademikerinnen fordert,
das rechnet
Bettina RÖHL auf Heller und Pfennig
vor:
"Sarrazins
Vorschlag, Jungakademikerinnen eine Prämie von 50.000 Euro von
Staats wegen zu zahlen, um sie zum Gebären anzuregen, ist im Prinzip
bereits geltendes, von der schwarz-roten Koalition, der Gabriel als
Minister angehörte, beschlossenes Recht.
Das
damals eingeführte Elterngeld für ein Jahr Erziehungspause eines
Elternteils beträgt für arme Schlucker ein Jahr lang 300 Euro pro
Monat, also 3600 Euro. Für Besserverdienende hatte Schwarz-Rot als
Obergrenze 1800 Euro Elterngeld pro Monat ausgesetzt. Diese
Gutverdiener-Paare bekommen also per Saldo über zwölf Monate
verteilt knapp 22.000 Euro Elterngeld geschenkt.
Das
sind gut 18.000 Euro mehr Gebärprämie, als eine
Unterschichten-Mutter erhält, um es klar und deutlich auszudrücken:
Das ist geltendes Recht. Wie kann man da zu »Menschenzucht«-Phantasien
gelangen? Gerade jetzt geht Schwarz-Gelb auf Sarrazin-Kurs und
beschränkt das Elterngeld ganz auf Besserverdiener."
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ZANDER, Michael (2010): Der Haßprediger.
Ohne Furcht keine Motivation. Sarrazins pseudowissenschaftliche
Philippika gegen Erwerbslose und viele andere,
in: junge Welt v. 23.09.
DeLUCA, Claudio & Jens TARTLER (2010): "Ich habe das Buch mit Gewinn
gelesen".
Streitgespräch: Thilo Sarrazin hat mit seinen Thesen zur Migration
die Republik in Aufruhr versetzt. Doch halten sie auch einem
volkswirtschaftlichen Härtetest stand? Ein Schlagabtausch mit dem
Topökonomen Thomas Straubhaar,
in: Capital Nr.10 v. 23.09.
RABE, Jens-Christian (2010): Vulgärliberalismus.
Warum die Krise des Nachdenkens über Politik mindestens so ernst
ist wie die Krise des Wohlfahrtsstaates,
in: Süddeutsche Zeitung v. 27.09.
MISIK, Robert (2010): Die Freiheit, die sie meinen.
Fall Sarrazin: "Meinungsfreiheit" ist zu einem rechten Kampfbegriff
geworden. Sie wird allzu häufig mit dem Recht verwechselt, nicht
kritisiert zu werden,
in: TAZ v. 27.09.
NIEJAHR, Elisabeth (2010): Die Frau, die Kanzler kann.
Lange war Ursula von der Leyen das liberale Aushängeschild der CDU.
Als Hartz-IV-Reformerin macht sie erstmals konservative Politik,
in: Die ZEIT Nr.40 v. 30.09.
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Elisabeth NIEJAHR verschweigt, dass
Ursula von der LEYEN genau jene Politik macht, die der Vordenker und
SPD-Mitglied Thilo SARRAZIN in seinem Buch Deutschland schafft
sich ab fordert. Einsparungen beim Hartz IV-Regelsatz damit zu
erklären, dass Tabak und Alkohol als Genussmittel nicht zum
Existenzminimum gehören, das steht dort wortwörtlich auf Seite 116:
"In
den Ist-Ausgaben des Durchschnittshaushalts sind 40 Euro für
Tabakwaren und eine ähnliche Summe für den nur grob abzuschätzenden
Verbrauch an alkoholischen Getränken und alkoholfreien
Erfrischungsgetränken (Mineralwasser und Ähnliches) enthalten.
Allein in diesen beiden Positionen liegt Einsparpotential, das es
jedem, der in einem auf Transfer angewiesenen Haushalt lebt,
ermöglicht, sich exakt so zu ernähren, wie das bei einem
durchschnittlichen Verdienst möglich ist - wenn er will sogar
besser."
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DORN, Thea (2010): Tribunal der Gutmeinenden.
Nicht nur der Fall Sarrazin zeigt: Wer im öffentlichen Streit
deutliche Worte riskiert, kommt für höhere Ämter nicht mehr infrage.
Ein Plädoyer für die Meinungsfreiheit,
in: Die ZEIT Nr.40 v. 30.09.
-
Angeblich hat Thilo SARRAZIN das Feld des
"freundlich Konsensfähigen" verlassen. Tatsächlich? Sorgt er nicht
vielmehr dafür, dass große Teile seiner Forderungen von der Politik
reibungsärmer verwirklicht werden können? Wird ihm sein Rausschmiss
nicht mehr als vergoldet?
Während
der Vorruheständler Herwig BIRG (kennt denn noch jemand?) die
quantitative Bevölkerungspolitik salonfähig gemacht hat, macht nun
SARRAZIN die qualitative Bevölkerungspolitik salonfähig.
Thea
DORN gehört zu den Aufstiegswilligen der Generation
Golf, die sich einem neuen Sozialdarwinismus verschrieben haben.
Dazu gehört auch der Soziologe Frank HERTEL, der mit dem Buch
"Knochenarbeit"
ebenso wie DORN gegen den "verlogenen Kuschelsound" kämpft und dabei
offenbar weit geöffnete Türen auftritt.
Die
Debatte um SARRAZIN ist verlogen, da hat DORN Recht, aber aus
anderen Gründen: Die Klartextredner haben längst den neuen Konsens
auf ihrer Seite. Die Kritik an SARRAZIN übt sich nur noch in
traurigen verbalen Rückzugsgefechten. Längst sind jene Fakten
geschaffen, um die angeblich gerungen wird.
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FALKE, Gustav (2010): Gegrilltes Hänchen Brust, nein danke!
Sprachkenntnis, Bildung und Integrationsbereitschaft sind drei
durchaus getrennte Felder,
in: Süddeutsche Zeitung v. 30.09.
GUPTA, Oliver Das (2010): Gruselige Gräben.
Die Popsängerin Judith Holofernes über das Dilemma, in Kreuzberg
ein schulpflichtiges Kind zu haben,
in: Süddeutsche Zeitung v. 30.09.
NUTT, Harry (2010): Wir brauchen eine Ästhetik der Schwäche.
Für eine Politik der zweiten Chance, die den sozial Schwachen
hilft, brauchen wir ein Gespür für das Scheitern. Unsere Vorstellung
von Schwäche darf nicht in die Falle platter Leistungsbegriffe tappen,
in: Frankfurter Rundschau v. 30.09.
BAX, Daniel (2010): Lob der Selbstzensur.
Meinungsfreiheit: Nein, man sollte nicht alles in der
Öffentlichkeit sagen dürfen. Gerade in Deutschland weiß man: Tabus
haben eine zivilisierende Wirkung,
in: TAZ v. 01.10.
-
Daniel BAX möchte die Thesen von SARRAZIN auf
Rassismus reduzieren, statt den Kern zu benennen: die Forderung nach
einer qualitativen Bevölkerungspolitik in Deutschland. Wer wie die
taz Tabus fordert, statt die Zahlen, die SARRAZIN über
demografische Zusammenhänge in Umlauf bringt, ernsthaft zu
überprüfen, der gehört ebenfalls zu den Steigbügelhaltern des
Rechtspopulismus. Zur Kinderlosigkeit in Deutschland schreibt
SARRAZIN:
"Entscheidend
ist der wachsende Anteil der lebenslang kinderlosen Frauen: Beim
Geburtsjahrgang 1940 hatten 10,6 Prozent der Frauen lebenslang keine
Kinder, beim Geburtsjahrgang 1965 waren es bereits über 30 Prozent,
und dieser Anteil scheint sich in den jüngeren Geburtsjahrgängen
weiter zu erhöhen." (2010, S.345)
Diese
Zahlen sollten eigentlich mit dem Mikrozensus 2008 aus der Welt sein.
Nichtsdestotrotz bezieht sich SARRAZIN weiterhin auf den
nationalkonservativen
Bevölkerungswissenschaftler Herwig BIRG und dessen Buch "Die
demographische Zeitenwende" aus dem Jahr 2001. In einer
Fußnote begründet SARRAZIN seine Ignoranz gegenüber den Zahlen des
Mikrozensus folgendermaßen:
"Birg
stützte sich dabei auf die amtliche Totalzählung der
Geburtenstatistik sowie auf perinatologische Basiserhebungen der
Krankenhäuser in Westfalen-Lippe. Der Unterschied zum Mikrozensus
2008, der für die Kinderlosigkeit der Jahrgänge 1964 bis 1988 einen
Anteil Kinderloser von 21 Prozent errechnet, ergibt sich aus dem
höheren Kinderlosenanteil der Frauen mit Migrationshintergrund und
aus dem Stichprobenfehler des Mikrozensus 2008"
Die
Studie auf die sich SARRAZIN beruft, wurde im Jahr 1996
veröffentlicht. Die Erhebung liegt also mindestens 15 Jahre zurück.
Wie inzwischen bekannt ist, wurde die
Anzahl der Spätgebärenden damals weit
unterschätzt. Außerdem ist ein Rückschluss von den
Geburten des Kreises Westfalen-Lippe auf das Geburtenverhalten in
Deutschland sehr gewagt, wenn man weiß, dass die
Kinderzahl der Ostfrauen bis zur
Jahrtausendwende weit unterschätzt wurde. In der
Krankenhausstatistik fehlen zudem die Kinder, die nicht in
Krankenhäusern zur Welt kamen.
Bislang
lässt uns die Wissenschaft mit exakten Zahlen für die jeweiligen
Geburtsjahrgänge im Stich. Der Mikrozensus fasst lediglich mehrere
Jahrgänge zusammen. Ein Arbeitspapier von
Michaela KREYENFELD vom April 2010
sieht die Mikrozensusdaten - im Gegensatz zu SARRAZIN - als die
beste derzeit verfügbare Datenquelle zur Kinderlosigkeit in
Deutschland an(als PDF-Datei
hier downloadbar). Ein weiteres
Arbeitspapier der Soziologin vom März 2010 (als PDF-Datei
hier
downloadbar) beschäftigt sich mit der Frage der Brauchbarkeit von
Perinatalstatistiken für die Erfassung der Kinderzahl von Frauen.
Eine Aussage über die Anzahl der Kinderlosen bestimmter
Geburtsjahrgänge fehlt jedoch.
Es
ist ein trauriges Kapitel, dass sich unsere Wissenschaftler, die
sich mit dem demografischen Wandel beschäftigen, der Debatte um
SARRAZIN bislang enthalten haben. Man darf sich also nicht wundern,
wenn Soziologen in die Polemik flüchten und dafür nur noch Hohn und
Spott ernten,
wie das Beispiel Armin NASSEHI zeigt.
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FAHRENHOLZ, Peter (2010): Therapeut und Brandstifter.
Er will gar nicht debattieren: Wie Thilo Sarrazins Auftritt vor dem
Münchner Bürgertum zum Eklat geriet,
in: Süddeutsche Zeitung v. 01.10.
WEHLER, Hans-Ulrich (2010): Ein Buch trifft ins Schwarze.
Anstatt über Sarrazins Thesen zu diskutieren, erteilt die
regierende Klasse dem Autor ein politisches Berufsverbot,
in: Die ZEIT Nr.41 v. 07.10.
Infos zu:
Hans-Ulrich Wehler - Autor der Vor-68er-Generation
Infos zu:
Armin
Nassehi - Autor der Single-Generation
WEEDE, Erich (2010): Demographie, Intelligenz und Zuwanderung.
Die Ordnung der Wirtschaft: Schafft Deutschland sich ab? Hat
Thilo Sarrazin recht mit seinem Bestseller? Den Ernst der Lage erkannt zu haben
ist Sarrazins Verdienst. Die Wichtigkeit umstrittener Werturteile
für seine Analyse wird von vielen Kritikern und Sarrazin selbst überschätzt. Wer das nicht tut,
kann ihm dankbar sein, dass er Zielkonflikte offenlegt, denen sich
die deutsche Politik nicht stellt - allen voran die langfristige
Unvereinbarkeit des existierenden Sozialstaates mit offenen Grenzen
für Zuwanderung,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 08.10.
Infos zu:
Andreas Maier - Autor der
Generation Golf
KAUBE, Jürgen (2010): Sarrazin und die Bildungskatastrophe.
Der Historiker Hans-Ulrich Wehler rät der SPD, sich endlich von
der Polemik gegen Thilo Sarrazins Irrtümer ab- und der Diskussion
über seine richtigen Beschreibungen zuzuwenden. Ein Gespräch,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 09.10.
STUCKRAD-BARRE, Benjamin von (2010): Mit Sarrazin in der
"Westend-Klause".
Eigentlich wollte sich er sich das Türkei-Spiel gar nicht
angucken. Benjamin von Stuckrad-Barre konnte ihn aber überreden,
in: Welt am Sonntag v. 10.10.
Infos zu:
Benjamin Stuckrad-Barre - Autor der
Generation Golf
REENTS, Edo (2010): Die Messe des Thilo Sarrazin.
Am Freitag war der umstrittene Autor von "Deutschland schafft
sich ab" zu Gast auf der Buchmesse. Ein Begleitungsbericht,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 10.10.
KURBJUWEIT, Dirk
(2010): Der Wutbürger.
Stuttgart 21 und Sarrazin-Debatte: Warum die Deutschen so viel
protestieren,
in: Spiegel Nr.41 v. 11.10.
NASSEHI,
Armin (2010): Die Biologie spricht gegen Biologismus.
Der Gegensatz von Natur und Kultur ist in den Natur- wie in den
Sozialwissenschaften längst obsolet. Für die Lösung der
Bildungsprobleme in Unterschichten ist zweitklassige Theorie aber
nicht gut genug,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 13.10.
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