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Gerhard Matzig: Die Neocons und die All-Age-Gesellschaft

 
       
   
  • Kurzbiographie

    • 1963 in Deggendorf geboren
    • Studium der Jurisprudenz, der Politikwissenschaften und der Architektur
    • 1997 Buch "Paris"
 
       
   
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    Gerhard Matzig in seiner eigenen Schreibe

     
       
    • MATZIG, Gerhard (2001): Die Carrera-Bahn.
      Teil 29 der Serie "Das war die BRD",
      in: Süddeutsche Zeitung v. 18.07
    • MATZIG, Gerhard (2001): Die Obszönen einer Ehe.
      Die Deutschen sterben aus - und schuld daran sind all die dummen Familien-Klischees der Werbewirtschaft,
      in: Süddeutsche Zeitung v. 18.08.
    • MATZIG, Gerhard (2003): Ein Fall von Auszehrung.
      Die Pendlerpauschale und die Pathologie der Städte,
      in: Süddeutsche Zeitung v. 25.09.
      • Inhalt:
        MATZIG beschreibt die Pendlergesellschaft am Beispiel von Haidhausen als Folge falscher steuerlicher Anreize:

              
          "Zur Zeit pendeln in Deutschland mehr als 25 Millionen täglich.
        Ein Blick auf einen exemplarischen Fall: (...) Haidhausen, das war einmal ein wahres Suburbia – ein Ort, weit draußen vor der Tür zur zivilen Stadtgesellschaft. Wer es sich leisten konnte, wohnte in der Stadt, nicht an deren Rändern.
        Heute markiert Haidhausen nicht mehr den geografischen oder gesellschaftlichen Rand der Münchner Stadtwelt, sondern eines ihrer gewichtigen Zentren. Doch wer es sich leisten kann, wohnt nicht mehr im Zentrum, sondern an den Rändern der Stadt. Also irgendwo in jenen Münchner Vororthöllen, die sich vor Zuzug kaum retten können, während ein vitales Zentrum wie Haidhausen allmählich verödet. Familien befinden sich hier nurmehr im transitorischen Zwischenraum der Hypothekendarlehen-Entwicklung."

              
          Als Konsequenz beschreibt MATZIG eine sozialräumliche Segmentierung mit schrumpfenden und polarisierten Städte sowie ausufernde Vorstädte:
              
          Ohne eine Trendwende leben womöglich in den deutschen Stadtkernen in einer gar nicht so fernen Zukunft nur noch Superreiche, Singles – oder Superarme. Die Finanz- und Gesellschafts-Normalität wird in den Städten nicht mehr anzutreffen sein. (...).
        Auf Dauer führt dies zur Auszehrung der Städte und zugleich zur Pathologie der Vorstädte, deren Krankheitsbild bestimmt wird von kultureller Trägheit, unkontrollierbaren Wucherungen und ökologischem Wahnsinn.
        "
    • MATZIG, Gerhard (2004): Vom Ende der Zukunft.
      Heimatfilme, Schuluniformen, Benimm-Fibeln: Die Ästhetik der heranziehenden Gerontokratie ist der Nostalgie gewidmet – und der Angst,
      in: Süddeutsche Zeitung v. 28.02.
      • Inhalt:
        MATZIG sieht in Deutschland ein neues Biedermeier anbrechen:

              
          "Die Welt – und darin ganz besonders Deutschland, wo die Biedermeier-Legende von der »guten alten Zeit« (W. H. Riehl) erfunden und sogleich patentiert wurde, Deutschland scheint sich in einen gigantischen, absurden Autorückspiegel zu verwandeln. Deutschland kann man sich immer besser vorstellen als eine Novalis-hafte Blumentapete, als geistige Draperie einer vorgeblich heilen, heiteren Vergangenheit."
              
          Die Rückwärtsgewandtheit ist für MATZIG ein Angst-Reflex, der den Blick auf die Herausforderungen einer alternden Gesellschaft verstellt:
              
          "Der Sehnsuchts-Traditionalismus ist dabei nichts anderes als ein ästhetischer Angst-Reflex. Angst vor dem Fortschritt, Angst vor neuen Kommunikations- und Kulturtechniken, Angst vor offenen Grenzen, Angst vor ökonomischen Verschiebungen. Mit einem Wort: Angst vor der Zukunft. Und zugleich ist die neobiedermeierliche Restauration ein Symptom der Alters-Depression.
        Dabei müssten wir eher Angst vor einer im Wortsinn »alten«, folglich zukunftslosen Welt haben: also vor der heranziehenden Gerontokratie, deren ästhetische Sehnsuchts-Parodien schon jetzt bildhaft werden – als Rückspiegelbild des Todes statt des Lebens.
        "
    • MATZIG, Gerhard (2004): Ohne Kindheit, ohne Alter.
      Das dauererwachsene Leben zwischen Lego und Rheumadecka,
      in: Süddeutsche Zeitung v. 26.10.
      • Inhalt:
        MATZIG erklärt uns, dass die All-Age-Produkte der Warengesellschaft eine All-Age-Gesellschaft hervorbringt.
    • MATZIG, Gerhard (2005): Rollenspiele der All-Age-Gesellschaft.
      Frauen und Männer: Neueste Ermittlungen im Krisengebiet. Ehe, Kinder, Bausparvertrag: Die jungen "Neocons" sind die Antwort auf 50-jährige, die nicht erwachsen werden wollen,
      in: Süddeutsche Zeitung  v. 28.02.
      • Kommentar:
        "Die erschreckenden Studien wissen von immer mehr 25-jährigen Akademikerinnen, die ihren Platz am heimischen Herd und bei Aufzucht und Hege der lieben Kleinen sehen; die glauben, ihre ökonomische Unabhängigkeit auch deshalb ohne weiteres aufgeben zu können, weil ihre Generation in joblosen Zeiten wie diesen gar keine Freiheit mehr erwerben könne. Passend dazu wird von immer mehr 27-jährigen Männern erzählt, die sich in härtere Karrieren fügen, weil ihnen die Frauen zuhause »den Rücken frei halten«", behauptet MATZIG.

              
          Vielleicht lässt sich hier noch der bescheidene Anfang eines neuen Topos von der Rückkehr des "Heimchen am Herd" zurück verfolgen.
              
          Die bürgerliche Neocon-Familie ist zuerst mit einem eher unverbindlich gehaltenen Manifest aus dem Jahr 1999 ins Feuilleton gelangt (single-dasein.de merkte dazu an: Heiraten wird zu einem Akt der Rebellion und zum Statussymbol der Neuen Mitte).
                 Erst vom SPIEGEL nur proklamiert, dann von Joachim BESSING in Form eines Hilferufs eingefordert, und vor kurzem von Tissy BRUNS u.a. mit Verweis auf single-generation.de als Faktum beschrieben, wird die Neocon-Familie nun von MATZIG unter Berufung auf nicht näher bezeichnete Studien quasi als selbst erfüllende Prophezeiung festgeschrieben.
                 Wir werden wohl nicht lange auf die nächste Runde in diesem Kampf der Lebensstile warten müssen.

              
          Als Gründe für das Aufkommen der jungen Neocons nennt MATZIG zum einen die ökonomische Situation und zum anderen das Generationenspiel, in dem der Jugend nichts anderes als Distinktionsmöglichkeit übrig bleibt als das Spießertum des Neocons:
              
          "Wenn die Alten jung sind, mögen sich die Jungen zu Recht sagen, dann müssen wir eben alt sein. Gegen die behauptete Jugendlichkeit und künstliche Unkonventionalität helfen als einzig verbliebene Distinktionsmöglichkeit nur die behauptete Konventionalität und die künstliche Alterung."
              
          Claudius SEIDLs Buch "schöne junge welt", das gerade erschienen ist, gilt MATZIG als Beweis für das Vorhandensein von orientierungslosen 30- bis 50-Jährigen in einer entgrenzten All-Age-Gesellschaft.
    • MATZIG, Gerhard (2005): Eltern gegen Kinderlose.
      Der große Graben (6).Der Krieg der Köpfe: Norm und Normalität
      Familienmenschen und Singles, Kinderlose und Kinderhabende: Auch abseits der Fragen zu Kleinkindbetreuung und Rentensicherung gehört der Streit um das Thema Kinder zu den jämmerlichsten Fehlleistungen der Gesellschaft,

      in: Süddeutsche Zeitung v. 02.09.
      • Kommentar:
        Gerhard MATZIG liefert einen Frontbericht der besonderen Art. Es hätte gute Ansätze gegeben. Endlich hätte das sozialpopulistische Konstrukt "Single-Gesellschaft" grundlegend hinterfragt werden können. Aber so mutig ist MATZIG nicht!

                  
        "Das negativ besetzte, übrigens völlig unscharfe Wort »Singlegesellschaft« ist genau wie der negativ besetzte Begriff »Rabenmutter« eine deutsche Schöpfung", erklärt uns MATZIG.
                  
        Dies ist falsch! Lange bevor Ulrich BECK den Begriff "Single-Gesellschaft" in die deutsche Debatte einführte, erschien in der US-amerikanischen NEWSWEEK ein Bericht über die Single-Gesellschaft ("singles-oriented society", 16.07.1973).
                  
        Richtig ist dagegen, dass nirgendwo ein derart verbissener, geradezu eschatologischer Kampf von Elternlobbyisten gegen Kinderlose geführt wird.
                  
        Für die Schweiz hat der Soziologe François HÖPFLINGER schon vor Jahren festgestellt, dass dieser Kulturgraben zwischen der deutsch- und französisch-/italienischsprachigen Schweiz - also entlang der Sprachgrenzen - verläuft.
                  
        Es wäre also völlig falsch, anzunehmen, dass die jetzige Situation neuartig - gerne auch von den 68ern verursacht - sei.
                  
        Die Wurzeln dieses Kulturkampfes müssen wahrscheinlich in der Weimarer Republik, oder noch früher gesucht werden.
                  
        MATZIG rollt nochmals die Medien-Story um Paul KIRCHHOFs Kinderglück auf. Auch die Stern-Titelgeschichte über das "Land ohne Kinder" fehlt nicht (NIEJAHRs ZEIT-Porträt über Doris SCHRÖDER-KÖPF war wohl zu aktuell) fehlt nicht. Selbst der Sommerloch-Weltwoche-Artikel "Kinderwahnsinn" über selbstgefällige Eltern (übrigens keine deutsche, sondern ein britische Erfindung. Dort läuft diese "smuged parents"-Debatte schon länger).
                  
        Das ist höchstens für die schlecht informierte SZ-Leserschaft interessant, für single-dasein.de-Leser ist das alles schon bekannt.
                  
        Dass MATZIG ein bisschen über den Bestseller von Frank SCHIRRMACHER nörgelt (Pseudo-Abgrenzung!), Susanne MAYERs Kinderland-Buch heraushebt, dies führt dann direkt zu der Mainstream-Meinung von MATZIG:
                  
        "Schon in wenigen Jahren werden wir also ein gigantisches Seniorenstift bewohnen, in dem Kinder aufgrund ihrer Exotik entweder beschützt oder bedroht sein werden."
                  
        Dagegen kein Wort darüber, dass Eltern in den mittleren Lebensjahren die absolute Mehrheit (enger Familienhaushaltsbegriff), sogar die Zwei-Drittel-Mehrheit (weiter haushaltsübergreifender Familienbegriff) stellen. Kein Wort darüber, dass Familie die statistische Norm ist, d.h. Normalität und Normativität auf Seiten der Eltern ist.
                  
        Die Single-Gesellschaft ist ein Produkt der herrschenden Single-Lüge.
                  
        Darüber kann auch MATZIGs "Touran"-Werbungsbeispiel nicht hinwegtäuschen. Das hysterische Reden über die kinderlose Gesellschaft ist Ausdruck des neuen Familienfundamentalismus.
                  
        Der Soziologe Karl Otto HONDRICH spricht hier von der "demografischen Gefahrenbeschwörungsgemeinschaft".
                  
        Ach ja, MATZIG ist hinsichtlich der Akademikerinnen-Kinderlosigkeit reichlich desinformiert, denn er braucht auch noch einen politisch korrekten Skandal:
                  
        "42 Prozent der deutschen Frauen mit Hochschulausbildung haben keine Kinder. In Schweden sind es acht Prozent. Das ist der eigentliche Skandal."
                  
        Der eigentliche Skandal ist, dass dies in einer angeblichen Qualitätszeitung steht.
    • MATZIG, Gerhard (2006): Wo bleibt die Renaissance der Stadt?
      Der Exodus der Familien dauert an, denn in den Zentren gibt es nach wie vor zu wenige kinderfreundliche und bezahlbare Wohnungen,
      in: Süddeutsche Zeitung v. 15.09.
    • MATZIG, Gerhard (2006): Das Individuum schlägt zurück.
      Selbstverwirklichung im Städtebau: Die "Townhouses" in Berlin-Mitte beantworten die Frage nach der Zukunft der Stadt so radikal wie selbstverliebt,
      in: Süddeutsche Zeitung v. 23.09.
      • Anmerkung:
        Das Thema Family-Gentrifizierung, das single-generation.de bereits im März 2002 als neuen Trend beschrieben hat, ist nun auch im Feuilleton angekommen.

                  
         Gerhard MATZIG schreibt über die Berliner Stadthäuser, die Ausdruck einer Renaissance der Stadt sind:
                  
         "Weil (...) Suburbia »das Personal ausgeht« (Hartmut Häußermann), vor allem die Frauen nämlich, die ihre Zeit nicht länger als Taxidienstleister der Kinder vergeuden wollen, weil der Pendelterror der Feinstaubfreunde unbezahlbar wird, weil eine überalterte Gesellschaft aus den verwaisten Vorstadtghettos wieder zurück in die Zentren drängt - und weil sogar immer mehr Familien in die Stadt der kurzen, flexiblen, leichter zu organisierenden Wege ziehen wollen: deshalb steht der Stadt als Wohn- und Arbeitsort tatsächlich eine auch geistig gemeinte Renaissance bevor."
    • MATZIG, Gerhard (2007): Ich mache was mit Medien.
      Eine neue Gesellschaftsklasse, die "digitale Bohème", will das Erbe von Kunst, Kultur und Intellekt antreten - aber die "Kreativen" verwechseln Geist und Ökonomie,
      in: Süddeutsche
      Zeitung v. 27.08.
      • Inhalt:
        "
        Es ist (...) folgerichtig, dass der soeben zu Ende gegangene Hauptstadtkongress zur Zukunft der »digitalen Bohème« mit dem ironischen Titel: »9 to 5 - Wir nennen es Arbeit« versehen war. Denn nichts ist so arbeitsintensiv wie das Branding einer neuen Klasse. Nichts ist so schwer herzustellen wie der Eindruck des Leichten", lästert MATZIG.
    • MATZIG, Gerhard (2008): Reiche Stadt, armes Land.
      Der "Neue Urbanismus" dient der Exklusionsgesellschaft,
      in: Süddeutsche Zeitung v. 17.06.
      • Inhalt:
        Gerhard MATZIG beklagt, dass der "neue Urbanismus" in Städten wie München, Berlin, Stuttgart und Dresden nur noch von den einkommensstarken Eliten bezahlt werden kann.
    • Neu:
      MATZIG, Gerhard (2009): Am Start.
      Vier Jahre lang Grundschule im staatlich apokalyptischen Bildungssystem, vier Jahre Zittern und Bangen und Hoffen: eine Bilanz,
      in:
      Süddeutsche Zeitung v. 16.05.
     
           
       

    Paris (1997).
    Architektur der Gegenwart
    (zusammen mit Andrea Gleiniger und Sebastian Redecke)

    München: Prestel (vergriffen)

     
       
     
     

    Klappentext

    "Der gut ausgestattete Band von Prestel stellt die Großbauten der achtziger und neunziger Jahre vor. Eine Einleitung über die urbane Entwicklung der Stadt erläutert die historischen Voraussetzungen. (...). Bauten, die beschrieben werden, sind u.a. La Grande Arche in La Défense, der Parc de la Villette, Le Grand Louvre, American Center, Wohnhäuser in verschiedenen Bezirken. Zu jedem Bauwerk werden die Architekten vorgestellt, die Planungs- und Bauphasen erläutert und mit Skizzen veranschaulicht. Insgesamt stellt der Band 22 Bauten oder Stadtplanungen vor".

     
     
     
           
         
       

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    © 2002-2009
    Bernd Kittlaus
    webmaster@single-generation.de Erstellt: 05. März 2005
    Update: 16. Mai 2009