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Heinz Bude: Bürgerlichkeit ohne Bürgertum

 
       
     
       
   
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    Heinz Bude in seiner eigenen Schreibe

     
       

    BUDE, Heinz  (2011): Die Unverwendbaren.
    Wie kann der Wohlfahrtsstaat die Müden und Gerissenen aushalten?
    in:
    Süddeutsche Zeitung v. 14.02.

    Heinz BUDE, der mit der Generation Berlin zum Oberlehrer der Berliner Republik avanciert ist, heizt zuerst kräftig die Ressentiments gegen die Hartz-IV-Empfänger, indem er sich zum Exegeten des "investiven Wohlfahrtsstaates" aufbläst. Aus dieser Position verkündet er die schlechte Nachricht:

    "Die schlechte Nachricht bezieht sich auf die Existenz einer unverwendbaren Bevölkerung, die die Gesprächspartner aus den Jobcentern auf 1,5 bis 1,8 Millionen in Deutschland schätzen."

    Diese unverwendbare Bevölkerung charakterisiert er dann als "die Müden, die Cleveren und die Gerissenen". Wer clever und gerissen ist, der sitzt bei uns jedoch traditionell eher im Management, weswegen er zuvor die ressentimentgeladenen Begriffe vom "Sozialschmarotzertum und Abzockermentalität" in den Mund genommen hat. Der Leser kann sich also auswählen, zu welchem Statement er eher neigt. Der Wendepunkt der Erzählung wird dann durch eine rhetorische Frage eingeleitet:

    "Gibt es wirklich keine andere Möglichkeit, als sich im Ressentiment zu erregen oder in Resignation abzukühlen?"

    Für das Ressentiment stehen als Vorbilder entweder Peter SLOTERDIJK oder Ulf POSCHARDT zur Verfügung. Die Resignierten versinnbildlicht BUDE im "schwermütig veranlagte(n) Junggesellen im mittleren Alter", also Typen wie sie von Michel Houellebecq hinreichend beschrieben wurden. Aber über welche Gruppe sprechen wir eigentlich?

    "Diese Gruppe, an der sich der Wohlfahrtsstaat die Zähne ausbeißt, gibt es in Finnland genauso wie in Belgien, in Frankreich genauso wie in Großbritannien. Und in Deutschland ist die Anzahl gemessen an der Gesamtzahl der Erwerbstätigen sogar noch relativ gering."

    Wem dieser Hinweis nicht genügt, dem spendet BUDE Trost mittels der katholischen Soziallehre und der Schicksalhaftigkeit der Unverwendbarkeit:

    "Wenn immer nur gilt, was uns nach vorne bringt und zum Sieg verhilft, ist vom Schicksal der Unverwendbarkeit am Ende niemand gefeit."

    Wir haben es hier mit der Wende vom aktivierenden zum respektierenden Sozialstaat zu tun, dessen Einsatzbereich die "Unverwendbaren" sind. Das muss man wohl als vorläufiges Friedensangebot zum Auftakt des "Superwahljahrs" verstehen.

    BUDE, Heinz (2011): Jenseits von Schwarz-Gelb.
    Bürgertum: Die Regierung hat sich getäuscht: Die meisten Bürger sind zum Verzicht bereit,
    in: Die ZEIT Nr.22 v. 26.05.

    Der Soziologe Heinz BUDE sieht in Deutschland eine Verschiebung von der alten zur neuen Mitte:

    "Mitte bedeutet nicht mehr Gewicht durch Besitz, Vorrecht auf Bildung und Zugehörigkeit aufgrund von Abstammung, sondern beschreibt ein dynamisches Gefüge, in dem die Erben des Mittelstandes, die Gewinner der Bildungsexpansion und die Aufsteiger der Zuwanderung sich zusammenfinden."

    Schwarz-Gelb hat in BUDEs Lesart diese Mitte mit ihrem Leistungs- und Verzichtsethos enttäuscht:

    "Die Globalisierungsgewinner aus dem deutschen Mittelstand, die Baby-Boomer der Jahrgänge 1955 bis 1965, die durch die Hinnahme des »demografischen Faktors« klaglos ihren Anteil an der Renovierung des deutschen Sozialstaats geleistet haben, und nicht zuletzt die Facharbeiter mit und ohne Migrationshintergrund, die für enorme Produktivitätssteigerung der deutschen Wirtschaft gesorgt haben – sie alle hätten gerne etwas Positives über ihre Leistungsfähigkeit und ihre Hinnahmebereitschaft im Dienste des Ganzen gehört."

    Interessant dabei: Heinz BUDE, Jahrgang 1954, zählt sich durch die Kohortenabgrenzung nicht zu den Baby-Boomern, die den demografischen Faktor "klaglos hingenommen haben". Tatsächlich war er aktiv an der Durchsetzung des demografischen Faktors beteiligt, indem er eine "Theorie" der Wohlfahrtsgenerationen für Deutschland entwarf. Das hat ihm den Vorwurf des Lobbyismus in eigener Sache eingebracht (mehr dazu hier).

    Passend zu seinem aktuellen Buch beschreibt er das Ethos dieser Mitte auch als "Bürgerlichkeit ohne Bürgertum". Zuletzt vermarktet BUDE das katholische Subsidiaritätsprinzip als "neuen Konservatismus", was den Spagat schafft, die Ideale der 1950er Jahre nahtlos mit der anfangs skizzierten neuen Mitte zu verbinden. Der neue FDP-Vorsitzende RÖSLER verkörpert diese Verbindung idealtypisch als Minister mit Migrationshintergrund und bekennender Katholik.

    Heinz BUDE malt - im Gegensatz zu Berthold VOGEL - ein wohlwollendes Bild von unserer Mittelschicht. Was, wenn die Wohlstandskonflikte in unserer Gesellschaft weiter aufbrechen? Wenn nach der (Finanz)krise nur vor der (Finanz)krise ist? (mehr hier und hier)

     
           
       

    Heinz Bude im Gespräch

     
       

    MÜLDER, Benedict Maria (2009): In Berlin werden Debatten geführt, die für die Welt wichtig sind.
    "Der Soziologe Heinz Bude über die Renaissance des Bürgertums, die Krise und die Berliner Religionsdebatte,
    in: Tagesspiegel v. 16.04.

    SCHNAAS, Dieter & Christopher SCHWARZ (2011): Renaissance der Bürgertugenden.
    Der Soziologe Heinz Bude über die bürgerliche Sehnsucht nach Größe, das Vorbild der Musterbürger zu Guttenberg, von der Leyen und Müntefering sowie die Verunsicherung der Mitte,
    in: Wirtschaftswoche Online v. 01.01.

    SZ-Thema: Die neue Bürgerlichkeit
    Das bürgerliche Lager hat sich radikal gewandelt. Vielerorts etabliert sich ein neuer Lebensstil: familiär, werteorientiert und ökologisch

    Neu:
    HEIDTMANN, Jan (2012): "Solidarität zählt wieder".
    Familie, Werte, Religion, aber nicht CDU: der Soziologe Heinz Bude über die neue Bürgerlichkeit,
    in:
    Süddeutsche Zeitung v. 27.10.

    "Die CDU hat die neuen Familienwerte nicht verstanden. Das sind eben nicht mehr einfach konservative Familienwerte; der Hort der Familienwerte sind heute zum Beispiel die nichtehelichen Lebensgemeinschaften",

    meint der Soziologe Heinz BUDE über die neue Bürgerlichkeit, die er folgendermaßen definiert:

    "Bürger zu sein heißt heute, eine familiale Genealogie begründen zu wollen, also einen Familiensinn zu haben. Bürger zu sein heißt, eine Art von ständischer Verpflichtungsstruktur zu haben, also mit Leuten der eigenen Art gut auskommen zu können. Und Bürger zu sein heißt drittens, irgendeine Art von Allgemeinbezug für sich zu akzeptieren".

    Die Inkarnation dieses neuen Bürgertums ist für BUDE die Grüne Katrin GÖRING-ECKARDT. Ausgerechnet die kinderarmen "Babyboomer, die ihren Höhepunkt im Jahrgang 1964 haben", sollen dieses konservative Ideal verkörpern.  

     
           
       

    Bürgerlichkeit ohne Bürgertum (2010).
    In welchem Land leben wir?
    (herausgegeben zusammen mit Joachim Fischer und Bernd Kauffmann)

    München: Wilhelm Fink

     
       
         
     

    Klappentext

    "Die griffige Formel einer Neuen Bürgerlichkeit sorgt seit einigen Jahren für Aufsehen. Neu an dieser forcierten Thematisierung von Bürgerlichkeit und Bürgertum ist, dass sie alle intellektuellen Generationen und Milieus umfasst und nicht nur in akademischen Nischen Interesse erregt, sondern gleichermaßen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft vorangetrieben wird. Neu aber ist auch, dass dieser neuen Bürgerlichkeit ihr traditioneller Träger verloren zu gehen scheint: das Bürgertum.

    Ohne Übertreibung lässt sich sagen, dass dieser Diskurs eine der wichtigsten Selbstverständigungsdebatten der Berliner Republik darstellt. Sie umfasst verschiedenste Facetten - von der Wiederkehr von Umfangsformen über die Forderung nach mehr Eigenverantwortung für die Gesundheits- und Altersvorsorge oder die Thematisierung von lange tabuierten Feldern (Leitkultur, Elite, Normen) bis hin zur Aufforderung zu zivilgesellschaftlichem Engagement.

    Im ersten Buch zu diesem aktuellen Thema äußern sich jetzt Autoren von Rang und aus verschiedenen kulturellen Feldern. Der Band dokumentiert und erweitert eine Tagung zum Thema, die 2007 auf Schloss Neuhardenberg stattfand. Er versucht eine analytische Klärung der Frage, was sich hinter der prognostizierten Rückkehr zur Bürgerlichkeit eigentlich verbirgt - ein gesellschaftlicher Wertewandel, ein wirkmächtiges Zukunftskonzept oder nur eine haltlose Wunschprojektion?"

     
         
     
           
       

    Beitrag von single-generation.de zum Thema

    Knochenarbeit - Die netten Jahre sind vorbei (Teil 2). Die Generation Golf in der Jobkrise revisited. Oder: Deutschland schafft sich ab

     
       

    Die Beiträge des Buchs

  • BUDE, Heinz/FISCHER, Joachim/KAUFFMANN, Bernd - Einleitung
  • KAUFFMANN, Bernd - Bürgerlichkeit und Bürgertum: eine tiefe, aber nicht hoffnungsfreie Ambivalenzerfahrung
  • FAHRMEIR, Andreas - Das Bürgertum des "bürgerlichen Jahrhunderts". Fakt oder Fiktion?
  • HACKE, Jens - Politische Bürgerlichkeit. Variationen einer Denkfigur in der deutschen Sozialphilosophie nach 1945
  • REHBERG, Karl-Siegbert - "Neue Bürgerlichkeit" zwischen Kanonsehnsucht und Unterschichten-Abwehr
  • BOLZ, Norbert - Lebensführung
  • BOHRER, Karl Heinz - Kein Wille zur Macht
  • REITZ, Tilman - Klassenprojekt oder Bildungsprogramm? Die strategischen Horizonte bürgerlicher Kultur
  • FREY, Manuel - Zur Produktion von Gemeinsinn in der Bürgergesellschaft
  • ALBRECHT, Clemens - Die Substantialität bürgerlicher Kultur
  • MÜLLER, Hans-Peter - Gesellschaftliche und institutionelle Bedingungen der Bürgerlichkeit
  • BUDE, Heinz - Einübung in die Bürgerlichkeit
  • FISCHER, Joachim - Bürgerliche Gesellschaft. Zur analytischen Kraft der Gesellschaftstheorie
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    • Rezensionen

    THIEL, Thomas (2010): Distinktion braucht es einfach überall.
    Von neuer Bürgerlichkeit ist mittlerweile viel die Rede. Doch klar wird selten, wie viel daran Beschreibung, Wunsch oder auch Polemik ist: Ein Sammelband besichtigt die Evokation alter Ideale unter Bedingungen der Gegenwart,
    in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 17.11.

    JUNG-ARNTZ, Barbara (2010): Die neue Bürgerlichkeit.
    Jetzt oder nie: Der Diskurs um Vokabeln wie Elite, Eigenverantwortung, Umgangsformen und Leitkultur ist eine der wichtigsten Selbstverständigungsdebatten der Berliner Republik – und das nicht erst seit auch die Grünen bürgerlich sein wollen. Soziologe Heinz Bude bringt mit der Essaysammlung „Bürgerlichkeit ohne Bürgertum“ die erste größere Einordnung dieser Sehnsucht nach alten Idealen heraus,
    in: Focus Nr.48 v. 29.11.

    SEIBT, Gustav (2010): Willensbürger im Weltsystem.
    Noch ein Lebensstil-Angebot: Ein Zwischenbericht zum Stand der Bürgerlichkeitsdebatte,
    in: Süddeutsche Zeitung v. 07.12.

     
       

    Das Buch in der Debatte

    KRONENBERG, Volker (2011): Der letzte Träger der Aufklärung?
    Bürgerlichkeit und Bürgertum als Herausforderungen aktueller Gesellschaftstheorie,
    in:
    Berliner Republik, Heft 1

     
       

    Weiterführende Links

     
         
       
     
       

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    © 2002-2015
    Bernd Kittlaus
    webmaster@single-generation.de Erstellt: 07. Januar 2011
    Update: 13. Februar 2015