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Ina Hartwig:
Die Dreißigjährigen
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Kurzbiographie
- 1963 geboren
- 1998 Buch "Sexuelle Poetik"
- 2003 Mitherausgeberin des
Kursbuch 154 "Die 30jährigen"
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Aktuellster
Beitrag
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Ina Hartwig in ihrer
eigenen Schreibe
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- HARTWIG, Ina (2003): Adorno
und die Frauen.
Zurück aus der Sommerfrische: Deutschland sehnt sich,
in: Frankfurter Rundschau v. 19.08.
- Inhalt:
HARTWIG wundert sich über die deutsche
Männerdämmerungsdebatte:
"Wer
dieser Tage nach einer urlaubsbedingten Abwesenheit nach
Deutschland zurückkehrt, traut seinen Augen nicht: Überall
in den Feuilletons ist von Frauen und von
Adorno die Rede. Nicht von Adornos Frauen wird parliert,
nicht genug jedenfalls, sondern von den heutigen Frauen und,
jawohl: von der Macht. Einer Macht, die die heutigen Frauen
angeblich haben, wie die einen jammern, oder angeblich nicht
haben, wie die anderen jammern. (...).
Wie kommt es
zum Beispiel, dass der Begriff »Frau«, dessen Verwendung
Katharina Rutschky vor einigen Jahren als
»fundamentalistisch« erkannt hat, ausgerechnet dort wieder
hervorgekramt wird, wo bis gestern noch das Heil in der
genetischen Forschung gesucht wurde? (...).
Genauso
rätselhaft ist, dass die antwortenden Damen, die bis eben
noch vornehm im Gender-Sorbet herumstocherten, plötzlich
wieder »Frau« sein wollen und sich als solche bekennen, wo
doch eben noch die Konstruiertheit alles Geschlechtlichen
die Gemüter in begeisterte Wallung brachte. Hier stimmt
etwas nicht. Beides war lange out - Frauen und Adorno -, und
plötzlich ist beides wieder da."
- HARTWIG, Ina/MÄRZ,
Ursula/MICHALZIK, Peter/NUTT,
Harry/SCHLÜTER, Christian/THOMAS, Christian (2003):
Wozu Weihnachten?
Am Heiligen Abend erzählt sich die Familie eine
Geschichte der Familie. Christmas uncut - Ein
Feuilleton-Gespräch über Eltern, Kinder, Glaube und Schuld,
in: Frankfurter Rundschau v. 24.12.
- HARTWIG, Ina (2005): Unter
der Maske des Narzissmus.
Andreas Maiers Roman "Kirillow" ist ein
Wahnsinnsbesäufnis mit Todesfolge,
in: Literaturbeilage der Frankfurter Rundschau v.
16.03.
- HARTWIG, Ina (2006): Wir haben
alles vermasselt.
Ein Hippie-Businessman zieht Bilanz: Bernd Cailloux
findet in seinem Roman "Das Geschäftsjahr 1968/69" einen
neuen Ton, über seine Zeit zu sprechen,
in: Frankfurter Rundschau v. 01.02.
- Inhalt:
Ina HARTWIG lobt den neuen Ton, den
Bernd CAILLOUX in seinem Roman
"Das Geschäftsjahr 1968/1969"
angeschlagen hat:
"der Ich-Erzähler lamentiert nicht - und darin liegt eines
der Geheimnisse dieses Buchs. Die Perspektive des
Szenejargons von früher wird gewissermaßen beibehalten;
keine Revision, kein Bedauern. Auch keine Illusionen, die
schon damals eher unterentwickelt waren. Statt dessen
Lakonie und jede Menge Situationskomik. Wenn hier ein
Zeitkolorit eingefangen wird, dann nicht das der
Polit-Slogans, nicht das der Revolte, sondern das der
Kulturrevolution, von der Hans Christoph Buch klug
bemerkte, sie sei der Revolte vorausgegangen, habe sie
begleitet und überdauert."
- HARTWIG, Ina (2006): Ich und
der Dichter.
Achtung, Achtung: Die Ganzkörperliteraturkritik übernimmt,
in: Frankfurter Rundschau v. 04.04.
- Inhalt:
Ina HARTWIG macht unmissverständlich
deutlich, was sie von der Literaturgeschichte
"Lichtjahre" von Volker
WEIDERMANN hält:
"Ulrich
Greiner hat Weidermann in der Zeit »Biographismus«
vorgeworfen. Ist, was Weidermann über Celan schreibt,
nicht vielmehr biographische Suggestion? Oder wenn
Ingeborg Bachmanns Lebensende bedichtet wird mit den
Worten: »Der Tod kam nachts. Sie hatte Beruhigungsmittel
genommen. Legte sich ins Bett. Allein. Mit einer
brennenden Zigarette. Das Bett fing Feuer. Das Nachthemd
fing Feuer. Ingeborg Bachmann ist verbrannt.« Nein, das
ist nicht biographisch, auch nicht biographistisch,
sondern schlicht
Tratsch. Man könnte auch sagen:
Schriftstellerlebensgeschichtskitsch, und zwar auf Kosten
von Lebenden, Toten und auf Kosten der seriösen
Literaturkritik."
- HARTWIG,
Ina (2006): Clash der Milieus.
Kathrin Passig war schon da,
in: Frankfurter Rundschau v. 12.07.
- Inhalt:
Ina HARTWIG möchte dem
Literaturbetrieb weitere Peinlichkeiten ersparen:
"Kathrin
Passig hätte man (...) längst kennen können, man hätte
nur die taz-Wahrheit-Seite regelmäßig zu lesen
brauchen (...). Passig ist nicht identisch mit der taz,
aber die taz ist das Milieu, in dem man sie und die
ZIA versteht,
vielleicht sollte man von fließenden Übergängen sprechen.
Die Verblüffung in Klagenfurt war offenkundig so groß,
weil dieses Wahlberliner Milieu dort weitgehend unbekannt
ist. Es wäre sicherlich wünschenswert, wenn die Jury hier
mal nacharbeitete, dann blieben dem Wettbewerb einige
Peinlichkeiten erspart."
- HARTWIG, Ina (2006):
Katholische Rêverien
Ich glaube, also bin ich: Schriftsteller im
Bekenntnisrausch,
in: Frankfurter Rundschau v. 19.07.
- Inhalt:
In
der Feuilletoncommunity herrscht Einigkeit darüber, dass
Protestantismus als unhip, Katholizismus als heiß gilt,
erläutert Ina HARTWIG.
Single-generation.de
hat bereits im April 2004 - also lange bevor die
Feuilletonkatholiken sich nach der Papstwahl outeten - die
Katholisierung der Berliner Republik
vorhergesagt.
HARTWIG
stellt nun mit
Thomas MEINECKE einen
popkulturell versierten Neukatholiken vor:
"Zu
den Spielern unter den neuen Katholiken gehört der
bestgelaunteste deutsche Schriftsteller, der DJ und
Musiker Thomas Meinecke. Dass dieser in seinen Romanen die
angesagten post-post-post-strukturalistischen Theorien
thematisiert, besonders wenn sie Genderfragen betreffen,
also eine feinere Form der Sexualität, ist bekannt.
Meinecke, ein in der Hamburger Diaspora aufgewachsener
Katholik, toppte unlängst seinen theorielüsternen
Konstruktivismus durch einen Kunstgriff.
Der katholische Priester sei
ein drittes Geschlecht (Kraft-Ebbing lässt grüßen),
begeisterte er sich auf der Frankfurter Megatagung
Kulturzone 06."
- Neu:
HARTWIG, Ina
(2006): Solidarität mit Maxim Biller.
Wessen Schmerz?
in: Frankfurter Rundschau v. 25.07.
- Inhalt:
Ina HARTWIG zum Fall "Esra":
"Jetzt herrscht wieder große Einigkeit in der Empörung, wie die
opulente
Namensliste zeigt. Man darf dennoch Zweifel anmelden, ob allen 100
Unterzeichnenden der »Fall Esra«, der hier als Exempel bedrohter
Kunstfreiheit behandelt wird, tatsächlich bekannt ist, ob alle
Unterzeichnenden das - immerhin in mehreren tausend Exemplaren kursierende
- Buch gelesen haben. Daniel Kehlmann machte
in der gestrigen FAZ den
respektablen Versuch, sich als Schriftsteller gegen jegliche Einschränkung
seiner Kunstfreiheit zu verwahren. Aber er gab auch zu bedenken, und damit
kommen wir der Sache schon näher: »Autoren sind keine netten Leute, es ist
nicht empfehlenswert, einem von ihnen Einlass in sein Leben
zu gewähren. Es ist dies eine menschliche Grundtatsache,
älter als die Schrift, so alt wie das Erzählen selbst.«
In diesem Zusammenhang wird stets erwähnt, dass sowohl
Die Leiden des
jungen Werthers als auch Die Buddenbrooks, sowohl Effi Briest als auch
Montauk nach heutiger Gerichtsbarkeit in ihrer Existenz bedroht wären.
Der Rechtsanwalt Peter Raue hat dieses Dilemma in einem
Kursbuch-Essay
(Heft 155, 2004) ausführlich beschrieben und als Ausweg vorgeschlagen,
dass die Gerichte selbst in der gebotenen Abwägung zwischen
Persönlichkeitsschutz und Kunstfreiheit die künstlerische Qualität der
jeweiligen Werke bei der Urteilsfindung berücksichtigen sollten. Damit
würde sich die pikante Frage stellen, ob Billers Roman Esra denn
tatsächlich in einer Reihe mit den oben genannten Werken der Weltliteratur
steht, und ob er durch seinen künstlerischen Wert quasi den Schmerz
einzelner Personen, die sich wiedererkennen oder wiederzuerkennen meinen,
rechtfertigt.
(...).
Schon jetzt steht jedoch fest: Maxim Biller
ist alles andere als naiv. Wer seinen Roman kennt, weiß, dass er von einem
kalkulierten psychologischen Voyeurismus lebt, dass er das Fenster recht
brutal aufstößt, um den Blick freizugeben auf eine in Scherben gegangene
Liebesgeschichte. Hundert Unterschriften ändern daran nichts."
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Beiträge des Sammelbands
- FLAMM, Stefanie - Meine erste
Entlassung
- MARTIN, Mirko - Coming Out -
(k)eine Ostgeschichte
- SEZGIN, Hilal - Der
Unterschied zwischen 0 und 1. Hoffen, Bangen, Sehnen von
einer Email bis zur nächsten
-
SCHWERDTFEGER, Malin - Wir
Nutellakinder
- RÜDENAUER, Ulrich - Ein
Klassentreffen
-
SCHLAK, Stephan - Die
Bedingten und die Unbedingten. Die Politik der
Dreißigjährigen
- KALKA, Joachim - Am Ende.
Eine Betrachtung zu Balzacs "Die Frau von dreißig Jahren"
- FALLER, Heike -
Husband-Material. November
-
MANGOLD, Ijoma - Graue Mäuse
und abenteuerliche Herzen. Eine Selbstbefragung zur Politik
der Zukunft
- SIEREN, Frank - Shanghai
Expreß. Wie China das Leben der europäischen
Milleniumsgeneration umkrempelt
- BETANCUR, Karin Ceballos -
Havanna 30
- KLUGKIST, Thomas - Die jungen
alten Wilden der New Economy. Vom bleibenden Wert der
Gründerromantik
-
WAGNER, David -
Dreißig Jahre Haß (vorbei)
-
BUHR, Elke - Dieser Zustand
ist nicht tanzbar
- MELLER, Marius - Und wie
hältst du's mit der Religion? Ein absolut repräsentativer
Spezialfall
- KUHLBRODT, Detlef - Helden
ohne Arbeit. Schadensprofilselbsterkennung
-
GRETHER, Kerstin - Meine
hysterische Musikfamilie und ich
-
FRIEBE, Holm - Stars 'r' us
- AGUIGAH, René - Immer noch
postmodern? Einige Komplikationen
- HAHN, Anna Katherina -
Kommune Kalk
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Vorabdrucke
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FALLER, Heike (2003): Schwieriges Alter.
Es ist so eine Sache mit uns Frauen um die 30. Das Glück ist immer
woanders,
in: Die ZEIT Nr.48 v. 20.11.
- Kommentar:
Das demnächst erscheinende Kursbuch ist den
Dreißigjährigen gewidmet - hechelt also dem
Zeitgeist, der inzwischen
die 35jährigen entdeckt hat, etwas
hinterher.
Die ZEIT druckt einen Text vorab, der
sich mit einem Lieblingsthema unserer Rentenreformrepublik
beschäftigt, und insofern immer wieder aktuell ist:
"Torschlusspanikbeziehung,
aus Angst, von der Evolution abgewiesen zu werden, wie von einem
gemeinen Türsteher, dessen Selektionskriterien man nicht versteht?
Horrorvorstellung. Wie war ich noch mal darauf gekommen? Weil es mit
30, allein im Bett liegend, neben sich nur einen Spiegel mit einer
Titelgeschichte, in der steht, dass die Fruchtbarkeit von Frauen
nicht, wie bisher angenommen, mit 39, sondern schon mit 32 rapide
abnimmt und ihren Höhepunkt eigentlich mit 13 überschritten hat, nur
eine Vorstellung gibt, die noch furchterregender ist, als jedes
Wochenende und jeden Urlaub mit einem Mann zu verbringen, den man
nicht liebt, und vielleicht sogar Kinder zu haben, die ein bisschen
so sind wie der Mann, den man nicht liebt: allein zu bleiben.
Kinderlos. Bis man schließlich mit 60 beim Fensterputzen ausrutscht
und zwei Jahre später skelettiert aufgefunden wird, von seinem
Neffen, der netterweise alle zwei Jahre auf ein Käffchen
vorbeigekommen ist."
Gewollte Kinderlosigkeit
ist dagegen das neue Tabuthema, Ausnahmen wie
Susie REINHARDT bestätigen nur die Regel.
-
FLAMM, Stefanie (2003): Die erste Entlassung.
Nach der Party: Als die Kündigungswelle auch die Dreißigjährigen
erfasste, waren die wenigsten darauf vorbereitet. Eine Betroffene
erzählt,
in: Tagesspiegel v. 29.11.
-
MANGOLD, Ijoma (2003): Generation auf Posten.
Mit den Dreißigjährigen -
mäkeln ihre Kritiker und so sehen sie es selbst - geht es bergab.
Die landläufige Diagnose: fortschreitende Entpolitisierung. Der
"Generation Golf" gebricht es an der revolutionären Selbstgewissheit
der 68er, Gut-böse-Schemata sind ihr abhanden gekommen. Kennzeichen
eines Verfalls oder doch eines intellektuellen Fortschritts?
in: TAZ v. 29.11.
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Berichte über eine Lesung
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LEINKAUF, Maxi (2004): Humor ist, wenn man trotzdem lacht.
Im Roten Salon lasen
30-jährige Autoren Geschichten aus ihrem Leben vor: Es geht um
Entlassungen und Begegnungen mit Gott. Hauptsache komisch,
in: Tagesspiegel v. 16.02.
- Kommentar:
Im Roten Salon der Berliner Volksbühne hat
sich der Klüngel des Zeitgeistfeuilletons getroffen:
"Zur
Lesung des aktuellen Kursbuches (...) »Die Dreißigjährigen« heißt
die neueste Ausgabe. Moderator und Herausgeber
Tilman Spengler hatte
sechs Autoren eingeladen, ihre Texte zu diesem Thema zu lesen. »Denn
damit liegen wir gerade im Trend«, fand Spengler.
»In Berlin war die Neue Mitte und wir wollten da ankommen«, begann
Stefanie Flamm, die auch für den Tagesspiegel am Sonntag schreibt,
einen Text über ihre erste Entlassung bei den Berliner Seiten der
Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Sie schildert, wie sie in dieser
großen Zeitung ankam – und wie das Verhältnis zu Ende ging. (...).
Als die Berliner Seiten dann eingestellt wurden, sagte man zu
Stefanie Flamm: »Sie sind jetzt ein Mythos.« Mehr nicht. Die Leute
im Saal beklatschen die Geschichte wild. Vielleicht, weil sie
ähnliche Situationen kennen. Auch Moderator Spengler ist hoch
erfreut über diese Resonanz. (...).
Das
Publikum nimmt das nicht leicht: Es weiß, Flamms Geschichte könnte
hier jedem passieren.
»Uns ist im Grunde doch alles egal«, beschreibt dagegen
Malin Schwerdtfeger ihren Jahrgang in
»Wir Nutellakinder«. Nur
eins hätten 30-Jährige gemeinsam: Sie wollen nicht erwachsen werden.
Was sie damit meint, das erklärt sie nicht", bemängelt LEINKAUF
(schreibt offenbar nicht für den Tagesspiegel!).
"Der
Autor David Wagner ist Vater
geworden, er fährt jetzt »Kinderwagen, jeden Tag«. Marius Meller,
Redakteur beim Tagesspiegel, erzählt wie einer seiner Freunde mal
Gott begegnete. Es ist die Geschichte einer langen Psychose. Und
auch Kerstin Grethers
lebt in einer Krise, seit sie 13 ist. Sie pendelt zwischen »uns
komischen Aliens« und Coverversionen von Nirvana-Songs.
Diese 30-Jährigen da im Roten Salon beobachten nicht andere, sie
bespiegeln sich vor allem selbst. Und das so witzig wie es geht. Als
ginge es nur darum, möglichst viele Lacher auf seine Seite zu ziehen".
Was denn sonst?
Darüber schweigt sich LEINKAUF pseudokritisch aus...
-
FÖRSTER, Jochen (2004): Sind wir noch relevant?
Die Generation Golf braucht Beschäftigung: In der Berliner
Volksbühne lesen "Die 30-Jährigen",
in: Welt v. 16.02.
- Kommentar:
In der TAZ und
gleichzeitig in der WELT schreiben,
das wäre vor 20 Jahren nicht möglich gewesen. Heute - im Zeitalter
des großen Mitte-Konsens - gelingt dies spielend.
Vielleicht muss sich FÖRSTER deswegen so über
Wir-Konstruktionen echauffieren, weil ihm ein wirklicher Gegner
abhanden gekommen ist. Überall nur Mitte! Keine Opposition weit und
breit! Langeweile en masse! Da bleiben nur solche biedermeierlichen
Sätze wie:
"Natürlich
muss es nicht sein, eine Generation auszurufen, bevor sie überhaupt
den Weg zur Macht beschritt, bevor sie mit dem Establishment
abgerechnet hat, bevor sie also zünftig Bilanz ziehen kann über den
Weg ihres Lebens. Und außerdem, wer soll das sein, wir? Aus der
Vielzahl der Ereignisse Linien zu skizzieren, vermag der Historiker,
nicht der, der mittenmang steckt. Einerseits. Andererseits ist der
Nicht-Kampf wider das Establishment nicht allein unsere Schuld,
zweitens kein Nachteil und drittens, mag sein, gar unser Kapital.
Unsere Eltern hatten Gegner, wir nicht wirklich. Womöglich blicken
wir so früh zurück, weil uns dämmert, dass nicht viel nachkommt an
Barrikaden. Dies als Phänomen erkannt zu haben, ist Florian Illies'
Verdienst."
Mit dieser
Einführung kann FÖRSTER dann mit dem Kursbuch
»Die Dreißigjährigen«
einen Papiertiger aufbauen, den er folgendermaßen beschreibt:
"Auf
Lesungen weit mehr als in Büchern, ist das gebotene Mittel die
Ironie, das 30plusX-Publikum will sich über sich amüsieren. Am
besten kamen deshalb Texte an, die typische Situationen nonchalant
beschrieben: Stefanie Flamm, deren Zeitung sie raus warf und
versuchte, Sie als »Medien-Mythos« zu stilisieren. Und
David Wagner, der herausgefunden
hatte, dass auch Väter heute leicht outsourcebar sind und das ganz
gut ist so. Die Analytischen hatten mehr Probleme:
Malin Schwerdtfegers Appell an die Neuerfindung der
Frühvergreisten klang zu kompliziert, Marius Meller hatte sich
dummerweise entschieden, seine Fabel von der Gottsuche eines
psychotischen Schulfreundes witzig vorzutragen.
Zwei der bemerkenswertesten Beiträge waren nicht vertreten. Karin
Ceballos Betancur hatte die Geschichte zweier Kubanerinnen vor der
Wahl zwischen Geld- oder Liebesheirat aufgeschrieben, auf jede
Analyse verzichtet und so angedeutet, wie erhebend konkret das »Wir«-Gefühl
sein kann.
Ijoma Mangold fiel zuletzt die unangenehme Aufgabe zu, zu
diskutieren. Er hatte Kluges geschrieben wie zu sagen - etwa dass
wir ruhig beginnen sollten, uns weiter zu wähnen als die
»Komplexitätsignoranten« von »68, statt ewig unserem
Wildheits-Defizit hinterher zu trauern. Und dass dabei mehr
Abenteuerlust vonnöten wäre, Lust auf Experimente auch ohne Rezepte.
Diese Generation braucht kein Wir-Gefühl. Sie braucht Beschäftigung.
Ein Döneken-Abend wie dieser kam da gar nicht so schlecht."
So
ganz nebenbei bemerkt: Jochen FÖRSTER ist einer von drei
Herausgebern der Vierteljahreszeitschrift
"Dummy" (heißt wirklich so!). Dort
schreibt - man wundert sich nicht! -
Malin SCHWERDTFEGER die
Filmkritiken. Es bleibt also alles in der Familie!
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