Inhaltsverzeichnis
Entree:
Wirklich vorbei?
Revolutionäre (Alp)Träume
Wohngemeinschaften - Knatsch ohne Ende?
Krisenkarussell
Die Phänomene: Vermischungswahn und Menschenkonsumismus
Die Wiedergutmachtung der Familie
Versuche der Reform
Die Kunst der Balance
Exkurs:
Der Bauch der Gesellschaft
Alternativprojekte: Die Gruppe als Chef
Das
kollektive Museum
Die Sehnsucht nach den Chefs
Jenseits der "identischen Gruppe"?
Exkurs:
Kleine Geschichten von Geld und Genuß
Liebe,
ach!
Junges
Glück
(Sehn)Sucht nach Bindung
Heim und Herd: Ein alternatives Tabu
Eine neue Doppelmoral?
Exkurs:
Die Angst vor der Normalität und die Sehnsucht nach Leid
Basis?
Demokratie? Systemüberwindung?
Apokalypse als Revolutionsersatz
Die Etablierung der Alternativen: Anpassung oder
Emanzipation?
Vom Opfer zum Täter: Das emanzipatorische Paradox
Zwischen Basis und Demokratie
Was
bleibt? Was beginnt?
Die
polyvalente Gesellschaft
Der Traum von der Qualität
Zitate:
Paare und Singles als Zerfallsprodukte der
Alternativbewegung & ihr Beitrag zur großstädtischen
Gentrification
"Böse
Zungen behaupten, daß die Wohnungsnot in einer Metropole wie
Frankfurt inzwischen nicht mehr auf das Konto von
geldgierigen Spekulanten oder bauwütigen Abreißern geht,
sondern von einer Explosion derjenigen Bedürfnisse
verursacht ist, die in der Hoch-Zeit der
Wohngemeinschaftsbewegung unwichtig schienen: Die in den WGs
angestauten Gelüste auf Platz und Privatheit führen zu einem
geradezu ausufernden Raumbedarf; geräumige Altbauwohnungen,
in denen früher sechsköpfige Wohngemeinschaften eine
gemeinsame Küche teilten, werden heute von überschuldeten,
flüchtenden Paaren mit unstillbarer Sehnsucht nach Idylle
okkupiert. (Wer mit offenen Augen durch die traditionellen
»alternativen« Stadtviertel Frankfurts geht, kann diese
Wohnungen am makellosen weißen Stuck, den vielen
wohlarrangierten Zimmerpflanzen und den Oma-Vitrinen
erkennen.) Den Rest der Wohnungsnot, so die Lästerer,
besorgen die »Post-WG-Singles« mit ihrem Trend zur Zwei-
oder Dreizimmerwohnung (»Jahrelang habe ich in einem Zimmer
mit 'nem versifften Bad gehaust, jetzt ist Schluß!«).
Vieles, aber nicht alles an dieser Entwicklung hat mit Geld
zu tun. Aus der relativen Armut der Studentenjahre, die die
Lebensform Wohngemeinschaft nicht nur aus
kulturrevolutionären, sondern auch aus ökonomischen Gründen
zwingend machte, sind viele in den »alternativen
Mittelstand« aufgestiegen." (S.26f.)
Das neue Ideal jenseits von überfordernder Kommune und
oberflächlicher Zweck-WG: Die Hausgemeinschaft
Man
stelle sich zum Beispiel eine alte Mühle vor, am Stadtrand
gelegen. Drei Paare und drei Singles haben sie gekauft. Die
Renovierung wird wahrscheinlich niemals abgeschlossen sein -
sie ist verbindendes Projekt, kollektiver Sinn. Aber nur zum
Teil: neben den Utopien eines Solargewächshauses, der
Nutzung des alten Mühlrades für die Heizung, eines kleinen
Cafés steht die (akzeptierte) Realität des täglichen
Geldverdienens. Die meisten arbeiten außerhalb, aber in der
Mühle gibt es Werkstätten, deren Möglichkeiten vom
Vollgelderwerb bis zum puren Hobby reichen. Die Paare leben
in getrennten Etagen mit getrennten Küchen, die drei Singles
bilden eine kleine WG. Es gibt drei Kinder.
(...).
Trotz des gemeinsamen Hauses wird nicht versucht, alles
»unter einen Hut« zu bekommen. Es gibt verschiedene
Sphären: eine verbindende (das Haus), eine »geborgene« (die
Ehe oder Beziehung), eine individuelle (den Beruf), es gibt
»Verschiebungsmöglichkeiten« innerhalb des Projektes, die
eine Flexibilität zwischen den verschiedenen Sektoren des
Lebens ermöglichen."
Der
Bobo als Erbe der Alternativbewegung
"Die
»Generation der qualitativen Unternehmer« wird so oder so
entstehen, sie ist im Grund das soziale Nachfolge-Produkt
der alternativen, der rebellischen Ära, eine Synthese
zwischen Wohlstandstraum und »neuer Lebens-Qualitätslust«.
(Wir erleben ihre Entstehung in der amerikanischen »Yuppie«-Schicht
ebenso wie bei den französischen »nouveau entrepreneurs«)
Die Frage ist nur, ob diese »Verschmelzung der Mythen«,
der kommende Modernismus, sämtliche Ansprüche an politische
Moral und gesamtgesellschaftliches Denken verlorengehen läßt
(...) oder ob die politischen, die gesellschaftsverändernden
Impulse in diesem (Neu)Formierungsprozeß weiter Bestand
haben." (S.73)
Svende Merians "Der Tod des Märchenprinzen" - Zwischen dem
Bedürfnis nach Autonomie und dem Wunsch nach
Geborgenheit
"Svendes
so larmoyant und ungefiltert »aus dem Bauch« geschriebenes
Tagebuchwerk trifft einen Kern: Hinter der Fassade der
aufgeklärten Beziehungsrationalismen, der Verherrlichung der
Autonomie ist unaufhörlich ein geradezu monströses
Wunschbild von der Superfrau und dem Idealmann gewachsen.
Der »Märchenprinz« schildert, wie sich die Anspruchsschraube
unaufhörlich ins Infinitesimale dreht. Er zeigt die
paradoxen Aspekte der »Beziehungskisten«: Der »autonome
Mensch« darf keine Schwächen, keine regressiven Bedürfnisse
(etwa die nach Treue oder Sicherheit) mehr haben, er wäre
dann ja nicht mehr autonom. Gleichzeitig sehnt man sich aber
unaufhörlich nach seinen Fittichen, was man nicht zugeben
darf. Svende Merian bombardiert ihren Prinzen mit
emanzipatorischen Ansprüchen, die sich aber auf eine
seltsame Art und Weise als Vorwände entlarven, hinter denen
massiv der Wunsch nach Geborgenheit lauert." (S.86f.)
Der Differenzfeminismus
rechtfertigt die Vollzeitmutterrolle als Wahlfreiheit
"Bettinas
Anspruch ist seit einem Jahr (seit der Kinderwunsch
in ihr »reifte«) anders geworden (...). »Ich sehe gar nicht
ein«, sagt sie fast böse, »warum meine wesentliche
Produktivkraft als Frau - nämlich Kinderkriegen -
brachliegen sollte. Ich habe das Gefühl, daß die Männer uns
allmählich auch noch diese Domäne klauen wollen, gerade das,
was Männer und Frauen unterscheidet. Wenn ich ehrlich
bin: Ich will eigentlich gar nicht meine Erfüllung im Beruf.
Ich will Mutter sein (...). Da gibt es immer die komischten
Anmachen, wenn ich so etwas sage, auch und gerade von
Frauen. Plötzlich muß man sogar Rollen, die man
freiwillig übernehmen will, verteidigen - weil es sie
früher nur zwangsweise gab!«" (S.94)
Pressestimmen
"Weder
Alte noch Kinder verdienen in der Springprozession dieser
Szene eine Überlegung. Alt ist in ihr noch keiner geworden.
Und die Kinder sind Huckepack kreuz und quer übers
gesellschaftliche Experimentierfeld mitgeschleift worden.
Sie werden das Ergebnis später selber melden.
Aktueller erscheint
die Frage, ob und wann eine Szene-Frau Kinder bekommen solle
(...).
(...).
Hausfrau und Mutter will sie sein. (...). Also totaler
Rückfall? Die Schwangere sagt nein. Es liege Fortschritt
darin, eine Rolle freiwillig zu übernehmen, die einem früher
einmal aufgezwungen worden wäre.
Damit stoßen wir auf
die heute wohl wichtigste Formel für den alternativen
Kompromiß: Hauptsache, der Kopf bleibt frei; so frei, sich
seine Freiheit einzubilden."
(Peter Brügge im Spiegel v. 02.12.1985)