Die Literatur und die
Liebe in Zeiten des flexiblen Menschen
"Die
Literatur, so meine These, ist zur Zeit im Begriff, eine
wesentliche Veränderung unserer Erfahrungswelt ins Bild zu
setzen. Es geht dabei um das Spannungsfeld zwischen
Globalisierung - also Mobilität, Flexibilität, Vernetzung - und
dem, was man Näheverhältnisse nennen kann. (...).
Wie läßt sich Nähe zu anderen Menschen unter solchen Bedingungen
überhaupt noch herstellen und halten?" (S.58)
Das
Unmoderne des Nähe-Begriffs
"Der Begriff
ist durchaus ambivalent. Es fehlt ihm die schlichte
Attraktivität von Liebe und Sexualität. Das Pathos der Distanz,
charakteristisch für die Moderne, hat ihn als ernstzunehmende
Kategorie diskreditiert." (S.58)
Michel
Houellebecq als Geborgenheitsfanatiker
"»Ausweitung
der Kampfzone« meint genau dies: Der sexuelle Liberalismus
erzeugt, analog zum Wirtschaftsliberalismus, einen zweiten
Kampfplatz. Auch hier gehe es schließlich nur um Erfolg und
Mißlingen. Alles andere, insbesondere die Liebe, spiele keine
Rolle mehr. Dabei wirft Houellebecq den 68ern vor, im Zuge der
sexuellen Befreiung das Modell des Paars und der Familie
geopfert zu haben. Damit seien nun auch die letzten Bollwerke
geschliffen worden, die das Individuum vom Markt trennen.
Seltsamerweise hat man diese These nie ernst genommen." (S.59)
"Michel
Houellebecq entwirft Bilder von Nähe und Vertrautheit, dorthin
zielt seine Sehnsucht, aber er möchte schier verzweifeln, daß
dies immer nur Augenblickskonstellationen sind. (...).
Houellebecq ist nicht der einzige Autor, der die Großmütter zum
Hort ehemals mütterlicher Geborgenheit erklärt". (S.61)
Die
Dienstleistungsgesellschaft übernimmt zunehmend die Funktion des
Weiblichen
"Die als
klassisch weiblich geltenden Eigenschaften werden immer häufiger
dem Markt überantwortet und ausgelagert. Wer sich danach sehnt,
verwöhnt zu werden, geht ins Wellness-Center. Wer sich nicht
wohl fühlt, zum Arzt oder Therapeuten. Wer ein Problem hat,
belästigt nicht seine Verwandten und Vertrauten, sondern
verschafft sich die Überweisung zum Psychoanalytiker oder findet
eine andere Heilslehre, für die er gern bezahlt. (...).
Mutet das nicht alles ziemlich verzweifelt an? (...). Die
Zeichen dafür, daß das eine Notlösung ist, sind deutlich: Sobald
sich das allgemeine Äquivalent des Geldes dazwischen schaltet,
bedeutet das vermeintlich Selbe nicht mehr das Gleiche." (S.64)
Martin
Walser als Besessener von Nähephantasien
"Sein im Jahr
2001 erschienener Roman »Der Lebenslauf der Liebe« erkundet wie
kaum ein zweiter, was Nähe bedeutet - und wie entsetzlich sie
sein kann. Die Ambivalenz dieses Begriffs läßt sich selten so
gut illustrieren wie am Lebenslauf der Susi Gern, die
schlichtweg alles tut, um den Menschen, die sie liebt, nahe zu
sein." (S.64)
Die
Näheformel
"Die
Literatur hat jener Formel zur Konjunktur verholfen, die als das
Zeichen der Liebe gilt: Ich liebe dich. (...). Die Formel der
Nähe aber würde anders lauten: Ich bin da. Der das ausspricht,
behauptet am selben Ort zu sein wie der andere, und das gilt
nicht nur raumzeitlich, sondern auch imaginär." (S:68)
Das
Näheprojekt des Peter Sloterdijk
"Peter
Sloterdijks dreibändiges »Sphären«-Projekt (...) hat seine
Ursache in der gewaltigen Spannweite dessen, was Sloterdijk
philosophisch erkundet: die intimen Binnenräume jeder Art von
Nähebeziehung in ihrer Relation zum Riesenformat dessen, was wir
globalisierte Welt nennen. (...).
Auf das volle Risiko der Lächerlichkeit und doch mit guten
Argumenten philosophiert er das umhüllende Nebeneinander von
Fötus und Plazenta als den Ursprung jeder Näheerfahrung. (S.69)"
"Peter
Sloterdijk denkt die Nähe (...) als eine nicht regressive. Trotz
der Rede von der Plazenta und einer gewissen Bevorzugung des
Weiblichen kriecht diese Philosophie nicht zurück in den
Urschleim. Ganz im Gegenteil sucht sie technische Substitutionen
für das, was dem Menschen wesentlich ist." (S.70)