Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Kapitel I: Der Triumphzug des
Ich
Die besondere Qualität des
modernen Egoismus
Der Persönlichkeitstyp der 90er Jahre: Der egoistische Narzißt
Der moderne Egoismus: eine narzißtische Störung?
Die Lebe zwischen Egoisten: So nah und doch so fern
Ein Freund, ein guter Freund
Der Feind von nebenan
Kapitel II: Der Preis des
Egoismus
Wer alleine lebt, hat der's
gut?
Die Flucht vor dem Selbst
Depression: Kapitulation vor dem Ich-Kult
Ende der Solidarität - Ende der Demokratie?
Kapitel III: Verführung zum
Egoismus
Der Egoismus des leeren
Selbst
Werbung als Lebensmodell
Therapie als Lebensmodell
Das Du: Ein blinder Fleck der Psychologie
Das Menschenbild der Psychologie
Die Selbstverwirklichungs-Idee der Humanistischen Psychologie
Kapitel IV: Egoistische
Helfer
Warum wir helfen, wenn wir
helfen
Helfen macht high
Freizeitegoismus
Kapitel V: Frauen - das
"bessere" Geschlecht?
Beziehungsfähigkeit:
Abwertung einer Eigenschaft
Helfen ist Frauensache
Identität durch Bindung
Ethik der Verantwortung - noch Utopie?
Kapitel VI: Vom Ich zum Du -
Das Ende der Nabelschau
Ohne Beziehung sind wir
nichts
Individuation statt Individualität
Exkurs: Erziehung zur Individuation
Den Egoismus überwinden
Zitate:
Der Anstieg der Einspersonenhaushalt als Folge eines
übersteigerten Autonomiebedürfnisses, das einsam macht
"Einen
Ausdruck findet dieses Bedürfnis unter anderem in der Tatsache,
daß immer mehr Menschen alleine leben und diese Lebensform für
optimal halten. Die Zahl der Alleinlebenden hat sich in den
letzten 20 Jahren fast verdoppelt, die Zahl der
Ein-Personen-Haushalte stieg im Zeitraum von 1969 bis 1989 von
5,4 Millionen um 83 Prozent auf 9,8 Millionen. Vor allem junge
Leute sind es, die sich für diese Lebensform entscheiden: Mit
1,1 Millionen sind die 25- bis 30jährigen die größte Gruppe. Die
Zahl der alleinlebenden Frauen dieser Altersgruppe hat sich von
einst 119 000 auf 487 000 im Jahr 1989 vervierfacht.
In einer Großstadt wie München leben inzwischen 328 000 Menschen
alleine - das sind doppelt so viele wie noch vor 20 Jahren. In
manchen Stadtteilen sind bereits 63 % aller Haushalte
Ein-Personen-Haushalte, in Mannheim bewegt sich der Anteil der
Single-Haushalte bereits gegen 70 Prozent." (S.55)
Die
Größe der Single-Wohnungen als Kennzeichen von Asozialität
"Daß ihr
Wunsch nach persönlichem Freiraum in Zeiten aktueller
Wohnungsnot mehr als unsozial ist, ficht die meisten nicht an.
Sie lassen sich ihr Recht auf ungeteilten, möglichst großzügigen
Wohnraum nicht nehmen. So sind zum Beispiel von den 141 444
Wohnungen, die 1987 in Mannheim bei der Volkszählung registriert
wurden, 45,1 Prozent von einer Person bewohnt, 28,3 Prozent von
zwei Personen, 14,5 Prozent sind von drei Personen bewohnt, 8,5
Prozent der Wohnungen sind mit vier Personen belegt und nur 3,5
Prozent beherbergen fünf Personen." (S.56)
geschlechtsspezifischer Unterschied bei den Alleinlebenden
"Alleinlebende Männer unterscheiden sich von alleinlebenden
Frauen vor allem in einem Punkt: Männer haben ihre Lebensform
meist nicht freiwillig gewählt, Frauen glauben, nur im
Alleinleben ihre Vorstellungen und Bedürfnisse verwirklichen zu
können." (S.56)
Einsamkeit und Anonymität als Normalität des Singlelebens
"Wie das
Meinungsforschungsinstitut Allensbach ermittelte, fühlen sich
rund 30 Prozent der Bundesbürger »mehr oder weniger einsam«,
»sehr einsam« leben nach eigener Aussage acht Prozent. Doch mit
diesen Zahlen ist nur erfaßt, wer sich zu seiner Einsamkeit
bekennt. All die vielen anderen, die sich einsam fühlen, doch
dieses Gefühl nicht wahrhaben wollen und dürfen, werden auch in
anonymen Umfragen der Wahrheit ausweichen. Viele von ihnen
können sich wohl auch deshalb nicht zu ihrer Einsamkeit
bekennen, weil sie spüren, daß sie in gewisser Weise selbst für
ihre Situation verantwortlich sind und es nicht anders haben
wollten." (S.54)
"Wie brüchig
das zur Schau getragene Selbstbewußtsein der Singles ist, hat
Arno Makowsky in einer Reportage für die Süddeutsche Zeitung
beeindruckend aufgezeigt. Er beschreibt dort einige Bewohner
eines 15stöckigen Appartementhauses in München, das 443
Wohnungen umfaßt. (...).
In diesem Haus, das typisch ist für Häuser, in denen vorwiegend
Singles wohnen, ist die Einsamkeit und Anonymität mit Händen zu
greifen". (S.58f.)
Depression als Kapitulation vor dem Ich-Kult
"Die
Depression hat viele Gesichter, und sicherlich gibt es Formen,
die biologisch bedingt, eventuell sogar vererbt sein können.
Doch die Depressionsform, von der der amerikanische
Sozialpsychologe Martin Seligman sagt, sie habe epidemische
Ausmaße angenommen, hat keine biologischen Wurzeln, und man kann
sie auch in den meisten Fällen nicht ausschließlich mit
medikamentöser Behandlung in Griff bekommen: die sogenannte
neurotische oder auch narzißtische Depression." (S.67)
"Ist die
steigende Zahl depressiver Menschen vielleicht ein Zeichen
dafür, daß es immer weniger schaffen, dem Ich-Kult zu frönen,
weil sie ihn als verlogen entlarvt haben? Tatsächlich existieren
verschiedene Studien, die belegen, daß depressive Menschen die
Dinge realistischer einschätzen als nichtdepressive. Sie machen
sich weniger Illusionen über sich und andere (...). Depressive
Menschen neigen nicht zur Selbsttäuschung, zur Überhöhung des
Selbst. (...).
Depressive Menschen sind eine Art Seismograph unserer
Gesellschaft, der aufzeigt, daß etwas grundlegend nicht in
Ordnung ist." (S:68f.)
Die
Therapiegesellschaft: Therapeuten als Ersatz für Freunde und den
Partner
"Psychotherapeuten füllen bereitwillig die Lücken, die der
Ego-Trip im Leben vieler Menschen hinterlassen hat. Sie sind
Ankerpunkte im Leben der Einsamen und Depressiven, sie reden mit
Menschen, die verlernt haben, mit anderen zu reden, sie hören
zu, wo kein anderer Mensch mehr zuhört. Psychotherapeuten
ersetzen die freunde und den Partner, sind für die Dauer einer
Therapiestunde nur für ihre Klienten da. In einer Zeit, in der
traditionelle Beziehungen kaum mehr vorhanden sind oder
vernachlässigt werden, wird der Therapeut (oder die Therapeutin)
für den Klienten zum »rent-a-friend« oder gar zum »rent-a-lover«.
Die Beziehung zum Therapeuten hat den Vorteil, daß sie den
Mangel an wirklichen Freunden nicht mehr so schmerzhaft spüren
läßt, vor allem aber, daß sie zu nichts verpflichtet. »Von
meinem Therapeuten kann ich verlangen, daß er mir zuhört«, sagt
eine Patientin, die seit sieben Jahren in Psychoanalyse ist.
»Schließlich bezahle ich ihn dafür. Bei Freunden dagegen
habe ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich sie mit meinen Sorgen
belästige.«" (S.91f.)
Ziel:
Individuation statt Individualisierung
"Individuation ist etwas grundsätzlich anderes als
Individualisierung, doch werden beiden beide Begriffe und ihre
Bedeutung häufig miteinander verwechselt. Eine Definition dieser
beiden Begriffe von C. G. Jung macht die Unterschiede klar:
»Individualismus ist ein absichtliches Hervorheben und Betonen
der vermeintlichen Eigenart im Gegensatz zu kollektiven
Rücksichten und Verpflichtungen. Individuation aber bedeutet
geradezu eine bessere und völligere Erfüllung der kollektiven
Bestimmungen des Menschen, indem eines genügende
Berücksichtigung der Eigenart des Individuums eine bessere
soziale Leistung erhoffen läßt, als wenn die Eigenart
vernachtlässigt oder gar unterdrückt wird.« Während im Prozeß
der Individualisierung alles aus Selbst-Zweck geschieht,,
vernachlässigt eine gelungene Individuation nicht die Interessen
und Bedürfnisse des einzelnen (...). Eine gelungene
Individuation ermöglicht es einem Menschen, authentisch zu
leben". (S.267)