Klappentext der
Goldmann-Taschenbuchausgabe (1958)
"Der Roman Jahrgang 1902
gehört zu jenen Büchern, die dem Namen
eines Schriftstellers internationales Ansehen
eintragen. Er ist mehr als die geglückte
Schilderung einer Zeit, ihrer Strömungen und
Widersprüche - das Buch wurde im Laufe der
Jahre zum Schicksalsroman einer Generation,
die wohl den stärksten Wirbeln und den
schwersten Versuchungen unseres Jahrhunderts
ausgesetzt war, zu einem Dokument, das alle
Stürme und Verfolgungen überdauerte.
Das Buch ist in 24 Sprachen erschienen und
wird seit Jahrzehnten immer wieder neu
aufgelegt. In Frankreich, in den USA, in
Skandinavien, in England, in der Sowjetunion,
in Japan und China haben es Studenten zum
Gegenstand ihrer Promotion gemacht. Ernst
Glaeser hat in diesem Roman die
Kettenreaktion, die der erste Weltkrieg
auslöste, sehr früh vorausgeahnt. In seinen
späteren Werken, z.B. in dem Roman »Der
letzte Zivilist« fühlt er sich ganz in dem
bestätigt, was er im »Jahrgang 1902«
bereits niedergeschrieben hat. Er sah die
große Veränderung der gesellschaftlichen
und moralischen Struktur voraus, die 1914
begann, und er täuschte sich nicht in den
Konsequenzen, die sich aus ihr ergaben. Es
ist nicht zuviel gesagt, daß dieses Buch
wahrhaft historische Bedeutung hat, denn es
legt Wurzeln frei, die heute allzuleicht
übersehen werden."
Stimmen zum
Buch
"»(...). Alfred Weber hat
vor dem Ersten Weltkrieg bereits im
Zusammenhang mit der Jugendbewegung von einer
»verlorenen Generation« gesprochen, einer
Altersgruppe, die sich nicht an den Vätern
orientieren konnte und für die deshalb die
»Selbsterziehung« in altershomogenen
Gruppen, die »Sozialisierung in eigener
Regie« an Bedeutung gewann«.
Dieser, die bürgerliche Jugend in
Deutschland nach der Jahrhundertwende
verbindende Generationenzusammenhang
verschmolz im gemeinsamen Kriegserlebnis des
Ersten Weltkrieges für viele zu einem für
diese Generation einheitlichen Erlebnis des
gesellschaftlichen Aufbruchs: Die nationale
Niederlage wurde als Zeitenwende erlebt, als
Zusammenbruch der alten familialen und
gesellschaftlichen Autoritätsstruktur. »La
guerre - ce sont nos parents«, diesen Ausruf
eines französischen Soldaten stellte Ernst
Glaeser seinem Schlüsselroman »Jahrgang
1902« voran, den er 1928 veröffentlichte.
Er deutet damit an, daß der Krieg, der von
den Vätern angezettelt wurde, bei der
Jugend, die diesen Krieg mitmachen mußte, in
das Erlebnis des Kampfes gegen die Väter
umschlug und daß dieser Kriegsjugendmythos
nicht nur auf Deutschland beschränkt
war."
(aus: Lothar Böhnisch &
Klaus Blanc "Die Generationenfalle. Von
der Relativierung der Lebensalter",
1989, S.64f.)
"Der Dreißigjährige von heute ist maßlos
im Persönlichen und auch in seinen Projektionen. Unlängst
hat er entdeckt, daß ihn in seinem momentanen flexiblen
Leiden etwas mit der unbedingten Kriegsjugendgeneration von
einst verbindet. Angesichts des durchgeschüttelten
Dreißigjährigen aus der Endphase der Weimarer, der von der
Hochstimmung der zwanziger Jahre, als er mit seinen fixen
Begabungen das schnelle Geld machen konnte, in die
kapitalistische Depression fiel, fragt der Dreißigjährige
von heute sich: Bin das nicht ich? Und gleich hat er das
passende Buch ausgegraben: Ernst Glaesers 1928 erschinenen
Generationenroman Jahrgang 1902, der die emotionale
Achterbahnfahrt der Kriegsjugendgeneration festhält: »Das
Leben des Ernst Glaeser: Aufgewachsen in einer Euphorie, der
eine gewaltige Krise folgte«, schreibt der Journalist
Christoph Amend, Jahrgang 1974 in seinem Buch Die Jungen,
die Alten und der Krieg. »Wenn man den politischen
Hintergrund einmal beiseite läßt, steht meine Generation
heute vor einer ähnlichen Situation.« Schön zeigt dieser
beliebige Satz, daß der Dreißigjährige keine eigene
Geschichte hat, sondern eine geschichtsgefühlte Pose immer
nur bedient. Auch wenn er sich seinen unbedingten Großvätern
vampirisch nähert, macht der Dreißigjährige das nur bedingt.
Immer läßt er »den politischen Hintergrund beiseite«, um
seine aktuellen Befindlichkeitsnöte und Karriereknicks bei
den Alten zu entsorgen. Dagegen führt die historische
Allegorie nicht groß weiter. Die Republik muß sich wohl kaum
große Sorgen machen, daß wir Dreißigjährigen uns wie die
erste Kriegsjugendgeneration politisch radikalisieren
könnten. "
(Stephan Schlak im Kursbuch "Die
30jährigen", Dezember 2003)