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Friedrich Christian Delius:
Amerikahaus und der Tanz um die Frauen

 
       
   

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Amerikahaus (1997).
und der Tanz um die Frauen
Berlin: Rowohlt
(1999 als Rowohlt-Taschenbuch erschienen)

 
   
     
 

Klappentext

"Berlin, 5. Februar 1966. Der Student Martin gerät unversehens in die erste Demonstration gegen den Vietnamkrieg. Hin und her gerissen zwischen Angst und Auflehnung, der Verachtung für die Bürger, die satt und zufrieden aus dem Café Kranzler glotzen, sowie seiner unerwiderten Liebe zu zwei Mädchen, sucht der stotternde und unerfahrene Pfarrersohn aus der Provinz seinen Weg."

Zitate aus der Erzählung:

Martin und die Frage der Attraktivität

"Er streckte dem Spiegelbild die Zunge heraus. Ja, das starre Gesicht war schuld (...).
Als müsse er beweisen, daß der Makel des Gesichts der größte sei, legte er die Stirn in Furchen, verzerrte den Mund, zog mit beiden Händen an den Haaren und musterte die Fratze. So hatte er sich und die Pickel während der Pubertät oft angestarrt, die Pubertät war vorbei, selten wuchsen Pickel nach, die Pubertät war nicht vorbei, jeden Tag spürte er den Vorwurf des Kopfs gegen den Körper: du bist zu häßlich, deshalb verliebt sich keine in dich. Der Körper hielt dem Kopf entgegen: du bist zu schüchtern, deshalb verliebt sich keine in dich. Kopf und Körper stritten um die Schuld, beiden mußte er recht geben." (S.9f.)

Stottern

"Es gab oft solche Augenblicke, in denen er nahe daran war zu glauben, seine Gedanken könnten auch ohne Sprache in das Hirn eines andern Menschen springen. Der Wunsch nach Erlösung aus der Rolle des Schüchternen, Stammlers, Schweigers. Er schämt sich seiner Sprache. Als hoffnungsloser Stotterer seit der Kindheit hatte er sich einige Techniken angeeignet, leichtere Sprachhindernisse mit geschickter Betonung zu überspielen. Doch das Sprechen blieb Schwerarbeit." (S.24)

Introvertiertheit in einer Welt der Extravertierten:

 Die Rolle des Schweigers

"Er galt als der hartnäckigste Schweiger, und er hatte nichts dagegen, der Schweiger zu bleiben, man kannte sein Stottern und seine Zurückhaltung und respektierte seine stumme Aufmerksamkeit. Erfreulicherweise waren die andern überzeugt, daß hinter seinem Schweigen mehr Verstand als Dummheit steckte. Von diesem Irrtum hoffte er zu profitieren. Darum mußte er, wenn er einmal den Mund aufmachte, mit Intelligenz, Kenntnis und Witz glänzen." (S.43)

Schreiben als Kompensation

"Es gab keinen größeren Kontrast als den zwischen Sprechen und Schreiben, zwischen Stammeln und Tippen. (...). Beim Schreiben beherrschte er die Wörter, nicht die Wörter ihn.
(...).
Im Triumph des Schreibens fand er sich selbst und verlor doch die Ahnung nicht, daß er sich betrog mit den vielen flinken Wörtern, um den stillen Mund und den stillgelegten Körper zu vergessen. Jeder Buchstabe, den er auf das weiße Papier hieb, war ein Körnchen Selbstgewinn, jede Zeile ein Faden, jede Seite ein Steg in die Zukunft und ein Versuch, mit den sechsundzwanzig Buchstaben des Alphabets einen tiefen Schmerz provisorisch zuzudecken. In hellen Minuten entging ihm das nicht, dann konnte er sich sogar als kleiner Baron Münchhausen sehen, der keine andere Wahl hat, als sich mit seinem Text am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen." (S.45f.)

Der Vater als Spätheimkehrer und die Folgen

"Was für ein Krieg, der zweieinhalb Jahre nach seinem Ende einen unbekannten Soldaten ins Haus schickt? Ein fremder Mann wird, am Abend vor Weihnachten, zum Vater erklärt, der glücklich neben der glücklichen Mutter steht wie aus dem Boden gewachsen oder vom Himmel gefallen und den Fünfjährigen in die Ecke des Schlafzimmers verbannt. Was für ein Krieg, der auf einen Schlag, zum Weihnachtsfest, die Vatersprache beschert, auf die nur Stottern und Schweigen als Antwort passen." (S.54)

In der Disco:

Wie reiße ich eine Frau auf?

"Wie ging man auf die Jagd, wenn man kein Jäger war wie Lutz, der auch die Häßlichen und Dummen nicht ausließ, oder wie Rolf, für den alles eine Frage der Titten und des Fahrgestells war? Seit der Tanzstunde immer das gleiche Spiel, das gleiche Pech, die gleiche Übung: wo ist sie, die eine? Und wenn das Auge die Wahl getroffen hat, wie weiter? Dann sind sie vergeben und versprochen, die Mädchen, oder sie tun so. Die keinen Freund haben, rauschen zu zweit durch die Räume und tuscheln unter sich aus, von wem sie sich ansprechen lassen. Sich zwei Freundinnen zu nähern, erfordert besonderes Geschick, weil oft die eine schüchtern, die andere eroberungslustig auftritt, was meistens täuscht. Frauen ohne Begleitung sind selten, ihr Mut ist verlockend, aber Vorsicht, vielleicht haben die es besonders nötig.
Wo liegt das Geheimnis des Findens, wo das Geheimnis des richtigen Augenblicks? Jede hat den Wunsch, den du auch hast. Besonders nötig! Aber wehe, du sprichst davon. Wie treffen sich die Wünsche? Wie weckst du den Wunsch? Ausgerechnet du mit deinen Hemmungen? Flirten, das Zauberwort, aber wie? Auf welcher Schule lernt man das? Die meisten schaffen es mit Anquatschen, aber das kannst du nicht. Stotterst sowieso, stotterst doppelt, weil du an deine Absichten denkst, die du nicht aussprechen darfst. Und weil dir alles verlogen und blöde vorkommt, sprichst du nicht mal die wenigen Wörter aus, die dir einfallen. Willst Gespräche, aber keine Werbegespräche. Wie schaffen des die Taubstummen? Drei, vier Mädchen hast du gefallen bisher, aber die hast du nicht mit Reden gewonnen, sondern mit Blicken, Tanzen, Briefen." (S:128f.)

Mit Tanzen eine Frau gewinnen

"Zwischen den Paaren tanzte eine Frau allein, schwungvoll und geschmeidig (...).
Es war nicht üblich, daß jemand allein tanzte, er schaute ihr zu, er fing ihren Blick auf, er zögerte, er fing einen zweiten Blick, er zögerte, ihr Kopf im Rhythmus der Musik nach links, nach rechts geneigt, Aufforderung zum Tanz, er zögerte nicht mehr und mußte sich doch Schritt für Schritt überwinden, aus den Schritten wurden Tanzschritte, er näherte sich im Takt des get away, get away, get away, was sie kurz auflachen ließ. Er tanzte vor ihr, tanzte mit ihr". (S.133)  

Stimmen zur Anti-Vietnam-Demonstration am 05.02.1966

"Das Buch »Amerikahaus und der Tanz um die Frauen« von Friedrich Christian Delius ist sehr lesenswert und ist auch literarisch ganz passabel. In diesem Roman spielt der 6. Februar 1966 eine große Rolle. An diesem Tag fand (...) in Berlin eine Demonstration vor dem Amerikahaus statt. Und es wurden, das ist das Besondere, zum ersten Mal in Europa Eier an das Amerikahaus geschmissen. Wenn man die Aktion des Eierwurfes auf das Amerikahaus im Jahr 1966 ex post betrachtet, erscheint sie als nicht besonders wichtig (...). Jedoch: Im Februar 1966 ein Ei ans Amerikahaus zu werfen war noch kaum möglich. Das war keine Aktion, die von irgend jemandem vorbereitet war. Diese Aktion war nicht von den Situationisten geplant oder durchgeführt. Ich weiß das genau, denn diese Eier habe ich gekauft. Und ich war und bin kein Situationist."
(aus: Wolfgang Matthias Schwiedrzik, "Theater als »Aktion«", 1998)

"Eine ähnlich entscheidende Begegnung Helmut Brunns mit einem Angehörigen der Elterngeneration ereignete sich einige Jahre später (...): im Berliner Amerikahaus, in das er am 5. Februar 1966, nach Ende der ersten Anti-Vietnam-Kriegs-Demonstration in Berlin, gemeinsam mit elf anderen Studenten eingedrungen war.
(...).
Als das eingedrungene Grüppchen in Ermangelung von Argumenten aus dem Amerikahaus wieder abzog und sich, verstärkt durch weitere Restdemonstranten, auf der Hardenbergstraße aufbaute, blieb Hellmut Brunn am Fahnenmast stehen, holte die US-Flagge erst ganz herunter und zog sie dann, unzufrieden damit, wieder ein Stückchen hinauf. »Ich dachte an die toten Kinder in Vietnam und zog die Fahne auf halbmast. Dabei registrierte ich den Applaus der Stehengebliebenen.«"
(Petra Kohse in der Frankfurter Rundschau vom 16.05.2003)

 
     
 
       
   

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Rezensionen

KARASEK, Hellmuth (1997): Was geschah am 5. Februar 1966 vor dem Amerikahaus?
in: Tagesspiegel v. 15.10.

MODICK, Klaus (1997): Die Pubertät der Revolte.
Friedrich Christian Delius läßt Martin zur Demo und zum Tanz um die Frauen antreten,
in: Süddeutsche Zeitung v. 15.10.

SCHÜTTE, Uwe (1997): Normale Rebellen.
F. C. Delius "Amerikahaus und der Tanz um die Frauen",
in: Die Woche v. 31.10.

JÜRGENS, Martin (1997): Angst und Ausschreitung.
F. C. Delius erzählt vom Amerikahaus und dem Tanz um die Frauen in den Sechzigern,
in: Frankfurter Rundschau v. 15.11.

 
   

Die Debatte um die Demonstration

SCHWIEDRZIK, Wolfgang Matthias (1998): Theater als "Aktion".
In: Ingrid Gilcher-Holtey (Hg.) 1968. Vom Ereignis zum Gegenstand der Geschichtswissenschaft, Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht, S.224-238

Neu:
KOHSE, Petra (2003): Der Prototyp.
Wie Hellmut O. Brunn die Parole zur sexuellen Befreiung fand und als Amerika-Fan die US-Flagge auf Halbmast zog,
in: Frankfurter Rundschau v. 16.05.

  • KOHSE hat die Spur der Parole "Wer zweimal mit dem gleichen pennt, der gehört schon zum Establishment" zu den Ursprüngen zurückverfolgt. Sie ist dabei u. a. im Seminar eines gewissen Kurt SONTHEIMER - der nicht unbedingt als Anhänger der 68er-Bewegung bekannt ist - fündig geworden:

    "Hellmut O. Brunn, 58 Jahre, Anwalt in Frankfurt am Main. Studium der Politologie ab 1964 in Berlin, Jura ab 1969 in München. Ein 68er. (...).
    Zur Geschichte des Establishment- Spruches gehört, dass Brunn an jenem Tag ein Seminar bei Kurt Sontheimer besucht hatte, in dem die wissenschaftliche Verwendungsfähigkeit dieses Modewortes diskutiert worden war. Zurück im Studentendorf, gesellte er sich zu zwei Zeitungswissenschaftlern auf dem Flur, die sich über eine gemeinsame Bekannte unterhielten. »Andy berichtete, dass Claudia jetzt mit Uwe befreundet sei. Worauf Charly fragte: Was, mit dem Uwe, die war doch gerade noch mit dem Erich befreundet, und Andy sagte, sie wäre zwischenzeitlich noch mit dem Karl befreundet gewesen. In der Situation habe ich dann spontan gesagt: 'Wer zweimal mit dem gleichen pennt, gehört schon zum Establishment.'«
    Ein prophetischer, programmatisch klingender Satz, für dessen Verbreitung der parolenfreudige Andy sorgte, und der allgegenwärtig ist, wenn es um die sexuelle Enthemmung der späten 60er und 70er Jahre geht. Erfunden wurde er jedoch, versichert Brunn, in völliger Enthaltsamkeit. »Ich selber war mit meinen Freundinnen noch nie im Bett gewesen, und auch diese Claudia hatte wahrscheinlich gar nicht mit ihren Freunden geschlafen.«"

    Die Entstehung neoliberaler Parolen scheint heutzutage so ähnlich zu laufen, denn selten sind deren Erfinder flexible Nomaden, sondern alte Herren im Ohrensessel...

 
   

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© 2002-2011
Bernd Kittlaus
webmaster@single-generation.de Erstellt: 05. November 2001
Stand: 18. Mai 2011