Zitate aus der Erzählung:
Martin und die Frage der
Attraktivität
"Er streckte dem
Spiegelbild die Zunge heraus. Ja, das starre Gesicht war
schuld (...).
Als müsse er beweisen, daß der Makel des Gesichts der größte
sei, legte er die Stirn in Furchen, verzerrte den Mund, zog
mit beiden Händen an den Haaren und musterte die Fratze. So
hatte er sich und die Pickel während der Pubertät oft
angestarrt, die Pubertät war vorbei, selten wuchsen Pickel
nach, die Pubertät war nicht vorbei, jeden Tag spürte er den
Vorwurf des Kopfs gegen den Körper: du bist zu häßlich,
deshalb verliebt sich keine in dich. Der Körper hielt dem
Kopf entgegen: du bist zu schüchtern, deshalb verliebt sich
keine in dich. Kopf und Körper stritten um die Schuld,
beiden mußte er recht geben." (S.9f.)
Stottern
"Es gab oft solche
Augenblicke, in denen er nahe daran war zu glauben, seine
Gedanken könnten auch ohne Sprache in das Hirn eines andern
Menschen springen. Der Wunsch nach Erlösung aus der Rolle
des Schüchternen, Stammlers, Schweigers. Er schämt sich
seiner Sprache. Als hoffnungsloser Stotterer seit der
Kindheit hatte er sich einige Techniken angeeignet,
leichtere Sprachhindernisse mit geschickter Betonung zu
überspielen. Doch das Sprechen blieb Schwerarbeit." (S.24)
Introvertiertheit in
einer Welt der Extravertierten:
Die Rolle des
Schweigers
"Er galt als der
hartnäckigste Schweiger, und er hatte nichts dagegen, der
Schweiger zu bleiben, man kannte sein Stottern und seine
Zurückhaltung und respektierte seine stumme Aufmerksamkeit.
Erfreulicherweise waren die andern überzeugt, daß hinter
seinem Schweigen mehr Verstand als Dummheit steckte. Von
diesem Irrtum hoffte er zu profitieren. Darum mußte er, wenn
er einmal den Mund aufmachte, mit Intelligenz, Kenntnis und
Witz glänzen." (S.43)
Schreiben als
Kompensation
"Es gab keinen größeren
Kontrast als den zwischen Sprechen und Schreiben, zwischen
Stammeln und Tippen. (...). Beim Schreiben beherrschte er
die Wörter, nicht die Wörter ihn.
(...).
Im Triumph des Schreibens fand er sich selbst und verlor
doch die Ahnung nicht, daß er sich betrog mit den vielen
flinken Wörtern, um den stillen Mund und den stillgelegten
Körper zu vergessen. Jeder Buchstabe, den er auf das weiße
Papier hieb, war ein Körnchen Selbstgewinn, jede Zeile ein
Faden, jede Seite ein Steg in die Zukunft und ein Versuch,
mit den sechsundzwanzig Buchstaben des Alphabets einen
tiefen Schmerz provisorisch zuzudecken. In hellen Minuten
entging ihm das nicht, dann konnte er sich sogar als kleiner
Baron Münchhausen sehen, der keine andere Wahl hat, als sich
mit seinem Text am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen."
(S.45f.)
Der Vater als
Spätheimkehrer und die Folgen
"Was für ein Krieg, der
zweieinhalb Jahre nach seinem Ende einen unbekannten
Soldaten ins Haus schickt? Ein fremder Mann wird, am Abend
vor Weihnachten, zum Vater erklärt, der glücklich neben der
glücklichen Mutter steht wie aus dem Boden gewachsen oder
vom Himmel gefallen und den Fünfjährigen in die Ecke des
Schlafzimmers verbannt. Was für ein Krieg, der auf einen
Schlag, zum Weihnachtsfest, die Vatersprache beschert, auf
die nur Stottern und Schweigen als Antwort passen." (S.54)
In der Disco:
Wie reiße ich eine Frau
auf?
"Wie ging man auf die
Jagd, wenn man kein Jäger war wie Lutz, der auch die
Häßlichen und Dummen nicht ausließ, oder wie Rolf, für den
alles eine Frage der Titten und des Fahrgestells
war? Seit der Tanzstunde immer das gleiche Spiel, das
gleiche Pech, die gleiche Übung: wo ist sie, die eine? Und
wenn das Auge die Wahl getroffen hat, wie weiter? Dann sind
sie vergeben und versprochen, die Mädchen, oder sie tun so.
Die keinen Freund haben, rauschen zu zweit durch die Räume
und tuscheln unter sich aus, von wem sie sich ansprechen
lassen. Sich zwei Freundinnen zu nähern, erfordert
besonderes Geschick, weil oft die eine schüchtern, die
andere eroberungslustig auftritt, was meistens täuscht.
Frauen ohne Begleitung sind selten, ihr Mut ist verlockend,
aber Vorsicht, vielleicht haben die es besonders nötig.
Wo liegt das Geheimnis des Findens, wo das Geheimnis des
richtigen Augenblicks? Jede hat den Wunsch, den du auch
hast. Besonders nötig! Aber wehe, du sprichst davon. Wie
treffen sich die Wünsche? Wie weckst du den Wunsch?
Ausgerechnet du mit deinen Hemmungen? Flirten, das
Zauberwort, aber wie? Auf welcher Schule lernt man das? Die
meisten schaffen es mit Anquatschen, aber das kannst du
nicht. Stotterst sowieso, stotterst doppelt, weil du an
deine Absichten denkst, die du nicht aussprechen darfst. Und
weil dir alles verlogen und blöde vorkommt, sprichst du
nicht mal die wenigen Wörter aus, die dir einfallen. Willst
Gespräche, aber keine Werbegespräche. Wie schaffen des die
Taubstummen? Drei, vier Mädchen hast du gefallen bisher,
aber die hast du nicht mit Reden gewonnen, sondern mit
Blicken, Tanzen, Briefen." (S:128f.)
Mit Tanzen eine Frau
gewinnen
"Zwischen den Paaren
tanzte eine Frau allein, schwungvoll und geschmeidig (...).
Es war nicht üblich, daß jemand allein tanzte, er schaute
ihr zu, er fing ihren Blick auf, er zögerte, er fing einen
zweiten Blick, er zögerte, ihr Kopf im Rhythmus der Musik
nach links, nach rechts geneigt, Aufforderung zum Tanz, er
zögerte nicht mehr und mußte sich doch Schritt für Schritt
überwinden, aus den Schritten wurden Tanzschritte, er
näherte sich im Takt des get away, get away, get away,
was sie kurz auflachen ließ. Er tanzte vor ihr, tanzte mit
ihr". (S.133)
Stimmen zur Anti-Vietnam-Demonstration
am 05.02.1966
"Das Buch »Amerikahaus und der Tanz um die
Frauen« von Friedrich Christian Delius ist sehr lesenswert
und ist auch literarisch ganz passabel. In diesem Roman
spielt der 6. Februar 1966 eine große Rolle. An diesem Tag
fand (...) in Berlin eine Demonstration vor dem Amerikahaus
statt. Und es wurden, das ist das Besondere, zum ersten Mal
in Europa Eier an das Amerikahaus geschmissen. Wenn man die
Aktion des Eierwurfes auf das Amerikahaus im Jahr 1966 ex
post betrachtet, erscheint sie als nicht besonders wichtig
(...). Jedoch: Im Februar 1966 ein Ei ans Amerikahaus zu
werfen war noch kaum möglich. Das war keine Aktion, die von
irgend jemandem vorbereitet war. Diese Aktion war nicht von
den Situationisten geplant oder durchgeführt. Ich weiß das
genau, denn diese Eier habe ich gekauft. Und ich war und bin
kein Situationist."
(aus: Wolfgang Matthias Schwiedrzik,
"Theater als »Aktion«", 1998)
"Eine ähnlich entscheidende Begegnung Helmut
Brunns mit einem Angehörigen der Elterngeneration ereignete
sich einige Jahre später (...): im Berliner Amerikahaus, in
das er am 5. Februar 1966, nach Ende der ersten
Anti-Vietnam-Kriegs-Demonstration in Berlin, gemeinsam mit
elf anderen Studenten eingedrungen war.
(...).
Als das eingedrungene Grüppchen in Ermangelung von
Argumenten aus dem Amerikahaus wieder abzog und sich,
verstärkt durch weitere Restdemonstranten, auf der
Hardenbergstraße aufbaute, blieb Hellmut Brunn am Fahnenmast
stehen, holte die US-Flagge erst ganz herunter und zog sie
dann, unzufrieden damit, wieder ein Stückchen hinauf. »Ich
dachte an die toten Kinder in Vietnam und zog die Fahne auf
halbmast. Dabei registrierte ich den Applaus der
Stehengebliebenen.«"
(Petra Kohse in der Frankfurter Rundschau
vom 16.05.2003)