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Alexander Cammann: Rückkehr der Bürgerlichkeit

 
       
     
       
   
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    Alexander Cammann in seiner eigenen Schreibe

     
         
           
       

    Alexander Cammann im Gespräch

     
       
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    Die Zukunft der Linken (2005)
    Vorgänge 171/172, September/Dezember
    Wiesbaden:
    Verlag für Sozialwissenschaften

     
       
     
     

    Inhalt

    "Nach dem Ende von Rot-Grün ist die Zeit für eine umfassende, (selbst)kritische Bestandsaufnahme gekommen: Welche - neuen und alten - Inhalte soll sich die Linke künftig zu eigen machen? Was kann man aus den sieben rot-grünen Jahren lernen, was generell aus dem linken Sektor der bundesrepublikanischen Geschichte? Muss eine Neuausrichtung her, um künftig wieder Mehrheiten unter den Wählern zu erringen? Können reformierte Gewerkschaften wieder ein gesellschaftspolitischer Motor sein? Ist die neualte Linkspartei Bestandteil oder ein Strukturproblem? Und schließlich: Welche Rezepte haben linke und linksliberale Parteien und Bewegungen im Ausland zu politischen Erfolgen geführt?"

     
     
     
           
       
    • Heftbeiträge

    • HARPPRECHT, Klaus - Verzicht und Hingabe. Ein neues progressives Projekt
    • KITTSTEINER, Heinz Dieter - Jenseits von lechts und rinks. Warum wir SPD und CDU niemals wieder sehen wollen
    • WALTER, Franz - Paradoxien der Mehrebenendemokratie. Die verspätete Große Koalition und die deutsche Gesellschaft
    • ROITSCH, Jutta - Die SPD in der zweiten Großen Koalition
    • BUSSEMER, Thymian - Links und frei. Herausforderungen für eine aufgeklärte Sozialdemokratie
    • LUCKE, Albrecht von - Jenseits der grünen Mitte. eine geistig-moralische Wende von links
    • NEUGEBAUER, Gero - Die Linkspartei. PDS nach der Bundestagswahl 2005
    • DEMIROVIC, Alex - Die wiedergefundene Linke. Nach der neoliberalen Ideologie ist die soziale Frage wieder da
    • VESTER, Michael - Der Mythos des individualisierten Wählers. Soziale Milieus und gesellschafspolitische Lage
    • BUDE, Heinz - Exklusion: ein linker Inklussionsbegriff
    • MÜLLER, Michael - Nachhaltigkeit als Impulsgeber und Leitidee für die Linke
    • WAGNER, Gert G. - Linke Wirtschafspolitik oder gute Wirtschaftspolitik?
    • LESSENICH, Stephan - Der demokratische Sozialstaat: Ein Politikangebot für die Linke
    • NEGT, Oskar - Kritische Gesellschaftstheorie, Gewerkschaften und emanzipatorische Praxis
    • SCHROEDER, Wolfgang - Gewerkschaften auf der Suche nach Stabilität im Wandel
    • WUNDER, Dieter - Jenseits der Partikularinteressen. Ein Mentalitätswandel der Gewerkschaften des öffentlichen Dienstes
    • GREVEN, Michael Th. - Politik als Ursprung theoretischen Denkens. Zur intellektuellen Grundintuition von Jürgen Habermas
    • HENNIG, Eike - Eine linke Rechtstheorie
    • REICHARDT, Sven - "Wärme" als Modus sozialen Verhaltens? Linksalternative Milieus vom Ende der 1960er bis Anfang der 1980er Jahre
    • VOIT, Jochen - Linker Marsch. Eine popkulturelle Generationengeschichte der deutschen Linken
    • KRAUSHAAR, Wolfgang - 1968 und die RAF. Ein umstrittenes Beziehungsgeflecht
    • CAMMANN, Alexander - Linke Perspektiven. Ein aktueller Literaturbericht
     
         
           
       

    Rückkehr der Bürgerlichkeit (2005)
    Vorgänge 170, Juni
    Wiesbaden:
    Verlag für Sozialwissenschaften   

     
       
     
     

    Aus dem Editorial

    "Politische Gezeitenwechsel kündigen sich in gesellschaftlichen Phasenverschiebungen an. Dieses eherne Gesetz politischen Wandels galt auch bei der Bundestagswahl vom 18. September. Zwar blieb der prognostizierte Triumph des bürgerlichen Lagers aus, doch das Ende der rot-grünen Ära könnte - trotz Merkels Verlusten - ein Anfang für die bürgerlichen Parteien sein. (...).

    Die gesellschaftlichen Koordinaten verschieben sich jedenfalls seit Jahren. Im Rückblick wird man sich dereinst über die Paradoxie Gedanken machen, dass das rot-grüne Lager, kaum an der Regierung, allmählich die kulturelle Hegemonie verlor, die es zuvor allem Anschein nach besessen hatte. Talkshowthemen und Bestsellerlisten belegen eindrucksvoll die intellektuelle Vorherrschaft von Henkel, Merz und Steingart; sie haben die postmateriellen Stichwortgeber der 1980er Jahre von Franz Alt bis Hans Jonas abgelöst. Der Zeitgeist prägt die Semantik: »Eigenverantwortung« und »Leistungsbereitschaft« sind die konsensfähigen Kernbegriffe der öffentlichen Debatten - und Schlüsselterminologien für die bürgerliche Gesellschaft. Der Klimawandel hat offenkundig Folgen: Die Bürgerlichkeit kehrt zurück, mit all ihren Chancen und Risiken.

    Ganz verschwunden war sie zwar nie. Doch un- oder antibürgerlich, wie sich vor einem Vierteljahrhundert viele gaben, will heute kaum jemand mehr sein. Aus Affekten gegen wurde Identifikation mit Bürgerlichkeit. Der bürgerliche Wertehimmel steht hoch im Kurs; Familie, Kinder und Erziehung sind im Mittelpunkt gesellschaftspolitischer Diskussionen."

    Stimmen zum Heft

    "Das Schöne an diesem Heft ist, dass wir im Gewand theoretischer Reflexion eine Reihe kluger Bekenntnisse junger Intellektueller zur Bürgerlichkeit lesen"
    (Gustav Seibt in der Süddeutschen Zeitung vom 28.12.2005)

     
     
     
           
       
    • Heftbeiträge

    • CAMMANN, Alexander - Ralf Dahrendorf und Paul Nolte: Bürgerlichkeit in Deutschland. Ein Gespräch
    • GREVEN, Michael Th. - Betrachtungen über das Bürgerliche. Dolf Sternberger und die Metamorphosen
    • HACKE, Jens - Bekenntnis zur Bürgerlichkeit. Selbstbehauptungsmotive in der politischen Philosophie der Bundesrepublik
    • MEIßNER, Stefan - Zivilgesellschaftsdiskurs und Bürgertumsdebatte
    • FISCHER, Joachim - Bourdieu und Luhmann als Theoretiker der "bürgerlichen Gesellschaft"
    • HAAS, Melanie - Die Grünen als neue Partei des Bürgertums
    • SCHLÄPPI, Daniel - Zur Bedeutung von Geschichte für bürgerliche Eliten: das Beispiel Bern
    • CONRADI, Elisabeth - Der Haushalt als Raum der Zivilgesellschaft. Zur politischen Ökonomik der Wohngemeinschaft
    • NORDALM, Jens - Jenseits von Verfallsklage und Renaissancejubel: Bürgerliches Leben in der Gegenwart
    • CAMMANN, Alexander - Auf der Suche nach dem Bürger. Ein aktueller Literaturbericht
    • MÜNKLER, Herfried - Herrscher der Räume. Handlungslogiken von Imperien am Beispiel der USA
    • ROISCH, Jutta - Partikulardifferenz statt Bundesstaat? Das Bundesverfassungsgericht marschiert in eine andere Republik
    • LANDWEHR, Claudia - Der erschöpfte Bürger. Depression und Demokratie  
     
       
    • Das Heft in den Medien

    • WULF, Jan-Hendrik (2005): Und ewig nervt die Zivilgesellschaft.
      Schriften zu Zeitschriften: "Vorgänge" will die "Rückkehr der Bürgerlichkeit". Also: kein Bier mehr auf der Straße?
      in: TAZ v. 03.12.
      • Inhalt:
        WULF hat im Heft 170 der Zeitschrift Vorgänge Aufrufe zur "Rückkehr der Bürgerlichkeit" gelesen.

                  
        Dahinter verbirgt sich die Entsolidarisierung der Eliten, die Bürgerlichkeit als "Zurück zur Familie" interpretieren:
                  
        "Der Historiker Jens Nordalm bezeichnet Bürgerlichkeit daher auch als einen nicht totzukriegenden persönlichen Habitus: »Das Auf und Ab der Diskurse und Diagnosen berührt einen Menschentyp nicht, der unter den Bedingungen der modernen Welt ein selbst gestaltetes und frei geordnetes Leben führen will.« Das hätten sogar die 68er praktiziert und trotz anders lautender Parolen.
        Möglich sei Bürgerlichkeit also auch heute: »Single-Dasein und Kinderlosigkeit oder prekäre Arbeitsbiographien und Geldeinbußen machen nicht aus einem Bürger einen Nicht-Bürger, sondern aus einem vielleicht glücklichen einen unglücklichen Bürger.« Für Nordalm alles kein Anlass zum Kulturpessimismus, denn »auf Menschlichkeit und Moral im relevanten Nahraum darf man noch immer vertrauen«. Wieso eigentlich? Aber jetzt hat man ihn zumindest verstanden: Kulturkritik ist das törichte Unterfangen, die moralischen Ansprüche aus dem persönlichen Nahraum auf die ganze Gesellschaft ausdehnen zu wollen; Bürgerlichkeit ist das glatte Gegenteil davon."
    • SEIBT, Gustav (2005): War da was? Am Zeitschriften-Kiosk: Bürgertum und Bundesrepublik,
      in: Süddeutsche Zeitung v. 28.12.
    • Infos zu:
      Gustav Seibt - Autor der Single-Generation
     
       
    • Die Rückkehr der Bürgerlichkeit in der Debatte

    • NORDALM, Jens (2005): Gegen die Allmacht der Obrigkeit.
      Die fruchtbare Tradition einer konservativen Staatsskepsis wird in Deutschland zu Unrecht verdrängt,
      in: Welt v. 06.12.
      • Inhalt:
        Jens NORDALM, Jahrgang 1969 und Dozent für Neuere Geschichte an der katholischen Universität in Eichstätt, sieht in Paul KIRCHHOF einen typischen Vertreter der katholischen Staatsauffassung, die in Zukunft wieder eine bedeutende Rolle spielen soll.
    • BOLZ, Norbert (2006): Jetzt heißt es erwachsen werden.
      Feine Unterschiede (1): Viel wäre gewonnen, wenn wir die Buntheit der Moderne nicht mehr im Outfit, sondern im Denken suchen würden. Ein Plädoyer dafür, das in Deutschland gewöhnungsbedürftige Konzept der linken Bürgerlichkeit zu wagen,
      in: TAZ v. 17.01.
    • SEIDL, Claudius (2006): Wir hier oben.
      Die Berliner Republik hat Angst vor Berlin
      in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 22.01.
      • Kommentar:
        Hier spricht München!

                  
        "Der Ruf nach der neuen Bürgerlichkeit ist vor allem ein Berliner Phänomen - und zu deuten war er lange Zeit nur als Mängelanzeige: Die Regierung war nach Berlin umgezogen, und ein großer Teil der sinnstiftenden Klasse kam gleich mit. Und dann fanden sich jene Leute, die in Hamburg, München oder Bonn ganz andere Sorgen gehabt hatten, in einer Stadt, aus welcher alles, was nur entfernt nach bürgerlicher Tradition aussah, restlos verschwunden war", schreibt SEIDL.
                  
        Diese Sicht beschreibt die Angst des Münchners vor Berlin, wie sie bereits im Berlinhasser-Buch von SEIDL & Co zum Ausdruck gekommen ist.
                  
        Die Geburtsstunde des Rufs nach einer neuen Bürgerlichkeit verlegt SEIDL ins Jahr 1999.
                  
        Merkwürdigerweise ist jedoch der  Pastorensohn Paul NOLTE der Gewährsmann für jene Art von Neubürgerlichkeit, die SEIDL aufs Korn nimmt.
                  
        NOLTE ist zwar nun auch Neu-Berliner, aber seine Unterschichten-Philosophie stammt aus der Bremer Zeit.
                  
        Ist München aber wirklich so viel anders als Berlin? Hat die Münchner Schickeria nicht viel mehr Grund zur Angst vor den Unterschichten? Ist diese Angst nicht einfach nur besser kaschiert? Die Dämonisierung von Berlin könnte sich als voreilig erweisen, denn Berlin ist überall.
                  
        Wer etwas über das Münchner Neubürgertum erfahren möchte, der wird in SEIDLs Buch "schöne junge welt" fündig. Dort wird dem antibürgerlichen Bürger (Bobo) ein Denkmal gesetzt. Dieser Typus gilt auch Jörg LAU oder Jan FEDDERSEN als Zielgruppe einer bürgerlichen Identitätspolitk.
    • TERKESSIDES, Mark (2006): Unter sich bleiben leicht gemacht.
      Feine Unterschiede (2): Bürger sein ist oft gar nicht schwer, Bürger werden dagegen sehr. Denn über Eigeninitiative wird nur geredet - gleichzeitig wird alles getan, um den gesellschaftlichen Aufstieg für Arbeiter, Frauen und Migranten zu behindern,
      in: TAZ v. 24.01.
    • ENGELMANN, Jan (2006): Wenn alle Türen zufallen.
      Feine Unterschiede (3): Minigolf als Menetekel? Solche Probleme hätte man gerne. Wer sich über die neue Spießigkeit erregt, sorgt sich eigentlich um die Politikfähigkeit der Mittdreißiger. Und diese Sorge ist begründet - längst schlagen die aktuellen Anforderungen des Arbeitsmarktes zu Buche,
      in: TAZ v. 31.01.
      • Kommentar:
        In der Debatte um die "neue Bürgerlichkeit" scheint für Jan ENGELMANN die Selbstreferentialität der journalistischen Klasse auf.

                  
        Er pflichtet nichtsdestotrotz Kollege Claudius SEIDL bei und sieht in Berlin die "Hochburg des neurotischen Lebensstilvergleichs".
                  
        Obgleich ENGELMANN Lebensstilaussagen abwertet, stützt er sich ausgerechnet auf solche, wenn er auf die empirischen Lebensstil-Untersuchungen des Mannheimer Sigma-Instituts zurückgreift - statt z.B. auf Sozialstrukturanalysen.
                  
        Ausgerechnet das schmale Segment der geburtenschwachen Jahrgänge der 30- bis 35jährigen gilt ihm als Maßstab für seine Analyse, nach der die zunehmende Prekarisierung des Erwerbsleben die Suche nach einer neuen Verbindlichkeit fördert.
                  
        Als Alternative zum unpolitischen Gerede über die neue Bürgerlichkeit bietet ENGELMANN deswegen die gewerkschaftliche Organisierung an.
    • CHARIM, Isolde (2006): Auch Citoyens können Hummer essen.
      Feine Unterschiede (4): Der Bürgerlichkeitsdebatte liegt in rot-grünen Kreisen eine bange Frage zugrunde. Diese: Können Leute mit bürgerlichen Lebensformen noch Linke sein? Die Antwort macht eine Verschiebung im linken Selbstverständnis deutlich,
      in: TAZ v. 07.02.
      • Kommentar:
        Ungefähr 20 Jahre ist es her - weswegen manche offenbar bereits beträchtliche Erinnerungslücken haben - da wurde diese Debatte, ob Grünsein und Bürgerlichkeit vereinbar ist, schon einmal geführt. Das hatte damals viel mit neuer Mütterlichkeit und Dienstbotengesellschaft zu tun:

                  
        "Auch die ausgestorbene Dienstbotenkaste könnte in veränderter Gestalt wiederkommen. (...) Und mit ihnen - in differenzierter Form - die verstorbene Kunst, dem Beieinander-Bleiben auch dann noch eine gute Seite abzugewinnen, wenn es nicht leicht fällt (B.S., 1985)"
                  
        Ab ins Archiv also!
    • HACKE, Jens (2006): Das gelingende Leben.
      Feine Unterschiede (5): Schon klar, dass die Neue Bürgerlichkeit derzeit vor allem den Rückzug des Staates kompensieren soll. Aber die bürgerlichen Werte sind dadurch noch längst nicht diskreditiert,
      in: TAZ v. 21.02.
    • NASSEHI, Armin (2006): Bürger aller Länder, vereinigt euch!
      Feine Unterschiede (6): Bürgerlichkeit war im 19. Jahrhundert eine Art Benutzeroberfläche - Moral und Anstand ordneten die neue dynamische Gesellschaft. Ist die Suche nach Neuer Bürgerlichkeit nun die Suche nach einer aktuellen Benutzeroberfläche?
      in: TAZ v. 28.02.
      • Inhalt:
        Für den Soziologen Armin NASSEHI ist Bürgerlichkeit kein Schimpfwort mehr. Er sieht vielmehr Anzeichen dafür, dass die Figur des Bürgers zurückkehrt.

                  
        Den neuen Werteeliten von Paul NOLTE bis Udo Di FABIO steht er jedoch eher skeptisch gegenüber:
                  
        "Bürgerlichkeit gehört nicht mehr zu den Schimpfwörtern der Moderne. Das 19. Jahrhundert kehrt vielmehr zurück. Bürgerlich ist daran nicht die neue Lust an den ästhetischen Chiffren der Altbauwohnung und des Streichquartetts, an privater Gemeinwohlorientierung jenseits staatlicher Intervention oder an der neuen Ernsthaftigkeit im Feuilleton. Bürgerlich ist vielmehr die Funktion, die der bürgerliche Diskurs (wieder) einnimmt.
                  
        (...).
        Dass der Bürger als Figur wiederkehrt - mit allen distinktiven Affekten, mit der Selbstdistanzierung von seiner eigenen Proletarisierung und mit dem geradezu hilflosen Festhalten an den alten Fassaden bürgerlicher Distinktionssymbole -, könnte ein Symptom dafür sein, dass das bequeme Arrangement einer postheroischen Versorgungsgesellschaft vorbei ist. Debatten nehmen offensichtlich wieder die Form des Kulturkampfes an - mit Betonung auf Kultur. Kultur als Medium, alles miteinander kommensurabel zu machen und damit voneinander zu trennen, lebt von der Distinktion, von einer bigotten Form der Anerkennung, die eben kein gemeinsames Medium mehr kennt, sondern nur den Vergleich ohne Vergleichsmaßstab.

                  
        (...).
        "
        Wo die Beschreibung der Neuen Bürgerlichkeit aber selbst Teil des Distinktionskampfes wird, wird sie entweder naiv wie bei Udo di Fabio oder irgendwie unappetitlich wie bei Paul Nolte
        ".
    • KOHSE, Petra (2006): Ich-Bewirtung im Hort der Werte.
      Feine Unterschiede (7): Mit den Kindern bricht das Realo-Denken ins Leben ein. Nun muss man nicht nur sich selbst über die Runden bringen und Vorbild sein. Ist das die Neue Bürgerlichkeit? Nachrichten aus dem Inneren der Familienimprovisation,
      in: taz v. 07.03.
      • Kommentar:
        Petra KOHSE schreibt über die Familien der Generation Golf/Ally, die sich der "neuen Mitte" zuordnen lassen:

                  
        "Nun gibt es natürlich viele Arten von Familien. Hier wird aus der Sicht von Akademikern und Freiberuflern um die vierzig aus tendenziell rot-grünem Milieu gesprochen - einer Gruppe, bei der das Kinderkriegen erst vor ein paar Jahren eingesetzt hat und deren Lebensführung in der Tat deutlich gewandelt erscheint. Von den Frauen im Bekanntenkreis arbeitet nur die eine voll, deren Mutter in der Nähe wohnt, die anderen schaffen es nur noch in verringertem Umfang. Putzhilfen haben fast alle, und kein Einziger ist dabei, der sagt: Ach, wäre ich doch lieber nach Indien gefahren!"
                  
        Das Problem liegt für KOHSE in der 80er-Jahre-Sozialisation:
                  
        "Bürgerlicher Lebensstil setzt eine finanzielle Grundsicherung voraus, die heute nur den wenigsten Familien gegeben ist. Es ist ja diese Zwischengeneration, die ihr Abitur im Westen mit den Parolen »Null Bock« und »No future« gemacht hat, und wenn sie von ihren eigenen (bürgerlichen) Eltern nicht dazu getrieben wurden, ist es ihnen vor ihrer Familiengründung einfach nicht darum gegangen, etwas Bestimmtes zu erreichen in der so genannten Gesellschaft."
                  
        Für das MATUSSEK-Familienideal der LEYENs sieht KOHSE in ihrem Milieu keine Chancen:
                  
        "Dynastische Vorstellungen von sich selbst sind unter den berücksichtigten Bezugsfamilien definitiv nicht auszumachen. Auch nicht unter denen mit Drittkind. Eher noch gilt Familie als eine Ansammlung von Ichs, die von den Eltern nach Kräften bewirtet werden müssen. Man wird seinen Kindern vermutlich nichts vererben können. Und weil das weder Prinzip noch Schicksal ist, sondern nur verpasstes Anhäufen, bemüht man sich, zumindest die Software des besseren Lebens zur Verfügung zu stellen."
                  
        Das Resümee ist eher ernüchternd:
                  
        "Das, was im genannten Milieu wie eine Neue Bürgerlichkeit aussehen könnte, ist tatsächlich also der eklektizistische Verwurzelungsversuch individualistisch sozialisierter und inzwischen auch staatlicherseits auf sich selbst verwiesener Eltern."
                  
        Die neue Bürgerlichkeit ist offenbar eher eine Spielwiese für Männer...
    • BAX, Daniel (2006): Eine Boheme alla turca.
      Feine Unterschiede (8): In Deutschland hat sich mittlerweile eine breite türkischstämmige Mittelschicht etabliert. In ihren Vorstellungen von Bürgerlichkeit lässt sie sich auch von ästhetischen Vorbildern aus der Türkei leiten,
      in: TAZ v. 14.03.
    • MISIK, Robert (2006): Ihre Moral und unsere.
      Feine Unterschiede (9): Nur Neue Bürgerlichkeit gewährleistet wieder Werte - sagen Konservative.
      An dieser Argumentation ist die Linke selbst schuld: Sie bekennt sich nicht zu ihren eigenen Werten
      ,
      in: TAZ v. 21.03.
    • MAGENAU, Jörg (2006): Alternative Wurzeln des Bürgerlichen.
      Feine Unterschiede (10): Die Bürgerinitiativen reformierten das Gemeinwohl, die taz setzte urbürgerlich auf die Öffentlichkeit - in den Siebzigern kam die Neue Bürgerlichkeit also von links. Das wird heute gern vergessen, nicht nur von Konservativen,
      in:  TAZ v. 28.03.
    • Neu:
      WALTER, Klaus (2006): Wer kommt hier wo an?
      Die neuen Alben von Fehlfarben, S.Y.P.H. und Britta spielen drei Modelle durch, wie sich im Pop älter werden lässt: der Kompromiss der späten Tage, die Sonderlinge, Freud und Leid der Prekarität. Ein Seitenblick auf die Bürgerlichkeitsdebatte,
      in: TAZ v. 04.04.
      • Inhalt:
        "
        »Das schöne Leben« ist schön, weil Christiane Rösinger bei aller Depression darauf besteht, dass es da - prekär, aber dennoch - ein Durchwursteln geben kann, ein Leben, in dem man wenigstens nichts zu tun haben muss mit Indieboys & jungen Spießern, Grönemeyer & Lohmeyer. Und nein, es ist kein Zufall, dass eine Frau(enband) solche Fragen stellt. Derweil die Männer: Augen zu und durchrocken! Wie vor den Wechseljahren", meint Klaus WALTER.
     
       

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    Bernd Kittlaus
    webmaster@single-generation.de Erstellt: 17. Januar 2006
    Update: 27. Juli 2006
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    dem 03.Juni 2002