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Alexander
Cammann:
Rückkehr der Bürgerlichkeit
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Aktuellster
Beitrag
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Alexander Cammann
in seiner eigenen Schreibe
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CAMMANN, Alexander (2005): Auf der Suche nach dem Bürger. Ein
aktueller Literaturbericht.
In: Vorgänge Nr. 170, Juni
- Inhalt:
In dem Literaturbericht werden Sachbücher von
Asfa-Wossen ASSERATE,
Ralf DAHRENDORF,
Udo Di FABIO
u.a. bewertet. Den Abschluss bildet der Roman
"Der Eisvogel" von Uwe
TELLKAMP, denn: "Der
radikalisierte Bürger auf den Barrikaden bleibt offenbar bis auf
weiteres die reizvoll-riskante Figur für die offene Gesellschaft,
vor dem sie verteidigt werden muss."
-
CAMMANN, Alexander (2005): Bürgerlicher Extremismus.
Formen von Bürgerlichkeit hat es immer gegeben, auch unter der
rot-grünen Hegemonie. Doch weiche Stilfragen von einst sind gerade
dabei, zu harten Klassenfragen zu werden. In Zeiten der ökonomischen
Krise entsteht wieder Klassenbewusstsein,
in: TAZ v. 06.12.
- Inhalt:
Alexander CAMMANN, Angehöriger der
Generation Golf und verantwortlicher Redakteur der Zeitschrift
Vorgänge, begrüßt die Rückkehr der Bürgerlichkeit:
"Die
ökonomische Krise der letzten Jahre begrub endgültig die - ohnehin
fragwürdige - »nivellierte Mittelstandsgesellschaft« (Helmut
Schelsky) hierzulande. Formen von Bürgerlichkeit hat es zwar in
den vergangenen Jahrzehnten immer gegeben. Doch
weiche
Stilfragen von einst sind wieder zu harten Klassenfragen geworden.
Angesichts von Abstiegsängsten, des Auftauchens neuer
Unterschichten und der
Rückkehr der
Klassengesellschaft bieten die feinen Unterschiede des
bürgerlichen Lebensstils Halt und Abgrenzungsmöglichkeiten nach
unten. Bürgerlichkeit wird in Zeiten der Krise zur
Identitätsressource; es entsteht wieder Klassenbewusstsein."
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Alexander Cammann im
Gespräch
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Heftbeiträge
-
HARPPRECHT, Klaus -
Verzicht und Hingabe. Ein neues progressives Projekt
- KITTSTEINER, Heinz Dieter -
Jenseits von lechts und rinks. Warum wir SPD und CDU niemals
wieder sehen wollen
-
WALTER, Franz
- Paradoxien der Mehrebenendemokratie. Die verspätete Große
Koalition und die deutsche Gesellschaft
- ROITSCH, Jutta - Die SPD in
der zweiten Großen Koalition
- BUSSEMER, Thymian - Links und
frei. Herausforderungen für eine aufgeklärte
Sozialdemokratie
- LUCKE, Albrecht von -
Jenseits der grünen Mitte. eine geistig-moralische Wende von
links
- NEUGEBAUER, Gero - Die
Linkspartei. PDS nach der Bundestagswahl 2005
- DEMIROVIC, Alex - Die
wiedergefundene Linke. Nach der neoliberalen Ideologie ist
die soziale Frage wieder da
-
VESTER, Michael - Der Mythos des individualisierten
Wählers. Soziale Milieus und gesellschafspolitische Lage
-
BUDE, Heinz - Exklusion: ein linker Inklussionsbegriff
- MÜLLER, Michael -
Nachhaltigkeit als Impulsgeber und Leitidee für die Linke
- WAGNER, Gert G. - Linke
Wirtschafspolitik oder gute Wirtschaftspolitik?
-
LESSENICH,
Stephan - Der demokratische Sozialstaat: Ein
Politikangebot für die Linke
- NEGT, Oskar - Kritische
Gesellschaftstheorie, Gewerkschaften und emanzipatorische
Praxis
- SCHROEDER, Wolfgang -
Gewerkschaften auf der Suche nach Stabilität im Wandel
- WUNDER, Dieter - Jenseits der
Partikularinteressen. Ein Mentalitätswandel der
Gewerkschaften des öffentlichen Dienstes
- GREVEN, Michael Th. - Politik
als Ursprung theoretischen Denkens. Zur intellektuellen
Grundintuition von Jürgen Habermas
- HENNIG, Eike - Eine linke
Rechtstheorie
- REICHARDT, Sven - "Wärme" als
Modus sozialen Verhaltens? Linksalternative Milieus vom Ende
der 1960er bis Anfang der 1980er Jahre
- VOIT, Jochen - Linker Marsch.
Eine popkulturelle Generationengeschichte der deutschen
Linken
-
KRAUSHAAR, Wolfgang
- 1968 und die RAF. Ein umstrittenes Beziehungsgeflecht
- CAMMANN, Alexander - Linke
Perspektiven. Ein aktueller Literaturbericht
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Aus dem Editorial
"Politische
Gezeitenwechsel kündigen sich in gesellschaftlichen
Phasenverschiebungen an. Dieses eherne Gesetz
politischen Wandels galt auch bei der Bundestagswahl
vom 18. September. Zwar blieb der prognostizierte
Triumph des bürgerlichen Lagers aus, doch das Ende der
rot-grünen Ära könnte - trotz Merkels Verlusten - ein
Anfang für die bürgerlichen Parteien sein. (...).
Die
gesellschaftlichen Koordinaten verschieben sich
jedenfalls seit Jahren. Im Rückblick wird man sich
dereinst über die Paradoxie Gedanken machen, dass das
rot-grüne Lager, kaum an der Regierung, allmählich die
kulturelle Hegemonie verlor, die es zuvor allem
Anschein nach besessen hatte. Talkshowthemen und
Bestsellerlisten belegen eindrucksvoll die
intellektuelle Vorherrschaft von Henkel, Merz und
Steingart; sie haben die postmateriellen
Stichwortgeber der 1980er Jahre von Franz Alt bis Hans
Jonas abgelöst. Der Zeitgeist prägt die Semantik:
»Eigenverantwortung« und »Leistungsbereitschaft« sind
die konsensfähigen Kernbegriffe der öffentlichen
Debatten - und Schlüsselterminologien für die
bürgerliche Gesellschaft. Der Klimawandel hat
offenkundig Folgen: Die Bürgerlichkeit kehrt zurück,
mit all ihren Chancen und Risiken.
Ganz
verschwunden war sie zwar nie. Doch un- oder
antibürgerlich, wie sich vor einem Vierteljahrhundert
viele gaben, will heute kaum jemand mehr sein. Aus
Affekten gegen wurde Identifikation mit
Bürgerlichkeit. Der bürgerliche Wertehimmel steht hoch
im Kurs; Familie, Kinder und Erziehung sind im
Mittelpunkt gesellschaftspolitischer Diskussionen."
Stimmen zum Heft
"Das Schöne an diesem Heft ist, dass
wir im Gewand theoretischer Reflexion eine Reihe
kluger Bekenntnisse junger Intellektueller zur
Bürgerlichkeit lesen"
(Gustav Seibt in der Süddeutschen
Zeitung vom 28.12.2005)
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Heftbeiträge
- CAMMANN, Alexander -
Ralf
Dahrendorf und
Paul Nolte:
Bürgerlichkeit in Deutschland. Ein Gespräch
- GREVEN, Michael Th. -
Betrachtungen über das Bürgerliche. Dolf Sternberger und die
Metamorphosen
- HACKE, Jens - Bekenntnis zur
Bürgerlichkeit. Selbstbehauptungsmotive in der politischen
Philosophie der Bundesrepublik
- MEIßNER, Stefan -
Zivilgesellschaftsdiskurs und Bürgertumsdebatte
- FISCHER, Joachim - Bourdieu
und Luhmann als Theoretiker der "bürgerlichen Gesellschaft"
- HAAS, Melanie - Die Grünen
als neue Partei des Bürgertums
- SCHLÄPPI, Daniel - Zur
Bedeutung von Geschichte für bürgerliche Eliten: das
Beispiel Bern
- CONRADI, Elisabeth - Der
Haushalt als Raum der Zivilgesellschaft. Zur politischen
Ökonomik der Wohngemeinschaft
- NORDALM, Jens - Jenseits von
Verfallsklage und Renaissancejubel: Bürgerliches Leben in
der Gegenwart
-
CAMMANN, Alexander - Auf der Suche nach dem Bürger. Ein
aktueller Literaturbericht
-
MÜNKLER,
Herfried - Herrscher der Räume. Handlungslogiken von
Imperien am Beispiel der USA
- ROISCH, Jutta -
Partikulardifferenz statt Bundesstaat? Das
Bundesverfassungsgericht marschiert in eine andere Republik
- LANDWEHR, Claudia -
Der erschöpfte Bürger. Depression und Demokratie
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Das Heft in den Medien
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WULF, Jan-Hendrik (2005): Und ewig nervt die
Zivilgesellschaft.
Schriften zu Zeitschriften: "Vorgänge" will die "Rückkehr
der Bürgerlichkeit". Also: kein Bier mehr auf der Straße?
in: TAZ v. 03.12.
- Inhalt:
WULF hat im Heft 170 der Zeitschrift
Vorgänge Aufrufe zur "Rückkehr der Bürgerlichkeit"
gelesen.
Dahinter
verbirgt sich die Entsolidarisierung der Eliten, die
Bürgerlichkeit als "Zurück zur Familie" interpretieren:
"Der
Historiker Jens Nordalm bezeichnet Bürgerlichkeit daher
auch als einen nicht totzukriegenden persönlichen Habitus:
»Das Auf und Ab der Diskurse und Diagnosen berührt einen
Menschentyp nicht, der unter den Bedingungen der modernen
Welt ein selbst gestaltetes und frei geordnetes Leben
führen will.« Das hätten sogar die 68er praktiziert und
trotz anders lautender Parolen.
Möglich sei Bürgerlichkeit also auch heute: »Single-Dasein
und Kinderlosigkeit oder prekäre Arbeitsbiographien und
Geldeinbußen machen nicht aus einem Bürger einen
Nicht-Bürger, sondern aus einem vielleicht glücklichen
einen unglücklichen Bürger.« Für Nordalm alles kein Anlass
zum Kulturpessimismus, denn »auf Menschlichkeit und Moral
im relevanten Nahraum darf man noch immer vertrauen«.
Wieso eigentlich? Aber jetzt hat man ihn zumindest
verstanden: Kulturkritik ist das törichte Unterfangen, die
moralischen Ansprüche aus dem persönlichen Nahraum auf die
ganze Gesellschaft ausdehnen zu wollen; Bürgerlichkeit ist
das glatte Gegenteil davon."
- SEIBT, Gustav (2005): War da was?
Am Zeitschriften-Kiosk: Bürgertum und Bundesrepublik,
in: Süddeutsche Zeitung v. 28.12.
- Infos zu:
Gustav Seibt -
Autor der Single-Generation
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Die Rückkehr der
Bürgerlichkeit in der Debatte
-
NORDALM, Jens (2005): Gegen die Allmacht der Obrigkeit.
Die fruchtbare Tradition einer konservativen
Staatsskepsis wird in Deutschland zu Unrecht verdrängt,
in: Welt v. 06.12.
- Inhalt:
Jens NORDALM, Jahrgang 1969 und Dozent für
Neuere Geschichte an der katholischen Universität in
Eichstätt, sieht in Paul KIRCHHOF einen typischen
Vertreter der katholischen Staatsauffassung, die in
Zukunft wieder eine bedeutende Rolle spielen soll.
-
BOLZ, Norbert (2006): Jetzt heißt es erwachsen werden.
Feine Unterschiede (1): Viel wäre gewonnen, wenn wir die Buntheit
der Moderne nicht mehr im Outfit, sondern im Denken suchen würden. Ein
Plädoyer dafür, das in Deutschland gewöhnungsbedürftige Konzept der
linken Bürgerlichkeit zu wagen,
in: TAZ v. 17.01.
- SEIDL, Claudius
(2006): Wir hier oben.
Die Berliner Republik hat Angst vor Berlin
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v.
22.01.
- Kommentar:
Hier spricht München!
"Der Ruf nach der neuen Bürgerlichkeit ist vor allem ein
Berliner Phänomen - und zu deuten war er lange Zeit nur
als Mängelanzeige: Die Regierung war nach Berlin
umgezogen, und ein großer Teil der sinnstiftenden Klasse
kam gleich mit. Und dann fanden sich jene Leute, die in
Hamburg, München oder Bonn ganz andere Sorgen gehabt
hatten, in einer Stadt, aus welcher alles, was nur
entfernt nach bürgerlicher Tradition aussah, restlos
verschwunden war", schreibt SEIDL.
Diese
Sicht beschreibt die Angst des Münchners vor Berlin, wie
sie bereits im
Berlinhasser-Buch von SEIDL & Co
zum Ausdruck gekommen ist.
Die Geburtsstunde des Rufs nach einer neuen Bürgerlichkeit
verlegt SEIDL ins Jahr 1999.
Merkwürdigerweise ist jedoch der Pastorensohn
Paul NOLTE
der Gewährsmann für jene Art von Neubürgerlichkeit, die
SEIDL aufs Korn nimmt.
NOLTE ist zwar nun auch Neu-Berliner, aber seine
Unterschichten-Philosophie stammt aus der Bremer Zeit.
Ist München aber wirklich so viel anders als Berlin? Hat
die Münchner Schickeria nicht viel mehr Grund zur Angst
vor den Unterschichten? Ist diese Angst nicht einfach nur
besser kaschiert? Die Dämonisierung von Berlin könnte sich
als voreilig erweisen, denn Berlin ist überall.
Wer etwas über das Münchner Neubürgertum erfahren möchte,
der wird in SEIDLs Buch
"schöne junge welt" fündig. Dort wird dem
antibürgerlichen Bürger (Bobo) ein Denkmal gesetzt. Dieser
Typus gilt auch Jörg
LAU oder
Jan FEDDERSEN als Zielgruppe einer bürgerlichen
Identitätspolitk.
-
TERKESSIDES, Mark (2006): Unter sich bleiben leicht gemacht.
Feine Unterschiede (2): Bürger sein ist oft gar nicht
schwer, Bürger werden dagegen sehr. Denn über
Eigeninitiative wird nur geredet - gleichzeitig wird alles
getan, um den gesellschaftlichen Aufstieg für Arbeiter,
Frauen und Migranten zu behindern,
in: TAZ v. 24.01.
-
ENGELMANN, Jan (2006): Wenn alle Türen zufallen.
Feine Unterschiede (3): Minigolf als Menetekel? Solche
Probleme hätte man gerne. Wer sich über die neue Spießigkeit
erregt, sorgt sich eigentlich um die Politikfähigkeit der
Mittdreißiger. Und diese Sorge ist begründet - längst
schlagen die aktuellen Anforderungen des Arbeitsmarktes zu
Buche,
in: TAZ v. 31.01.
- Kommentar:
In der Debatte um die "neue Bürgerlichkeit"
scheint für Jan ENGELMANN die
Selbstreferentialität der journalistischen Klasse auf.
Er
pflichtet nichtsdestotrotz Kollege
Claudius SEIDL bei und sieht in Berlin die "Hochburg
des neurotischen Lebensstilvergleichs".
Obgleich
ENGELMANN Lebensstilaussagen abwertet, stützt er sich
ausgerechnet auf solche, wenn er auf die empirischen
Lebensstil-Untersuchungen des Mannheimer Sigma-Instituts
zurückgreift - statt z.B. auf Sozialstrukturanalysen.
Ausgerechnet
das schmale Segment der geburtenschwachen Jahrgänge der
30- bis 35jährigen gilt ihm als Maßstab für seine Analyse,
nach der die zunehmende Prekarisierung des Erwerbsleben
die Suche nach einer neuen Verbindlichkeit fördert.
Als
Alternative zum unpolitischen Gerede über die neue
Bürgerlichkeit bietet ENGELMANN deswegen die
gewerkschaftliche Organisierung an.
-
CHARIM, Isolde (2006): Auch Citoyens können Hummer essen.
Feine Unterschiede (4): Der Bürgerlichkeitsdebatte liegt
in rot-grünen Kreisen eine bange Frage zugrunde. Diese:
Können Leute mit bürgerlichen Lebensformen noch Linke sein?
Die Antwort macht eine Verschiebung im linken
Selbstverständnis deutlich,
in: TAZ v. 07.02.
- Kommentar:
Ungefähr 20 Jahre ist es her -
weswegen manche offenbar bereits beträchtliche
Erinnerungslücken haben - da wurde diese Debatte, ob
Grünsein und Bürgerlichkeit vereinbar ist, schon einmal
geführt. Das hatte damals viel mit neuer Mütterlichkeit
und Dienstbotengesellschaft zu tun:
"Auch die ausgestorbene Dienstbotenkaste könnte in
veränderter Gestalt wiederkommen. (...) Und mit ihnen - in
differenzierter Form - die verstorbene Kunst, dem
Beieinander-Bleiben auch dann noch eine gute Seite
abzugewinnen, wenn es nicht leicht fällt (B.S.,
1985)"
Ab ins Archiv
also!
-
HACKE, Jens (2006): Das gelingende Leben.
Feine Unterschiede
(5): Schon klar, dass die Neue Bürgerlichkeit derzeit vor
allem den Rückzug des Staates kompensieren soll. Aber die
bürgerlichen Werte sind dadurch noch längst nicht
diskreditiert,
in: TAZ v. 21.02.
-
NASSEHI, Armin (2006): Bürger aller Länder, vereinigt euch!
Feine Unterschiede
(6): Bürgerlichkeit war im 19. Jahrhundert eine Art
Benutzeroberfläche - Moral und Anstand ordneten die neue
dynamische Gesellschaft. Ist die Suche nach Neuer
Bürgerlichkeit nun die Suche nach einer aktuellen
Benutzeroberfläche?
in: TAZ v. 28.02.
- Inhalt:
Für den Soziologen
Armin NASSEHI ist
Bürgerlichkeit kein Schimpfwort mehr. Er sieht vielmehr
Anzeichen dafür, dass die Figur des Bürgers zurückkehrt.
Den
neuen Werteeliten von Paul NOLTE bis Udo Di FABIO steht er
jedoch eher skeptisch gegenüber:
"Bürgerlichkeit
gehört nicht mehr zu den Schimpfwörtern der Moderne. Das
19. Jahrhundert kehrt vielmehr zurück. Bürgerlich ist
daran nicht die neue Lust an den ästhetischen Chiffren der
Altbauwohnung und des Streichquartetts, an privater
Gemeinwohlorientierung jenseits staatlicher Intervention
oder an der neuen Ernsthaftigkeit im Feuilleton.
Bürgerlich ist vielmehr die Funktion, die der bürgerliche
Diskurs (wieder) einnimmt.
(...).
Dass der Bürger als
Figur wiederkehrt - mit allen distinktiven Affekten, mit
der Selbstdistanzierung von seiner eigenen
Proletarisierung und mit dem geradezu hilflosen Festhalten
an den alten Fassaden bürgerlicher Distinktionssymbole -,
könnte ein Symptom dafür sein, dass das bequeme
Arrangement einer postheroischen Versorgungsgesellschaft
vorbei ist. Debatten nehmen offensichtlich wieder die Form
des Kulturkampfes an - mit Betonung auf Kultur. Kultur als
Medium, alles miteinander kommensurabel zu machen und
damit voneinander zu trennen, lebt von der Distinktion,
von einer bigotten Form der Anerkennung, die eben kein
gemeinsames Medium mehr kennt, sondern nur den Vergleich
ohne Vergleichsmaßstab.
(...).
"Wo die Beschreibung
der Neuen Bürgerlichkeit aber selbst Teil des
Distinktionskampfes wird, wird sie entweder naiv wie bei
Udo di Fabio
oder irgendwie unappetitlich wie bei
Paul Nolte".
-
KOHSE, Petra (2006): Ich-Bewirtung im Hort der Werte.
Feine Unterschiede
(7): Mit den Kindern bricht das Realo-Denken ins Leben ein.
Nun muss man nicht nur sich selbst über die Runden bringen
und Vorbild sein. Ist das die Neue Bürgerlichkeit?
Nachrichten aus dem Inneren der Familienimprovisation,
in: taz v. 07.03.
- Kommentar:
Petra KOHSE schreibt über die
Familien der Generation Golf/Ally,
die sich der "neuen Mitte" zuordnen lassen:
"Nun
gibt es natürlich viele Arten von Familien. Hier wird aus
der Sicht von Akademikern und Freiberuflern um die vierzig
aus tendenziell rot-grünem Milieu gesprochen - einer
Gruppe, bei der das Kinderkriegen erst vor ein paar Jahren
eingesetzt hat und deren Lebensführung in der Tat deutlich
gewandelt erscheint. Von den Frauen im Bekanntenkreis
arbeitet nur die eine voll, deren Mutter in der Nähe
wohnt, die anderen schaffen es nur noch in verringertem
Umfang.
Putzhilfen haben fast alle, und kein Einziger ist
dabei, der sagt: Ach, wäre ich doch lieber nach Indien
gefahren!"
Das
Problem liegt für KOHSE in der 80er-Jahre-Sozialisation:
"Bürgerlicher
Lebensstil setzt eine finanzielle Grundsicherung voraus,
die heute nur den wenigsten Familien gegeben ist. Es ist
ja diese Zwischengeneration, die ihr
Abitur im
Westen mit den Parolen »Null Bock« und »No future« gemacht
hat, und wenn sie von ihren eigenen (bürgerlichen) Eltern
nicht dazu getrieben wurden, ist es ihnen vor ihrer
Familiengründung einfach nicht darum gegangen, etwas
Bestimmtes zu erreichen in der so
genannten Gesellschaft."
Für
das
MATUSSEK-Familienideal
der LEYENs sieht KOHSE in ihrem Milieu keine Chancen:
"Dynastische
Vorstellungen von sich selbst sind unter den
berücksichtigten Bezugsfamilien definitiv nicht
auszumachen. Auch nicht unter denen mit Drittkind. Eher
noch gilt Familie als eine Ansammlung von Ichs, die von
den Eltern nach Kräften bewirtet werden müssen. Man wird
seinen Kindern vermutlich nichts vererben können. Und weil
das weder Prinzip noch Schicksal ist, sondern nur
verpasstes Anhäufen, bemüht man sich, zumindest die
Software des besseren Lebens zur Verfügung zu stellen."
Das
Resümee ist eher ernüchternd:
"Das,
was im genannten Milieu wie eine Neue Bürgerlichkeit
aussehen könnte, ist tatsächlich also der eklektizistische
Verwurzelungsversuch individualistisch sozialisierter und
inzwischen auch staatlicherseits auf sich selbst
verwiesener Eltern."
Die
neue Bürgerlichkeit ist
offenbar eher eine Spielwiese für Männer...
-
BAX, Daniel (2006): Eine Boheme alla turca.
Feine Unterschiede
(8): In Deutschland hat sich mittlerweile eine breite
türkischstämmige Mittelschicht etabliert. In ihren
Vorstellungen von Bürgerlichkeit lässt sie sich auch von
ästhetischen Vorbildern aus der Türkei leiten,
in: TAZ v. 14.03.
-
MISIK, Robert (2006): Ihre Moral und unsere.
Feine Unterschiede
(9): Nur Neue Bürgerlichkeit gewährleistet wieder Werte -
sagen Konservative.
An dieser Argumentation ist die Linke selbst schuld: Sie
bekennt sich nicht zu ihren eigenen Werten,
in: TAZ v. 21.03.
-
MAGENAU, Jörg (2006): Alternative Wurzeln des Bürgerlichen.
Feine Unterschiede
(10): Die Bürgerinitiativen reformierten das Gemeinwohl, die
taz setzte urbürgerlich auf die Öffentlichkeit - in den
Siebzigern kam die Neue Bürgerlichkeit also von links. Das
wird heute gern vergessen, nicht nur von Konservativen,
in: TAZ v. 28.03.
- Neu:
WALTER, Klaus (2006): Wer kommt hier wo an?
Die neuen Alben von
Fehlfarben, S.Y.P.H. und Britta spielen drei Modelle durch,
wie sich im Pop älter werden lässt: der Kompromiss der
späten Tage, die Sonderlinge, Freud und Leid der Prekarität.
Ein Seitenblick auf die Bürgerlichkeitsdebatte,
in: TAZ v. 04.04.
- Inhalt:
"»Das
schöne Leben« ist schön, weil Christiane Rösinger bei
aller Depression darauf besteht, dass es da - prekär, aber
dennoch - ein Durchwursteln geben kann, ein Leben, in dem
man wenigstens nichts zu tun haben muss mit Indieboys &
jungen Spießern, Grönemeyer & Lohmeyer. Und nein, es ist
kein Zufall, dass eine Frau(enband) solche Fragen stellt.
Derweil die Männer: Augen zu und durchrocken! Wie vor den
Wechseljahren",
meint Klaus WALTER.
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