"Geleitet von aktuellen Studien,
medizinischen Fakten und kulturgeschichtlichen
Zeugnissen, unternimmt Katja Hertin eine
vergnügliche Expedition in den weiblichen Alltag.
Herausgekommen ist ein informatives, gelegentlich
provokantes, aber immer äußerst amüsantes Lexikon".
Zitat:
Das Bild von der
Single-Frau im Wandel der Zeit
"Die liebenswerte Solistin, wie wir sie in »Ally
McBeal«, »Sex and the City« oder den »Bridget
Jones«- Filmen vorgeführt bekommen, ist ein
vergleichsweise neues Klischee. Jahrhundertelang kam
ein unabhängiges, selbstbestimmtes Leben für
»anständige« Frauen im fortpflanzungsfähigen Alter
nicht infrage. Die Hochzeit war eine
Pflichtveranstaltung, und solange der passende
Partner nicht gefunden war, lebte man zu Hause unter
der Aufsicht der Familie, Frauen, die sich einer
Heirat verweigerten und allein lebten, mussten
häufig eine Existenz am Rande der Gesellschaft
führen - als alte Jungfern, Huren oder
Hexen diffamiert. Neben dem nicht gerade hoch
angesehenen Dasein als Witwe war die Existenz
als Nonne die einzige Möglichkeit, sich auf
gesellschaftliche anerkannte Weise einer
Paarbeziehung zu entziehen.
Erst im Verlauf des 19.
Jahrhunderts verließen immer mehr Frauen ihre
Familien, um in den großen Städten als Wäscherinnen,
Scheiderinnen, Verkäuferinnen oder
Fabrikarbeiterinnen ihr Geld zu verdienen.
Allerdings galten diese Ahninnen der modernen
Single-Kultur nicht als urbane Trendsetterinen,
sondern als bemitleidenswerte Kreaturen, die mangels
eines solventen Ehemannes schutzlos und isoliert in
der Großstadt schuften mussten.
An Glanz gewann das Image der
Singles erst im Zuge der gesellschaftlichen
Revolution von 1968.
(...).
Bis in die neunziger Jahre hinein wurde der Single
als Symbol eines befreiten, erfüllten, genussvollen
Lebensstils gefeiert. (...). Doch in den letzten
Jahren hat das Klischee vom schwerelosen
Single-Leben Risse bekommen. Angesichts hoher
Trennungs- und Scheidungsquoten sowie niedriger
Geburtenraten wird die fortschreitende
»Individualisierung der Gesellschaft« zunehmend
kritisch wahrgenommen. »Zurück zur Familie« - diese
Losung hört man jetzt wieder häufiger, und zwar
nicht nur vom rechten Rand des politischen
Spektrums."
(aus: Stichwort Single-Frau,
S.312-316; S.313f.)