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Malin
Schwerdtfeger: Unser Ripleytum als Schicksal und Chance
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Kurzbiographie
- 1972 geboren
- Studium der Judaistik und
Islamwissenschaft
- 2001 Erzählung "Leichte
Mädchen"
- 2002 Debütroman "Café
Saratoga"
- 2004 Roman
"Delphi"
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Aktuellster
Beitrag
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Malin Schwerdtfeger
in ihrer eigenen Schreibe
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SCHWERDTFEGER, Malin (2003):
Wir Nutellakinder,
in: Kursbuch H.154 Die 30jährigen, Dezember, S.42-48
- Kommentar:
Malin SCHWERDTFEGER stilisiert sich in
diesem Beitrag zum Über-Ich - also zur moralischen Instanz -
ihrer Generation.
Aus dieser Perspektive erscheint die
Metamorphose des talentierten Mr. Ripley (Patricia
HIGHSMITH) als Chance für ihre Generation, denn im Werdegang
von Tom Ripley und dem Werdegang ihrer Generation sieht
SCHWERDTFEGER Parallelen:
"Man mag auf die Frühvergreisung dieser
Generation schimpfen, auf Generation-Irgendwas-Bücher und
Nostalgie-Fernsehshows. Andererseits ist diese
Frühvergreisung Anzeichen für rudimentäres, aber echtes, für
organisches, in den meisten Fällen aber unbewußtes Ripleytum.
Tom Ripley ist mit fünfundzwanzig schon ein älterer Herr. Er
kann es nur sein, indem er das Leben, das seinem Stand und
seiner Herkunft nach für ihn gedacht war, auslöscht. Das
fällt ihm nicht schwer, denn Tom Ripley kommt aus dem
Nichts. Er ist Vollwaise und in bescheidenen Verhältnissen
aufgewachsen. Er hat nicht studiert und muß sich mit
erniedrigen Jobs über Wasser halten, bevor er die
Gelegenheit bekommt, ein anderer zu werden. Die Gelegenheit
kommt, als er die Möglichkeit hat, seinen wohlsituierten
Freund umzubringen und dessen Identität anzunehmen".
Für SCHWERDTFEGER ist Tom Ripley also
das Sinnbild des Familienlosen, so wie die Generation Golf
eine familienlose Generation ist.
Nicht zwischen der Nazi-Generation und
den 68ern ist die Generationenkette gerissen (hier
argumentiert SCHWERDTFEGER wie
Sophie DANNENBERG), sondern
für die Autorin ist die Kette der Generationen mit der
68er-Generation gerissen, denn diese verweigert die
Weitergabe des Erbes an die Generation Golf:
"Der Bruch war geschehen. Keine Erwartungen
mehr. Aber auch: kein Erbe. Denn wenn Kinder nichts mehr
erfüllen müssen, müssen sie auch nichts mehr bekommen. Die
Eltern der Dreißigjährigen begannen, alles für sich zu
behalten: Dinge, Geld, Lebenspläne. Sie wollten ihren
Kindern weder etwas überlassen noch etwas für sie aufgeben,
sie wollten ihr Leben nicht einschränken für die Kinder,
aber das zu deren eigenem Besten. Sie wollten ihren Kindern
die Freiheit geben, und damit auch sich selbst. Im Austausch
dafür war jeglicher Druck von den Kindern genommen. Und die
Kette gerissen. Der Generationenvertrag gekündigt, und zwar
jener, in dem geschrieben steht: Ihr sollt für die
Vergangenheit (eure Eltern) und für die Zukunft (eure
Kinder) leben, nicht aber für eure Gegenwart! Die heute
Dreißigjährigen haben also in der Regel das gleiche geerbt
wie Tom Ripley: Nichts."
SCHWERTFEGER beschreibt ihre
Generation als "verkappte Traditionalisten", die - anders
als ihre Eltern, aber genauso wie ihre Großeltern den
Normallebenslauf anstreben.
SCHWERDTFEGER hält eine Rebellion
ihrer Generation für notwendig.
Es geht darum die "Wir"-Persönlichkeit
der
Erinnerungskultur à la Florian ILLIES
zugunsten eines "Ich" abzustreifen. Für SCHWERDTFEGER ist
hier
Christian KRACHT ein
Vorbild:
"Ich glaube, in der Literatur wird zum
Beispiel Christian Kracht bleiben, der als echter Ripley
eben nicht einfach bloß an den Dingen klebt, der sie nicht
nur zum gegenseitigen Auf-die-Schulter-Klopfen braucht wie
seine unbewußteren literarischen Zeitgenossen. Als echter
Ripley braucht er zwar die Dinge, und man kann ihm
Snobismus und, bitte sehr, Textilfetischismus vorwerfen,
genau wie Ripley, aber Ripley und Kracht haben die Welt der
Dinge, die sie umgibt, verstanden."
Sachen sind nach SCHWERDTFEGER nur
Mittel zur Metamorphose und damit zur Neuerschaffung.
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Malin Schwerdtfeger
im Gespräch
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- DOTZAUER, Georg (2001): Dieser Zirkus
braucht dauernd neue Leichen.
Zwei Autoren, zwei Generationen: Malin Schwerdtfeger und Dieter
Wellershoff im Gespräch,
in: Tagesspiegel v. 21.03.
- Inhalt:
SCHWERDTFEGER und
Dieter WELLERSHOFF, beide vom Lektor Martin HIELSCHER bei
Kiepenheuer & Witsch betreut, erzählen von ihrer
Schriftstellerarbeit und ihren Leseerfahrungen.
- EISMANN, Sonja (2004): Malin Schwerdtfeger.
Ich erinnere mich an nichts,
in: Intro, H.120, September
- Kommentar:
Zwei Aspekte des neuen Romans
"Delphi" hebt
EISMANN hervor: zum einen den Aspekt des "Ausgeliefert-Seins in
familiären Konstellationen" und zum anderen das tiefe "Misstrauen
gegenüber der einen, gemeinsamen und damit korrekten Erinnerung".
SCHWERDTFEGER setzt in ihrem Roman
"Delphi" also die
momentan gerade wieder einmal modische Thematik der
Wohlstandsverwahrlosung auf die Agenda.
Mit ihrer Akzentuierung der Thematik steht sie
Susanne GASCHKE näher als
Paul NOLTE. Erstere zielt auf die
Mittelschichtkinder, letztere auf die Unterschichtkinder.
SCHWERDTFEGER erläutert dazu:
"Eine Voraussetzung für die Geschichte, die
sicherlich auch ein bisschen altmodisch wirkt, war für mich, so eine
finanziell behütete, vagabundierende Akademiker- oder
Diplomaten-Jugend nachzuzeichnen, in der der Geist viel leichter
durchdrehen kann. (...). Mich interessiert, wie man so früh, sei es
durch soziale Unterprivilegierung oder Laisser-faire-Erziehung, wie
im Buch, sagen kann: »Ich schaffe mir meine eigne Welt.« Und ob das
so vernünftig ist, das zu tun".
Zur
Erinnerungskultur à la Florian ILLIES
merkt SCHWERDTFEGER an:
"Ich glaube, aus dem politischen Sich-erinnern-Müssen
unserer Eltern wurde das freiwillige gemütliche Erinnern à la Illies
und Co., das nicht weh tut, sondern alles auf so einen ironischen,
sentimentalen Gesichtspunkt reduziert."
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Klappentext
"»Delphi« erzählt
eine Familiensaga zwischen griechischen Tempeln,
Jerusalemer Steinen und norddeutschen Deichen – mit
farbenprächtigen Bildern, trockenem Humor und einer
Feinfühligkeit, die in der jungen deutschen
Literatur ihresgleichen sucht.
Alles beginnt in Delphi: Die verwackelten Bilder
einer Amateurkamera zeigen einen Mann, der vor dem
Apollontempel eine Rede hält. Zwei Kinder spielen
zwischen den Ruinen der Orakelstätte. Es sind die
Geschwister Linda und Robbie, die von der Mutter
gefilmt werden, während ihr Vater, ein Archäologe,
sie in die antike Sagenwelt einführt.
Die beiden jüngeren Schwestern sind zu diesem
Zeitpunkt noch nicht geboren, und doch sind sie
schon mit dabei, denn eine von ihnen ist die
Erzählerin. Mühelos setzt sie sich über Zeit und
Raum hinweg und entspinnt die Geschichte einer
Familie von Getriebenen, die sich aufmachen, die
Welt zu verstehen und ihre eigene Rolle darin zu
finden.
Der Vater hastet von einer Ausgrabungsstätte zur
nächsten und sucht nach der »stillen Stadt unter der
Erde«. Die Mutter schließt sich einer jüdischen
Sekte an, um ihrem Leben einen Sinn zu geben und
eine andere Liebe zu finden.
Währenddessen konstruieren sich Linda und Robbie,
von den Eltern hin- und hergeschoben, ihre eigene,
unverrückbare Welt. Sie kultivieren ihre
Unabhängigkeit und kommen doch nicht voneinander
los.
Als Francis in ihr Leben tritt und sich beide in ihn
verlieben, werden sie auf dramatische Weise mit dem
Glück und gleichzeitig mit dem Tod konfrontiert.
In kunstvoller Verschränkung von Räumen und Zeiten
erzählt Malin Schwerdtfeger eine fesselnde
Familiensaga von antikem Zuschnitt aus einer
ungewöhnlichen Perspektive – der einer Toten."
Pressestimmen
"Die Jüngste, die namenlose Ich-Erzählerin dieser
Geschichte, kann die Bindungslosigkeiten einer
solchen Kindheit am wenigsten ertragen und bleibt
auf der Strecke. Sie ertrinkt mit acht Jahren. Aber
noch im Tod bleibt sie ihrer Aufgabe als Medium der
Erinnerung treu. Dabei kennt sie mehr als nur die
Geschichte ihrer Familie. Malin Schwerdtfeger
stattet sie aus mit der Erinnerung an die ganze
Menschheitsgeschichte"
(Brigitte Neumann im
DeutschlandRadio vom 14.09.2004)
"Im Roman »Delphi« ist nichts so wie in anderen
Familien. Der Vater lehrt an der Universität, die
Mutter ist verhuscht, die vier Kinder werden
unterwegs geboren - in Athen, in Jerusalem und in
Nordenham. Die Großeltern leben in der Nähe von
Oldenburg, betreiben ein Hotel samt ungewöhnlichem
Seemannsfriedhof. Freiheit scheint das höchste Gut
und führt doch nur in Unglück und Katastrophe."
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Rezensionen
-
NEUMANN, Brigitte (2004): Deutung und Erfüllung.
Malin Schwerdtfeger: "Delphi",
in: Büchermarkt. Sendung des DeutschlandRadio v.
14.09.
- REICHART, Manuela (2004):
Erinnerungen wie Gehbehinderungen.
Malin Schwerdtfegers neuer Roman "Delphi" erzählt eine
skurrile Familienchronik,
in: Berliner Zeitung v. 16.09.
-
MANSBRÜGGE, Antje (2004): Geschwister zwischen Ruinen.
Malin Schwerdtfeger: Delphi,
in: fluter.de v. 26.10.
- Neu:
KRUMBHOLZ, Martin (2004): Wal- und andere harte Nüsse.
Malin Schwerdtfegers zweiter Roman "Delphi",
in: Literaturbeilage der Neuen Zürcher Zeitung v.
05.10.
- WIEGANDT, Kai Martin (2004):
Wunder wie Watte.
In der Blase einer sehr privaten Mythologie: Malin
Schwerdtfeger erzählt in ihrem Roman "Delphi" von einem Ort,
wo das Wünschen noch geholfen hat,
in: Literaturbeilage der Süddeutschen Zeitung v.
05.10.
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