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Richard Kämmerlings: Die Wiederentdeckung der Provinz

 
       
   
  • Kurzbiographie

    • 1969 in Krefeld geboren
    • Studium der Germanistik, Geschichte und Philosophie
    • Literaturkritiker der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
 
       
   
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    Richard Kämmerlings in seiner eigenen Schreibe

     
       
    • KÄMMERLINGS, Richard (2000): Lustverlustanzeige.
      Bloß keine Experimente!,
      in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 6.11.
    • KÄMMERLINGS, Richard (2002): Im Schrebergarten der Lüste.
      Ein Camus für unsere Zeit? Michel Houellebecqs neuer Roman "Plattform",
      in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 16.02.
    • KÄMMERLINGS, Richard (2003): Deutsche Meister: "Kettcar".
      Traumtore mit letzter Kraft,
      in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 04.01.
      • Kommentar:
        Richard KÄMMERLINGS hat sich dem Popjahr 2002 gewidmet. U. a. feiert er das gelungene Comeback von Peter HEINs Fehlfarben:
              
              
        "Ihnen gebührt die Palme für den markantesten Plattentitel der Saison: "Knietief im Dispo" ist in unseren depressiven Zeiten schon zum geflügelten Wort geworden. Wenn auch ihre deutschrockende Musik das Irritationsniveau der Texte nicht halten kann, ist es Hein durch eine List der Vernunft noch einmal gelungen, seine persönliche Befindlichkeit mit der geistigen Situation einer Zeit zu synchronisieren, die sich im »Club der schönen Mütter« vergnügt, während die sozialen Sicherungssysteme einstürzenden Altbauten gleichen".       
              
        Wessen Geistes Kind die Gruppe "Kettcar" ist, das kann sich nun jeder selbst denken... 
    • KÄMMERLINGS, Richard (2003): Der Diskurs tanzt.
      Volle Speicher: Moritz Baßlers Pop-Literaturwissenschaft,
      in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 11.01.
      • Inhalt:
        KÄMMERLINGS versucht STUCKRAD-BARREs hymnische Rezension der neuen CD von Herbert GRÖNEMEYER im SPIEGEL mit dem popkulturellen Avantgarde-Selbstverständnis in "Tristesse Royale" anhand von Moritz BAßLERs Theorie über den deutschen Pop-Roman zu erklären und ist damit mitten in einer Rezension zu BAßLERs Buch "Der deutsche Pop-Roman".
    • KÄMMERLINGS, Richard (2003): Halbe Hemden, frisch gestärkt.
      Mit offener Brust dem Stier entgegen: Maxim Billers neuer Roman "Esra" packt die Liebe bei den Hörnern,
      in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 01.03.
      • Inhalt:
        "Billers düsteres, schmerzhaftes, doch radikal aufrichtiges Buch Esra zeigt unsere Gegenwart mit ihren Viertelbeziehungen und Halbfamilien als erlösungsbedürftige Welt, in der die Liebe manchmal aus dem jenseits kommt und allzuoft dahin zurückkehrt", lobt KÄMMERLINGS.
    • KÄMMERLINGS, Richard (2003): Vom Ruhr- ins Bleistiftgebiet.
      Mahlzeit: Henrik Hieronimus erzählt Stories aus der Produktion,
      in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 22.10.
    • KÄMMERLINGS, Richard (2003): Das leichte Spiel ist immer das schwerste.
      Lehrjahre des Gefühls sind keine Herrenjahre: Wie Marcus Braun und Garrison Keillor in der Provinz das Erzählen entdecken,
      in: Literaturbeilage der Frankfurter Allgemeinen Zeitung v. 04.11.
      • Inhalt:
        Richard KÄMMERLINGS sieht in der Wiederentdeckung der Provinz ein neu erwachtes Interesse an der Herkunft wirken:

              
          "Daß wir aus alle aus der Provinz kommen, ist die These eines Sachbuchs von Kolja Mensing, mit dem Titel »Wie komme ich hier raus?«, das im vergangenen Jahr erschien. Wobei die Frage natürlich falsch gestellt war: Eigentlich will man wissen, warum man immer wieder zurückkehrt (...). Und natürlich auch, warum man immer wieder davon lesen will. Erfahrungen und Wissen kann man überall und in allen Lebensaltern anhäufen. Im Leben und in der Literatur aber bleibt die Provinz stets die Erziehungsanstalt des Herzens."
              
          Der Sichtweise vom Ende der Spaßgesellschaft erteilt KÄMMERLINGS eine Absage:
              
          "Wer nach dem 11. September oder dem Zusammenbruch der New Economy oder einer längeren Schlechtwetterperiode bereits postwendend statt Pop eine neue Ernsthaftigkeit in die Gegenwartsliteratur einziehen sah, der überschätzte nicht nur die Reaktionsschnelligkeit des Mediums, sondern erlag auch einem Kategorienfehler. Der Erfahrungsraum der Literatur reicht viel tiefer in die Herkunft zurück, zu der die neue Provinzliteratur der letzten Jahre auch ein ambivalenteres Verhältnis hat als die klassische (Anti-)Heimatliteratur aus Österreich oder der Schweiz. »Stadt Land Fluß« von Christoph Peters war ein frühes Beispiel, es folgten Autoren wie David Wagner, Tobias Hüwitt oder Andreas Maier - kaum zufällig ausschließlich Westdeutsche. Autoren aus dem Osten, der als Ganzes Inbegriff verödeter Provinz war und wieder zu werden droht, richten den Blick auf Berlin oder gleich auf New York.
        Wer wie der Germanist Moritz Baßler Pop-Literatur als Archiv einer generationenspezifischen Erfahrungswelt definiert (...), wird sich vor ihrer Verabschiedung aus rein spaßkonjunkturellen Gründen hüten. Eher dürfte der Hang zum Außergewöhnlichen, Aristokratischen, Weltläufig-Urbanen vorbei sein".
    • KÄMMERLINGS, Richard (2003): Bin ich das Sozialamt?
      Beim Berliner "Open Mike" triumphiert eine Literatur der Kälte,
      in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 11.11.
      • Inhalt:
        KÄMMERLINGS ist begeistert von Kirsten FUCHS' Vortrag beim "Open Mike"-Wettlesen:

              
          "Kirsten Fuchs (...) las einen kleinen (...) Ausschnitt aus dem Leben ihrer beiden Hauptfiguren, eines Sachbearbeiters des Sozialamts und einer von ihm betreuten Antragsstellerin. Hausbesuche, hastiger Sex, Einsamkeit allein und dann Einsamkeit zu zweit. Mehr geschieht hier nicht".
    • KÄMMERLINGS, Richard (2004): Mensch!
      Extreme Schreibakte: Michael Lentz vereint die Gegensätze,
      in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 17.01.
      • Kommentar:
        Richard KÄMMERLINGS lobt Michael LENTZ, der wiederum Herbert GRÖNEMEYER lobt.

              
           In seinem Roman "Liebeserklärung" hat z.B. der Erzähler ständig die CD "Mensch" auf dem Walkman.
              
          GRÖNEMEYER ist für LENTZ eine Art Andreas GRYPHIUS der Popmusik. Bei ihm zeige sich eine "Wiederkehr der Aura im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit des Kunstwerks".
              
          Richard KÄMMERLINGS stellt LENTZ als Ausnahmeerscheinung im deutschen Literaturbetrieb dar:
              
          "Der zeitgenössische deutsche Autor hat sich (...) gemeinhin in zwei Teile gespalten, in den Kopf und den Bauch, das Über- und das Unter-Ich: Da sind dann einerseits gelehrte Poeten wie Handke, Strauß, unter den Jüngeren Georg Klein, Hettche oder Grünbein. Und auf der anderen Seite die theoriefeindliche, bodenständige Gegenbewegung, verkörpert von neuen Realisten der »78er« der Popfraktion (Ausnahme Rainald Goetz!) oder der stets volks- und tresennahen Lesebühnenszene. Lentz paßt da nicht hinein."
    • KÄMMERLINGS, Richard (2004): Was zählt, ist auf dem Blatt.
      Unter Wert verkauft: Der 28. Klagenfurter Bachmann-Preis,
      in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 28.06.
      • Inhalt:
        Richard KÄMMERLINGS vermisste zwar eine Grundsatzdebatte über das, was Literatur heute sein sollte, kritisierte also vorwiegend die Jury, war aber ansonsten ganz zufrieden.

              
          "Die Jury ließ sich begeistern. Etwa gleich am ersten Morgen, bei der short story von Wolfgang Herrndorf, die kühl von einer höchst unwahrscheinlichen Annäherung eines bindungsunfähigen, depressiven Mannes und eines pubertierenden Jungen erzählte, in dessen Träumen vom Kosmonautenleben der Ältere die eigenen, im täglichen Daseinskampf längst versickerten Sehnsüchte erkennt. Mit kunstvoll verknappten Dialogen wurde hier eine Romantik im Endstadium heraufbeschworen, Caspar David Friedrichs Mond als trübes Restleuchten im trostlos-schwarzen Hinterhof der Gegenwart", beschreibt KÄMMERLINGS ausführlich die Story von HERRNDORF.
    • KÄMMERLINGS, Richard (2005): Sag beim Abschied leise Servolenkung.
      Der Verrat des Fußballers Calle Del'Haye: Die Hamburger Band "Kettcar" hat der Sonnenseite des Lebens die längste Zeit nachgetrauert,
      in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 12.03.
    • KÄMMERLINGS, Richard (2005): Sei du selbst, ganz wie Vati.
      Rainer Merkel legt die achtziger Jahre auf die Couch,
      in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 26.03.
    • Inhalt:
      Richard KÄMMERLINGS sieht in Rainer MERKELs Erzählung "Das Gefühl am Morgen" eine neue Zugangsweise zu den Achtziger Jahren:

            
        "Die beiden größten Bucherfolge über jene Jahre - Florian Illies' »Generation Golf« und Sven Regeners »Herr Lehmann«-Romane - waren in ihrer ironisch-anekdotischen Kirchturmperspektive nur eine intelligentere Art der Arbeit am Mythos.
            
        In Rainer Merkels neuer Erzählung, die irgendwann in den endlosen späten Achtzigern in West-Berlin spielt, kommt kein Popsong vor, kein Werbeslogan und keine Fernsehserie. Datieren kann man die Geschichte einzig an den Katastrophen. »Wußtest du das? Tschernobyl heißt übersetzt Schwarzes Gras«. Als Lukas dies zu seiner Freundin Laura sagt, hat sich der private Super-Gau bereits ereignet: Laura erwartet ein Kind (...). Das Paar, das sich gerade erst im Studentenwohnheim kennengelernt hat, ist mit dem Entscheidungszwang überfordert. Die verdrängte Unbestimmtheit ihrer Beziehung tritt zutage".
            
        KÄMMERLINGS macht darauf aufmerksam, dass in MERKELs Büchern eine liberale Herrschaftstechnik entlarvt wird, die sich als "tabubrechende Offenheit drapiert". Daraus ergibt sich dann eine subtile Komik, die ihn an Wilhelm GENAZINO erinnert.
    • KÄMMERLINGS, Richard (2005): Eisvögel der Revolution.
      Die Zeichen stehen auf Sturm: Über die neue Lust am Aufstand,
      in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 09.05.
      • Kommentar:
        Die alte Lust am Aufstand ist offensichtlich verflogen.

              
          Man kann ja kaum noch glauben, dass die FAZ einmal so etwas wie das Revolutionsorgan des Neuen Deutschland sein wollte. Bürger auf die Barrikaden! schrie uns der Beamte auf Lebenszeit Arnulf BARING zu. Geblieben ist uns jedoch eine Medien-APO.
              
          Davon will Richard KÄMMERLINGS nun nichts mehr wissen. Dabei könnte man eine Linie von BARING zu Uwe TELLKAMPs Roman "Der Eisvogel" ziehen.
              
          KÄMMERLINGS beginnt dagegen beim Göttinger Politikwissenschaftler Franz WALTER, der in den blockierten Gegeneliten, also den arbeitslosen Akademikern, ein Revolutionspotential erblickt hat.
              
          Diese sitzen offenbar in überfüllten Frankfurter Hörsälen und hören Robert MENASSE und seinem "Plädoyer für die Gewalt" zu. Der Terror des 11. September wird in dieser Sicht zur Notbremse im rasenden Globalisierungszug.
              
          Die Revolutionsmusik dazu spielen dann Wir sind Helden und kettcar, also die Protagonisten einer neuen Niedlichkeit.
              
          Neben Uwe TELLKAMPs "Der Eisvogel" und MENASSEs "Plädoyer der Gewalt" präsentiert uns KÄMMERLINGS einen dritten Propheten des Aufstands: den französischen Globalisierungsgegner Camille de TOLEDO, dessen Buch "Archimondain Superpunk" im Sommer unter dem Titel "Goodbye Tristesse" erscheint:
              
          "Das Buch (...) zeichnet das Porträt einer Generation, die nach dem Fall der Mauer in eine alternativlose und antiutopische Welt hineinwuchs".
              
          Gemäß KÄMMERLINGS leben wir aber nicht in vorrevolutionären Zeiten, wie diese Propheten des Aufstands glauben, sondern in nachrevolutionären Zeiten.
                 KÄMMERLINGS bietet uns dazu auch eine These an: Die gegenwärtige, inhaltsleere Revolutionssehnsucht ist die Konsequenz des Zusammenbruchs der New Economy mitsamt den dazugehörigen Heilserwartungen, die "Technikpropheten wie Norbert Bolz, Friedrich Kittler, Florian Rötzer" geliefert haben. Rebellen ohne Markt, was kann schlimmer sein?
                 KÄMMERLINGS sieht allein im Zweifel die angemessene revolutionäre Haltung unserer Zeit.
    • KÄMMERLINGS, Richard (2005): Popweltlich.
      Deutsche Szene: Diederichsen liest in Köln,
      in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 19.12.
      • Kommentar:
        Richard KÄMMERLINGS war bei einer Lesung von Diedrich DIEDERICHSEN.

                  
        Wenn sein Bericht aus erster Hand ist, dann hat er sich nach seiner eigenen Ordnung des Cool völlig uncool verhalten, aber da Spießer mittlerweile cool sind (zitty), liegt er damit voll im Trend.
                  
        KÄMMERLINGS erzählt nochmals dass "Sexbeat" den Ruhm von DIEDERICHSEN begründet hat und dass Ulf POSCHARDT eine Debatte um den Neokonservatismus angezettelt hat. Er weist darauf hin, dass POSCHARDTs Kritik auf ideologischen Prämissen beruht. Zudem zeigt er auf, dass DIEDERICHSEN gar nicht mehr dort ist, wo POSCHARDT ihn treffen möchte:
                  
        POSCHARDTs "Argumentation beruht auf der selbst ideologischen Prämisse, Pop sei irgendwie Widerstand - und sei es gegen linke Lufthoheit.
                  
        Diederichsen selbst jedoch glaubt längst nicht mehr an die alten Lesbarkeit der Pop-Welt: Zur Markierung einer politischen Position reicht es nicht aus, sich zu einer bestimmten Musikrichtung zu bekennen."
                  
        KÄMMERLINGS vermutet, dass DIEDERICHSEN nun ins Lager der Sophisten übergelaufen ist:
                  
        "Bezeichnenderweise las Diederichsen nicht über die Mainstream-Musik (...), sondern fast nur über kaum goutierbare Grenzformen: (...). Im undefinierten Krach eines Werks namens »Anode I« drängte sich der Verdacht auf: Diederichsen ist längst ins Lager der Ironiker übergelaufen, der Sophisten, die alles zur Offenbarung erheben - oder der Lächerlichkeit preisgeben können."
                  
        Eine andere Erklärung liefern Joseph HEATH & Andrew POTTER in ihrem Buch "Konsumrebellen":
                  
        "Der Rebell hat (...) zwei Möglichkeiten: Er kann sich in das Unvermeidliche fügen und in der Masse aufgehen, oder er kann einen neuen, noch ausgefalleneren Stil finden, einen Stil, der noch nicht so viele Nachahmer gefunden hat, so dass er weiterhin zur Unterscheidung taugt. Was er letztendlich sucht, ist die unvereinnahmbare Subkultur."
                  
        Demnach hätte DIEDERICHSEN gar nicht das Lager gewechselt, sondern nur neu definiert, was dernier cri ist in seinem Lager.
    • KÄMMERLINGS, Richard (2007): Der Rechtsstreit um Billers "Esra".
      Kann Dichtung dem Leben schaden?
      in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 05.01.
    • KÄMMERLINGS, Richard (2008): Am Tellerrand gescheitert,
      in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 30.01.
    • Neu:
      KÄMMERLINGS, Richard (2009): Der Schleier über den letzten Dingen.
      Krankheit als Metapher? Auch die neue Saison bringt Bücher über Krebs und Tod. Aber vom Sterben will nicht jeder in allen intimen Einzelheiten hören: Warum wir keine Krebsliteratur mehr lesen wollen,
      in: Frankfurter Allgemeine Zeitung
      v. 13.08.
      • Inhalt:
        Richard KÄMMERLINGS über "Krebsliteratur" von Susan SONTAG ("Krankheit als Metapher") über Fritz ZORN ("Mars") bis zu den Neuerscheinungen dieser Saison, wie z.B. das Buch "Der Tod meiner Mutter" von Georg DIEZ.
     
           
       

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    Bernd Kittlaus
    webmaster@single-generation.de Erstellt: 10. Dezember 2003
    Update: 07. September 2009