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- KÄMMERLINGS, Richard
(2000): Lustverlustanzeige.
Bloß keine Experimente!,
in: Frankfurter
Allgemeine Zeitung v. 6.11.
- KÄMMERLINGS, Richard (2002):
Im Schrebergarten der Lüste.
Ein Camus für unsere Zeit? Michel Houellebecqs
neuer Roman "Plattform",
in: Frankfurter
Allgemeine Zeitung v. 16.02.
- KÄMMERLINGS, Richard (2003): Deutsche
Meister: "Kettcar".
Traumtore mit letzter Kraft,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 04.01.
- Kommentar:
Richard KÄMMERLINGS hat sich dem Popjahr 2002
gewidmet. U. a. feiert er das gelungene Comeback von
Peter HEINs Fehlfarben:
"Ihnen gebührt die Palme für den
markantesten Plattentitel der Saison: "Knietief im Dispo" ist in
unseren depressiven Zeiten schon zum geflügelten Wort geworden.
Wenn auch ihre deutschrockende Musik das Irritationsniveau der
Texte nicht halten kann, ist es Hein durch eine List der Vernunft
noch einmal gelungen, seine persönliche Befindlichkeit mit der
geistigen Situation einer Zeit zu synchronisieren, die sich im
»Club der schönen Mütter« vergnügt, während die sozialen
Sicherungssysteme einstürzenden Altbauten gleichen".
Wessen Geistes Kind die Gruppe "Kettcar"
ist, das kann sich nun jeder selbst denken...
- KÄMMERLINGS, Richard (2003): Der Diskurs
tanzt.
Volle Speicher: Moritz Baßlers Pop-Literaturwissenschaft,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 11.01.
- KÄMMERLINGS, Richard (2003): Halbe
Hemden, frisch gestärkt.
Mit offener Brust dem Stier entgegen: Maxim Billers neuer Roman
"Esra" packt die Liebe bei den Hörnern,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 01.03.
- Inhalt:
"Billers düsteres, schmerzhaftes, doch radikal
aufrichtiges Buch Esra
zeigt unsere Gegenwart mit ihren Viertelbeziehungen und
Halbfamilien als erlösungsbedürftige Welt, in der die Liebe
manchmal aus dem jenseits kommt und allzuoft dahin zurückkehrt",
lobt KÄMMERLINGS.
- KÄMMERLINGS, Richard (2003): Vom
Ruhr- ins Bleistiftgebiet.
Mahlzeit: Henrik Hieronimus erzählt Stories aus der Produktion,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 22.10.
- Inhalt:
"Wenn man will, ist das Arbeiterliteratur, alte
Schule, old economy sozusagen, doch ohne jede ideelle
Überformung, erklärt Richard KÄMMERLINGS.
- KÄMMERLINGS, Richard
(2003): Das leichte Spiel ist immer das schwerste.
Lehrjahre des Gefühls sind keine Herrenjahre: Wie Marcus Braun
und Garrison Keillor in der Provinz das Erzählen entdecken,
in: Literaturbeilage der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
v. 04.11.
- Inhalt:
Richard KÄMMERLINGS sieht in der
Wiederentdeckung der Provinz ein neu erwachtes Interesse an der
Herkunft wirken:
"Daß wir aus alle aus der Provinz
kommen, ist die These eines Sachbuchs von
Kolja Mensing, mit dem Titel
»Wie komme ich hier raus?«,
das im vergangenen Jahr erschien. Wobei die Frage natürlich falsch
gestellt war: Eigentlich will man wissen, warum man immer wieder
zurückkehrt (...). Und natürlich auch, warum man immer wieder davon
lesen will. Erfahrungen und Wissen kann man überall und in allen
Lebensaltern anhäufen. Im Leben und in der Literatur aber bleibt die
Provinz stets die Erziehungsanstalt des Herzens."
Der Sichtweise vom
Ende der Spaßgesellschaft erteilt
KÄMMERLINGS eine Absage:
"Wer nach dem 11. September oder dem
Zusammenbruch der New Economy oder einer längeren
Schlechtwetterperiode bereits postwendend
statt Pop eine neue
Ernsthaftigkeit in die Gegenwartsliteratur einziehen sah, der
überschätzte nicht nur die Reaktionsschnelligkeit des Mediums,
sondern erlag auch einem Kategorienfehler. Der Erfahrungsraum der
Literatur reicht viel tiefer in die Herkunft zurück, zu der die neue
Provinzliteratur der letzten Jahre auch ein ambivalenteres
Verhältnis hat als die klassische
(Anti-)Heimatliteratur aus
Österreich
oder der Schweiz.
»Stadt Land Fluß« von Christoph Peters war ein frühes Beispiel, es
folgten Autoren wie David Wagner,
Tobias Hüwitt oder Andreas Maier - kaum zufällig ausschließlich
Westdeutsche. Autoren aus dem Osten, der als Ganzes Inbegriff
verödeter Provinz war und wieder zu werden droht, richten den Blick
auf Berlin oder gleich auf
New York.
Wer wie der Germanist Moritz Baßler
Pop-Literatur als Archiv einer generationenspezifischen
Erfahrungswelt definiert (...), wird sich vor ihrer Verabschiedung
aus rein spaßkonjunkturellen Gründen hüten. Eher dürfte der Hang zum
Außergewöhnlichen, Aristokratischen, Weltläufig-Urbanen vorbei
sein".
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KÄMMERLINGS, Richard (2003): Bin ich das Sozialamt?
Beim Berliner "Open Mike" triumphiert eine Literatur der Kälte,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 11.11.
- Inhalt:
KÄMMERLINGS ist begeistert von Kirsten FUCHS'
Vortrag beim "Open Mike"-Wettlesen:
"Kirsten Fuchs (...) las einen kleinen
(...) Ausschnitt aus dem Leben ihrer beiden Hauptfiguren, eines
Sachbearbeiters des Sozialamts und einer von ihm betreuten
Antragsstellerin. Hausbesuche, hastiger Sex, Einsamkeit allein und
dann Einsamkeit zu zweit. Mehr geschieht hier nicht".
- KÄMMERLINGS,
Richard (2004): Mensch!
Extreme Schreibakte: Michael Lentz vereint die Gegensätze,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 17.01.
- Kommentar:
Richard KÄMMERLINGS lobt Michael LENTZ, der
wiederum Herbert GRÖNEMEYER lobt.
In seinem Roman
"Liebeserklärung"
hat z.B. der Erzähler ständig die CD "Mensch" auf dem Walkman.
GRÖNEMEYER ist für
LENTZ eine Art Andreas GRYPHIUS der Popmusik. Bei ihm zeige sich
eine "Wiederkehr der Aura im Zeitalter der technischen
Reproduzierbarkeit des Kunstwerks".
Richard
KÄMMERLINGS stellt LENTZ als Ausnahmeerscheinung im deutschen
Literaturbetrieb dar:
"Der
zeitgenössische deutsche Autor hat sich (...) gemeinhin in zwei
Teile gespalten, in den Kopf und den Bauch, das Über- und das
Unter-Ich: Da sind dann einerseits gelehrte Poeten wie
Handke,
Strauß, unter den Jüngeren
Georg Klein, Hettche oder
Grünbein. Und auf der anderen Seite die theoriefeindliche,
bodenständige Gegenbewegung, verkörpert von
neuen Realisten der »78er«
der Popfraktion
(Ausnahme Rainald Goetz!)
oder der stets volks- und tresennahen Lesebühnenszene. Lentz paßt
da nicht hinein."
- KÄMMERLINGS, Richard (2004): Was
zählt, ist auf dem Blatt.
Unter Wert verkauft: Der 28. Klagenfurter Bachmann-Preis,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 28.06.
- Inhalt:
Richard KÄMMERLINGS vermisste zwar eine
Grundsatzdebatte über das, was Literatur heute sein sollte,
kritisierte also vorwiegend die Jury, war aber ansonsten ganz
zufrieden.
"Die Jury ließ sich
begeistern. Etwa gleich am ersten Morgen, bei der short story
von Wolfgang Herrndorf, die kühl von einer höchst
unwahrscheinlichen Annäherung eines bindungsunfähigen, depressiven
Mannes und eines pubertierenden Jungen erzählte, in dessen Träumen
vom Kosmonautenleben der Ältere die eigenen, im täglichen
Daseinskampf längst versickerten Sehnsüchte erkennt. Mit kunstvoll
verknappten Dialogen wurde hier eine Romantik im Endstadium
heraufbeschworen, Caspar David Friedrichs Mond als trübes
Restleuchten im trostlos-schwarzen Hinterhof der Gegenwart",
beschreibt KÄMMERLINGS ausführlich die Story von HERRNDORF.
- KÄMMERLINGS, Richard (2005): Sag beim
Abschied leise Servolenkung.
Der Verrat des Fußballers Calle Del'Haye: Die Hamburger Band "Kettcar"
hat der Sonnenseite des Lebens die längste Zeit nachgetrauert,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 12.03.
- KÄMMERLINGS,
Richard (2005): Sei du selbst, ganz wie Vati.
Rainer Merkel legt die achtziger Jahre auf die Couch,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 26.03.
- Inhalt:
Richard KÄMMERLINGS sieht in Rainer
MERKELs Erzählung
"Das Gefühl am Morgen" eine
neue Zugangsweise zu den Achtziger Jahren:
"Die beiden größten Bucherfolge
über jene Jahre - Florian Illies'
»Generation Golf«
und Sven Regeners »Herr
Lehmann«-Romane - waren in ihrer ironisch-anekdotischen
Kirchturmperspektive nur eine intelligentere Art der Arbeit
am Mythos.
In Rainer Merkels neuer
Erzählung, die irgendwann in den endlosen späten Achtzigern
in West-Berlin spielt, kommt kein Popsong vor, kein
Werbeslogan und keine Fernsehserie. Datieren kann man die
Geschichte einzig an den Katastrophen. »Wußtest du das?
Tschernobyl heißt übersetzt Schwarzes Gras«. Als
Lukas dies zu seiner Freundin Laura sagt, hat sich der
private Super-Gau bereits ereignet: Laura erwartet ein Kind
(...).
Das Paar, das sich gerade erst im Studentenwohnheim
kennengelernt hat, ist mit dem Entscheidungszwang
überfordert. Die verdrängte Unbestimmtheit ihrer
Beziehung tritt zutage".
KÄMMERLINGS macht darauf
aufmerksam, dass in MERKELs Büchern eine liberale
Herrschaftstechnik entlarvt wird, die sich als "tabubrechende
Offenheit drapiert". Daraus ergibt sich dann eine subtile
Komik, die ihn an
Wilhelm GENAZINO erinnert.
- KÄMMERLINGS,
Richard (2005): Eisvögel der Revolution.
Die Zeichen stehen auf Sturm: Über die neue Lust am Aufstand,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 09.05.
- Kommentar:
Die alte Lust am Aufstand ist offensichtlich
verflogen.
Man kann ja kaum noch
glauben, dass die FAZ einmal so etwas wie das Revolutionsorgan des
Neuen Deutschland sein wollte.
Bürger auf die Barrikaden! schrie uns der
Beamte auf Lebenszeit Arnulf BARING zu.
Geblieben ist uns jedoch eine
Medien-APO.
Davon will Richard KÄMMERLINGS nun
nichts mehr wissen. Dabei könnte man eine Linie von BARING zu Uwe
TELLKAMPs Roman "Der Eisvogel"
ziehen.
KÄMMERLINGS beginnt dagegen beim
Göttinger Politikwissenschaftler
Franz WALTER,
der in den blockierten Gegeneliten, also den
arbeitslosen Akademikern, ein Revolutionspotential erblickt
hat.
Diese sitzen offenbar in überfüllten
Frankfurter Hörsälen und hören Robert MENASSE und seinem "Plädoyer
für die Gewalt" zu. Der Terror des 11. September wird in dieser
Sicht zur Notbremse im rasenden Globalisierungszug.
Die Revolutionsmusik dazu spielen dann
Wir sind Helden und
kettcar,
also die Protagonisten einer neuen Niedlichkeit.
Neben Uwe TELLKAMPs "Der
Eisvogel" und MENASSEs "Plädoyer der Gewalt" präsentiert uns
KÄMMERLINGS einen dritten Propheten des Aufstands: den
französischen Globalisierungsgegner Camille de TOLEDO, dessen Buch
"Archimondain Superpunk" im
Sommer unter dem Titel "Goodbye Tristesse" erscheint:
"Das Buch (...) zeichnet das Porträt
einer Generation, die nach dem Fall der Mauer in eine
alternativlose und antiutopische Welt hineinwuchs".
Gemäß KÄMMERLINGS leben wir
aber nicht in vorrevolutionären Zeiten, wie diese Propheten des
Aufstands glauben, sondern in nachrevolutionären Zeiten.
KÄMMERLINGS bietet uns dazu auch eine
These an: Die gegenwärtige, inhaltsleere Revolutionssehnsucht ist
die Konsequenz des Zusammenbruchs der New Economy mitsamt den
dazugehörigen Heilserwartungen, die "Technikpropheten wie
Norbert Bolz,
Friedrich Kittler, Florian Rötzer" geliefert haben. Rebellen ohne
Markt, was kann schlimmer sein?
KÄMMERLINGS sieht allein im Zweifel
die angemessene revolutionäre Haltung unserer Zeit.
- KÄMMERLINGS, Richard (2005): Popweltlich.
Deutsche Szene: Diederichsen liest in Köln,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 19.12.
- Kommentar:
Richard KÄMMERLINGS
war bei einer
Lesung von Diedrich DIEDERICHSEN.
Wenn
sein Bericht aus erster Hand ist, dann hat er sich nach seiner
eigenen Ordnung des Cool völlig uncool verhalten, aber da
Spießer mittlerweile cool sind (zitty),
liegt er damit voll im Trend.
KÄMMERLINGS
erzählt nochmals dass "Sexbeat" den Ruhm von DIEDERICHSEN begründet
hat und dass Ulf POSCHARDT eine
Debatte um den Neokonservatismus
angezettelt hat. Er weist darauf hin, dass POSCHARDTs Kritik auf
ideologischen Prämissen beruht. Zudem zeigt er auf, dass
DIEDERICHSEN gar nicht mehr dort ist, wo POSCHARDT ihn treffen
möchte:
POSCHARDTs
"Argumentation beruht auf der selbst ideologischen Prämisse, Pop sei
irgendwie Widerstand - und sei es gegen linke Lufthoheit.
Diederichsen
selbst jedoch glaubt längst nicht mehr an die alten Lesbarkeit der
Pop-Welt: Zur Markierung einer politischen Position reicht es nicht
aus, sich zu einer bestimmten Musikrichtung zu bekennen."
KÄMMERLINGS
vermutet, dass DIEDERICHSEN nun ins Lager der Sophisten übergelaufen
ist:
"Bezeichnenderweise
las Diederichsen nicht über die Mainstream-Musik (...), sondern fast
nur über kaum goutierbare Grenzformen: (...). Im undefinierten Krach
eines Werks namens »Anode I« drängte sich der Verdacht auf:
Diederichsen ist längst ins Lager der Ironiker übergelaufen, der
Sophisten, die alles zur Offenbarung erheben - oder der
Lächerlichkeit preisgeben können."
Eine
andere Erklärung liefern Joseph HEATH & Andrew POTTER in ihrem Buch
"Konsumrebellen":
"Der
Rebell hat (...) zwei Möglichkeiten: Er kann sich in das
Unvermeidliche fügen und in der Masse aufgehen, oder er kann einen
neuen, noch ausgefalleneren Stil finden, einen Stil, der noch nicht
so viele Nachahmer gefunden hat, so dass er weiterhin zur
Unterscheidung taugt. Was er letztendlich sucht, ist die
unvereinnahmbare Subkultur."
Demnach
hätte DIEDERICHSEN gar nicht das Lager gewechselt, sondern nur neu
definiert, was dernier cri ist in seinem Lager.
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KÄMMERLINGS, Richard (2007): Der Rechtsstreit um Billers "Esra".
Kann Dichtung dem Leben schaden?
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 05.01.
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KÄMMERLINGS, Richard (2008): Am Tellerrand gescheitert,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 30.01.
- Neu:
KÄMMERLINGS, Richard (2009): Der Schleier über den letzten Dingen.
Krankheit als Metapher? Auch die neue Saison bringt Bücher über
Krebs und Tod. Aber vom Sterben will nicht jeder in allen intimen
Einzelheiten hören: Warum wir keine Krebsliteratur mehr lesen
wollen,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung
v. 13.08.
- Inhalt:
Richard KÄMMERLINGS über "Krebsliteratur"
von Susan SONTAG ("Krankheit als Metapher") über
Fritz
ZORN ("Mars") bis zu den
Neuerscheinungen dieser Saison, wie z.B. das Buch
"Der Tod meiner Mutter"
von Georg DIEZ.
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