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Uwe Tellkamp: Der Eisvogel, der Turm und die Schwebebahn

 
       
     
       
   
  • Aktuellster Beitrag
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    Uwe Tellkamp in seiner eigenen Schreibe

     
           
       

    TELLKAMP, Uwe (2005): Der Eisvogel.
    Aus einem noch unveröffentlichten Roman des diesjährigen Bachmannpreisträgers Uwe Tellkamp,
    in: Welt v. 03.07.

    TELLKAMP, Uwe (2008): Kunst muss zu weit gehen.
    Dankesrede für den Uwe-Johnson-Preis,
    in: Welt v. 27.09.

    TELLKAMP, Uwe (2009): Kein scharf umstochenes Datum.
    Geräusch von draußen, abgestellte Radios in den Kasernen, Leben von Tag zu Tag: Erinnerung an den 9. November 1989,
    in:
    Welt v. 21.02.

     
           
       

    Uwe Tellkamp im Gespräch

     
           
       

    KREKELER, Elmar (2005): "Die Jungen müssen wieder fighten".
    Von der Befehlsverweigerung zum Bachmann-Preis: Ein Gespräch mit Uwe Tellkamp,
    in: Welt v. 13.08.

    PLATTHAUS, Andreas (2008): Zeitverschiebung.
    Wer wissen will, auf welchen Wegen die Wirklichkeit in die Literatur gelangt, muss mit Uwe Tellkamp durch das Dresdner Villenviertel Weißer Hirsch,
    in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 04.10.

    BARTELS, Gerrit (2008): "Vielleicht bin ich ein giftiger Lurch".
    Zur Buchmesse: Der Schriftsteller Uwe Tellkamp im Interview mit dem Tagesspiegel über das DDR-Bürgertum, den Arztberuf und sein Problem mit der Ironie,
    in: Tagesspiegel v. 13.10.

    FÜHRER, Susanne (2008): Tellkamp: Marketing-Maschinerie hat meinem Buch geholfen.
    Gespräch mit dem Buchpreisträger Uwe Tellkamp,
    in: DeutschlandRadio v. 14.10.

    KRAUSE, Tilman (2008): Die Kraft, zu widerstehen.
    Uwe Tellkamp, Autor, Arzt und Buchpreisträger 2008, hat mit "Der Turm" den ultimativen Roman über die DDR geschrieben - und eine Hommage an das Bildungsbürgertum,
    in: Welt v. 15.10.

    JUNGHÄNEL, Frank & Markus WÄCH (2008): Die Turmgesellschaft.
    Ein Stollenbäcker und ein Bezirkssekretär, der Ortschronist und die Söhne des Barons Ardenne - Begegnungen auf dem Dresdner Weißen Hirsch mit dem Schriftsteller Uwe Tellkamp und seinen Romanhelden,
    in:
    Berliner Zeitung v. 22.11.

    JEHLE, Martin (2009): Es war wie ein böses Märchen.
    Uwe Tellkamp im Gespräch über die Gespenster der Vergangenheit und seinen Roman "Der Turm",
    in: Berliner Zeitung
    v. 13.03.

     
           
       

    Uwe Tellkamp in der Debatte

     
           
       

    LOCKE, Stefan (2018): Was tut man uns an?
    Der Schriftsteller Tellkamp gibt den rechten Mann,
    in:
    Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 10.03.

    GRÜNBEIN, Durs (2018): Die süße Krankheit Dresden.
    "Diese dummen Rempeleien von links und rechts mache ich nicht mit". Ein Rückblick auf mein Streitgespräch mit Uwe Tellkamp,
    in:
    Süddeutsche Zeitung v. 14.03.

    SERRAO, Marc Felix (2018): Neue deutsche Härte.
    Uwe Tellkampfs Wutausbruch war kein Ausrutscher. Der konservative Teil des deutschen Bürgertums begehrt auf,
    in:
    Neue Zürcher Zeitung v. 17.03.

    "Deutsches Bürgertum. Was ist das heute noch? Wer gehört dazu? Es gibt zurzeit wohl keinen besseren Ort, um diesen Fragen nachzugehen, als die Buchhandlung Loschwitz am Fusse des berühmten Dresdner Villenviertels Weisser Hirsch",

    meint Marc Felix SERRAO, der bis letztes Jahr noch Redakteur des Wirtschaftsteils der FAS war und nun für die NZZ aus Deutschland berichtet. Interessant ist seine Charakterisierung des Begriffs "Wutbürger", einst ein vom Spiegel erfundener linksliberaler Kampfbegriff zur Sicherung der Debattenhoheit, mit dem nun auch Literaturbetriebsinsassen ausgegrenzt werden:

    "Der Begriff stellt eine Vorstufe der intellektuellen Ausbürgerung dar. Seine Bestandteile - Wut und Bürger - passen nicht zusammen. Wut steht für Kontrollverlust, Bürgerlichkeit für Selbstkontrolle und die Sublimierung der Triebe. Wutbürger gehören nur noch halb dazu. Ernst nehmen muss man sie nicht."

    Als Repräsentant der westdeutschen Elite in Dresden wird uns der Pegida-Gegner Stefan HEINMANN vorgestellt:

    "Bei Heinmanns privaten Salons und Konzerten trifft sich, was den Namen Elite verdient hat".

    Der Begriff Wutbürger hätte auf jene Journalisten der Generation Golf treffend gepasst, die sich ihre Wut auf den Sozialstaat von der Seele schrieben - nur gehörte dieses Wutjournalistentum damals zum linksliberalen Mainstream. Und auch nach der Wiederwahl von Gerhard SCHRÖDER schäumte das westdeutsche Bürgertum vor Wut. Arnulf BARING rief auf die Barrikaden. Nur weil die Barrikadenstürmer bereits das Jugendalter überschritten hatten, erledigte sich die Wut-Revolte bald von selbst. Kontrollverlust hat im westdeutschen Bürgertum also eine lange Tradition. Warum sollte das in Ostdeutschland anders sein?

    HANK, Rainer (2018): Uwe Tellkamp und die Migranten. Ein Faktencheck.
    Die meisten Migranten kommen wegen des Sozialsystems zu uns. Das behauptet der Schriftsteller Uwe Tellkamp. Hat er recht?
    in:
    Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 18.03.

    In unseren angeblich postfaktischem Zeitalter gibt es inzwischen eine neue Gattung: die Faktenchecker. Dazu gehört nun auch der neoliberale Hardliner Rainer HANK. 2015 als sein Buch Links, wo das Herz schlägt erschien, lebte man dagegen noch im "post-ideoligischen Zeitalter" Das neoliberale Mantra hieß damals noch "alternativlos". So schnell ändert sich der Zeitgeist!

    Im Gegensatz zu manchem naiven Faktenchecker ist HANK jedoch ein hermeneutischer Faktenchecker:

    "Der Faktencheck hängt (...) von Vorentscheidungen ab".

    Oder anders formuliert: Ob TELLKAMP mit seiner Aussage recht oder unrecht hat, ist lediglich eine Frage der richtigen Auslegung seiner Aussage. HANK stellt uns deshalb zwei alternative Auslegungen seiner Aussage vor, um die eine zu verwerfen und die andere zu bestätigen:

    "»Einwanderung in die Sozialsysteme« lässt sich (...) im Sinne von »Einwanderung in den deutschen Sozialstaat« und all seine Errungenschaften (interpretieren) (...).
    So gesehen, hat T. völlig recht."

    HANK lässt offen, welcher Deutung er zuneigt. Das wird jedoch deutlich, wenn man seine anderen Artikel liest.

    STAEMMLER, Johannes (2018): Die letzten Kinder der DDR.
    Die Debatte um Uwe Tellkamp zeigt, dass eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Erfahrungen der Ostdeutschen noch immer aussteht. Gerade die junge Generation ist darauf angewiesen,
    in:
    Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 29.03.

    "Die Mehrzahl der »Dritten Generation Ost« wurde zwischen 1975 und 1985 in der DDR geboren (...).
    Ob die letzten DDR-Kinder eine eigene Generation sind, darüber lässt sich streiten. Aber sie verbindet die erlebten Verwerfungen der 1990er Jahre in den Familien und Gemeinschaften. (...)
    Nichts spielt eine größere Rolle als die eigene Herkunft. Wenn man aus dem Osten kommt, dann ist damit weniger eine Region gemeint, sondern eine Erfahrung, die den Blick auf das Heute und Morgen prägt",

    meint Johannes STAEMMLER, der 1982 in Dresden geboren wurde.

    "Ich (...) habe Uwe Tellkampfs »Turm« vor einigen Jahren mit Lust und Mähe gelesen. Tellkamp ergründet darin das Milieu, aus dem auch ich stamme. Sein Auftritt in Dresden Anfang März verstörte mich",

    schreibt STAEMMLER. Er beschwört die Gefahr, dass sich nun Gräben zwischen den nach 1990 Geborenen in Ost und West auftun werden und fordert deshalb eine Stiftung Ostdeutschland, denn:

    "Tellkamp (..) repräsentiert den Ossi, der lernunwillig, beleidigt und integrationsresistent ist und und wird damit zur Projektionsfläche für viele, denen es schwerfällt, mit erfahrener Ablehnung umzugehen - ob sie nun aus dem Osten stammen oder nicht. Daraus ergibt sich eine wahrlich unheilige Allianz vieler, die sich zusammenfinden in ihrem Gefühl, nicht gehört, nicht beteiligt und nicht repräsentiert zu sein."

    Ob die Identifizierung mit TELLKAMP für alle, die zu dieser doch sehr heterogenen Gruppe gehören, gegeben ist, darf bezweifelt werden. Die Euphorie über TELLKAMPs Turm konnte niemand nachvollziehen, der bereits bei seinem Roman Der Eisvogel aus dem Jahr 2005 die rechte Sehnsucht missfiel. Bezeichnend waren bereits die damaligen Feuilletonbesprechungen des Romans. Seitdem hat unsere "linksliberale" Elite nichts dazu gelernt!

     
           
           
       

    Der Turm (2005)
    Frankfurt a/M: Suhrkamp

     
       
         
     

    Klappentext

    "Hausmusik, Lektüre, intellektueller Austausch: Das Dresdner Villenviertel, vom real existierenden Sozialismus längst mit Verfallsgrau überzogen, schottet sich ab. Resigniert, aber humorvoll kommentiert man den Niedergang eines Gesellschaftssystems, in dem Bildungsbürger eigentlich nicht vorgesehen sind. Anne und Richard Hoffmann, sie Krankenschwester, er Chirurg, stehen im Konflikt zwischen Anpassung und Aufbegehren: Kann man den Zumutungen des Systems in der Nische, der »süßen Krankheit Gestern« der Dresdner Nostalgie entfliehen wie Richards Cousin Niklas Tietze - oder ist der Zeitpunkt gekommen, die Ausreise zu wählen? Christian, ihr ältester Sohn, der Medizin studieren will, bekommt die Härte des Systems in der NVA zu spüren. Sein Weg scheint als Strafgefangener am Ofen eines Chemiewerks zu enden. Sein Onkel Meno Rohde steht zwischen den Welten: Als Kind der »roten Aristokratie« im Moskauer Exil hat er Zugang zum seltsamen Bezirk »Ostrom«, wo die Nomenklatura residiert, die Lebensläufe der Menschen verwaltet werden und deutsches demokratisches Recht gesprochen wird."

     
         
     
           
       

    Rezensionen

    BISKY, Jens (2008): Aufruhr der Uhren.
    Zur rechten Zeit: Uwe Tellkamps großer Roman "Der Turm" erzählt von den sieben letzten Jahren der DDR,
    in: Süddeutsche Zeitung v. 13.09.

    Infos zu: Jens Bisky - Autor der Generation Golf

    KREKELER, Elmar (2008): Die süße Krankheit Gestern.
    Uwe Tellkamp entfaltet in seinem Roman "Der Turm" ein grandioses Panorama vom Untergang der DDR im Dresdner Bildungsbürgertum,
    in: Welt v. 13.09.

    ENKE, Julia (2008): Das geheime Land.
    Uwe Tellkamps erstaunliches Epos "Der Turm" über den Untergang der DDR,
    in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 14.09.

    OPITZ, Michael (2008): Verloren in der Fülle der Ereignisse,
    in: DeutschlandRadio v. 16.09.

    HILLGRUBER, Katrin (2008): Zeit der Bürger.
    Uwe Tellkamps Epochenroman "Der Turm" über die letzten Jahre der DDR,
    in: Tagesspiegel v. 17.09.

    BÖTTIGER, Helmut (2008): Weißer Hirsch, schwarzer Schimmel.
    Tellkamps klassischer Bildungsroman über die DDR erzählt meisterlich aus einer stillgelegten Zeit: »Der Turm«,
    in: Die ZEIT Nr.39 v. 17.09.

    BARTMANN, Christoph (2008): Das Land einfrieren.
    Der Chronist und Zeuge des Absterbens der DDR ist von nun an Uwe Tellkamp. Sein Wenderoman "Der Turm": ein gewaltiges Gesellschaftspanorama,
    in: Die Presse v. 20.09.

    PLATTHAUS, Andreas (2008): Die Zeit ist des Teufels.
    Hoch über Dresden erhielt sich unter prekären Umständen mitten im Sozialismus eine Bildungsbürgerwelt: Uwe Tellkamps monumentaler Roman "Der Turm" erzählt vom Untergang der DDR,
    in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 20.09.

    JÄHNER, Harald (2008): Noch einmal Platz nehmen in der DDR.
    Uwe Tellkamps Roman "Der Turm" über die letzten Jahre eines versunkenen Landes,
    in: Berliner Zeitung v. 22.09.

    LANGNER, Beatrix (2008): Utopie, zeitgeschwärzt.
    Erzählte Geschichte in Uwe Tellkamps Turmgesellschaft,
    in: Neue Zürcher Zeitung v. 11.10.

    KNIPPHALS, Dirk (2008): Fremd war selbst.
    "Der Turm" von Uwe Tellkamp ist mehr als der große Wenderoman, auf den so lange gewartet wurde. Es geht um die Neuerfindung eines gründlichen, genauen, sozusagen nachhaltigen und dafür ruhig gelegentlich auch etwas umständlichen Erzählens,
    in: Literaturbeilage der TAZ v. 15.10.

    FRANK, Sabine (2008): Ein Märchen aus den uralten Zeiten,
    in: Falter Nr.42 v. 15.10.

    BRAUN, Michael (2008): Sächsischer Zauberberg.
    Epos: Uwe Tellkamp liefert mit seinem tausendseitigen Werk „Der Turm“ den lang erhofften deutschen Wende-Roman. Er schreibt gegen die ostalgische Verklärung an,
    in: Rheinischer Merkur Nr.42 v. 16.10.

    NENTWICH, Andreas (2008): Ein Blauwal von einem Roman.
    Warum Uwe Tellkamps Panorama der untergehenden DDR nicht allein durch seinen Umfang imponiert und nur mit einem Wort zutreffend zu kennzeichnen ist: Meisterwerk,
    in: Literaturen, November

     
           
       

    Das Buch in der Debatte

    KRAUSE, Tilman (2008): Kraftreservoir Ost.
    Der Erfolg von Uwe Tellkamps preisgekröntem Roman "Der Turm" sollte endlich die Aufmerksamkeit auf das kulturelle und historische Potenzial der neuen Bundesländer lenken,
    in:
    Welt v. 27.10.

    SEIBT, Gustav (2008): Das reiche Leben in den Villen des Klassenfeinds.
    Auf Platz eins der Bestsellerliste: Uwe Tellkamps Roman "Der Turm" wird zum Volksbuch - ein Erklärungsversuch,
    in: Süddeutsche Zeitung v. 25.10.

    SCHRÖPFER, Robert (2008): Die Missgünstigen.
    Dresden tut sich schwer mit Uwe Tellkamp und seinem preisgekrönten Wenderoman "Der Turm",
    in:
    Tagesspiegel v. 13.11.

    BUCHELI, Roman (2008): Geschichte im Gegenlicht literarischer Fiktionen.
    Wie die erzählende Erinnerung die Vergangenheit schöpferisch verwandelt und vervielfacht,
    in:
    Neue Zürcher Zeitung v. 22.11.

    • Roman BUCHELI sieht u.a. Uwe TELLKAMPs gefeierter Roman Der Turm als Beispiel für das von keinerlei Zweifel und Anfechtungen geschwächte "Vertrauen in die sinnstiftende Darstellungskraft der (historischen) Erzählung und in die prinzipielle Darstellbarkeit der Geschichte."

    DIECKMANN, Christoph (2008): Wie Uwe Tellkamp das Bildungsbürgertum durch den Fluss der Fantasie lotst.
    Ein künftiger nationaler Klassiker: Eine Reise nach Dresden und Freiburg zu den Geheimnissen von Uwe Tellkamps großen DDR-Abgesang "Der Turm",
    in: Literaturmagazin der
    ZEIT Nr.49 v. 27.11.

     
           
           
       

    Der Eisvogel (2005)
    Berlin: Rowohlt

     
       
         
     

    Klappentext

    "Wiggo Ritter, ein junger Mann mit denkbar besten Voraussetzungen für eine Traumkarriere, ist ins Abseits geraten. Dem Vater, einem erfolgreichen Bankier, wollte er nicht nacheifern, und seine akademische Laufbahn als Philosoph ist gescheitert, weil er keine Kompromisse eingehen kann. Einsam, arbeitslos, doch mit ungebrochenem Stolz fristet er zwischen skurrilen Jobs und so seltenen wie flüchtigen Liebschaften ein Schattendasein. Unverhofft fällt Licht in dieses Dunkel, als Wiggo den charismatischen Geschwistern Mauritz und Manuela begegnet: zwei perfekt getarnten Terroristen, Mitgliedern einer konservativen Organisation, die eine neue Elite inthronisieren will. Ihnen scheint Wiggo, der nichts mehr zu verlieren hat, der ideale Verbündete zu sein. Doch dann verliebt sich dieser Außenseiter ausgerechnet in Manuela - und gefährdet damit nicht allein die gesamte Organisation, sondern vor allem sich selbst?"

     
         
     
           
       

    Rezensionen

    DOTZAUER, Gregor (2005): Töte, was du liebst.
    Sehnsucht nach einer konservativen Revolution: Uwe Tellkamps Roman "Der Eisvogel",
    in: Tagesspiegel v. 16.03.

    Gregor DOTZAUER sieht in dem Roman Der Eisvogel eine neue Ernsthaftigkeit, die auf Restauration hinausläuft:

    "»Der Eisvogel« ist das Plädoyer für eine konservative Revolution, und zwar für eine, wie sie Hugo von Hofmannsthal 1927 in seiner Münchner Rede über »Das Schrifttum als geistigen Raum der Nation« forderte, lange bevor der Begriff von der Neuen Rechten politisch okkupiert wurde.
    (...).
    Durch die Nervenbahnen (von Tellkamps) (...) Prosa kriecht die Kälte von Ernst Jünger, der preußische Romantizismus von Ernst von Salomon, aber eben auch die Magie von Friedo Lampe.
    »Der Eisvogel« ist das erste ernst zu nehmende rechte Buch der jüngeren deutschen Literatur, das in einer ursprünglichen Abscheu vor dem »Morbus 68« wurzelt. Wahrscheinlich braucht man wie Tellkamp auch zwanzig Jahre DDR im Rücken, um diesen Ekel so ungehindert zu empfinden. Nicht zuletzt das unterscheidet den Roman von jenem
    Elitismus, der linksadornitisch sozialisierte Autoren wie Botho Strauß zu Einsprüchen gegen das »herunterdemokratisierte« Bewusstsein getrieben hat (...). Deshalb führt »Der Eisvogel« aber auch nicht weiter. Denn es ist eins, auf dem existenziellen Ernst des Schreibens und Denkens zu beharren. Und es ist etwas anderes, dabei eine Wahl zwischen Pathos und Ironie zu fordern. Dafür ist es nicht nur historisch zu spät. Beides sind Darstellungsformen – auch der letzten Dinge. Tellkamp klammert sich an den Gestus. Das läuft hinaus auf schiere Restauration.
    "

    KRUMBHOLZ, Martin (2005): Es lebe die Tat. Oder nicht?
    Uwe Tellkamp will ran an die rechtselitären Herrenmenschenattitüden,
    in: Literaturbeilage der Frankfurter Rundschau v. 16.03.

    BARTELS, Gerrit (2005): Im Schaum der Erinnerung.
    Der Bachmannpreisträger Uwe Tellkamp verhebt sich mit seinem verschmockten Roman "Der Eisvogel" und sorgt für die große Enttäuschung dieses Bücherfrühlings,
    in: TAZ v. 17.03.

    BEIKÜFNER, Uta (2005): Wappentier des Terrors.
    Der Eisvogel von Uwe Tellkamp ist für den Leipziger Bücherpreis nominiert,
    in: Berliner Zeitung v. 17.03.

    BÖTTIGER, Helmut (2005): Deutsche Wut und rechter Terror.
    Uwe Tellkamp zwiespältiger Elite-Thriller "Der Eisvogel",
    in: Literaturbeilage der ZEIT Nr.12 v. 17.03.

    Infos zu: Helmut Böttiger - Autor der Single-Generation

    KRAFT, Thomas (2005): Wirrkopf wider Willen.
    Uwe Tellkamps zweites Buch führt in die Abgründe des Genialen,
    in: Rheinischer Merkur Nr.11 v. 17.03.

    MANGOLD, Ijoma (2005): Nie wieder Kaltakquise!
    Wie man die Bundesrepublik auf eine heiße Herdplatte setzt: Uwe Tellkampfs großartiger Roman "Der Eisvogel",
    in: Süddeutsche Zeitung v. 17.03.

    Während Thomas ASSHEUER vor kurzem die bundesrepublikanischen Weltsichten in jene der Melancholiker und der Tragiker unterschieden hat, so scheiden sich bei Ijoma MANGOLD die Geister daran, ob es gegenwärtig bei den Reformen ein Erkenntnis- oder ein Umsetzungsproblem gibt. Die Akteure der Organisation "Wiedergeburt" in TELLKAMPs Roman Der Eisvogel neigen jedenfalls zu letzterer Sicht. MANGOLD ist der Ansicht, dass - falls parlamentarische Reformen keinen Erfolg bringen - Radikalkuren irrsinniger ausfallen könnten. In TELLKAMPs Gesellschaftspanorama sieht MANGOLD deshalb ein realistisches Szenario:

    "Es hat das alles etwas von einem auf den Hund gekommenen Geheimen Deutschland, klingt ein bisschen nach Stefan George, ein bisschen nach Carl Schmitt. Ein Kasten- und Ständestaat schwebt den Mitgliedern der Organisation vor. Aber sie sind weder Alt- noch Neonazis. Ihre historische Orientierungsgröße scheinen viel eher die Männer und Frauen des 20. Juli zu sein, bei denen sich auch Vaterlandsliebe, ein hoher Moralkodex, deutsche Kunstreligion und eine Neigung zu autoritären Staatsentwürfen verbunden hatten.
          
      Mit diesem so großartig halluzinierten wie glaubwürdig gezeichneten Gesellschaftspanorama hat (...) Uwe Tellkampf (...) eine geistige Topographie entworfen, die nicht mehr die der alten Bundesrepublik ist."

    JUNG, Werner (2005): Ein eiskalter Engel.
    Revolutionär. Der neue Roman des Klagenfurt-Preisträgers Uwe Tellkamp - "Der Eisvogel",
    in: Freitag Nr.11 v. 18.03.

    KREKELER, Elmar (2005): Zurück zum hohen Ton.
    Uwe Tellkamps Roman "Der Eisvogel" ist ein deutscher Gesellschafts-Thriller,
    in: Welt v. 19.03.

    Der Roman Der Eisvogel von Uwe TELLKAMP wird aus so unterschiedlicher Sicht wie von Gregor DOTZAUER, Ijoma MANGOLD und Elmar KREKELER als treffender Ausdruck einer  bedenklichen Strömung in dieser Republik interpretiert. Bei KREKELER liest sich das folgendermaßen:

    "Der Verlust von Sicherheit ist ein, wenn nicht das Zeichen unserer Zeit, unserer Gesellschaft. Und es mag postpubertär sein, was sich in Weingartners Film, in Tellkamps Roman an Rebellion zeigt, und es mag Kunst sein, nicht Realität, in dem es sich zeigt. Aber man sollte es nicht übersehen. Es ist ein Symptom und gar nicht nett. Es ist gefährlich. Weil man weder den wiedergeborenen Dämonen noch den selbsternannten Erziehungsberechtigten die Mäuler damit stopfen kann, daß man ihnen Brot und Arbeit bietet. Sie suchen etwas ganz anderes, sie haben ganz andere Fragen. Und die (...) Demokratie (...) ist gegenwärtig nicht in der Lage, ihnen eine befriedigende Antwort zu geben."

    BARTMANN, Christoph (2005): Terror.
    Soldaten, Nomaden, Monaden,
    in: Die Presse v. 25.03.

    GROMBACHER, Welf (2005): Ein skeptischer Störenfried.
    In seinem neuen Roman "Der Eisvogel" seziert Arzt und Autor Uwe Tellkamp Geschwüre der Gegenwart: Depression, Mißtrauen und Leere. Seine Figuren suchen ihren Ausweg im Terrorismus,
    in: Wochenendmagazin des Hamburger Abendblatt v. 26.03.

    AUFFERMANN, Verena (2005): Die Dämonen kehren zurück.
    Wie der Bachmann-Preisträger zwei empörte junge Männer gegen den Rest der Welt antreten lässt und einen demokratiefeindlichen Polit-Thriller produziert,
    in: Literaturen Nr.4, April

    AUFFERMANN sieht TELLKAMPs Roman Der Eisvogel in der Tradition der Futuristen:

    "Die ästhetische Rückendeckung holt sich Uwe Tellkamp nicht von den Zehn Geboten, sondern aus Filippo Tommaso Marinettis »Furturistischem Manifest«.
    (...).
    1910 waren den radikalen Futuristen um Marinetti die Plüsch-Monarchien zuwider, die Welt zu lahm und still, das Leben insgesamt zu satt und blöd. Marinetti & Friends wollten Tempo, ratternde Maschinen statt Museen und Krieg statt Frieden. Ihre martialischen Papierwünsche gingen grausam in Erfüllung."

    AUFFERMANNs Resümee:

    "Uwe Tellkamp wollte einen subversiven Polit-Thriller schreiben, durchsetzt mit demokratiefeindlichen Gedanken. Herausgekommen ist eine Feier des Selbstmitleids und der Selbstüberschätzung, gedacht als Antwort auf den sich selbst auffressenden Kapitalismus. (...) Uwe Tellkamp ist ein begabter Fuchs: Er riskiert viel, sein »Eisvogel« birgt politischen Zündstoff - und nachlässige Sprachbilder."

    EISMANN, Sonja (2005): Uwe Tellkamp - Der Eisvogel,
    in: Intro, Nr.126, April

    WEIDERMANN, Volker (2005): Neues Deutschland.
    Die Sehnsucht nach Pathos und heiligem Ernst: Der Schriftsteller Uwe Tellkamp will keinen Spaß verstehen,
    in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 10.04.

    Warum sind eigentlich die Verteidiger der Ironie so vollkommen unfähig, dem Pathos etwas entgegenzusetzen? Volker WEIDERMANN schreibt zu Uwe TELLKAMPs Roman:

    "Es ist ein Revolutionsroman von Rechts. Ein Buch voller Pathos. Und Ernsthaftigkeit. Und ohne Ironie. Ein Buch, in dem es um alles geht. Um einen Mord unter Freunden. Um das Deutschland von heute. Um eine radikale gesellschaftliche Wende, um das Ende der Demokratie. Um die Sehnsucht nach einer neuen Elite. Sehnsucht nach einem Krieg. Sehnsucht nach einer neuen Kunst. Nach Pathos. Nach einer neuen Literatur. nach einem ganz neuen Leben."

     WEIDERMANN beklagt, dass es

    "niemanden in diesem Roman gibt, der all diesen Terrorschaumschwadroneuren mal etwas entgegenzusetzen hätte. (...). Im Gegenteil. Alles ist heiliger Ernst."

    Wäre es nicht die Pflicht von WEIDERMANN, dem etwas entgegen zu setzen, statt es beim Klagen zu belassen? Was macht aber WEIDERMANN? Er zitiert aus Ijoma MANGOLDs Hymne auf den Roman, ohne ihn zu nennen. Er versucht TELLKAMP lächerlich zu machen, z.B. ihn in die Tradition von vergessenen Pathetikern zu stellen (z.B. Gerd GAISER). Aber er zitiert TELLKAMP:

    "Er spricht von »schmelzenden Gewißheiten« von »Kriechströmen«, die er wahrnehme auf Partys, auf der Straße. Daß es einen großen Unterschied gebe zwischen der öffentlichen und der veröffentlichten Meinung. Er sagt: »Ich sehe, daß es rings um uns brennt«, er fragt: »Wie soll das hier weitergehen?« und sagt über das Thema seines Romans: »Ich hatte das Gefühl, das treibt alle um, die jungen Leute.« - »Und diese Terrororgansiation, die ist doch aber ausgedacht?« fragt der Moderator etwas beunruhigt. »Ich wünschte, das wäre so«, sagt Uwe Tellkamp und senkt den Blick auf den Tisch vor sich."

    Warum wirkt WEIDERMANNs Ironie hier so vollkommen deplatziert? Der größte Fehler der Ironiker ist, dass sie die Pathetiker nicht ernst genug nehmen. Nicht umsonst hat BUSH in Amerika die Wahlen gewonnen. Und in Deutschland hat Rot-Grün nicht einmal mehr im eigenen Lager den nötigen Rückhalt. Ganz davon abgesehen, dass Rot-Grün nur noch formal regiert, tatsächlich aber von der Opposition die Themen diktieren lassen muss. WEIDERMANN agiert genauso hilflos wie Gerrit BARTELS in der taz. Beide mögen sich im Zeichenkosmos der Popkultur zurecht finden, aber wenn sie ihn verlassen müssen, sind sie hilflos und blind! Hat jemand Hitler ernst genommen, bevor er an der Macht war? Nicht dass die Patheker mit ihrer Lagebeschreibung recht haben ist das Problem, sondern dass die Ironiker ihnen die Lagebeschreibung gänzlich überlassen haben. Pathetiker müssen ernst genommen werden. Setzen wir ihnen also eine andere Lagebeschreibung entgegen... 

    KOSLER, Hans Christian (2005): Zyniker bauen keine Kathedralen.
    "Der Eisvogel" - Uwe Tellkamps brisanter Roman über Rechtsradikale,
    in: Neue Zürcher Zeitung v. 31.05.

     
           
       

    Der Roman in der Debatte

    BARTELS, Gerrit (2005): Honig statt Ironie.
    Kein Trash, viel Seriosität und ein Uwe Tellkamp, der von seiner professionellen Fan-Gemeinde innigst umarmt und ikonisiert wurde: Die diesjährige Leipziger Buchmesse war eine unspektakuläre, nicht wirklich zwingende Ausgabe und trotzdem erfolgreich und außergewöhnlich gut besucht
    in: TAZ v. 21.03.

    Gerrit BARTELS muss sich wohl oder übel mit Uwe TELLKAMPs Roman Der Eisvogel befassen: "Von Unverständnis und heftiger Ablehnung über zwiespältig-freundliche Aufnahme bis zu totaler Begeisterung reichte das Meinungsspektrum in den allseits termingerecht veröffentlichten »Eisvogel«-Rezensionen. Wer aber die Begeisterung nicht teilte (...), wunderte sich vor allem darüber, wie sehr Tellkamp von seinen professionellen Fans heftigst umarmt und geradezu ikonisiert wurde. Verlagsmitarbeiter feierten das Buch als eines, das »(...) die tiefsten Tiefen dieser Welt ausleuchtet«, so mancher Kritiker sah jugendliche Rebellionen am deutschen Horizont aufziehen und blendete die deutsche Realität (Politikverdrossenheit, hohe Arbeitslosenzahlen) in Tellkamps Prosa und vice versa (aus)(...); und wieder ein anderer feierte Tellkamps »neue Ernsthaftigkeit«, seine Ironiefreiheit und Pathos und stampfte schweren Schrittes durch die Gegenwart: »Wir haben genug von der Spaßgeneration, von all den Harald Schmidts, die jede Geschmacklosigkeit für doppeltironisch und deshalb gerechtfertigt halten.« Bei solchem Überschwang und solchen Abrechnungsfantasien lehrt einen Tellkamps Fangemeinde geradezu das Fürchten: Ein neuer literarischer Heiland ist uns geboren! Und nicht nur ein literarischer, sondern ein ordentlich nationalbewusster dazu, und mit diesem können wir sie endlich hinwegfegen, die Spaßguerilla, die Ironiker, die alten 68er mit ihren »Wohlstandshintern«!
          
      Auweia. Reaktion und Neokonservatismus ist verstärkt wieder im Haus."

    ENCKE, Julia (2005): Es herrenmenschelt.
    Junge deutsche Autoren flirten mit einem abgestandenen Konservatismus, der vor allem eines will: die Distanz zum Pöbel und den Nutzern des öffentlichen Nahverkehrs. Also zu uns,
    in: Süddeutsche Zeitung v. 19.04.

    MALZAHN, Claus Christian (2005): Ost-Literaten.
    Republikflucht der Romanciers,
    in: Spiegel Online v. 03.05.

    MALZAHN zieht  Parallelen zwischen Ernst JÜNGER und Uwe TELLKAMP:

    "Uwe Tellkamps Roman »Der Eisvogel« ist der bisher frontalste literarische Angriff auf eine demokratische deutsche Verfassung, seit Ernst Jünger 1932 mit seinem Buch »Der Arbeiter« ein Werk vorlegte, in dem die fragile Ordnung seiner Zeit beiseite gefegt und die Fundamente einer neuen Gesellschaft gelegt werden sollen. Bis heute streiten die Gelehrten darüber, ob Jünger damit dem Nationalsozialismus intellektuelle Schützenhilfe gab."

    KÄMMERLINGS, Richard (2005): Eisvögel der Revolution.
    Die Zeichen stehen auf Sturm: Über die neue Lust am Aufstand,
    in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 09.05.

    Infos zu: Richard Kämmerlings - Autor der Generation Golf
     
           
       

    Dresden in der Debatte

    TUTT, Cordula (2011): Wohlstandskinder.
    Geburten: Paare in Deutschland schieben ihren Kinderwunsch nicht länger auf. Eine Trendwende kommt langsam in Sicht,
    in: Wirtschaftswoche Nr.1/2 v. 10.01.

    Cordula TUTT stilisiert die Dresdnerinnen zu Pionierinnen des deutschen Babybooms. Mit Hans BERTRAM und Michaela KREYENFELD hat sie zudem zwei Experten gefunden, die im Gegensatz zum bundesrepublikanischen Mainstream dem Elterngeld eine langfristig geburtenfördernde Wirkung zuschreiben.

    LOCKE, Stefan (2011): Kinder, Kinder.
    Dresden ist die geburtenstärkste Stadt im Land. Ein Fotograf dokumentiert seit zwei Jahren das kleine Wunder in seiner Heimat,
    in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 20.03.

    Ist Dresden tatsächlich die geburtenstärkste Stadt im Land?

    "So viele Kinder, Kinderwagen und schwangere Frauen begegnen einem in kaum einer anderen deutschen Stadt; in nackten Zahlen ausgedrückt, waren es 5609 Babys, die hier 2009 das Licht der Welt erblickten. In der Statistik entspricht das 10,9 Kindern je 1000 Einwohner - und hat gereicht, den bisherigen Spitzenreiter München (10,8) zu entthronen",

    berichtet Stefan LOCKE. Bei den Zahlen handelt es sich lediglich um rohe Geburtenziffern, d.h. die Zahlen werden durch die unterschiedliche Einwohnerstruktur von Städten verfälscht. Städte mit wenigen jungen Menschen unter 15 Jahren, also gerade jene mit in den vergangenen Jahren geringen Geburtenzahlen haben gegenüber Städten mit in den vergangenen 15 Jahren höheren Geburtenzahlen bessere Chancen zur geburtenstärksten Stadt zu avancieren. In die rohen Geburtenziffern gehen eben nicht nur die gebärfähigen Frauen der 15-45Jährigen ein, sondern auch diejenigen, die keine Kinder gebären können, d.h. zu junge und zu alte Frauen. Dies führt dazu, dass Städte mit einer hohen Einwohnerzahl der 15-45Jährigen ein besseres Verhältnis von Geburten je 1000 Einwohner erreichen können, als Städte, die relativ viele Kinder und alte Menschen aufweisen.
                Die Dresdner Neustadt, bundesweit bekannt geworden durch Uwe TELLKAMPs Buch Der Turm soll gemäß LOCKE der geburtenreichste Stadtteil in ganz Europa sein, aber auch hier gilt wie für den Prenzlauer Berg in Berlin, dass solche Aussagen eher unter aufmerksamkeitsökonomischen Aspekten und im Hinblick auf eine "symbolische Gentrifizierung" relevant sind als unter demografischen Gesichtspunkten. So wie ab den 1990er Jahren die Single-Rhetorik den Familialismus stärken sollte, so wird inzwischen die Familien-Ästhetik zelebriert. Der mediale Baby-Boom soll den tatsächlichen Baby-Boom miterzeugen.
                Bereits im Jahr 2005 prognostizierte single-generation.de in einer Kritik des Buches Die Emanzipationsfalle der Journalistin Susanne GASCHKE, dass Studieren mit Kind bald kein Exotenfach mehr sein wird und die Doppelkarriere-Familie die Stadt erobern werden. Beides ist in Dresden und anderen Dienstleistungszentren geschehen.

    "Auch die Universität hat auf den Baby-Boom reagiert und zwei Kitas mit 230 Plätzen sowie eine Kurzzeitbetreuung, das »Campusnest«, eingerichtet, in der Studenten ihre Kinder für ein oder zwei Vorlesungen abgeben können. Das kostet maximal sechs Euro, und das Angebot platzt aus allen Nähten, denn 3000 der 40.000 Dresdner Studenten sind Eltern, drei Prozent mehr als im Bundesdurchschnitt."

    Sachsen gehörte bereits in der Weimarer Republik zu den Bundesländern mit dem größten Geburtenrückgang. Wilhelm HARTNACKE erschrieb sich mit seinem Buch Bildungswahn - Volkstod (1932) das Ministeramt für Volkserziehung. Fast 80 Jahre später ist das Thema mit Deutschland schafft sich ab von Thilo SARRAZIN wieder virulent. Die Frage ist: schafft Deutschland diesmal die Wende oder gewinnen die Nationalkonservativen wieder die Oberhand? Die berufstätige Karrieremutter ist in Deutschland ein neues Phänomen, denn der Nationalsozialismus sah in ihr noch eine Bedrohung. Wird sie in Zukunft das Mutterbild in Deutschland bestimmen oder behalten Nationalkonservative wie Tilman MAYER, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Demographie, Recht, die Deutschland demografisch am Abgrund sehen und das Heil nur in einer massiven Demografiepolitik sehen, die vor allem gegen Kinderlose gerichtet ist?

    Die Entwicklung der Geburtenzahlen in Deutschland - Eine kommentierte Bibliografie der Debatte um die Geburtenentwicklung (2000-2012)

    SCHULZ, Daniel u.a. (2015): Darum Dresden.
    Demonstrationen
    : Die eine Erklärung, warum die Pegida-Proteste in Sachsens Landeshauptstadt so groß geworden sind, gibt es nicht. Aber viele Gründe,
    in: TAZ  v. 24.01.

    LOCKE, Stefan (2016): In Striesen ist immer Sonntag.
    Der Dresdner Stadtteil mit seinen Villen hat die Ruhe weg. Doch dass sich die Stadt verändert, spürt man auch hier,
    in:
    Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 03.07.

    Neu:
    KEILHOLZ, Christine (2017): Notgedrungen auf die Wiese.
    Mieten: In Dresden scheitert der soziale Wohnungsbau nicht nur am Geld, sondern auch am Widerstand von alteingesessenen Bewohnern,
    in:
    Freitag Nr.37 v. 14.09.

    Christine KEILHOLZ berichtet über die selbstverschuldete Wohnungsnot in Dresden.

    "Sachsen Landeshauptstadt ist einer der Wachstumskerne im Osten. Hier hat seit 2014 ein Linksbündnis das Sagen.
    Dresden ist attraktiv und wächst, daran konnte auch Pegida nichts ändern. In naher Zukunft wird die Stadt 600.000 Einwohner haben. (...).
     In Dresden werden Schätzungen zufolge in 15 Jahren bis zu 35.000 Wohnungen fehlen. Für eine Bevölkerung, die immer älter wird und zunehmend allein lebt. In der Hälfte der 300.000 Dresdner Haushalte leben Singles. (...).
    Die gründerzeitlichen Altbau-Quartiere der Neustadt, von Pieschen und Blasewitz erleben seit den 1990er Jahren einen Zustrom von 30 Prozent. Verlierer sind die Ecken, wo die DDR ihre Betonschließfächer lieblos hinknallte. Ein Viertel der Dresdner ist über 60 Jahre alt. Diese Altersgruppe ist in der Landeshauptstadt oft gediegen links und residiert in weitläufigen DDR-Quartieren der 1950er und 60er Jahre. Sie hat es nicht gern, wenn in ihrem Vorgarten gebaut wird",

    erläutert uns KEILHOLZ die Lage in Dresden, der auf eine Konflikt zwischen dem westdeutschen, grünen Baubürgermeister und einem ostdeutschen Linken-Politiker, der gegen die "Nachverdichtung der Innenstadt" kämpft, zugespitzt wird. Nur am Rande wird erwähnt, dass Dresden seine jetzige Wohnungsnot selbst durch den Verkauf der stadteigenen Wohnungsgesellschaft mit rund 48.000 Wohnungen verschuldet hat. Dadurch kam die Wohnungsgesellschaft Vonovia günstig an einen Wohnungsbestand und Dresden konnte sich als "erste schuldenfreie deutsche Großstadt" brüsten. Die vor 10 Jahren verkauften Wohnungen fehlen nun bitter als Wohnungen, die sich auch weniger betuchte Menschen leisten könnten.

    Hinzu kommt, dass das jetzige Wachstum der Städte gegen jegliche Prognose stattfindet. Entsprechend dem Leitbild der schrumpfenden Stadt, das angesichts des prognostizierten Bevölkerungsrückgangs landauf, landab proklamiert wurde, wurden Tausende Wohnungen abgerissen, die nun dringend benötigt werden. Hier zeigt sich die Fatalität des Glaubens an demografische Prognosen besonders deutlich.

     
           
       

    Der Debütroman "Der Hecht, die Träume und das Portugiesische Café" in der Debatte

    • WEIDERMANN, Volker (2009): Als der Turm noch ein Türmchen war.
      Der Nationalpreisträger Uwe Tellkamp warnt die Welt vor seinem Romandebüt. Er weiß, warum,
      in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 07.06.

      STEINFELD, Thomas (2009): Der Dichter als Dom-Baumeister.
      Wille zur Kunst: Uwe Tellkampf, sein jetzt wieder greifbarer Debütroman und eine programmatische Erklärung,
      in: Süddeutsche
      Zeitung v. 01.08.

     
           
       

    Weiterführende Links

     
           
         
           
       
     
       

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    Update: 02. Juli 2018