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Jochen
Schimmang: Die Suche nach der verlorenen Zeit
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Jochen
Schimmang in seiner eigenen Schreibe
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- SCHIMMANG, Jochen (1996): Starke
Verlegenheit,
in: Das Sonntagsblatt v. 04.10.
- SCHIMMANG,
Jochen (2001): Keine Zeit zum Warten.
Die
Erfahrungen des Schriftstellers Jochen Schimmang
als Literaturlehrer im neuen Leipzig,
in: Welt
v. 10.03.
- SCHIMMANG, Jochen (2002): Aus der
Müdigkeit kommend.
Notizen zum Wettlauf mit der Schwarzen Königin,
in: Neue Rundschau, H.3, Thema "Über den Schlaf"
- Inhalt:
SCHIMMANG geht auf
ADORNOs "Minima Moralia" ein, die er als einstige "Bibel" seiner
Generation bezeichnet, "die auch nach ihrer Säkularisierung noch
immer zu den großen Büchern des zwanzigsten Jahrhunderts gehören
werden".
Danach lobt er
Heinz BUDE, der die "in der
viktorianischen Zeit geborene Metaphorik" aktualisiert hat und die
Generation Berlin geschrieben
hat:
"Heinz BUDE ist ein sehr
sympathischer Mann, und seine Analysen über die Bundesrepublik sowie
seine Phantasien über die Generationenabfolge in unserem Land sind
durchaus lesenswert. (...). Der Angehörige der Generation Berlin
verkörpert den Typ des »unternehmerischen Einzelnen«. Dass er mit
lebenslangen Arbeitsplatzgarantien auf Basis irgendeiner Ausbildung
nicht mehr rechnen kann, versteht sich von selbst. Er hat
Erfahrungen mit »Armutspassagen« gemacht (...), lässt sich aber
nicht verdrießen."
Diesem
neo-existenzialistischen Pathos der permanent wachen Jetztzeitler
setzt er die Position der aus der Müdigkeit Kommenden entgegen. Er
verweist auf die Provinzler, den "oft aus Schwaben, Mittelhessen
oder dem Ruhrgebiet zu gereisten Berlinern, die ihre Herkunft
verleugnen, um sich in Berlin selbst zu erfinden, nur um damit zu
enden, dass er seine Position nicht verabsolutieren möchte:
"Ich möchte niemanden zu
größerer Gelassenheit aufrufen, der dazu keinen Anlass hat; das hat
mir schon bei Heidegger nicht gefallen. Niemand soll auf der Suche
nach dem wahren Sein vor sich hin dämmern. Wer hellwach ist, soll
nicht daran gehindert und zur künstlichen Müdigkeit verurteilt
werden. Ich möchte keinesfalls eine neue (alte) Generation ausrufen,
die der Generation Berlin Paroli bietet."
- SCHIMMANG, Jochen (2003):
Wer fernsieht, braucht eigentlich gar nicht mehr raus.
Gartenzwerg, Eigenheim und Regionalexpress: Kolja Mensing erzählt
grandiose Geschichten vom Weltkulturerbe der Provinz,
in: Frankfurter Rundschau v. 11.01.
- Inhalt:
Jochen SCHIMMANG, der in dem
Bestseller "Der schöne Vogel Phönix" (1979) die Flucht aus der
ostfriesischen Provinz ins Berlin des
roten Jahrzehnts zum Thema gemacht hat, lobt
MENSINGs Geschichten, die die Veränderungen seit jener Zeit
sichtbar machen:
"wohin?
In die Metropole natürlich, ins neue Berlin, wo Kolja Mensing in
der Kochstraße den Literaturteil der taz redigiert und wo alle
sich furchtbar Mühe geben, das Metropolengefühl herzustellen und
der von Heinz Bude diagnostizierten
»Generation Berlin«
anzugehören. Dass die ökonomische Potenz keineswegs in Berlin
konzentriert und die kulturelle Deutungsmacht nach wie vor auf
viele Submetropolen verteilt ist, ficht den Neometropolitaner
nicht an. Und der ist es schließlich, der das neue Berlin mangels
einer alten Hauptstadtpopulation überhaupt erst schafft, denn
unablässig strömt er aus Schwaben, aus
dem Ruhrgebiet, aus Westerstede oder aus Franken dorthin. Und
deshalb kommt Mensing zu dem so melancholischen wie zutreffenden
Resümee, dass der Siegeszug Berlins in Wahrheit der der Provinz
ist, und fragt: »Einst ging man in die Stadt, um der Provinz zu
entkommen. Aber wohin soll man gehen, wenn überall Provinz ist?«
Die Frage lässt sich schwer beantworten. Dagegen kann man mit
gutem Gewissen sagen, dass dies das Klügste ist, was seit sehr
langer Zeit über die Provinz in Deutschland geschrieben worden
ist."
-
SCHIMMANG, Jochen (2003): Die gestörte Nachtruhe der Nation.
Eine Anthologie und eine Ausgabe der "Neuen Rundschau" sind den
Themen Schlaf und Schlaflosigkeit gewidmet,
in: TAZ v. 14.01.
- Kommentar:
"Der Schlaf und sein negatives Pendant, der
unerträgliche Wachzustand, rücken immer dann ins Blickfeld des
allgemeinen Interesses, wenn die gesellschaftliche Befindlichkeit
zwischen den Extremen der Hyperaktivität und der Erschöpfung
pendelt. Diesen Zustand scheinen wir erreicht zu haben, worauf der
Kollaps des Neuen Marktes ebenso hindeutet wie das erste Atemholen
der Berliner Republik und der Generation Berlin.
Über den Schlaf und seine Schwester, die Schlaflosigkeit, sind in
der vergangenen Zeit mehrere Romane erschienen, und dem Zeitgeist
entsprechend beschäftigt sich das letzte Heft der Neuen
Rundschau mit dem Schlaf respektive seiner Abwesenheit",
schreibt Jochen SCHIMMANG geradewegs als ob er keinen Anteil daran
hätte.
Der Rezensent hat jedoch zum einen mit
dem
Buch "Die Murnausche Lücke" das Thema selbst ausführlich
behandelt und zum anderen mit "Aus der Müdigkeit kommend" einen
Beitrag zu dem Neuen-Rundschau-Heft geliefert.
-
SCHIMMANG, Jochen (2003): Fünfzig Gramm Ostfriesentee, um der
Linie treu zu bleiben.
Die Niedersachsenwahl findet auch auf dem Lande statt. Ostfriesische
Ansichten zum Wahlkampf und ein Dilemma,
in: Frankfurter Rundschau v. 30.01.
- Inhalt:
Jochen SCHIMMANG, der mit
"Der schöne Vogel Phönix" das Erwachsenwerden in den 70er Jahren
zum Thema gemacht hat, bekennt sich zu seiner Vergangenheit und dem
daraus entstehenden Politikverständnis. Zugleich zeichnet er das
Bild seiner idealen Partei:
"Früher, als ich noch
außerparlamentarisch war und für die Revolution arbeitete, war alles
ganz einfach. Heute, wo ich die parlamentarische Demokratie
eindeutig für die beste aller möglichen Welten halte, muss ich je
länger, je schmerzlicher feststellen, dass es die Partei, die ich
mir erträumte, nicht gibt.
Die wäre konservativ, ohne verschmockt, moralinsauer, familien- und
ordnungspolitisch reaktionär und Agent der geldbesitzenden Klasse zu
sein und ohne mit den "alten Werten" herumzufuchteln. Sie wäre
antiutopisch, aber nicht opportunistisch und konzeptlos. Sie wäre
antipopulistisch und würde sich trauen, bis zum Rand des
Erträglichen die Wahrheit zu sagen: etwa die, dass das Phantom
Vollbeschäftigung auch in der allerfernsten Zukunft nicht mehr
Wirklichkeit werden wird und dass es keine Gesellschaft geben kann,
die ausnahmslos aus Gewinnern besteht. Sie hätte einen Sinn für
Ästhetik, Stil und symbolische Formen und könnte deshalb zum
Beispiel weder sozialdemokratisch sein noch die Westerwelle
schlagen. Sie wäre umweltpolitisch auf Nachhaltigkeit verpflichtet,
ohne uns in Schafswolle zu zwingen, und selbstverständlich würde sie
ein Steuersystem schaffen, das nur die wirklich wirtschaftlich
Erfolgreichen zur Zahlung von Steuern heranzieht und nicht solche
Leute wie mich.
Kurz gesagt, sie wäre das, was die Grünen vielleicht hätten werden
können, wenn sie nicht glaubten, sie müssten unbedingt mit der
Sozialdemokratie den Fortschritt beschleunigen und die finstere
Reaktion bekämpfen, die weit und breit nicht in Sicht ist."
-
SCHIMMANG, Jochen (2008): Vom Ende des Winters.
Ein Besinnungsaufsatz,
in: TAZ v. 19.03.
- Kommentar:
Jochen SCHIMMANG, der mit
"Der schöne Vogel Phoenix" den besten
Roman über den Einfluss der 68er-Bewegung auf das Lebensgefühl einer
zu spät gekommenen Generation geschrieben hat, schreibt u.a.
über seine
Berliner Studentenzeit und setzt sich
dabei auch mit
Götz ALY auseinander:
"Draußen
lag der Schnee kniehoch. Da saß also der junge Student und las, mit
Blick auf den weißen Wintermorgen, Maos Schrift »Über den
Widerspruch«. Mein Generationsgenosse Götz Aly, der zur gleichen Zeit
am selben Otto-Suhr-Institut studiert haben muss wie ich, hat uns
allen ja gerade aktuell erklärt, dass wir schon damals besser hätten
wissen können und müssen, was in China wirklich los war, wir Kinder
der 33er."
Es
wäre Jochen SCHIMMANG zu wünschen, dass sein grandioser
Entwicklungsroman neu aufgelegt wird, denn allemal besser als
"Lenz"
von Peter SCHNEIDER ist er auf alle Fälle.
Im
Buch "Das erste Buch. Schriftsteller über ihr literarisches Debüt",
herausgegeben von Renatus DECKERT, schreibt SCHIMMANG über die
Aufnahme des Romans bei den Lesern folgendes:
"Der
Autor hat seinen Erstling eine Weile gehaßt, weil dieser an ihm klebte
wie ein unablösbares Sicherungsetikett an einer Ware im Kaufhaus. Zum
Glück hat es eine nachfolgende Generation gegeben, die den
»Phönix« gelesen hat und noch
liest als einen Roman, nicht unter dem Aspekt »Ich war dabei«. Auch
für diese Generation
scheint das Buch einen hohen emotionalen Gehalt zu haben, der aber
nicht mehr in der persönlichen Erinnerung an bestimmte Lokalitäten und
Ereignisse begründet liegt, sondern allgemeiner fundiert ist. Sie
liest dieses Buch als den Entwicklungsroman, der er ist. Vielleicht
brauchen manche Bücher einige Jahrzehnte, bevor sie die angemessene
Lektüre finden."
- Neu:
SCHIMMANG, Jochen (2009): Meine Schwester Bundesrepublik.
Unsere gemeinsame Kindheit stand unter dem Zeichen des
Davongekommenseins. Heute will mancher nicht mehr daran erinnert
werden,
in: Welt v. 29.08.
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Jochen
Schimmang im Gespräch
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- ESDERS,
Michael (2002): Autor kommt als Archäologe.
Der Schriftsteller Jochen
Schimmang begibt sich in Ostfriesland auf
literarische Spurensuche,
in: Ostfriesen
Zeitung v. 25.05.
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Beiträge
zu Jochen Schimmang
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Klappentext
"Während Ende der
sechziger Jahre die Revolution
vorangetrieben wird, vertreibt der
junge Murnau seine nächtliche
Schlaflosigkeit durch mathematische
Spiele und entdeckt so seine
eigentliche Begabung. Bald danach
arbeitet er in Cambridge an der
Lösung des Fermatschen Problems,
immer noch nachts, denn an seiner
Schlaflosigkeit hat sich nichts
geändert. Als Mittdreißiger in
seine ostfriesischen Heimatstadt
zurückgekehrt, entdeckt Murnau das
Wirtshaus »Insomnia« am Deich. Dort
verknüpft sich seine Geschichte mit
der der anderen: der Wirtsleute
Heiner und Hanna, die nach bewegten
Berliner Zeiten dieses Domizil
aufgebaut haben; des Schüler Enno,
der an seinem mathematischen Genie
scheitert; des Anästhesisten und
Menschenfreundes Dr. Winter, der
eines Tages verschwindet und von
dessen geheimem Glück nur Murnau
weiß; schließlich mit der der
ehemaligen Geigenvirtuosin und
jetzigen Kellnerin Katharina, die
seine Schlaflosigkeit teilt."
Pressestimmen
"Murnau ist ein
Schlafloser, den die Forschung
wachhält. Als neugieriger Beobachter
in einem Feinschmecker-Nachtlokal mit
dem bezeichnenden Namen »Insomnia«
lässt er die Welt auf sich wirken.
Seine Liebe zur russischen Kellnerin
Katharina bildet den Rahmen für
zahlreiche Rückblenden, die
gestochen scharfe Ansichten der 70er
und 80er Jahre eröffnen."
(Alexis Eideneier in
Literaturkritik.de vom 07.05.2002)
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Rezensionen
- REINHARDT,
Stephan (2002): Balde ruhest du auch.
"Die Murnausche
Lücke": Jochen Schimmangs
hintersinnig-schwereloser Roman über
Schlaflosigkeit",
in: Frankfurter
Rundschau v. 20.03.
- EIDENEIER,
Alexis (2002): Nachtschwärmer auf
Seelenreise.
Jochen Schimmang
überzeugt von neuem als großartiger
Erzähler,
in: Literaturkritik.de,
Mai, v. 07.05.
- JUNG,
Werner (2002): Im Gasthaus Insomnia.
Ein
nächtlicher Flaneur ist der Erzähler
bei Jochen Schimmang. "Die
Murnausche Lücke" beschreibt
schlaflose Nächte und ruhelose Menschen
an der deutschen Nordseeküste,
in: TAZ
v. 21.05.
- ZINGG, Martin (2002): Das
Hohelied der Schlaflosigkeit.
Jochen Schimmangs Roman "Die Murnausche Lücke",
in: Neue Zürcher Zeitung v. 03.08.
-
FERCHL, Irene (2002): Die
weißen Nächte der Mathematik,
in: Stuttgarter Zeitung v. 16.08.
- CG (2002): Schlaflose
Rechner,
in: Berliner Zeitung v. 19.08.
-
BRAUN, Michael (2002): Stammgast im Hotel Insomnia.
Erkenntnislücke. Jochen Schimmang erzählt nicht nur von
der Schließung der "Murnauschen Lücke",
in: Freitag Nr.52 v. 20.12.
- Kommentar:
Dies ist die erste Rezension, die
die Romanfigur "Murnau" mit dem Debütroman "Der schöne
Vogel Phönix" in Verbindung bringt:
"Mit den diskreten
Lektionen über Melancholie und Schlaflosigkeit, Liebe und
Schmerz, Mathematik und Poesie hat der Autor der
Murnauschen Lücke die zentralen Motive und Topoi aus
seinen vorangegangenen Romanen und Erzählungen noch einmal
zu einer kunstvollen Textur verflochten. In Murnau dürfen
wir den Glückssucher aus Schimmangs
Debütroman Der schöne Vogel Phönix (1979)
wiedererkennen, der wie alle Helden des Autors die
Erfahrung machen muss, zum Leben und zur Liebe zu spät
gekommen zu sein."
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Rezensionen
- KIESEL,
Helmuth (1995): Mädchen mit
Perlenohrgehänge,
in: Frankfurter
Allgemeine Zeitung
v. 15.05.
- HOVEN,
Heribert (1995): Reisen oder zuhause
bleiben.
Der Erzähler Jochen
Schimmang beschreibt drei
"Königswege" ins Paradies,
in: Süddeutsche
Zeitung v. 03.06.
- LÖHNDORF,
Marion (1995): Proust geschultert,
in: Neue Zürcher
Zeitung v. 13.07.
- HAGE,
Volker (1995): Dummdreist erwachsen,
in:
Spiegel
Nr.31 v. 31.07.
- THEOBALDY,
Jürgen (1995) Das dunkelgrüne Leuchten.
Jochen Schimmangs
erzählerisches Tryptichon
"Königswege",
in: Frankfurter
Rundschau v. 02.09.
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Der
schöne Vogel Phönix (1979).
Erinnerungen eines Dreißigjährigen
Frankfurt
a/M: Suhrkamp (vergriffen)
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Klappentext
"Das Buch erzählt
von Murnau, der im Jahre 1968 zwanzig Jahre
alt war. Es erzählt von den Hoffnungen, die
damit verbunden waren, im Jahre 1968 zwanzig
Jahre alt zu sein, und vom Altern dieser
Hoffnungen. Es erzählt von einer Jugend in
Ostfriesland und von Berlin in den frühen
70er Jahren, erzählt drei »Liebesgeschichten«,
erzählt von vielen Umzügen und einigen
Reisen, von Geschichten, die nur im Kopf
passiert sind, und von Geschichten, die
wirklich passiert sind. Über ein Jahrzehnt
hinweg erzählt es eine individuelle
Geschichte, die zugleich eine kollektive ist.
Die geschriebene Geschichte ist auf der
letzten Seite zu Ende, die wirkliche nicht.
Murnau, der nie geboren werden wollte, macht
immer noch weiter, aber: Ȇberleben ist
schwieriger geworden«.
Der autobiographische Bericht eines
Dreißigjährigen, der die Spätphase der
antiautoritären Bewegung, Studium,
Kaderarbeit für eine K-Gruppe und den Bruch
mit dieser Gruppe, Schwierigkeiten beim
Übergang ins Berufsleben, Hoffnungen,
Desillusionierung und Depressivität dieser
Jahre durchaus repräsentativ, also
nachvollziehbar: zum Wiedererkennen und
Sichunterscheiden, verfolgt, mitgemacht,
erlebt hat. Der schöne Vogel Phönix ist das
nützlich schöne Buch eines sensiblen,
subjektiven, kritischen und - in dieser
Verbindung nicht selbstverständlich -
selbstkritischen Berichterstatters."
Inhaltsverzeichnis
Prolog 1
- Eine Garnisonsstadt am Jadebusen, fern von Berlin, 1968
Ein
letzter Brief, der doch nur ein vorletzter war
Ein Frühstück im Offizierskasino. Wichtige Nachrichten aus
Westberlin
Rostruper Mai
Bonnie und Clyde an einem schönen Frühsommerabend in
Wilhelmshaven
Das Herbstlaub fällt: auf Prag, auf Wittgensteins Grab und
auf lange Brief aus der Schweiz
Prolog 2
- Rückblick auf einen häßlichen Zwerg aus Manchester mit
beachtlichen Lücken im Gebiß
Ein
Dutzend Einzelheiten aus jenen Jahren
Die topografischen Verhältnisse
Murnau, eine Fotoserie
Die Nische
Die Wörter
Dr. Murnau und Mr. Stiles: eine Annäherung
Die
Höhlen von Schlachtensee
Unruhe
Briefe
Hamburg. Der erste Besuch
Einige Bemerkungen über meine Bemerkung nach der Chronik der
Anna Magdalena Bach
Hamburg. Der erste Besuch. Fortsetzung
Ausführliche Notiz zum Berliner Gift
Hamburg. Der zweite Besuch
Berlin. Ein Gegenbesuch. Das Ende von Etwas
Kurzer Einschub über Geschichten, die weitergehen
Und wieder Wittgenstein, der sagt: Die Welt des Glücklichen
ist eine andere als die des Unglücklichen
Briefe aus Köln, und dann auch noch diese Geschichte vom
Alraunenweibchen
Zwei öffentliche Tode, ein öffentliches Konzert und Murnaus
neue Zauberformel
"Diese Nacht werden wir niemals vergessen"
Nach den Tränen: das Unglück holt Atem
Die Höhlen von Schlachtensee
Einige Höhlenbewohner
Eine Reise nach Oslo
Die Kälte kriecht über Schlachtensee
Murnau trifft seinen Engel
Ein Jahrzehnt geht zu Ende
Der Mönch
mit der Lederjacke
Genesis
Ein alter Geruch
Ein Anruf von Stalin
Die alten Ängste kehren zurück
Tübingen
Kontaktgespräch mit einem Posaunenengel
Der Blick der Massen in der U-Bahn
Ein längerer Einschub über Haare
Es beginnt der lange Kampf ums Überleben
Eine ordentliche Kneipe
Monika, eine Beunruhigung
Besuche im anderen Leben
Eine bedeutende Adresse. Des Kaders neue Kleider
Stalin, eine Neubesichtigung
Der Aufmarsch der Väter
Über Glück: seinen Ort und seine Zeit
Rebellion ist gerechtfertigt, sagt der Vorsitzende Mao
Ein Fluchtversuch scheitert
Heimkehr zu den Wörtern
Ein Tischtennisspieler. Ein Fachmann. Ein Frühstück in
Richmond
Der Tod in Torquay
Erinnerungsarbeit. Spurensicherung. Zwei Wege
Jeweils eine andere Vertrautheit, jeweils dieselbe Fremdheit
Grabenkämpfe. Zwei Reservate. Das Gefühl eines Mangels
Im Treibhaus
Das letzte Gefecht. Der Entronnene
Das
normale Scheitern
Charlottenburg
Mommsenstraße
Allgäu
Rückkehr einer Ethnologin
Die soziale Revolution ist keine Parteisache
Halensee
Griechenland
Großer Bahnhof. Eine neue Höhle. Thesen über Glück. Seine
Abwesenheit
Sich verlieben
Der Flug
Sich trennen
Sich verschwinden lassen
Schöne neue Welt
Der lange Abschied
Berliner Stadtteile. Berliner Straßen. Berliner Wohnungen
Eine Tagebuchnotiz von Murnau
Postscriptum am folgenden Tage
Epilog -
Vom Altern der Hoffnungen
Zitate:
Studentenbewegung, Individualisierung, Glück als
gesellschaftlich-politische Zielkategorie und das private
Unglück
"Vorgeschichte und Geschichte der Studentenrevolte sind
wesentlich Leidensgeschichte - wie Geschichte und
insbesondere Vorgeschichte jeder Revolte -, Geschichte
unabgedeckter Bedürfnisse, verelendender Individualisierung,
Geschichte der Artikulation dieser Individualisierung. Diese
Faktoren zählen zu den Bedingungen der Studentenbewegung als
Massenbewegung mit antiautoritärem Charakter, hoch
ausgebildeter Spontaneität (deren Voraussetzung
Leidensfähigkeit ist), vergleichsweise stark ausgeprägtem
demokratischem Charakter. Ihre besondere Verfaßtheit als
Revolte von Intellektuellen ermöglichte permanente
Diskussion und hohe Öffentlichkeit als Charakteristika.
Leidensfähigkeit und reales Leiden ermöglichten es den
Studenten auch, auf der anderen Seite die Kategorie »Glück«
als gesellschaftlich-politische Zielkategorie zu begreifen
und auf der Möglichkeit von nicht nur individuellem Glück zu
bestehen. (...) Berlin, den 6. Oktober 1972.
(Die These aller Thesen. Leiden macht rebellisch. Die
Rebellion zielt auf das, was allen vorenthalten ist: ein
Glück, das mehr als nur privat und zufällig und nicht vom
Unglück der anderen gemacht ist.)
Ich
lehnte mich zurück. Das war doch ein Anfang, und außerdem
war es die Rettung vor der völligen Zerfaserung des Tages.
(...). Ich lehnte mich wieder zurück, rauchte eine
Zigarette, schloß die Augen.
»...die
Kategorie 'Glück' als gesellschaftlich-politische
Zielkategorie zu begreifen und auf der Möglichkeit von nicht
nur individuellem glück zu bestehen«: das wars. Alle sollten
glücklich sein, sogar Murnau. Fürs erste hätte ihm ein nur
individuelles Glück genügt, gewissermaßen antizipatorisch.
Langsam
zerging die Befriedigung. Ich hatte etwas gearbeitet, gut.
Aber es kam noch immer niemand, und es war doch draußen
schon dunkel. Wo blieben die bloß? Ich ging auf den Flur,
griff nach der Rettung, nach dem Telefon, ich konnte keine
Minute mehr länger allein hier in der Wohnung sitzen mit
meinen seltsamen Vorstellungen von Glück, ich mußte jetzt
unbedingt mit jemandem ein Bier trinken gehen." (S.244f.)
"»Ich bin
nun 26 Jahre alt. Inzwischen habe ich einen akademischen
Titel, mit dem ich vermutlich kaum etwas anfangen kann.
Trotzdem stellt er zunächst eine gewisse Beruhigung dar.
Mehr
als fünf Jahre habe ich in Berlin gelebt, das ich übermorgen
endgültig verlassen werde. Mein Gefühl gegenüber der Zukunft
ist am besten wohl als ein gewisses Desinteresse zu
beschreiben, da ich selber nicht ganz begreife. Wie die
meisten Leute, die ich kenne, habe ich in den letzten fünf
Jahren versucht herauszufinden, wie man einigermaßen richtig
lebt und es ist mir bisher nicht gelungen. Ich bezweifle,
daß es mir in absehbarer Zeit gelingen wird. Es würde
gültige Kriterien voraussetzen, und die sehe ich derzeit
nicht.
Natürlich
möchte ich am liebsten glücklich sein, auch wenn klar ist,
daß alles Glück bis heute sehr zufällig, sehr partikular und
sehr falsch ist. Mein sogenanntes Privatleben war in den
letzten Jahren überwiegend ein Scheitern. Von den
Beziehungen hier in Berlin sind viele im Lauf der Zeit
abgestorben. Das ist nicht schlimm, weil ich sowieso
fortgehe. Andere haben sich erhalten, manche sogar
verbessert. Die wichtigste, die vielleicht langfristig alles
hätte ändern können, ist mir einfach abhanden gekommen.
Als
ich vor über fünf Jahren nach Berlin kam, war ich noch
gewissermaßen Teil eines Aufbruchs, einer Bewegung, die aber
schon beinahe das Stadium ihrer Ebbe erreicht hatte. Woran
ich aktiv teilnahm, zum Teil unter großer Kraftanstrengung
und unter Aufbietung aller verfügbaren Irrtümer, war allein
die Ebbe, auch wenn ich sie lange Zeit für die Flut hielt.
Natürlich hoffen wir alle darauf, und mancher sieht in jedem
kleinen Aufflackern gleich den Beginn einer neuen Bewegung
(...). Aber in Wahrheit versuchen wir vor allem zu
überwintern, und der Winter kann ewig dauern. (Noch immer)
Berlin, im September 1974. Murnau.«" (S.280f.)
Stimmen zum Buch
"»Ich«,
sage ich, »habe sie gern gelesen, diese Erinnerungen
eines Dreißigjährigen, die Jochen Schimmang 1979
veröffentlicht hat. Es waren Erinnerungen eines ehemaligen
Mitglieds dieser K-Gruppen, und Lucchino Viscontis Film nach
Thomas Manns Tod in Venedig, Gustav Mahlers 5.
Symphonie bedeuten Schritte der Ablösung von dieser
K-Gruppe, zugleich Schritte in die Melancholie. Im übrigen
kann man Schimmangs Fall auch so verstehen: Wessen
Traumberuf in den sechziger Jahren Schriftsteller gewesen
war, wer Anfang der siebziger dem des Berufsrevolutionärs
angehangen hatte, der kehrte Mitte der siebziger Jahre
wieder zu dem des Schriftstellers zurück.«"
(aus: Michael Rutschky "Zur Ethnographie
des Inlands", 1984, S.136)
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Beiträge von
single-generation.de zum Thema
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Rezensionen
- VORMWEG,
Heinrich (1979): Ein paar neue Erzähler,
in: Süddeutsche
Zeitung v. 19.05.
- SCHULTZ-GERSTEIN,
Christian (1979): Traurige Apostel,
in: Spiegel
v. 18.06.
- HAGE, Volker
(1979): Tagsüber Marx, abends Kino,
in: Frankfurter
Allgemeine Zeitung
v. 06.08.
- LETHEN, Helmut
(1979): Geschichten vom unbekannten
Verlust,
in: Merkur,
H.10, Oktober, S.1024-1034
- BRANDT, Jan
(2000): Leer Switch Project,
in: TAZ
v. 06.03.
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Das Buch in der
Debatte
-
RUTSCHKY, Michael (1984): Wie es so gekommen ist. Ein
Kulturbericht über die sozialliberale Ära. In: Derselbe: Zur
Ethnographie des Inlands, Frankfurt a/M: Suhrkamp, S.127-146
-
RUTSCHKY, Michael
(1998): Lebensromane. Zehn Kapitel über das Phantasieren,
Göttingen: Steidl
- Kommentar:
In Michael RUTSCHKYs Buch
"Lebensromane" wird Murnau, der
Protagonist von "Der schöne Vogel
Phönix" als Beispiel für die Macht der
Wiederholung ("historischer Roman")
beschrieben.
- Ulrich SCHMIDT sieht
Murnau in seinem Buch "Zwischen Aufbruch und
Wende: Lebensgeschichten der sechziger und
siebziger Jahre" (1993, S.236-267) auf dem
Weg nach innen.
-
HOVEN, Heribert (2003):
Schimmang, Jochen. In:
Thomas Kraft (Hg.) Lexikon
der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, Nymphenburger
Verlagsbuchhandlung: München 2003, Band 2, S.1096f.
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weiterführende
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