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SCHOLZ, Leander (1999): Zehn Fehler eines Rheinländers in der Stadt
ohne Zentrum.
Warum man in Berlin manche Bücher nur in Westbuchhandlungen kauft
und Metropolengespräche über Außenklo und Schrittmacher besser
meidet,
in: Welt v. 21.08.
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SCHOLZ, Leander (2003): Schuld hat, wen es trifft.
Innere Globalisierung. Ein paar Anmerkungen zum Verteilungskampf
zwischen Jung und Alt,
in: Freitag Nr.3 v. 10.01.
- Kommentar:
Leander SCHOLZ gehört zu den wenigen kritischen
Stimmen im Land, die in das allgemeine Neue-Mitte-Geheul nicht
einstimmen und stattdessen hinter dem
Versuch die
Singles zu Sündenböcken zu machen, die Probleme dieser
Gesellschaft aufscheinen lässt:
"Wer jugendlich ist, überschreitet
permanent die Grenze zwischen Berufsleben und Privatleben und
damit auch das Modell der Kleinfamilie als Ort der Regeneration.
Diese Jugend ist daher dem Phänomen des Outburn ausgesetzt.
Niemand hält einem mehr den Rücken frei. Im Gegenteil, die
Patchwork-Familie verlangt mindestens genauso viel Management wie
die eigene Karriere. Beziehungen, Ehen, Familien und
Freundschaften gehören längst der gleichen Innovationslogik an und
bilden keineswegs mehr den lebensweltlichen Gegenpol zur Teilnahme
am Markt als Person."
Im
Gegensatz zum sozialpopulistischen Diktum, dass die
Familie
ein Bollwerk gegen den Kapitalismus sei, zeigt SCHOLZ auf,
dass die individualisierte Familie längst das Ebenbild der
modernen Ökonomie ist.
Nostalgie ist jedoch fehl am Platz:
"Es
ist schon bemerkenswert, wie schnell sich die Sehnsucht nach dem
alten autoritären Nationalstaat und dem alten neurotischen
Familienmodell wieder beleben lässt, wenn sie erst einmal überholt
sind".
Es
gibt kein
Zurück
zu den alten Zuständen und hinzu kommt:
"Der Generationenvertrag kann nicht
erneuert werden, nicht weil eine Partei nicht mehr will oder
egoistisch ist, sondern weil sich die Bedingungen dafür
grundlegend geändert haben".
SCHOLZ erteilt jenen einen
klare Absage, die die gegenwärtigen Probleme auf den
demografischen Wandel reduzieren möchten:
"Das Problem ist nicht, dass die
Bevölkerung kleiner wird. Das Problem der letzten Jahrzehnte
besteht darin, dass sich die produktiven Kräfte grundlegend
verschoben haben und dass Arbeit für einen nicht unerheblichen
Teil der Gesellschaft zu einer Einnahmequelle unter anderen
geworden ist, während
für andere ihre
schnell verbrauchte Humanressource das einzige Kapital
darstellt."
Am Anfang steht die
neoliberale Maxime "Gewinne privatisieren, Verluste
vergemeinschaften". Sozialpopulisten wie
Konrad ADAM,
Paul KIRCHHOFF oder
Jürgen BORCHERT
gehören zu jenen, die diese neoliberale Maxime nicht nur auf die
Ökonomie, sondern auch auf die Familie anwenden wollen.
Abgewandelt kann man ihr Credo zusammenfassen:
"Kinderglück privatisieren,
Kinderkosten vergemeinschaften".
- Neu:
SCHOLZ, Leander (2003): Wir wissen nicht, was Politik ist.
Ein Essay. Über die Befindlichkeiten des politischen Subjekts in
Friedenszeiten,
in: FREITAG Nr.52 v. 19.12.
- Inhalt:
Der Schriftsteller Leander SCHOLZ klärt erst
einmal das Verhältnis zu den
68ern:
"In
den letzten beiden Jahren hatte ich häufig die Gelegenheit, mit
Angehörigen der einzigen permanenten Generation zu sprechen, mit den
68ern nämlich. Bei allen möglichen Differenzen über historische
Bedeutsamkeiten dieser oder jener Errungenschaft mochte ich ihnen in
einem Punkt nie widersprechen. Jede dieser Diskussionen erreichte
ihren Höhepunkt, wenn ich wenigstens zugeben sollte, »dass wir«
(also die 68er) »für euch«, also auch für mich, »gekämpft und so
einiges erreicht haben«. Sonst, und das ist gewissermaßen ein
transzendentales Argument, könnte ich gar nicht so frei reden, wie
ich es Zeit meines Lebens gewohnt bin. Wie schon erwähnt, fiel es
mir schwer, in diesem Punkt zu widersprechen. Zustimmen allerdings
konnte ich diesem Argument auch nicht. Also Dankeschön sagen, nein,
das erschien mir dann doch ein bisschen zu einfach. Denn meistens
hieß das nichts anderes als: wir haben die Fackel ein Stück
getragen, jetzt seid ihr damit dran. Ein ideeller
Generationenvertrag gewissermaßen mit ideellem Rentenanspruch, der
nur deshalb nicht funktioniert, weil im Grunde genommen alle
postachtundsechziger Generationen, egal wie man sie nun gerade mal
nennen mag, konsumistisch, hedonistisch und scheißegozentrisch sind.
Dabei tragen wir doch die Fackel, ob wir nun wollen oder nicht. Und
vielleicht liegt hier schon das ganze vertrackte Problem."
Danach geht es um das
Unbehagen am Projekt der Subversion und dem Problem des
Anderssein-Müssens, das nun umschlägt:
"Vor
lauter Freaks gibt es den Normalbürger ja überhaupt nicht mehr.
Vielmehr gibt es nur noch die umfassende Sehnsucht danach, völlig
normal zu sein. In jüngster Zeit kann man sogar schon damit
reüssieren, Bildungsmotten zu recyceln. Keiner will mehr am Rande
stehen, weil man dort jederzeit stehen könnte, gerade wenn man sich
mittendrin wähnt. Am besten, man hält sich diffus und nach allen
Seiten hin offen und lächelt und findet vielleicht etwas so oder
auch so, das ist alle mal besser, als sich vorzeitig festzulegen.
Aber am Ende sind wir alle nur so nett zueinander, weil jeder,
gerade dieser Nächste da, derjenige sein könnte, der einem das
zukünftige Licht ausschaltet. Der überraschende Konsens, der dieses
Land umklammert hält, ist also nichts anderes, als die
Übersetzung des allerältesten Gesellschaftsvertrags, dem gemäß jeder
jeden töten kann. Nur dass der Leib längst nicht mehr die einzige
Möglichkeit dazu bietet."
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