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Michael Rutschky: Chronist des Alltags

 
       
     
       
     
       
   

Michael Rutschky in seiner eigenen Schreibe

 
   
  • RUTSCHKY, Michael (1993): Schizophrenie im Edelrestaurant.
    Über das Ende der Postmoderne,
    in: Süddeutsche Zeitung v. 09.01.
  • RUTSCHKY, Michael (1993): Chronos frißt seine Kinder oder: Der Lack ist ab.
    Nachdenken über das Älterwerden der Ewigjungen,
    in: Frankfurter Rundschau v. 04.12.
  • RUTSCHKY, Michael (1994): Belästigung durch Bilder.
    Ein Fingerzeig zur Neuen Prüderie,
    in: Süddeutsche Zeitung v. 01.01.
  • RUTSCHKY, Michael (1995): Wahrscheinlich liest wieder kein Schwein.
    Autorenproletariat. Über den Leserbriefschreiber, einen unterschätzten destruktiven Charakter,
    in: TAZ v. 17.06.
  • RUTSCHKY, Michael (1997): Werde, der du bist.
    Vom Bildungsroman zur therapeutischen Gesellschaft,
    in: Merkur Nr.3, März
  • RUTSCHKY, Michael (2000): Die jungen Ernstler.
    Ironie ist out - verkünden lauthals deutsche Popliteraten und amerikanische Publizisten. Ist da was dran? Ironisieren wir uns etwa zu Tode? Brauchen wir vielleicht eine "neue Verbindlichkeit"?
    in: Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt Nr.10 v. 10.03.
  • RUTSCHKY, Michael (2000): Von der Illegitimität einer Form.
    Stets in größten Schwierigkeiten: der Essayist,
    in: Frankfurter Rundschau v. 29.04.
  • RUTSCHKY, Michael (2000): Die Verlierer.
    Eine Umfrage unter Freunden,
    in: Merkur Nr.5, Mai
  • RUTSCHKY, Michael (2000): Quasseln und Lakonik.
    Man ignoriere bitte die Unterscheidung von Wissenschaft und Literatur, von Fiktion und Dokument: Alexander Kluges expandierendes Erzähluniversum,
    in: TAZ v. 16.12.
  • RUTSCHKY, Michael (2000): Die Rettung der Britney S.
    Was hat Rembrandt mit einer Popsängerin zu tun? Nicht die Wertschätzung der besseren Kreise. Sie verachten die Spaßgesellschaft, wie sie die einfachen Stände schätzen. Eine Kritik anlässlich der Sylvesterparties,
    in: TAZ v. 30.12.
  • RUTSCHKY, Michael (2001): Bücher ohne Familiennamen.
    Über Literatur außerhalb von Genres,
    in: Merkur Nr.2, Februar
    • Inhalt:
      RUTSCHKY widmet sich Büchern, die sich keiner Gattung zuordnen lassen, die "zwischen Kunstwerk und Dokument unentschlossen bleiben" und die "gegenwärtig die fruchtbarsten" sind.

            
        Am Beispiel von KRACAUERs "Die Angestellten", Ernst JÜNGER, Walter BENJAMIN und Walter KEMPOWSKI geht RUTSCHKY dem "Problem der monologischen Rechthaberei" nach.
            
        Als besonderen Problemfall sieht er Botho Strauß, der seit 1981 regelmäßig Prosabücher veröffentlicht, "in denen sich ein hoher Anteil des Dokumentarischen (...) mit erheblichen Anteilen Rechthaberei unglücklich mischt".
  • RUTSCHKY, Michael (2001): Eine Wahrheit über die Siebzigerjahre.
    Die Rede ist von einem bundesdeutschen Jahrzehnt, dessen linke Opposition sich auf eine Politik des Körpers verlegte, damit scheiterte - und zum Mythos wurde. Bei vielen Kämpfern hat diese Zeit Narben hinterlassen, die gelegentlich sehr schmerzen. Wie gerade während der letzten Wochen, als unser Außenminister sich öffentlich für seine politischen Initiationen rechtfertigen musste. Eine Rückschau auf eine Zeit des brachialen und bedingungslosen Erfahrungshungers,
    in: TAZ v. 03.02.
  • RUTSCHKY, Michael (2001): Die Königin und die Meinungsfreude.
    Wir brauchen die Prominenz. Denn wer über sie redet, muss gar keine Ahnung haben,
    in: Frankfurter Rundschau v. 05.05.
  • RUTSCHKY, Michael (2001): Fassungslose Traurigkeit.
    Bewusstseinsstoff für soziale Aufsteiger: Vor 50 Jahren erschien Adornos "Minima Moralia",
    in: Welt v. 17.11.
  • RUTSCHKY, Michael (2002): Alles noch offen.
    Jugend als Roman und Utopie
    in: Frankfurter Rundschau v. 13.04.
    • Kommentar:
      Der Chronist des Alltags altert. Woran erkennt Mann das?
               Mann schwadroniert dann bevorzugt über den Jugendwahn der Gesellschaft. Mann möchte dann das gute alte psychoanalytische Konzept der Reife wiedereinführen, das den eigenen gesellschaftlichen Status im Reigen der Lebensalter wieder in sein Recht setzt.
            
        Angesichts der Tatsache, dass die Tochter einer Bekannten dieses Jahr ihr Abi absolvierte, fühlt sich RUTSCHKY zum Vergleich mit den 70er Jahren genötigt. Damals schwadronierte man noch nicht über Individualisierung, Orientierungslosigkeit oder Wahlfreiheit (Konzepte, die angesichts der damaligen Erfahrungen erst wieder entdeckt wurden!):
            
        "Damals hätte die Entscheidung für eine alternative Biografie schwere Zerstörungen der laufenden Biografie hervorgerufen (...). Damals (...) wollte man einen Roman schreiben (statt in den Schuldienst einzutreten), und das Losreißen aus dem gewohnten Leben machte die alternative Lebensmöglichkeit zu einer Art Prüfung. Bei der man meist durchfiel. Statt viele Möglichkeiten offen zu halten, suchte man den einzig richtigen Weg, und der konnte sich unmöglich auftun."
            
        Darüber hat RUTSCHKY das Buch "Erfahrungshunger" geschrieben (Dabei hätte er es belassen sollen!). Ein Buch über linke Mythen in linken Milieus der nunmehr zur Neuen Mitte bekehrten Modernisierungsgewinner.
            
        Damals war auch das Heiraten - zwar in einigen Kreisen immer weniger praktiziert - erster Schritt des Erwachsenwerdens. Vor dem Hintergrund dieses Reife-Konzepts kritisiert RUTSCHKY die gegenwärtige, infantile und deshalb kinderarme Gesellschaft, wenn er schreibt:
            
        "Das Unverheiratetsein erspart dem Paar, so scheint es, insbesondere die klare Vorstellung vom eigenen Lebensalter; man wird nie Vati oder Mutti, was für den jüngeren Menschen der Inbegriff des Älteren ist (...). Früher endete die Jugend mit 25 Jahren - aber das ist angesichts des Habitus und der Lebensweise vieler 35-Jähriger (aus den Mittelschichten, um das nicht zu vergessen) Unfug. Bei diesen Kadern endet die Jugend mit 40.
      Als Indiz für die Ausweitung des Lebensalters, erzählt an dieser Stelle unser Literaturwissenschaftler, wird immer wieder ein berühmter Roman von Balzac zitiert, Die Frau von dreißig Jahren, das ist 1834, als der Roman erscheint, die Frau, die ihren Abstieg beginnt als erotisches Wesen, ein Gedanke, den uns in der Gegenwart keine Frau von 30 Jahren eingibt (es sei denn, sie kommt aus den unteren Schichten). 1834 ist die Frau von 30 Jahren, was heute die Frau von 50 Jahren ist."

            
        RUTSCHKYs Essay zeichnet sozusagen das Sittenbild seines beschränkten Milieus aus der Perspektive der 50er-Jahre-Ideologie. Jugend war von jeher verdächtig und je mehr Jugend zur Minderheit wird, desto mehr scheint Jugendlichkeit zum Problem einer alternden Gesellschaft zu werden.
  • RUTSCHKY, Michael (2002): Amerikanisierung.
    Von Swingbubis, Bluejeans und Okzidentalisten,
    in: Frankfurter Rundschau v. 26.10.
  • RUTSCHKY, Michael (2002): Aus dem Landschulheim in die Kulturrevolution.
    Bildungsroman mit Suhrkamp - zur stattfindenden Beerdigung Siegfried Unselds,
    in:
    Welt v. 02.11.
  • RUTSCHKY, Michael (2002): Eigentlich ging alles gut.
    Die Existenzangst und die Kultur der Beschuldigung,
    in: Frankfurter Rundschau v. 10.12.
    • Kommentar:
      Michael RUTSCHKY berichtet von der guten alten Zeit als es noch einen Unterschied zwischen Angestellten und Selbständigen gab. Da er die Gegenwart immer noch in den Kategorien der 70er Jahre denkt, ist ihm noch nicht aufgefallen, dass sich das Kategoriensystem der McWorld verschoben hat. GENAZINO lesen!
  • RUTSCHKY, Michael (2003): Diskurs über den Döner.
    Die Erfindung des Kulturoptimismus: Alle reden vom Verfall - wir nicht. Ein Essay zur Lage,
    in: Tagesspiegel v. 05.01.
    • Kommentar:
      RUTSCHKY widmet sich seinem Lebensroman:

            
        der Wiederkehr der 70er Jahre und ihrer Abwehr. Das Glaubensbekenntnis von RUTSCHKY lässt sich auf eine Dreifaltigkeit unseres Kulturalltags zurückführen.
            
        Der Kulturoptimismus erzeugt sein Gegenteil erst: den Kulturpessimismus, der sich im Hochfeuilleton - SCHIRRMACHER würde sagen - im Qualitätsjournalismus - manifestiert. Um dem immer schneller drehenden Hamsterrad der Distinktionen von Kulturoptimismus und - pessimismus zu entkommen, gibt es nur das HEIDEGGERsche "Man", das RUTSCHKY in die Atome Schweigen und heroische Tat zerlegt.
            
        Und schon sind wir mitten im existenzialistischen Erfahrungshunger. Vom Soldatentod über die RAF bis zum Zusammenprall der Kulturen lässt sich mit RUTSCHKY die Spur der Verwüstung im Namen des Erfahrungshungers verfolgen. Entkommen? Genauso zwecklos wie bei ADORNO und HORKHEIMER?
            
        Das ist eine andere Geschichte, die sich an dem jungen R. durchexerzieren ließe.
  • RUTSCHKY, Michael (2003): Kritisches Bewusstsein,
    in: TAZ v. 05.03.
  • RUTSCHKY, Michael (2003): Sparkultur,
    in: TAZ v. 05.03.
    • Inhalt:
      Ein Streifzug quer durch die "Geiz ist geil"-Kultur bis zum Umschlagspunkt von Ersparnis in Verschwendung.
  • RUTSCHKY, Michael (2003): Das Katakombengefühl der Kritischen Theorie.
    Der Weg nach draußen: Eine studentische Erinnerung im Adorno-Jahr,
    in: Frankfurter Rundschau v. 09.05.
    • Kommentar:
      Michael RUTSCHKY blickt mit den Augen eines sozialen Aufsteigers der 68er-Generation auf ADORNO zurück:

            
        "Die Kumpels, ebenso wie ich, waren soziale Aufsteiger, die Ersten in unserer Familie, die das Abitur abgelegt hatten. Meine Eltern erfüllten zwar bildungsbürgerliche Aspirationen, doch fehlten die entsprechenden Praktiken. Wenn ich am Wochenende nach Hause fuhr mit der völlig unvertrauten Aufgabe, ein Seminarprotokoll anzufertigen, lächelte weder Vater noch Mutter begütigend, ach ja, das erinnere man noch ganz genau, wie das erste Mal so etwas geschrieben werden musste. »Das schaffst du schon.« Vielmehr gerieten auch Vater und Mutter in Angst, und auch kein Onkel, keine Tante konnte mit ihren Erfahrungen einspringen. So fertigte ich nie das Protokoll eines Seminars bei Adorno an, gar ein Referat, und ich verließ Frankfurt ungeprüft, während die Kumpels bei ihm Vordiplom machten und nur das Beste zu erzählen wussten."
            
        RUTSCHKY über die Faszination, die ADORNO ausübte:
            
        "Besetzte den Studenten, der ich damals war, 1963, auch 1966 noch das bekannte Katakombengefühl: Mitglied einer esoterischen Gemeinschaft zu sein, die ein geheimes Wissen über den Gesamtzustand der Gesellschaft eint, ein Wissen, das draußen abgewehrt wurde, so kamen dann ja immer mehr von draußen hinzu."
            
        Von draußen kam dann auch Stephan WACKWITZ. Dessen ADORNO-Erfahrungsbericht "Im Zaubermantel der Verneinung" eröffnet eine ganz andere Perspektive, diejenige des Zuspätgekommenen.
            
        Während für RUTSCHKY die Philosophie ADORNOs noch einen Coolness-Gewinn brachte, mussten die männlichen Angehörigen der Single-Generation und ihre Nachfolger eine andere Erfahrung machen, die Roger BEHRENS auf den Punkt bringt:
            
        "die schwierige Sprache von Adornos »Dialektik der Aufklärung« (kam) gerade recht, ihre Unverständlichkeit war äußerst reizvoll. Ich wollte Bescheid wissen oder - wie man heute sagen würde - Distinktionsgewinne sammeln. Damals kursierte, zumal unter Jungs mit Brille, noch der Irrglaube, dass man, wenn sich schon auf den Partys nie die tollen Frauen für einen interessierten, wenigstens durch kluges Dahergerede beeindrucken könne. Der Feminismus hat das als Kopfwichserei diskreditiert, und heute verstehen sich die jungen Leute sowieso eher auf eine abgeklärte Unmittelbarkeit, die prahlt, mit Theorie nichts zu tun zu haben." (Adorno-ABC, 2003, S.24)
  • RUTSCHKY, Michael (2003): Leitmedien.
    40 Jahre edition suhrkamp,
    in: Frankfurter Rundschau v. 02.05.
    • Kommentar:
      RUTSCHKY schwelgt angesichts eines Jubiläums in Jugenderinnerungen:

            
        "Was bleibt? Am deutlichsten gewiss die frühen Jahre, der schöne Sommer von '63, als wir, frisch vom Gymnasiasten in den Studenten verwandelt, im Freibad lagen und uns an der Radikalität von Adornos Gesellschaftskritik erfreuten. "Die Kulturindustrie", heißt es in den Eingriffen, "grinst: werde was du bist, und ihre Lüge besteht gerade in der wiederholenden Bestätigung und Verfestigung des bloßen Soseins, dessen, wozu der Weltlauf die Menschen gemacht hat." Nein, mit uns konnte das der Kulturindustrie nur misslingen. Da war schon die edition suhrkamp vor."
  • Neu:
    RUTSCHKY, Michael (2004): Nachfolger des Propheten,
    in: TAZ v. 31.03.
    • Kommentar:
      Michael RUTSCHKY nimmt sich Frank SCHIRRMACHER zur Brust, der Herwig BIRGs Bevölkerungsprognose völlig unkritisch für  apokalyptische Szenarien übernimmt.

            
        Der  Hermeneutiker RUTSCHKY überlässt Herwig BIRG die Hoheit über die Statistik, und greift nur dessen Interpretation an:
            
         "Prof. Birg ist kein selbstkritischer Statistiker. Er ist von Glaubensgewissheit durchdrungen und hat all die kulturkritischen Deutungen parat, mithilfe deren seinesgleichen die Zahlen in die Schrift an der Wand transformieren. Die junge Frau und der junge Mann denken immer nur an sich selbst statt an das deutsche Volk, das sie durch Nachwuchs fortpflanzen sollen. In diesem Egoismus unterstützt sie die moderne Lebensweise, weshalb die finstere Zukunft ganz unabweisbar ist (woraufhin Dr. Schirrmacher wieder einmal die Notwendigkeit einer Revolution, einer geistig-moralischen Wende ausrufen darf).
      Wenn Sie sich mit der Geschichte der Statistik befassen, stoßen Sie regelmäßig auf diese Argumentation. Immer schon gebaren deutsche (französische, italienische usw.) Frauen zu wenige Kinder; die Statistik, wenn sie sich mit diesen Dingen befasst, ist eine nationalistische Wissenschaft. Dabei liegt das Problem nicht darin, dass die Zahlen falsch wären. Das Problem entsteht durch die Interpretation, mit der man die Zahlen aussagekräftig macht, eine Interpretation, die unendlich viele Elemente ganz anderer Art mitverarbeiten muss."

            
         Es ist die typische Kurzsichtigkeit des Hermeneutikers, der vor den Heiligtümern der Statistik zu Kreuze kriecht.
            
         Es geht bei BIRG nicht nur darum, dass seine Interpretationen zu kritisieren wären, bereits die Zahlenakrobatik der Bevölkerungsstatistik an sich ist umstritten.
            
         Und wenn RUTSCHKY dem FAZ-Herausgeber seinen Neokatholizismus vorhält, dann hat er bereits übersehen, dass es in Deutschland eine katholische Bevölkerungsstatistik gibt!
 
       
   

Michael Rutschky im Gespräch

 
     
       
   

Lebensromane - Zehn Kapitel über das Phantasieren (1998)
Göttingen: Steidl

 
   
 
 

Inhaltsverzeichnis

I Der Künstlerroman - Die eigentliche Arbeit

II Der Politische Roman - Im Innenraum der Macht

III Der Gesellschaftsroman - Wir Aufsteiger

IV Der Historische Roman - Die Macht der Wiederholung

V Der Liebesroman - In der Bibliothek

VI Der Ritterroman - Der Jungmensch und seine Heldentaten

VII Der Schauerroman - Was die Medien am besten erzählen

VIII Der Zukunftsroman - Die Freuden der Erwartungsangst

IX Der Bildungsroman - In therapeutischer Gesellschaft

X Der Desillusionsroman - Tod auf Capri

Zitate:

Die Aufsteigergesellschaft

"wenn wir mit Professor Bourdieus bösem Blick die ehemalige Bundesrepublik durchmustern, können wir sie (...) als Aufsteigergesellschaft entziffern, schon nach ihrem Erscheinungsbild: Eine eigentümliche Mischung aus Perfektion und Ungeschick (...) - und all die Verschönerungen des Lebens, welche die achtziger Jahre, die Postmoderne gebracht haben, das feine Essen, das elegante Stadtbild, »die Kultur«, enthüllen sich als die qualvollen Anstrengungen von Parvenüs, ihre strukturelle Unrast; Dynamik sowie Stillstand in einem". (S.77)

Der historische Roman

"Vom historischen Roman soll die Rede sein, wenn eine Geschichte ihren Sinn, ihre Macht, ihr Gewicht daraus zu gewinnen strebt, daß sie eine Vergangenheit imitiert. Der historische Roman als ein gelebter unterwirft seinen Stoff dem Anciennitätsprinzip Geltung in der Gegenwart entsteht, weil in der Vergangenheit Geltung da war." (S.81)

"Murnau verbrachte 1968 fernab von Frankfurt oder Berlin, den Zentren der Revolte, er absolvierte seinen Bundeswehrdienst in einer kleinen Stadt Norddeutschlands, am Jadebusen." (S.90)

"Als Murnau aus seiner Kleinstadt nach Westberlin kommt, um an der Freien Universität das Studium zu beginnen, ist also die große Zeit vorbei. Murnau kommt zu spät; es hat sich ein Heroenzeitalter gebildet, an dem teilzunehmen ihm um Haaresbreite verwehrt ist, was seine Gegenwart gründlich entwertet. Das Westberlin Murnaus ist sozusagen spätantik. (...). Um diesem spätantiken Verfall zu entkommen, um seiner Gegenwart Glanz zu verleihen, beteiligte sich Murnau an einer der seltsamsten Fassungen des historischen Romans, die wir zu sehen bekommen haben, er wird Mitglied einer der sogenannten K-Gruppen, die sich mit dem Ende der Revolte bildeten, Zirkeln aus Studenten und jungen Akademikern, der jeder für sich versuchte, die Avantgarde des Proletariats, die kommunistische Partei des Leninschen Typs neu zu begründen." (S.92f.)

"Es gibt ein Heroenzeitalter, eine mythische Vorzeit, die den historischen Roman mit seinen Helden- und Herrschernamen stiftet. (...). Für Murnau (das ist der Held und Erzähler in Jochen Schimmangs erstem Buch Der schöne Vogel Phönix ist es die Oktoberrevolution." (S.97f.)

Der Liebesroman

"Mit dem Geschlechtsverkehr erfüllt sich die Utopie des Liebesromans, und er ist beendet - man darf hier an den »one night stand« denken, auf den so viele Annoncen in der Stadtillustrierten zielen. Der Roman - »romance« - beginnt mit der telefonischen Verabredung, dauert den Abend lang, endet im Bett." (S.125)

"In der modernen Welt fallen Liebe und Sexualität zwar nicht einfach zusammen, aber sie verbinden sich doch unauflöslich, so daß Sexualität das werden kann, worauf Liebe hinaus will. (...).
So steht es in einem Buch aus der Theoretischen Abteilung unserer großen Liebesbibliothek zu lesen, Professor Luhmanns Liebe als Passion, 1982 erschienen." (S.129)

"Aus der neueren Produktion hat in der Theoretischen Abteilung der Liebesbibliothek neben Professor Luhmann ein zweites Buch Platz genommen, Roland Barthes, Fragmente einer Sprache der Liebe, 1977. Roland Barthes geht entschieden davon aus, daß die Sprache der Liebe ihren Mangel voraussetzt und nicht beheben kann. Die Erfüllen, wie es in den alten Romanen heißt, braucht keinen Diskurs." (S.132)

Der Zukunftsroman

"Die Deutschen sterben aus. Unverkennbar bevölkern nämlich Unmengen Ausländer das Freibad (...). Und wer will, kann dem Freibad ein weiteres gefährliches Zukunftsproblem ablesen: die Überbevölkerung des Planeten. Das Freibad ist knallvoll. Wer auf seine Mindestdistanz bedacht sein muß, kann sich leicht von nassen Kindern, die über ihn hinwegspringen, in seiner Existenz bedroht fühlen.
Die Lieblingsstudentin runzelt die Stirn angesichts dieser Überblendung von einer Zukunftsangst auf die nächsten. Ob die Deutschen aussterben, ist ihr komplett gleichgültig, wenn nicht sogar erwünscht. »Nie wieder Deutschland« neigt man in ihren Kreisen zu denken, und das Überbevölkerungsproblem gilt als Projektion des Westens, der sich von seinen ehemaligen Kolonialvölkern bedroht fühle. Ihre schiere Masse versetze die Erste Welt in Angst um ihr luxuriöses Leben - was der Protestjugend in der Ersten Welt durchaus behagt.
Ich habe hier mal die Position des Kollegen Birg zusammengefaßt, Direktor des Instituts für Bevölkerungsforschung und Sozialpolitik der Universität Bielefeld. »Wir sind die letzten Generationen«, so Professor Birg, »die die Welt noch in ihrer wirklichen Schönheit kennengelernt haben. Selbst wenn sich die Erdbevölkerung von heute 5,7 Milliarden nur verdoppeln soll, muß die Kinderzahl weltweit dramatisch von derzeit 3,3 auf etwa 2,1 Kinder pro Frau im globalen Durchschnitt sinken. Und dieser Rückgang muß sehr rasch, bis zum Jahr 2050, erfolgen. (...). Geraten die Probleme im Süden außer Kontrolle, brechen staatliche und gesellschaftliche Ordnungsstrukturen zusammen, hätte das die totale Unberechenbarkeit zur Folge.«
(...).
Auf die Zukunftsangst, die Deutschen könnten aussterben, zur Minderheit im eigenen Land - wie man hier und jetzt in den Freibädern während der schönen Sommer (...) erkennen konnte -, auf diese Zukunftsangst verfallen eher die Kleinbürger und die Arbeiterklasse.
(...).
Wovon dieser Roman der Zukunft samt seiner ängstlichen Spannung restlos handelt, das ist (...) das Hier und Jetzt, die Gegenwart. Er steigert die Intensität. Professor Birg (...) bringt diese Intensitätssteigerung, welche seine Zukunftserzählung an der Gegenwart bewirkt, gewiß unabsichtlich auf den Punkt: »Wir sind die letzten Generationen, die die Welt noch in ihrer wirklichen Schönheit kennengelernt haben.«"
(...).
Wir befinden uns auf dem Terrain der apokalyptischen Rhetorik. (...).
Ob die apokalyptische Rhetorik irgendein Problem in der Welt lösen hilft - indem sie gesellschaftliche Wachsamkeit steigert, die Heilungskräfte mobilisiert et cetera -, ist unbekannt. Gewiß steigert diese Rhetorik das Lebensgefühl wie keine andere: Dies sind die letzten Tage, und nach uns wird niemand mehr kommen." (S.228ff.)

Der Bildungsroman

"Was ist das denn nun, der Bildungsroman? Die therapeutische Gesellschaft?
Es beginnt mit den Frömmigkeitsübungen der Pietisten, die der Seele unabweisbar ihre Eigenheit und Unverwechselbarkeit vor Augen führen. Diese unverwechselbare Seele kann sich dann im autobiographischen Schreiben ausarbeiten. Das autobiographische Ich kann durch Eigennamen ersetzt, die Erzählung kann unabhängig von der biographischen Authentizität aus- und umgestaltet werden. Anton Reiser, Gerlinde Stürzenbecher. Der Bildungsroman ist ein narzißtisches Gift. Wer auch nur einen einzigen gelesen hat, kann sich von ihm das Erzählschema vorgeben lassen, nach dem er von da an mit sich selbst verkehrt." (S.260)

"Dagegen haben wir uns die klassische Psychoanalyse als durchgearbeitete Kritik des narzißtischen Bildungsromans vorzustellen. Das ununterbrochen erfolglos um Selbstermächtigung bemühte Ich wird nachdrücklich mit seinen Mitbewohnern bekannt gemacht." (S.261)

"Der Bildungsroman, die therapeutische Gesellschaft entwirft die restlose Kontrolle der Welt durch Verständnis." (S.267)

Der Desillusionsroman

"Der Desillusionsroman handelt von den Illusionen, die sich ein junger Mensch aus der Provinz über die literarische Welt macht. Die große Stadt belehrt ihn nachdrücklich darüber, daß die literarische Welt so niedrig und eng ist wie die Provinz, der er entkommen wollte. Sozialer Aufstieg ist unmöglich respektive sinnlos, weil die höhere Welt nur zum Schein eine ist. Insofern kritisiert der Desillusionsroman den Gesellschaftsroman, der von Ruhm und Ehre des Aufstiegs in die oberen Klassen handelt.
Der Held des Desillusionsromans hat zu viele Romane gelesen und folgt deshalb in der Wirklichkeit seines Lebens einem Traumbild. Er wird von der Wirklichkeit zertrümmert". (S.269f.)  

 
 
 
       
     
     
   
  • Berichte von Lesungen

    • SPINNLER, Rolf (2000): Ein Grenzgänger,
      in:
      Stuttgarter Zeitung v. 08.07.
 
       
   

Reise durch das Ungeschick (1990)
Zürich: Haffmans

 
   
  • Rezensionen

    • fehlen noch
 
       
   

Zur Ethnographie des Inlands (1984)
Frankfurt a/M: Suhrkamp

 
   
  • Rezensionen

    • NUTT, Harry (1985): Den Mythos auf frischer Tat ertappt,
      in:
      Psychologie Heute Nr.2, Februar
 
   

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webmaster@single-generation.de Erstellt: 16. Dezember 2000
Update: 14. August 2009