I Der Künstlerroman - Die eigentliche Arbeit
II Der
Politische Roman - Im Innenraum der Macht
III Der
Gesellschaftsroman - Wir Aufsteiger
IV Der
Historische Roman - Die Macht der Wiederholung
V Der
Liebesroman - In der Bibliothek
VI Der
Ritterroman - Der Jungmensch und seine Heldentaten
VII Der
Schauerroman - Was die Medien am besten erzählen
VIII Der
Zukunftsroman - Die Freuden der Erwartungsangst
IX Der
Bildungsroman - In therapeutischer Gesellschaft
X Der
Desillusionsroman - Tod auf Capri
Zitate:
Die Aufsteigergesellschaft
"wenn wir
mit Professor Bourdieus bösem Blick die ehemalige
Bundesrepublik durchmustern, können wir sie (...) als
Aufsteigergesellschaft entziffern, schon nach ihrem
Erscheinungsbild: Eine eigentümliche Mischung aus Perfektion
und Ungeschick (...) - und all die Verschönerungen des
Lebens, welche die achtziger Jahre, die Postmoderne gebracht
haben, das feine Essen, das elegante Stadtbild, »die
Kultur«, enthüllen sich als die qualvollen Anstrengungen von
Parvenüs, ihre strukturelle Unrast; Dynamik sowie Stillstand
in einem". (S.77)
Der historische Roman
"Vom
historischen Roman soll die Rede sein, wenn eine Geschichte
ihren Sinn, ihre Macht, ihr Gewicht daraus zu gewinnen
strebt, daß sie eine Vergangenheit imitiert. Der historische
Roman als ein gelebter unterwirft seinen Stoff dem
Anciennitätsprinzip Geltung in der Gegenwart entsteht, weil
in der Vergangenheit Geltung da war." (S.81)
"Murnau
verbrachte 1968 fernab von Frankfurt oder Berlin, den
Zentren der Revolte, er absolvierte seinen Bundeswehrdienst
in einer kleinen Stadt Norddeutschlands, am Jadebusen."
(S.90)
"Als
Murnau aus seiner Kleinstadt nach Westberlin kommt, um an
der Freien Universität das Studium zu beginnen, ist also die
große Zeit vorbei. Murnau kommt zu spät; es hat sich ein
Heroenzeitalter gebildet, an dem teilzunehmen ihm um
Haaresbreite verwehrt ist, was seine Gegenwart gründlich
entwertet. Das Westberlin Murnaus ist sozusagen spätantik.
(...). Um diesem spätantiken Verfall zu entkommen, um seiner
Gegenwart Glanz zu verleihen, beteiligte sich Murnau an
einer der seltsamsten Fassungen des historischen Romans, die
wir zu sehen bekommen haben, er wird Mitglied einer der
sogenannten K-Gruppen, die sich mit dem Ende der Revolte
bildeten, Zirkeln aus Studenten und jungen Akademikern, der
jeder für sich versuchte, die Avantgarde des Proletariats,
die kommunistische Partei des Leninschen Typs neu zu
begründen." (S.92f.)
"Es gibt
ein Heroenzeitalter, eine mythische Vorzeit, die den
historischen Roman mit seinen Helden- und Herrschernamen
stiftet. (...). Für Murnau (das ist der Held und Erzähler in
Jochen Schimmangs erstem Buch Der schöne Vogel Phönix
ist es die Oktoberrevolution." (S.97f.)
Der Liebesroman
"Mit dem
Geschlechtsverkehr erfüllt sich die Utopie des Liebesromans,
und er ist beendet - man darf hier an den »one night stand«
denken, auf den so viele Annoncen in der Stadtillustrierten
zielen. Der Roman - »romance« - beginnt mit der
telefonischen Verabredung, dauert den Abend lang, endet im
Bett." (S.125)
"In der
modernen Welt fallen Liebe und Sexualität zwar nicht einfach
zusammen, aber sie verbinden sich doch unauflöslich, so daß
Sexualität das werden kann, worauf Liebe hinaus will. (...).
So steht es in einem Buch aus der Theoretischen Abteilung
unserer großen Liebesbibliothek zu lesen, Professor Luhmanns
Liebe als Passion, 1982 erschienen." (S.129)
"Aus der
neueren Produktion hat in der Theoretischen Abteilung der
Liebesbibliothek neben Professor Luhmann ein zweites Buch
Platz genommen, Roland Barthes, Fragmente einer Sprache
der Liebe, 1977. Roland Barthes geht entschieden davon
aus, daß die Sprache der Liebe ihren Mangel voraussetzt und
nicht beheben kann. Die Erfüllen, wie es in den alten
Romanen heißt, braucht keinen Diskurs." (S.132)
Der Zukunftsroman
"Die
Deutschen sterben aus. Unverkennbar bevölkern nämlich
Unmengen Ausländer das Freibad (...). Und wer will, kann dem
Freibad ein weiteres gefährliches Zukunftsproblem ablesen:
die Überbevölkerung des Planeten. Das Freibad ist knallvoll.
Wer auf seine Mindestdistanz bedacht sein muß, kann sich
leicht von nassen Kindern, die über ihn hinwegspringen, in
seiner Existenz bedroht fühlen.
Die Lieblingsstudentin runzelt die Stirn angesichts dieser
Überblendung von einer Zukunftsangst auf die nächsten. Ob
die Deutschen aussterben, ist ihr komplett gleichgültig,
wenn nicht sogar erwünscht. »Nie wieder Deutschland« neigt
man in ihren Kreisen zu denken, und das
Überbevölkerungsproblem gilt als Projektion des Westens, der
sich von seinen ehemaligen Kolonialvölkern bedroht fühle.
Ihre schiere Masse versetze die Erste Welt in Angst um ihr
luxuriöses Leben - was der Protestjugend in der Ersten Welt
durchaus behagt.
Ich habe hier mal die Position des Kollegen Birg
zusammengefaßt, Direktor des Instituts für
Bevölkerungsforschung und Sozialpolitik der Universität
Bielefeld. »Wir sind die letzten Generationen«, so Professor
Birg, »die die Welt noch in ihrer wirklichen Schönheit
kennengelernt haben. Selbst wenn sich die Erdbevölkerung von
heute 5,7 Milliarden nur verdoppeln soll, muß die Kinderzahl
weltweit dramatisch von derzeit 3,3 auf etwa 2,1 Kinder pro
Frau im globalen Durchschnitt sinken. Und dieser Rückgang
muß sehr rasch, bis zum Jahr 2050, erfolgen. (...). Geraten
die Probleme im Süden außer Kontrolle, brechen staatliche
und gesellschaftliche Ordnungsstrukturen zusammen, hätte das
die totale Unberechenbarkeit zur Folge.«
(...).
Auf die Zukunftsangst, die Deutschen könnten aussterben, zur
Minderheit im eigenen Land - wie man hier und jetzt in den
Freibädern während der schönen Sommer (...) erkennen konnte
-, auf diese Zukunftsangst verfallen eher die Kleinbürger
und die Arbeiterklasse.
(...).
Wovon dieser Roman der Zukunft samt seiner ängstlichen
Spannung restlos handelt, das ist (...) das Hier und Jetzt,
die Gegenwart. Er steigert die Intensität. Professor Birg
(...) bringt diese Intensitätssteigerung, welche seine
Zukunftserzählung an der Gegenwart bewirkt, gewiß
unabsichtlich auf den Punkt: »Wir sind die letzten
Generationen, die die Welt noch in ihrer wirklichen
Schönheit kennengelernt haben.«"
(...).
Wir befinden uns auf dem Terrain der apokalyptischen
Rhetorik. (...).
Ob die apokalyptische Rhetorik irgendein Problem in der Welt
lösen hilft - indem sie gesellschaftliche Wachsamkeit
steigert, die Heilungskräfte mobilisiert et cetera -, ist
unbekannt. Gewiß steigert diese Rhetorik das Lebensgefühl
wie keine andere: Dies sind die letzten Tage, und nach uns
wird niemand mehr kommen." (S.228ff.)
Der Bildungsroman
"Was ist
das denn nun, der Bildungsroman? Die therapeutische
Gesellschaft?
Es beginnt mit den Frömmigkeitsübungen der Pietisten, die
der Seele unabweisbar ihre Eigenheit und Unverwechselbarkeit
vor Augen führen. Diese unverwechselbare Seele kann sich
dann im autobiographischen Schreiben ausarbeiten. Das
autobiographische Ich kann durch Eigennamen ersetzt, die
Erzählung kann unabhängig von der biographischen
Authentizität aus- und umgestaltet werden. Anton Reiser,
Gerlinde Stürzenbecher. Der Bildungsroman ist ein
narzißtisches Gift. Wer auch nur einen einzigen gelesen hat,
kann sich von ihm das Erzählschema vorgeben lassen, nach dem
er von da an mit sich selbst verkehrt." (S.260)
"Dagegen
haben wir uns die klassische Psychoanalyse als
durchgearbeitete Kritik des narzißtischen Bildungsromans
vorzustellen. Das ununterbrochen erfolglos um
Selbstermächtigung bemühte Ich wird nachdrücklich mit seinen
Mitbewohnern bekannt gemacht." (S.261)
"Der
Bildungsroman, die therapeutische Gesellschaft entwirft die
restlose Kontrolle der Welt durch Verständnis." (S.267)
Der Desillusionsroman
"Der
Desillusionsroman handelt von den Illusionen, die sich ein
junger Mensch aus der Provinz über die literarische Welt
macht. Die große Stadt belehrt ihn nachdrücklich darüber,
daß die literarische Welt so niedrig und eng ist wie die
Provinz, der er entkommen wollte. Sozialer Aufstieg ist
unmöglich respektive sinnlos, weil die höhere Welt nur zum
Schein eine ist. Insofern kritisiert der Desillusionsroman
den Gesellschaftsroman, der von Ruhm und Ehre des Aufstiegs
in die oberen Klassen handelt.
Der Held des Desillusionsromans hat zu viele Romane gelesen
und folgt deshalb in der Wirklichkeit seines Lebens einem
Traumbild. Er wird von der Wirklichkeit zertrümmert".
(S.269f.)