"Dieses Buch handelt vom Zauber
und von den Abgründen der Kindheit, vom
schmerzhaften Prozeß des Wachstums, der
unausweichlichen Loslösung von den anderen. Es ist
das Protokoll einer Selbstbefreiung "
Zitate:
Die Eltern als
Portalfiguren
"Ich habe oft versucht, mich mit
der Gestalt meiner Mutter und der Gestalt meines
Vaters auseinanderzusetzen, peilend zwischen Aufruhr
und Unterwerfung. Nie habe ich das Wesen dieser
beiden Portalfiguren meines Lebens fassen und deuten
können. Bei ihrem fast gleichzeitigen Tod sah ich,
wie tief entfremdet ich ihnen war. Die Trauer, die
mich überkam, galt nicht ihnen, denn sie kannte ich
kaum, die Trauer galt dem Versäumten, das meine
Kindheit und Jugend mit gähnender Leere umgeben
hatte. Die Trauer galt der Erkenntnis eines gänzlich
mißglückten Versuchs von Zusammenleben, in dem die
Mitglieder einer Familie ein paar Jahrzehnte lang
beieinander ausgeharrt hatten."
Das Wunschbild
der Ungebundenheit
"ich sah Jacques nie wieder. (...). Ich habe mich
oft mit dieser sonderbaren Gestalt beschäftigt, habe
versucht, sie zu deuten. Sie enthielt vieles was
Wunschbild für mich war, diese völlige
Ungebundenheit, diese Freiheit des Kommens und
Gehens, dieses Vagabundieren, in Gedanken
idealisierte ich dieses Dasein, ich träumte von dem
Ausschweifenden und Verwegenen dieses Daseins,
während ich wieder zurücksank in meine alte
Gefangenschaft"
Die Bedeutung von
Musik und Büchern für Unzugehörige
"Ich verschloß meine Tür und hängte ein Tuch über
das Schlüsselloch. Erst nachts war ich befreit von
dem Schnüffeln draußen vor meiner Tür. Da war ich
allein in der sausenden Stille eines Hohlraums,
allein mit meinem Bildern und meinen beschriebenen
Blättern, allein mit meinen Büchern und meiner
Musik. Mit Decken dämpfte ich das Grammofon. Aus
unermeßlicher Ferne kam die Musik zu mir, wie ein
Traum von Befreiung. Ich stand in meiner Grotte, und
meine Hände tanzten zum Takt der Musik. In meinem
Blut und in den Vibrationen meiner Nerven, in meinen
Pulsschlägen und Atemzügen klang die Musik. Von
Tränen überströmt trankt ich die Musik, und dann
ging ich zu den Geisterstimmen der Bücher, trat in
die anonyme Gemeinschaft mit Sprechern, die sich
ringsum in der Welt umhertasteten, diese Bücher
waren geheime Botschaften, Flaschenposten,
ausgeworfen, um einen Gleichgesinnten zu finden.
Überall in fremden Städten, an öden Küsten, in der
Verborgenheit von Wäldern, lebten diese Einzelnen,
und viele sprachen aus einem Totenreich zu mir. Die
Vorstellung dieser Zusammengehörigkeit tröstete
mich. Es war mir, als müsse, der, dessen Buch ich
jetzt las, von meiner Gegenwart wissen, und wenn ich
mich dann selbst zum Schreiben niedersetzte, so
wußte ich, daß andere auf mich lauschten, durch ein
großes Rauschen hindurch, das uns alle umgab."
Alleinleben
"meine Eltern resignierten, (...) sie gaben mich auf
(...). Da hatte ich mich selbst, ganz für mich
allein, und niemand beobachtete mich, und niemand
hemmte meine Schritte, ich konnte mit meinem Tag
machen was ich wollte, und das war das Unmögliche,
mit mir selbst fertig zu werden, mir ein Dasein zu
schaffen. Da stand ich, in dieser Stadt Prag, und
sollte mich beweisen, und ich suchte nach einem Raum
in dieser Stadt (...).
Bis ich endlich einen Raum finde, mit eigenem
Eingang, ein Atelierzimmer, verfallen, verstaubt,
mit rußbelegten Fenstern, mit der Runie einer
Bettstelle, mit Kisten und Brettern, aus denen sich
ein Tisch, eine Sitzgelegenheit herrichten läßt.
Dieser Raum entspricht mir, er ist krank, er ist
fleckig und aufgeplatzt von Ausschlägen, er zeigt
mir meine Erbärmlichkeit, er zeigt mir die
Niedrigkeit meines Daseins. So siedelte ich mich an
in der fremden Stadt, ich fand eine Höhle, in der
sich vordem fremde Menschen verkrochen hatten, und
die bald wieder anderen als Unterschlupf dienen
würde. In dieser kurzen Zwischenzeit richtete ich es
mir wohnlich ein in meinem Steinloch mitten in dem
großen Steinhaufen, und ich umgab mich mit
Kritzeleien, Hieroglyfen, die Kunde davon geben
sollten, daß ich hier lebte, mit magischen Zeichen,
mit Zauberformeln, mit denen ich die bösen Geister
der Einsamkeit verscheuen wollte."
Die Frau als
Erlösung aus der Einsamkeit
"Es gab nur Fortsetzen oder Verrecken. Verrecke ich
nicht, kann ich vielleicht einmal eine Frau finden,
deren Blick und Gesten, deren Stimme und deren
Liebkosungen sich plötzlich durch die Eisschicht
hindurchstoßen. Eine solche Frau wird einen Namen
haben und ein Gesicht.
(...).
Und dann erlebe ich vielleicht eines Tages, daß es
gar keine Einsamkeit gibt, daß diese ganze Kultur
der Einsamkeit nur ein Mißverständnis war, nur eine
Konvention, nur ein Mangel an Fantasie, nur eine
Gefühlsverarmung, denn wie kann es Einsamkeit geben,
wenn man einander so nahe kommen kann, wenn man so
tief einander durchdringen kann."