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Peter Weiss: Abschied von den Eltern

 
       
     
       
     
       
   

Peter Weiss in seiner eigenen Schreibe

 
   

GERLACH, Rainer (2003): Peter Weiss an Siegfried Unseld.
Briefe aus dem 20. Jahrhundert XVIII,
in: Süddeutsche Zeitung v. 03.05.

 
       
   

Peter Weiss in der Debatte

 
   

RBL (2002): Peter Weiss bei Hesse in Montagnola,
in: Neue Zürcher Zeitung v. 09.11.

ZIMMERMANN, Eva (2003): "Die bleibenden, zeitlosen Ereignisse im Leben".
Peter Weiss und Hermann Hesse - der Schüler und sein Meister,
in: Neue Zürcher Zeitung v. 26.04.

Eva ZIMMERMANN über Spuren von Hermann HESSEs Werk bei Peter WEISS:

"In dem Roman «Die Situation», 1956 verfasst, doch erst im Jahr 2000 veröffentlicht, lässt Peter Weiss einen gewissen Emil Sinclair als Freund des Protagonisten Viktor auftreten. Nicht nur der Name, den Hermann Hesse sich als Pseudonym für seinen «Demian» wählte, weist auf das Vorbild. Dieser Emil Sinclair lebt nach dem Ersten Weltkrieg im Tessin in der erkennbar beschriebenen Casa Camuzzi in einer Weise, die deutlich Anklänge an «Klingsor» erkennen lässt. - Viktor erinnert sich an seine Besuche dort, an gemeinsame nächtliche Gespräche über die Zeitläufte, über die Zukunft des Menschen, über die Aussenseiter der Gesellschaft, die Emil Sinclair «Steppenwölfe» nannte".

 
       
   

Abschied von den Eltern (1961)
Frankfurt a/M
: Suhrkamp
(1964 in der Edition Suhrkamp erschienen)

 
   
     
 

Klappentext

"Dieses Buch handelt vom Zauber und von den Abgründen der Kindheit, vom schmerzhaften Prozeß des Wachstums, der unausweichlichen Loslösung von den anderen. Es ist das Protokoll einer Selbstbefreiung "

Zitate:

Die Eltern als Portalfiguren

"Ich habe oft versucht, mich mit der Gestalt meiner Mutter und der Gestalt meines Vaters auseinanderzusetzen, peilend zwischen Aufruhr und Unterwerfung. Nie habe ich das Wesen dieser beiden Portalfiguren meines Lebens fassen und deuten können. Bei ihrem fast gleichzeitigen Tod sah ich, wie tief entfremdet ich ihnen war. Die Trauer, die mich überkam, galt nicht ihnen, denn sie kannte ich kaum, die Trauer galt dem Versäumten, das meine Kindheit und Jugend mit gähnender Leere umgeben hatte. Die Trauer galt der Erkenntnis eines gänzlich mißglückten Versuchs von Zusammenleben, in dem die Mitglieder einer Familie ein paar Jahrzehnte lang beieinander ausgeharrt hatten."

Das Wunschbild der Ungebundenheit

"ich sah Jacques nie wieder. (...). Ich habe mich oft mit dieser sonderbaren Gestalt beschäftigt, habe versucht, sie zu deuten. Sie enthielt vieles was Wunschbild für mich war, diese völlige Ungebundenheit, diese Freiheit des Kommens und Gehens, dieses Vagabundieren, in Gedanken idealisierte ich dieses Dasein, ich träumte von dem Ausschweifenden und Verwegenen dieses Daseins, während ich wieder zurücksank in meine alte Gefangenschaft"

Die Bedeutung von Musik und Büchern für Unzugehörige

"Ich verschloß meine Tür und hängte ein Tuch über das Schlüsselloch. Erst nachts war ich befreit von dem Schnüffeln draußen vor meiner Tür. Da war ich allein in der sausenden Stille eines Hohlraums, allein mit meinem Bildern und meinen beschriebenen Blättern, allein mit meinen Büchern und meiner Musik. Mit Decken dämpfte ich das Grammofon. Aus unermeßlicher Ferne kam die Musik zu mir, wie ein Traum von Befreiung. Ich stand in meiner Grotte, und meine Hände tanzten zum Takt der Musik. In meinem Blut und in den Vibrationen meiner Nerven, in meinen Pulsschlägen und Atemzügen klang die Musik. Von Tränen überströmt trankt ich die Musik, und dann ging ich zu den Geisterstimmen der Bücher, trat in die anonyme Gemeinschaft mit Sprechern, die sich ringsum in der Welt umhertasteten, diese Bücher waren geheime Botschaften, Flaschenposten, ausgeworfen, um einen Gleichgesinnten zu finden. Überall in fremden Städten, an öden Küsten, in der Verborgenheit von Wäldern, lebten diese Einzelnen, und viele sprachen aus einem Totenreich zu mir. Die Vorstellung dieser Zusammengehörigkeit tröstete mich. Es war mir, als müsse, der, dessen Buch ich jetzt las, von meiner Gegenwart wissen, und wenn ich mich dann selbst zum Schreiben niedersetzte, so wußte ich, daß andere auf mich lauschten, durch ein großes Rauschen hindurch, das uns alle umgab."

Alleinwohnen

"meine Eltern resignierten, (...) sie gaben mich auf (...). Da hatte ich mich selbst, ganz für mich allein, und niemand beobachtete mich, und niemand hemmte meine Schritte, ich konnte mit meinem Tag machen was ich wollte, und das war das Unmögliche, mit mir selbst fertig zu werden, mir ein Dasein zu schaffen. Da stand ich, in dieser Stadt Prag, und sollte mich beweisen, und ich suchte nach einem Raum in dieser Stadt (...).
Bis ich endlich einen Raum finde, mit eigenem Eingang, ein Atelierzimmer, verfallen, verstaubt, mit rußbelegten Fenstern, mit der Runie einer Bettstelle, mit Kisten und Brettern, aus denen sich ein Tisch, eine Sitzgelegenheit herrichten läßt. Dieser Raum entspricht mir, er ist krank, er ist fleckig und aufgeplatzt von Ausschlägen, er zeigt mir meine Erbärmlichkeit, er zeigt mir die Niedrigkeit meines Daseins. So siedelte ich mich an in der fremden Stadt, ich fand eine Höhle, in der sich vordem fremde Menschen verkrochen hatten, und die bald wieder anderen als Unterschlupf dienen würde. In dieser kurzen Zwischenzeit richtete ich es mir wohnlich ein in meinem Steinloch mitten in dem großen Steinhaufen, und ich umgab mich mit Kritzeleien, Hieroglyphen, die Kunde davon geben sollten, daß ich hier lebte, mit magischen Zeichen, mit Zauberformeln, mit denen ich die bösen Geister der Einsamkeit verscheuen wollte."

Die Frau als Erlösung aus der Einsamkeit

"Es gab nur Fortsetzen oder Verrecken. Verrecke ich nicht, kann ich vielleicht einmal eine Frau finden, deren Blick und Gesten, deren Stimme und deren Liebkosungen sich plötzlich durch die Eisschicht hindurchstoßen. Eine solche Frau wird einen Namen haben und ein Gesicht.
(...).
Und dann erlebe ich vielleicht eines Tages, daß es gar keine Einsamkeit gibt, daß diese ganze Kultur der Einsamkeit nur ein Mißverständnis war, nur eine Konvention, nur ein Mangel an Fantasie, nur eine Gefühlsverarmung, denn wie kann es Einsamkeit geben, wenn man einander so nahe kommen kann, wenn man so tief einander durchdringen kann."

 
     
 
       
   

Rezensionen

fehlen noch
 
   

Das Buch in der Debatte

UEDING, Gert (2000): Das Abenteuer im Wirklichen geht weiter.
Von wegen gestorben: Untersuchungen zum Stand der Familie in der neueren deutschen Gegenwartsliteratur,
in: Welt v. 12.08.

UEDING sieht mit Abschied von den Eltern eine Wende in der Familienliteratur vollzogen:

"Eine nicht unvorbereitete, aber in ihrer Programmatik geradezu auftrumpfende Wende bringt erst 1961 Peter Weiss mit seiner autobiografischen Erzählung »Abschied von den Eltern«. Das Buch beginnt mit dem »fast gleichzeitigen Tod« von Vater und Mutter und der Trauer, die nicht ihnen, sondern der eigenen, durch ihre Schuld versäumten Kindheit und Jugend sowie »der Erkenntnis eines gänzlich missglückten Versuchs von Zusammenleben (galt), in dem die Mitglieder einer Familie ein paar Jahrzehnte lang beieinander ausgeharrt hatten«.

Neu:
RADISCH, Iris (2011): Die elementare Struktur der Verwandtschaft.
Seine Majestät, das Ich, hatte viele Jahre die Alleinherrschaft über den deutschen Roman. Nicht nur zu seinem Vorteil. Jetzt kehrt mit aller Macht die Familie zurück. Und der Abschied vom Ich muss niemanden leidtun,
in: Die ZEIT Nr.41 Literaturbeilage v. 06.10.

 
   

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Bernd Kittlaus
webmaster@single-generation.de Erstellt: 12. Mai 2003
Stand: 23. Oktober 2013