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Svende Merian: Single in der Hamburger Alternativszene

 
       
     
       
     
       
   

Svende Merian im Gespräch

 
   

RAETHER, Till & Sina TEIGELKÖTTER (2005): Brauchen wir heute überhaupt noch emanzipierte Frauen?
Sommergespräche (1): Die Bestseller-Autorinnen Ildikó von KÜRTHY ("Mondscheintarif") und Svende Merian ("Tod des Märchenprinzen") über Männer,
in: Brigitte Nr.14 v. 22.06.

Die Schriftstellerinnen Svende MERIAN und Ildikó von KÜRTHY sprechen über Männerbilder und ihre Romane:

"Gibt es das Ideal große Liebe für Sie?
Svende Merian: Diese Illusion habe ich damals in einem quälenden Verarbeitungsprozess abgelegt. (...).
Ildikó von Kürthy: Ich glaube noch an den
Märchenprinzen. Und notfalls würde ich diesen Glauben auch noch lange künstlich ernähren. Mir geht es mit Romantik und Illusionen besser als ohne.

        
(...).
Ist »Mondscheintarif« der heutige »Tod des Märchenprinzen«?
Ildikó von Kürthy: Nein. Auch wenn es ähnliche Themen gibt wie auf einen Anruf zu warten und dabei zu wissen, dass man dafür von allen Freundinnen und Frauenbewegten  verurteilt wird. Da finde ich Klischees wieder, die damals genauso stimmen wie heute.
Svende Merian: Meine Lieblingsstelle aus dem »Mondscheintarif«: Wenn man einen Mann kennen lernt, muss man eigentlich nur zwei Sätze sagen: »Ach, das ist ja interessant« ...
Ildikó von Kürthy: ... und: »Erzählen Sie bitte mehr davon!«"

 
       
   

Der Tod des Märchenprinzen(1980)
Reinbek: Rowohlt

 
   
     
 

Klappentext

"»Eine Liebesgeschichte in Tagebuchform mit eingestreuten Gedichten. Nichts besonderes also? 'Liebesgeschichten', 'Liebesromane', glückliche und unglückliche, von Frauen geschrieben, gibt es viele... Aber der 'Märchenprinz' rangiert seit Monaten auf einem Spitzenplatz der unveröffentlichten Szene-Bestseller-Liste... Ganz unromantisch findet Svende ihren 'Märchenprinzen' über eine Kontaktanzeige in einem Hamburger Stadtmagazin: 'Linke Frau, 24, möchte gerne unmännliche Männer, gerne jünger, kennenlernen.' Mit einem Gedicht meldet sich Arne, 26 Jahre, autonomer Anti-AKW-Kämpfer. Nach zwei traumhaften Wochen häufen sich Situationen, in denen Arne gemeinsam Erlebtes 'etwas anders' sieht. Svende ist irritiert, frustriert, fühlt sich in ihrer Zuneigung zurückgewiesen, schwankt zwischen der Klassifizierung als 'Schwein' und Schuldgefühlen, schon wieder etwas falsch gemacht zu haben. Lange noch bemüht sie sich um den mehr und mehr den Macker enthüllenden Mann, doch es bleibt bei unverfänglichen Berührungen, abgekühlten Situationen am Kneipentisch...
Svende Merian hat ein Thema behandelt, das viele Frauen (und auch Männer!) angeht: Das Bild, den Traum, die Illusion des 'Märchenprinzen' (der 'Märchenprinzessin'), der (die) eines Tages plötzlich da ist, lang gehegte kindliche Wunschbilder, Märchenvorstellungen endlich erfüllt. Wunschbilder, die sich, auf den wirklichen Menschen gewendet, als erdrückende Klischees erweisen. So legt das Buch unausgesprochen nahe, daß Arne gar nicht anders kann, als sich entziehen - ständig angesprochen auf das Wunschbild im Kopf der Frau, den unproblematischen 'Märchenprinzen' (so werden zum Beispiel die langen Jahre Heimerfahrung, die er hinter sich hat, kaum wahrgenommen). Andererseits hat die Frau (Svende) bestimmte (berechtigte) Erwartungen an den Mann, die auf Grund seiner offensichtlichen Kommunikationsunfähigkeit - sobald er selbst mit seinen Ansichten, seinem Verhalten auf dem Prüfstein steht - ins Aus laufen...
Ich glaube nicht, daß der 'Tod des Märchenprinzen' nur Frauen (oder Männer) einer ganz bestimmten sozialen Gruppe oder Schicht, schlicht die 'Szene', anspricht... Was da ungeschminkt und bisweilen unbeholfen ans Licht der 'großen Öffentlichkeit' gezerrt wird, trifft auch die sogenannten 'normalen' Beziehungen, Ehen. Da ist der 'Typ' dann eben kein autonomer Anti-AKW-Kämpfer, sondern Verwaltungsangestellter in aufstrebender Position - aber was macht da den 'großen Unterschied'?« (Ute Büsing in »Zitty«).

»Wenn der Roman einer unbekannten Autorin zum Bestseller der Alternativszene reüssiert, dann muß es mit dem Buch ja irgend etwas Besonderes auf sich haben. Die Berliner Szene-Zeitung 'Zitty' berichtet denn auch von einem großen Aufruhr, den das Buch bei den Alternativen ausgelöst und sie 'in zwei Lager' gespalten habe: in empörte und begeisterte Feministinnen, in betroffene Männer und cool abwinkende Chauvis... Autorin ist eine fünfundzwanzigjährige Hamburger Studentin, Svende Merian. Ihr Roman, ein autobiographischer Erlebnisbericht, handelt von Liebe, von enttäuschter Liebe, von Sehnsucht nach erfüllter Liebe, von der enttäuschten Sehnsucht nach erfüllter Liebe, der Roman handelt, kurz gesagt, von der Suche nach dem richtigen Mann. Svende Merian nennt das anders, sie sucht nicht nach dem richtigen, sondern nach dem 'unmännlichen Mann'... Darin muß man wohl auch die Ursache für den Erfolg dieses Buches, für seine Anziehungskraft auf Alternative sehen, daß Svende nach Dienstschluß auch mal Feierabend von der Emanzipation macht und in den Armen ihres Frauenfeindes für eine Nacht die Anstandsregeln der Frauen- oder KB-Gruppe an ihren 'Bock' verrät« (»Spiegel«).
»Hier wird nichts an seelisch-körperlichen Regungen und Reaktionen unterschlagen, dieser Text erscheint als authentisches Dokument für die Denk- und Fühlweisen derer, die derzeit 'unter 30' sind« (Jürgen Lodemann, »Frankfurter Rundschau«).

Stimmen zum Buch

"Der feministische Durchbruch hatte zu Beginn der achtziger Jahre eine neue Normalität hinterlassen, die auch vor den Betten nicht haltmachte. Obwohl die zuweilen harschen Auseinandersetzungen, die sich bei außergewöhnlichem Fehlverhalten von Typen bis zum »Frauen-Tribunal« in der Männer-WG steigern konnten, manche dauerhafte Wunde schlugen, existierte der immer wieder apostrophierte Kriegszustand zwischen Männern und Frauen vor allem auf symbolischer Ebene (...). Der geschlechtliche Antagonismus wurde auch im politisierten Alltag von so vielen divergierenden Bedürfnissen durchkreuzt, daß Kompromisse immer wieder die Oberhand behielten. Der »Tod des Märchenprinzen« (Svende Merian) war dabei ebenso unvermeidlich wie die halboffen-halbverborgene Spannung im Proseminar »Studentische Erfahrung und universitäre Lebenswelt«, die sich gegen alle Softieansprüche, Mackerprovokationen und offene »Frauenfeindlichkeit« behauptete. Am Ende waren es nicht nur die weiblichen Mitglieder einer nordelbischen Öko-Gruppe, die nach dem Dienstagsplenum spätabends in der Eckkneipe beim dritten Jever-Pils »über die Bettkante gelabert« wurden. Auch umgekehrt funktionierte das polygame Spiel von Nähe und Distanz."
(aus: Reinhard Mohr "Zaungäste. Die Generation, die nach der Revolte kam", 1992, S.111f.)

"Wir leisteten Beziehungsarbeit, redeten, bis sich der Küchentisch unter der Last unserer Beichten bog. Big Brother ist ein Schweigekartell gegen die Wohngemeinschaften von damals. Die Fronten waren neu, die Gefühle blieben die alten: Sehnsucht und Eifersucht. Mal ehrlich: Warum litt Svende Merian an ihrem Märchenprinzen? Weil er ein Frauenfeind war, wie auf dem Titelfoto an die Tür gesprüht? Oder weil er sie einfach verlassen hatte?"
(Kuno Kruse im Stern v.06.07.2001)

"Nicht umsonst ist das grausamste Buch, das die inzwischen schon wieder historische Frauenbewegung hervorgebracht hat, in Hamburg entstanden, und es spielt in Hamburg. Du erinnerst dich, Svende Merian, 'Der Tod des Märchenprinzen': 'Arne ist ein ganz normaler Mann', steht da im Vorwort. 'Ein Mann wie Du.' (...).
Seither tragen die Hamburger Machos Lederjacken. Als bloßen Schutz. Dass daraus ein Kultgegenstand geworden ist, ein Fetisch, eine Reliquie, das verdanken wir der Frauenliteratur. Das ist eine kulturästhetische Errungenschaft. Immerhin etwas. Und es ist wirklich wahr."
(Uta-Maria Heim in der Frankfurter Rundschau v.09.02.2001)

"Es gab eine Zeit, in der es cool war, als Mann feministische Theorie-Bücher gelesen zu haben. Und den Tod des Märchenprinzen auswendig zu können. Ehrlich gesagt kam man nur so bei den vermeintlich spannenden Frauen weiter."
(aus: Jess Jochimsen "Flaschendrehen", 2002, S.107)

 
     
 
       
   

Beitrag von single-generation.de zum Thema

Rainer Paris - Doing Gender

 
   

Das Buch in der Debatte

SPIEGEL (1983): Blubbert und blubbert.
Ein Kultbuch der Alternativszene, "Der Tod des Märchenprinzen" von Svende Merian, hat ein Gegenstück bekommen: "Ich war der Märchenprinz". Wer schrieb es?
in: Spiegel Nr.50 v. 12.12.

HEIM, Uta-Maria (2001): Die Männer von Stuttgart und Hamburg - ein Städtevergleich,
in:
Frankfurter Rundschau v. 09.02.

Infos zu: Uta-Maria Heim - Autorin der Single-Generation

KRUSE, Kuno (2001): Das Gift des Penis ausgeschwitzt,
Kuno Kruse über 30 Jahre Frauenbewegung,
in: Stern Nr.24 v. 07.06.

JOCHIMSEN, Jess (2002): Matthäus-Passion. In: Derselbe: Flaschendrehen. Oder: Der Tag, an dem ich Nena zersägte, München: Deutscher Taschenbuchverlag, S.98-109

Neu:
POGADE, Daniela (2010): Es lebe das Schwein.
30 Jahre nach dem "Tod des Märchenprinzen" kommt Svende Merians Kultbuch wieder. Der einst militanten Verfasserin des Romans ist wichtig, dass er heute vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund gelesen wird,
in: Frankfurter Rundschau v.
02.08.  

 
   

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Bernd Kittlaus
webmaster@single-generation.de Erstellt: 19. Februar 2001
Stand: 14. Januar 2015