"»Tonio Kröger«, eine »Prosa-Ballade«
aus dem Jahr 1903, die die »intellektuelle und
radikale Jugend, die den Radikalismus damals
freilich noch nicht politisch meinte «, als »ihrgemäß
ergriff«"
Unerwiderte Liebe
"Es kam der Tag, wo er berühmt war, wo alles
gedruckt wurde, was er schrieb, und dann würde man
sehen, ob es nicht Eindruck auf Hinge Holm machen
würde... Es würde keinen Eindruck machen, nein, das
war es ja. Auf Magdalena Vermehren, die immer
hinfiel, ja, auf die. Aber niemals auf Inge Holm,
niemals auf die blauäugige, lustige Inge. Und war es
also nicht vergebens?...
Tonio Krögers Herz zog sich schmerzlich zusammen bei
diesem Gedanken. Zu fühlen, wie wunderbare spielende
und schwermütige Kräfte sich in dir regen, und dabei
zu wissen, daß diejenigen, zu denen du dich
hinübersehnst, ihnen in heiterer Unzugänglichkeit
gegenüberstehen, das tut sehr weh. Aber obgleich er
einsam, ausgeschlossen und ohne Hoffnung vor einer
geschlossenen Jalousie stand und in seinem Kummer
tat, als könne er hindurchblicken, so war er dennoch
glücklich.
(...).
Mehr als einmal kränkte es ihn, daß er mit Magdalena
Vermehren, die immer hinfiel, sprechen konnte, daß
sie ihn verstand und mit ihm lachte und ernst war,
während die blonde Inge, saß er auch neben ihr, ihm
fern und fremd und befremdet erschien, denn seine
Sprache war nicht ihre Sprache; und dennoch war er
glücklich. Denn das Glück, sagte er sich, ist nicht,
geliebt zu werden; das ist eine mit Ekel gemischte
Genugtuung für die Eitelkeit. Das Glück ist, zu
lieben und vielleicht kleine, trügerische
Annäherungen an den geliebten Gegenstand zu
erhaschen. Und er schrieb diesen Gedanken innerlich
auf, dachte ihn völlig aus und empfand ihn bis auf
den Grund."
Unzugehörigkeit
"Ich stehe zwischen zwei Welten, bin in keiner
daheim und habe es infolgedessen ein wenig schwer.
Ihr Künstler nennt mich einen Bürger, und die Bürger
sind versucht, mich zu verhaften... ich weiß nicht,
was von beiden mich bitterer kränkt. Die Bürger sind
dumm; ihr Anbeter der Schönheit aber, die ihr mich
phlegmatisch und ohne Sehnsucht heißt, solltet
bedenken, daß es ein Künstlertum gibt, so tief, so
von Anbeginn und Schicksals wegen, daß keine
Sehnsucht ihm süßer und empfindenswerter erscheint
als die nach den Wonnen der Gewöhnlichkeit."
Stimmen zu Tonio
Kröger
"Von allen Gestalten, seien es literarische
Gestalten oder Literaten selbst, deren Schicksal
daraus bestand, daß sie gerne eine Frau gehabt
hätten, aber keine hatten, daß sie immer gerne im
Leben gewesen wären und doch außerhalb des Lebens
standen, war mir immer die Gestalt des Tonio Kröger
am meisten aufgefallen; ja, man kann sagen, daß mich
der Held dieser trübsinnigen Novelle von Thomas Mann
seit meiner Mittelschulzeit ununterbrochen begleitet
hatte. Auch diese Figur stand nicht richtig im Leben
und war immer deprimiert; auch diese Figur hatte mit
dem »Höheren« zu tun und mußte darum auf die »Wonnen
der Gewöhnlichkeit« verzichten. Tonio Kröger war
eben ein Künstler, und als solcher war es seine
Aufgabe, das Leben nicht zu erleben, sondern nur zu
beschreiben."
(aus: Fritz Zorn "Mars", 1977,
S.93)