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Ursula März: Der 70er-Jahre-Feminismus ist passé

 
       
     
       
   
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    Ursula März in ihrer eigenen Schreibe

     
       
    • MÄRZ, Ursula (1995): Die Angst vor dem Verschwinden.
      Wie Menschen sich inszenieren,
      in: Frankfurter Rundschau v. 16.12.
    • MÄRZ, Ursula (2000): Unordnung und Kinderleid.
      Ulrike Kolbs Roman über die 70er Jahre und die Abgründe der Kulturrevolte,
      in: Frankfurter Rundschau v. 22.03.
    • MÄRZ, Ursula (2000): Wohin mit dem Eros.
      Eine literarische Idee von Polizei: Warum alle Tatort-Kommissare ledig sind und sein müssen,
      in: Frankfurter Rundschau v. 05.08.
      • Kommentar
        Der TATORT ist der Quotenrenner der ARD. Wie Singles in den Medien dargestellt werden, das hat immer auch Auswirkungen auf die private Wahrnehmung von Lebensformen.
              
        Anders als der Untertitel vermuten lässt, behandelt MÄRZ Singles als Unverheiratete und nicht nur als Ledige. Die Autorin erklärt den Familienstand der Kommissare aus der Dramaturgie der literarischen Gattung heraus und blendet damit den gesellschaftlichen Kontext von Debatten über Lebensformen aus.
              
        Es könnte nämlich gefragt werden, warum ein solcher Artikel gerade jetzt erscheint, denn es ist doch offensichtlich, dass hier eine Spielart des "Yettie-Syndroms" beschrieben wird. "Frauen stellen in ihrem Leben einen Störfaktor dar", weil sie ihr "obsessives Verhältnis zum Mordfall relativieren". Sind also die Fernseh-Kommissare sozusagen Helden des "neuen Arbeitsethos"? Vorreiter bei der Einschwörung auf die "New Economy" und ihrer "Droge Arbeit"?
    • MÄRZ, Ursula (2000): Frauen stören nur.
      Affären sind erlaubt, Heirat nicht: Schimanski und die anderen Kommissare am "Tatort" müssen ledig sein - und das seit 30 Jahren. Eine Ehe behindert die Ermittlungen,
      in: Berliner Illustrierte Zeitung, Beilage der Berliner Morgenpost v. 19.11.
      • Der Artikel von MÄRZ erschien bereits unter einer anderen Schlagzeile in der Frankfurter Rundschau am 05.08. (siehe dort)
    • MÄRZ, Ursula (2001): War's das?
      Disponibel und seltsam entwurzelt: Das erschöpfte Paradigma der Gleichberechtigung,
      in: Frankfurter Rundschau v. 04.01.
    • MÄRZ, Ursula (2001): Häsin, Igelin.
      Verona, Alice und JBK,
      in: Frankfurter Rundschau v. 30.06.
    • MÄRZ, Ursula (2001): Große Szenen und leere Strecken.
      Bodo Kirchhoff schießt unglaubliche Tore - und wartet, bis der Ball wiederkommt,
      in: Die ZEIT Nr.41 v. 04.10.
    • MÄRZ, Ursula (2001): Archiv in der Zeitfalte.
      Uwe Timms Roman "Rot" ist ein richtig schönes 68er-Ding,
      in: Frankfurter Rundschau v. 10.10.
    • MÄRZ, Ursula (2001): Beipackzettel zur Weltlage.
      Glücklich verabschiedet, kehrt er plötzlich wieder: Der Nutzen der Literatur soll sich in deren Aktualität erweisen
      in: Frankfurter Rundschau v. 13.10.
      • Inhalt:
        MÄRZ kritisiert, dass Literatur nur noch wahrgenommen wird, wenn sich aus ihnen etwas zum Thema "Islam, westliche Zivilisation, Kulturkampf, Krieg, Amerika, Hochhäuser, Terrorismus, Sprengstoff- bzw. Selbstmordattentat, Flug- bzw. Katastrophenangst, Weltuntergangsmentalität" zitieren lässt:
               "Die indiskutable Grässlichkeit namens Nutzen der Literatur findet Bücher wichtig, in denen kopf- und sprachlose Grünschnäbel nach Teheran reisen und dort die Hölle auf Erde erleben. Nur zur Erinnerung: Über den Abstieg in die Hölle hat ein gewisser Dante vor geraumer Zeit ein recht ordentliches Buch geschrieben."
    • MÄRZ, Ursula (2001): Christian Kracht: 1979,
      in:
      Die ZEIT Nr.44 v. 25.10.
      • Inhalt:
        Wider den tierischen Ernst: "Christian Kracht (...) steht, wiewohl mit einem ganz anderen literarischen Profil als Houellebecq ausgestattet, vor dem gleichen strategischen Problem wie dieser. Wie einen geschmacklich grenzüberschreitenden Roman verfassen, dessen Provokation nicht schon gedacht und deshalb Opfer der Affirmation ist?" schreibt MÄRZ in Fortführung ihrer Argumentation in der FR v. 13.10.2001
    • MÄRZ, Ursula (2001): Das Hitchcock-Gefühl.
      Bequem und bedrohlich: In der Kultur des Angenehmen steckt der leise Horror. Zur Überprüfung einer Kategorie
      in: Frankfurter Rundschau v. 07.12.
      • Kommentar:
        Zwischen dem Song "Angenehm" von Thommie BAYER aus dem Jahr 1980 und diesem Abgesang von MÄRZ auf das Angenehme besteht eine erstaunliche Ähnlichkeit: Beide sehen das Angenehme durch ein "Feindliches Gebiet" (so der damalige LP-Titel) bedroht.
              
        Während jedoch bei BAYER der Frontverlauf zwischen Mann und Frau verläuft, fühlt sich nun die Paar- bzw. Familieneinheit durch die physische bzw. soziale Umwelt bedroht.
    • MÄRZ, Ursula (2002): Älter als Heike Makatsch und jünger als Senta Berger.
      Dieses erfahrene, karriere- und noch strandtaugliche weibliche Wesen: Der neueste Biografiekult um die Frau um die 40. Eine Bestandsaufnahme,
      in: Frankfurter Rundschau v. 08.03.
      • Kommentar:
        Ursula MÄRZ hat die Frau um 40 zur neuen Symbolfigur geadelt, um die "fortschreitende Kultur der Entbiologisierung" geißeln zu können, denn: "Die einzig biografisch wirklich unaufschiebbare Frage, die sie beschäftigen muss (...), ist die, ob sie noch ein Kind bekommt."
              
        Kurz vor der Abschaffung der Frau als Gebärmaschine - wenn man Jeremy RIFKIN glauben darf - wird sie noch einmal auf eine Gebärmaschine reduziert.
    • MÄRZ, Ursula (2002): Das Billigmargarine-Gefühl.
      Die zähe Überlegenheitstheologie der Armut. Notizen zur aktuellen Sparmentalität,
      in: Frankfurter Rundschau v. 21.12.
      • Kommentar:
        MÄRZ hat sich ein typisch bildungsbürgerliches Lass-mich-doch-endlich-in-Ruhe-Armutsbild zurecht gelegt:

              
          "Armut ist ein klassischer Fall von Ambivalenz. Ihr gelten existenzielle Furcht und soziale Sorge ebenso wie Idealisierung und Schwärmerei. Die Moral der Armut, ihr Prestige als Mittel der Läuterung hat in unserer Kultur- und Religionsgeschichte einen festen Platz. Armut kann Schande, aber eben auch Tugend sein. Den besonders Frommen adelt sie auf alle Fälle. Indem sie ihn vom Materiellem befreit, kommt er schon im Diesseits dem Jenseits näher, wo Besitz nicht zählt. Außerdem besitzt Armut einen poetisierenden Wesenszug, der dem Reichtum abgeht."
              
          Das Armutsbild von MÄRZ stammt aus ihrer 70er-Jahre-Jugend:
              
          "In keinem anderen europäischen Land gab es in den 70ern eine linke Kultur, die der deutschen bei ihren normativen Armutsinszenierungen hätte das Wasser reichen können. Die Beispiele - Wohngemeinschaften, in den es aussah wie im Obdachlosenasyl, Billigpapier zum Zigarettendrehen, Billigmargarine zum Kochen, Lambrusco, Kohleschleppen und die entsprechende Verachtung all dessen, was nur entfernt nach Luxus, Komfort und Verschwendung roch - sind zahlreich. Wie auch immer: In dieser Epoche hatte die deutsche Phantomarmut eine Blütezeit".
              
          MÄRZ sieht nun diese 70er Jahre "in anderer, unpolitischer Gestalt" wiederkehren:
              
          "Nicht, dass wir tatsächlich in einer Krise steckten, nicht dass sich diese in den kommenden Jahren nicht noch verengen und die Rentendecke in Jahrzehnten papyrusdünn sein wird. Aber diese realistische Prognose dieser Wohlstandssenkung einerseits und die Armutsbildung andererseits sind wohl zwei Paar Schuhe. Nach wie vor kann es rein rechnerisch so günstig sein, die Wintermonate in einem Hotelkomplex auf Mallorca oder in Tunesien zu verbringen wie zu Hause. Aber die Deutschen flüchten immer weniger aus dem Winter in den Sommer. Sie wurden nicht schlagartig zu arm dafür.
        Aber sie wurden schlagartig von dem Gefühl erfasst, die Zeit für derlei Extravaganzen sei einfach vorbei. »Verzicht schafft Freiraum«, schreibt die Schriftstellerin Juli Zeh in reinster, frömmelnder Blauäugigkeit in einem Spiegel-Essay zum Thema »Neue Bescheidenheit« und argumentiert verblüffend nah am Muffgeist der drei Jahrzehnte zurückliegenden Vergangenheit."

              
          ZEHs "Neue Bescheidenheit" steht in der Tradition der "privileged poor" (DIEDERICHSEN) und ist nicht zu Verwechseln mit der neuen Armut im Niedriglohnsektor, den MÄRZ mit ihrer typisch bildungsbürgerlichen Fixierung auf Ihresgleichen (d.h. Neue Mitte) elegant ausklammert.
    • MÄRZ, Ursula (2003): Das Schöne...
      ...ist das Schreckliche. Jetzt macht sie richtig Schule: die Harmlosigkeit als Prinzip der deutschen Gegenwartsliteratur,
      in: Frankfurter Rundschau v. 09.10.
      • Inhalt:
        MÄRZ ist nicht begeistert von der deutschen Gegenwartsliteratur:

              
          "Die Abwehr des Schrecklichen, Unerträglichen, Unverdaulichen und die harte Arbeit am mittleren Kunstschönen scheinen sich gegenseitig zu bedingen.
        Zwar kommen die neuen Bücher von Michael Kumpfmüller, von Birgit Vanderbeke, von Georg M. Oswald, von Julia Franck (...) weiß Gott nicht im Gewand der Trivialliteratur daher. Aber im Verhältnis, das sie zum Schrecklichen einerseits und zum Schönen andererseits einnehmen, eignet ihnen ein Zug des Trivialen."
    • MÄRZ, Ursula (2004): Tach, ich schau mal hin.
      Latent anarchisch: Kolumnismus als Stil, Gattung und Denkart,
      in: Frankfurter Rundschau v. 28.05.
      • Inhalt:
        MÄRZ beschäftigt sich mit dem Kolumnismus:

              
          "Peter Richters subjektiver cross-over-Realismus ist ein Musterbeispiel für einen gewollt gelockerten Schreib-, Denk- und Unordnungsstil, der im vergangenen Jahrzehnt an publizistischer Bedeutung gewann und wie kaum ein anderer Stil das gesellschaftliche und ästhetische Empfinden der Gegenwart ausdrückt. Nennen wir ihn Kolumnismus."
              
          MÄRZ sieht im Kolumnismus den Ausdruck des gegenwärtigen Zeitgeistes:
              
          "die Konjunktur dieser Literatur ist zeitsymptomatisch. Sie ist der beste, unmittelbarste Ausdruck einer Gesellschaft, die sich in erster Linie als offene Werkstatt begreift, die sich als Ganzes aus den Augen und über den improvisatorischen Reformismus hinaus den Sinn für eine verbindlich entworfene Gestalt ihrer selbst verloren hat. (...). Kurzum: Der kolumnistische Stil ist die Botschaft einer nicht identitätsschwachen Gesellschaft."
    • MÄRZ, Ursula (2004): Überforderung durch Triebstau.
      Ein jeder Ehebruch ziehet vorüber: Martin Walsers neuer Roman "Der Augenblick der Liebe" ist eine Wiedersehensparty mit bekannten Namen, Figuren und Motiven,
      in: Frankfurter Rundschau v. 23.07.
    • Inhalt:
      Ursula MÄRZ lehnt den Roman "Der Augenblick der Liebe" rigoros als regressiv-mimetisches Legoland der Walser-Welt ab und handelt gleich noch ganz nebenbei das deutsche Intellektuellen-Desaster ab:

               "Die Bundesrepublik entbehrt repräsentationsfähiger, autoritätsfähiger intellektueller Figuren. Aber sie kultiviert das Gegenteil: die Figur im ewig unfertigen Entwicklungsstadium, das, anhaltend bis zur Weißhaarigkeit und darüber hinaus, zwangsläufig ins Schauspiel der Regression und der Albernheit übergeht. Insofern ist Martin Walser, unser kränkungserfahrenster und kränkungsbereitester Schriftsteller, eben doch ein typischer Vertreter der Bundesrepublik; beharrend auf den Wonnen der adoleszenten Suche."
    • MÄRZ, Ursula (2004): Immer wieder Kinderläden.
      Die unendliche 68-Diskussion,
      in: Frankfurter Rundschau v. 29.10.
      • Inhalt:
        Ursula MÄRZ war im Potsdamer Einstein-Forum und hat sich dort die Debatte zwischen Sophie DANNENBERG, Heinz BUDE und dem Publikum angehört.

              
          Die Unruhe, die von 1968 ausgeht,  ist für MÄRZ kein Generationenkonflikt, sondern das Problem der Vermischung von Idealismus und Gewalt:
              
          "Mit dem Generationenkonflikt allein, dem Konflikt zwischen den heute über 60jährigen, die, von ihren Häusern in der Toskana abgesehen, höchste Staatsämter bekleiden und Professorenposten innehaben, und den 30 bis 40jährigen, die sich die Träume und Toskana und Professur abgeschminkt haben, ist die Unruhe nicht zu erklären. Die antiautoritären Kinderläden sind schon lange, wirklich lange passé. Aber als Geschichtskonflikt ist 68 nicht passé.
        Es symbolisiert die Anfälligkeit idealistischen Denkens für Formen der Destruktivität, der Grausamkeit, der Gewalt. Mit den Folgen von 68 wird die Gesellschaft fertig. Aber damit, 68, den Terrorismus oder die antisemitischen Impulse als Folge der Geschichte zu betrachten, ist sie offensichtlich noch lange nicht fertig.
        "
    • MÄRZ, Ursula (2005): Wie man mit Anstand 50 wird.
      Vom Stapel: Claudius Seidl "schöne junge welt",
      in: Die ZEIT Nr.11 v. 10.03.
    • MÄRZ, Ursula (2005): Verschiebung der Mentalität.
      Kinder als Ursache von Verzicht,
      in: Frankfurter Rundschau v. 10.05.
      • Kommentar:
        Man muss besorgt sein um unser Qualitätsfeuilleton. Statt objektiver Berichterstattung werden reaktionäre Thesen nachgebetet.

              
          Wie kommt es eigentlich, dass in den 90er Jahren die kinderlose, allein lebende Medientante zum Ideal aufsteigen konnte, obwohl zur gleichen Zeit die Verbreitung der weiblichen allein lebenden Besserverdienenden eher bescheidene Ausmaße hatte?
              
          Tatsache ist, dass unsere Medientanten viel zu einem falschen Selbstbild in unserer Gesellschaft beigetragen haben. Nur langsam werden diese Lebenslügen und damit das Ausmaß der Singlelüge sichtbar.
              
          Das gesellschaftliche Alleinleben im mittleren Lebensalter war bereits in den 90er Jahren männlich. Dieses Leben war jedoch uncool und konnte deshalb kein Thema werden. Christian SCHULDT hat in seinem Buch "Der Code des Herzens" Aufstieg und Niedergang dieser Medienbilder als Effekt der Selbstreferentialität von Medien und dem Aufstieg bzw. Niedergang der New Economy beschrieben.
              
          Möglicherweise war und ist das weibliche Alleinleben in Medienkreisen besonders schick. Die Studien hierzu lassen noch auf sich warten.
              
          Jetzt scheint der Katzenjammer auszubrechen, genau wieder in diesen individualisierten Medientanten-Kreisen, die sich gerne als Pioniere eines neuen Lebensstils betrachten.
              
          Statt Selbstbespiegelung erwarten wir jedoch Fakten zu gesellschaftlichen Tendenzen und keine narzisstischen Spiegelfechtereien à la MÄRZ.
              
          Oder sollte dieses Gejammer mehr mit dem selbstverschuldeten Niedergang der Printmedien zu tun haben?
              
          Möglicherweise hat ja beides viel miteinander zu tun. Man möchte schließlich nicht dauernd mit den Problemen von Medientanten belästigt werden, die weite Teile der Gesellschaft NICHT teilen.
              
          Wenn Ursula MÄRZ nun einen Mentalitätswandel konstatiert, dann ist dieser in erster Linie ein Phänomen innerhalb der Medienwelt, die Lebenslügen dieser überbewerteten Branche werden nun offensichtlich...
    • MÄRZ, Ursula (2005): Heim suchen.
      Es gibt immer weniger Familien, aber immer mehr Familiensinn. Über Geschichte und Utopie von Lebensgemeinschaften,
      in: Tagesspiegel v. 04.09.
      • Inhalt:
        "
        Keine Familie war ohne Schatten, ohne irgendein Problem, ohne ihr Drama. Auch die eigene nicht – Vater Lehrer, Mutter Hausfrau, zwei Kinder – , über die sich sagen lässt, dass sie erhalten blieb, dass ihr äußerer Erhalt auch nie in Frage stand und dass sie sich, im Vergleich mit den Verhältnissen rundum, glaubte, geordnet, normal, gesichert nennen zu dürfen.
                  
        In dem Mietshaus, wo sie im Erdgeschoss wohnte, lebten fünf Parteien. Unter dem Dach hauste ein junges, noch kinderloses Ehepaar, das sich regelmäßig lautstark stritt, ohrfeigte, versöhnte und im Hausflur penetrante Gerüche nach Bier und Schweiß hinterließ. Im ersten Stock saß ein stilles Ehepaar, das den einzigen Sohn im Zweiten Weltkrieg verloren hatte und aus Schlesien vertrieben worden war.
                  
        Die Familie daneben war insofern etwas kurios, als sie im Ruf schroff ungleicher Intelligenzverteilung ihrer vier Mitglieder stand. (...). Im Erdgeschoss gegenüber lebte ein alter Mann mit seiner unverheirateten, auch schon älteren Tochter, die tagsüber ins Büro ging. Sie wirkten vereinsamt und isoliert.
                  
        Das also war sie – die heile Welt der deutschen Kleinbürgerfamilie in den fünfziger und sechziger Jahren. In den Häusern daneben und auf der anderen Straßenseite sah es nicht besser, das heißt: nicht geordneter oder unproblematischer aus. (...).
                  
        Kurzum: Jede dieser Familien wich vom offiziellen Ideal der gesunden glücklichen Keimzelle der Gesellschaft mehr oder weniger ab. In jeder wurde das, was der jüngste Familienbericht der Bundesregierung gestelzt als »Humanvermögen« bezeichnet, auf irgendeine Weise verschleudert. Würde man das oben beschriebene Szenario zum Sittenroman verarbeiten, berichtete dieser in erster Linie von familialen Beschädigungen diverser Natur. Dies aber in einer ein knappes halbes Jahrhundert zurückliegenden Zeit, von der die heutigen Prediger der so genannten richtigen Familie behaupten, damals sei sie noch nicht in der Krise, nicht vom Verschwinden, nicht vom Single-Individualismus, nicht von der Frauenemanzipation, nicht von der Gebärfaulheit bedroht gewesen.
                  
        Die Rede vom drohenden Ende des Familienmodells gehört zu den Standards jedweder, rechter wie linker Gesellschaftskritik", merkt Ursula MÄRZ zur Familiendebatte an."
    • MÄRZ, Ursula (2006): Minimum.
      Times Mager,
      in: Frankfurter Rundschau v. 07.03.
    • Kommentar:
      Ursula MÄRZ meint, man müsse SCHIRRMACHERs Buch "Minimum"  lieben - trotz MATUSSEK. Ihre Begründung entbehrt jedoch jeglicher Logik:

                
      "Offensichtlich geht es in Frank Schirrmachers neuem Sachbuch um den dramatischen Verlust gesellschaftlicher Bindungs- und Fürsorgekraft durch das Aussterben des Familiarismus. Dieser Gedanke ist nicht neu, er ist auch nicht gerade selten. Aber er ist durchaus wichtig, ja, für die Zukunft unserer Kinder und Kindeskinder höchstwahrscheinlich höchstwichtig. Er sollte durchaus ins allgemeine Bewusstsein eindringen."
                
      MÄRZ meint entweder Familialismus oder Familiarität. Familiarismus ist jedenfalls ihre Eigenkreation.
                
      Inzwischen glaubt ja selbst Herwig Birg nicht mehr daran, dass die Deutschen aussterben werden, wie er in der Berliner Zeitung erläuterte. Aber dass nun der Familialismus oder die Familiarität aussterben soll, das ist nun vollkommen absurd. Diese Absurdität hat jedoch offenbar ihre Ursachen.
                
      Das extremistische Milieu, in dem sich unsere "Medientanten" (MATUSSEK) bewegt, hat seit 2002 sozusagen eiskalte Füße bekommen. Es dämmert vielleicht so manchem ganz langsam, dass die Glaubwürdigkeit dieser Kaste auf dem Spiel steht. Diese Hysterie mit der jetzt plötzlich die Bindungslosigkeit (von wem eigentlich?) beklagt wird, entspricht ja einer jahrzehntelangen Ignoranz jenen Milieus gegenüber, für die Individualisierung nie ein Thema war.
    • Neu:
      MÄRZ, Ursula (2006): Die Panik der Mittelschichtler.
      Die Debatte über die Kinderarmut der Deutschen verhandelt die Sorgen von Schichten, die bisher gut ohne Kinder ausgekommen sind
      in: Frankfurter Rundschau v. 06.04.
      • Kommentar:
        Ursula MÄRZ greift ein Thema auf, das single-dasein.de bereits vor längerem in den Raum gestellt hat: Das Epizentrum der deutschen Kinderlosigkeit sind die deutschen Redaktionsstuben.

                  
        Der neue Extremismus wird von MÄRZ anlässlich des Buches "Das große Jein" folgendermaßen kurzschlüssig interpretiert:
                  
        "Die Panik haben wir, deutsche Mittelschichtler, und wir haben obendrein das Problem, dass es sich um keine echte, natürliche, sondern eine gleichsam demographisch theoretische, ausgedachte, man könnte auch sagen: um eine tautologische Panik handelt. Denn die kinderlose Gesellschaft, vielmehr die kinderlosen Gesellschaftsschichten, leiden paradoxerweise darunter, dass sie eigentlich ohne Kinder recht gut zurecht kommen. Sie sind alarmiert, weil ihnen nicht fehlt, wovon sie glauben, dass es ihnen anthropologisch fehlen sollte. Sie fühlen einen Phantomschmerz, den Schmerz der Antriebslosigkeit, der tieferen Unnotwendigkeit, Kinder in die Welt zu setzen."
                  
        MÄRZ heizt die hysterische Debatte zusätzlich an:
                  
        "Es reicht zum Großen Jein, wie das Buch treffend betitelt ist. Zum großen Ja, zu dem der panische Alarmismus aufruft, reicht es nicht, reicht auch die demographische Sorge nicht. Daher der schrille Moralismus, der die gesamte Kinderdebatte seit kurzem bestimmt. Die Moral drängt das Jein, ein Ja zu werden. Es geht aber nicht. Keiner der Moralisten der Kinderfrage, ein Ober- oder Mittelschichtsakademiker also, dürfte mehr als ein oder höchstes zwei Kinder zu Hause haben. Warum eigentlich nicht acht Kinder? Wie Birgit?"
     
           
       

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    Verlag Das Wunderhorn

     
       
     
     

    Rezension

    "Mit Ursula März' (...) Porträt (...) wird nun auch in Deutschland eine Frau ins Bewusstsein gerückt, die nicht nur Gattin eines der - neben Breton und Aragon - bekanntesten Surrealisten war, sondern die ferner eine exemplarische, zum Teil traurig eigenständige, von den Zeitumständen (Krieg, Flucht vor der Vichy-Regierung) vollkommen abhängige Existenz führte.
    (...)
    Von Philippe lebte sie zwanzig der insgesamt 53 Ehejahre getrennt; gezwungenermaßen, denn er hatte in dieser Zeit eine amerikanische Freundin. Ré war wohl männerlos (...). Die Deutung aber, dieses Ehepaar hätte eben jene Epoche übersprungen, in der bei anderen der Trott einsetze, überzeugt nicht (...). Sicher aber ist: Der Lebensabend brachte zwei glückliche Jahrzehnte. Philippe und Ré wohnten in kleinen Appartements nebeneinander und besuchten einander täglich. Er stets in Schlips und Kragen. Wie es sich für einen Surrealisten gehört. I.H. "
    (aus: I.H. "Die tapfere Ré" in der Frankfurter Rundschau vom 08.01.2000)

     
     
     
           
       

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