"Piet Atten, der als linker
Liedermacher mal eine ziemlich große Nummer im Showgeschäft
war, will wieder ganz nach oben. Er will Erfolg, aber er
will sich nicht dem Mainstream anpassen und seine Ideale
soweit aufgeben, daß er sich selbst unglaubwürdig wird, wie
es vielen seiner Freunde passiert ist. Und er möchte wieder
mit seinem alten Roadie zusammenarbeiten, der eines Tages
das Tourleben satt gehabt hatte. Beide erzählen abwechselnd
die Geschichte ihrer Freundschaft bis zum letzen Showdown."
Zitate aus der Taschenbuch-Ausgabe:
Manfred Kröger - Der Roadie aus dem Proleten-Milieu
"Armer
Manne.
Dabei beneide ich ihn, den Roadie vieler gemeinsamer Jahre
(...). Wahr ist, daß ich ihm den lupenreinen
proetarisch-revolutionären Stammbaum vom Ur-Ur-Ur-Großvater,
dem Weberaufstandsführer Wilhelm, über den
Soldatenratsorganisator und Ur-Opa Heinreich bis zum Vater,
dem Streikführer Ewald mißgönne." (S.22)
"Wenn es
so etwas geben sollte wie wirklicher Freund, dann ist
es Manne Kröger - vielleicht ist er sogar mein letzter
Freund, und als Roadie ist er unersetzlich. (...).
Er weiß, wo das Publikum wann wie reagiert. Zum Beispiel in
Regensburg muß ich die Bischofsballade als letztes Lied vor
der Pause bringen. Ich breche ein, wenn ich auf der Ran-Fete
die Gewerkschaftssatire, beim Evangelischen Kirchentag das
Landkommunerondo vortrage, und in der Hamburger Musikhalle
vor den Kindern des Mittelstandes soll ich -wie er sich
ausdrückt - meine schönen Lebenshilfe-Lieder krähen."
(S.23f.)
Kneipen
"An der
Ecke in der Kneipe stellte ich mich an den Tresen und trank
ein Bier - eine Eckkneipe, in die Männer noch mit
Hausschuhen hereinkommen, auf ein Glas, aber dann bis
Mitternacht bleiben, Schichtarbeiter, Rentner, Angestellte.
Am Stammtisch, unter den Fotos von prämierten Tauben, die
übliche Runde: der Wortführer, weißhaarig, rosig, mit
randloser Brille, die Lage klarstellend. Die anderen
zustimmend, zweifelnd, mal widersprechend, aber nicht
heftig. Gemütlich und aufreizend zufrieden das Ganze. Auch
am Nebentisch, wo sie Skat spielten. Die Männer, die drum
herum standen, schwiegen. Erst nach dem letzen Stich begann
das Palaver - tausendmal und mehr geübt. Am Tresen knobelten
zwei in Lederjacken, und vor dem Spielautomaten stand der
Kettenraucher, wartete auf seine Musik: das Klacken der
Raster und das Klappern der Münzen. Der Wirt träumte überm
Zapfhahn." (S.9)
"Wie oft
bin ich bei Erwin Zibulla mal eben mit reingegangen und erst
am nächsten Morgen wieder rausgekommen. Piet hat die Kneipe
besungen. In der Stadt kennt jeder das Lied von der
Wirtschaft im Schieferhaus vor der Fabrik: Drei Männer am
Tresen singen nach Mitternacht, daß kein Tag so wunderschön
wär wie heute. Die Fußballmannschaften auf den Fotos an den
Wänden fallen ein, die Sperrstundenpolizisten, die
Nachtschicht drüben im Betrieb und schließlich die ganze
Unterstadt.
Das Schieferhaus ist (...) voll in Schuß (...). Der letzte
Rest vom alten Arbeiterviertel, das man in den späten
fünfziger Jahren abgerissen hatte. Es war gelungen, das Haus
unter Denkmalschutz zu stellen. Es liegt zweihundert Meter
vom Haupttor der Müller-Balzenbeck-AG. Piets Lied hat den
Titel Bei Tante Klara, seitdem heißt die Kneipe auch
so, obwohl auf dem Schild über dem Eingang immer noch steht:
Gastwirtschaft Erwin Zibulla. Der ärgert sich, weil die
Leute ihn jetzt oft Tante Klara nennen. (...).
Die Kneipe ist Vereinslokal von TUS 98. Früher tagten beide
Parteien abwechselnd im großen Saal und die Gewerkschaft.
(...).
Zu Streikzeiten tagt hier das Betriebskomitee,
Bürgerinitiativen planen hier ihre Aktionen, Die
Skatwettbewerbe werden hier ausgetragen, der Betriebschor
probt hier". (S.132ff.)
"Wenn man
wie ich jahrelang on the road ist, wird die Kneipe
zum Zuhause, und ich kenne eine Menge Kneipen in unserem
Land, bin an freien Tagen und nach Konzerten oft noch
stundenlang gefahren, um ein paar Stunden in einer guten
Kneipe zu hocken - im Anker zum Beispiel, wo man vom
Tisch aus die Schiffe auf der Elbe vorbeifahren sieht und
mit Fischern über die kranken Fische im Fluß redet, Grog
trinkt, wenn der Regen an die Scheiben klatscht und der Wind
das Seil and er doppelt abgestützten Fahnenstange, einem
alten Segelschiffsmast, knattern läßt. Oder im Löwen
am Englischen Garten im München. Da sitzen im Winter an
abgegriffenen Holztischen nachmittags Mütter mit ihren
Kindern, die Schularbeiten machen, Studenten helfen ihnen
dabei. Überall brennen Kerzen. Ich sitze mit dem Rücken am
Kachelofen, trinke Bier und esse Leberkäs. (...). Bei
Berthold Zum alten Eisen gegenüber der Brebacher
Hütte muß ich den Stiefel antrinken, wenn die Stahlkocher
von der Schicht kommen. (...).
Sonntag morgens Bei Alma auf dem Hunsrück friert Piet
vor Gemütlichkeit, weil man durch die offenstehenden Fenster
Orgel und Gesang aus der Kirche gegenüber hört, den
plätschernden Brunnen und den Geruch der Lindenbäume in der
Nase hat, und die Bauern am Stammtisch zufrieden grinsen und
furzen. (...).
Ja, ich kenne eine Menge guter Kneipen in unserem Land. aber
nirgendwo fühle ich mich so wohl wie bei Erwin Zibulla."
(S.135ff.)
Schuppen
"Richtiges Heimspiel auf Kreisklassenebene war das Konzert
im Saalbau Schwägers. Er liegt nicht weit von dem Viertel,
wo ich groß geworden bin. (...).
Der Saalbau Schwägers ist früher Tanzschuppen gewesen.
Klassenfeste wurden da gefeiert, Tanzstunden abgehalten. Zum
Wochenende gabs Schwof, Rock'n Roll haben wir auf den
Holzdielen getanzt - Entenschwanz und Haarlacktolle, offenes
Hemd und bißchen Brust, alle waren wir Elivs Presley, wie
ich im Lied über die wilden Gymnasiasten sixty one singe,
und mit diesem Lied fing ich auch an. Der Saal wird heute
für Vereinsversammlungen, Vorführungen von Haushaltswaren,
Kleintierausstellungen und zum Wochenende von
Provinzrockgruppen benutzt. Warum er noch nicht zum
Pornoladen, Disco-Schuppen oder Materiallager umfunktioniert
wurde, weiß ich nicht. Die Akustik ist grauenhaft - aber das
machte nichts." (S.80f.)
Wohngemeinschaften
"Piet
Atten lebt nur in Wohngemeinschaften. Zuletzt hatte er in
der Beletage eines alten Hauses in der Nähe vom Kölner Dom
gewohnt. Davon hatte er mir vorgeschwärmt: Mal was
Handfestes, Manne, Leute, die ihre Probleme nicht ständig
vor sich hertragen, sich nicht von morgens bis abends auf
dieser Psychoebene inszenieren. Arbeiter alle, nur zwei
Studentinnen.
Es stellte sich dann heraus, daß es Bühnenarbeiter waren und
ein Sozialarbeiter." (S.15)
Karriere eines Yuppies der 68er-Generation
"Kreiter
stand vor der Tür, breitete beide Arme aus, umhalste mich.
(...). Manne Kröger kriegte einen kumpelhaften Händedruck.
Der hatte ihn früher mal gefragt, so auf die naive Tour: Was
treibt ihr da eigentlich in eurem Institut für Planung
und Kommunikation? Und Kreiter hatte auf seine einfache
Art, für die er berühmt ist, nach einem didaktischen
Überlegungspäuschen geantwortet: Laß es mich so sagen. Wir
arbeiten für Arbeitserleichterung.
Das Schlitzohr. In Wirklichkeit erarbeiten sie
Rationalisierungsprogramme für Betriebe und Behörden, lehren
Personalführung, Training in human chemistry, Sensiblität in
den zwischenmenschlichen Beziehungen und so was. (...).
Er hat das Konzert arrangiert, damals im Marburger Schloßhof.
(...). Dieses Konzert brachte den Durchbruch. (...).
Kreiters Sprüche faszinierten mich damals. Er studierte
Mathematik und Soziologie, war ein Jahr in Berkley gewesen,
promovierte bei Adorno. Nebenbei organisierte er den Markt
für bestimmte Pharmaprodukte um. Es begann zu seiner Zeit
schon zu rumoren in den Universitäten, und auf einem der
ersten Teach-ins hatte er eine Rede gehalten, aus der immer
wieder Zitate in der Presse erschienen. Er trug eine
US-amerikanische Kampfjacke und eine Baseball-Kappe, daran
ein Button mit der nackten Marilyn Monroe. (...).
Als Leiter des Projekts PÄDSAG traf ich ihn in München. Sie
untersuchten Randgruppen-Verhalten in einem Aso-Viertel.
Kreiter trug Motorradfahrer-Leder. Seine Mannschaft himmelte
ihn an. (...).
Zur Zeit seiner Hamburger Stadtteilarbeit - damals bewarb er
sich um einen Sitz in der Bürgerschaft - fuhren wir beide
einmal an einem Herbsttag ins Obstmarsche. Weißt du, daß ich
mich anwidere, sagte er (...). Wo das hinführen soll, jetzt
s-preche ich schon wie einer von der Waterkant, sagte er."
(S.49ff.)
Klassenkampf im Zeitalter der Globalisierung
"Auftritt
vor Hoesch, beim Streik (...). Seit langer Zeit in diesem
Land hatte man so was wieder gehört und in der Tagesschau
gesehen: Arbeiter, die vor ihrem bestreikten Betrieb ihre
alten Kampflieder singen. Und was hat Piet hinterher dazu
gesagt, als wir im Wagen nach Süden fuhren? Unglaublich
komisch, aber auch rührend unbeholfen sei das. (...). Im
Zeitalter globaler Markt- und Umverteilungsstrategien,
störungskompensierender Teilsysteme, Makro- und
Mikroprozessoren jubeln die braven Malocher treuherzig: Alle
Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will. Und es
singen nostalgisch die Chefetagen der Arbeitgeber- und
Arbeitnehemrzentralen mit." (S.79)
Die
Schizos der Kriegsgeneration
"Daß
Talle, der Stilbewußte, es in dieser
Suburb-Mittelschichtsvilla aushält, begreife ich auch nicht:
Swimmingpool und Partykeller, Ziegelsteinwände im living,
Bärenfell vor dem Kamin, arm-chaires davor; auf dem
Sitzgruppentisch mit Schieferplatte Keramikpötte voll
Kräckers und Whisky, Martini, Gin - alles wie aus einem
Hollywoodfilm der fünfziger Jahre. Dazu Liz, seine Frau, der
Traum der Aufbaugeneration, diese Mischung aus Doris Day und
Kim Novak. Und es singt dazu aus allen Boxen an allen vier
Wänden Frank Sinatra. (...).
Talle, der älteste von uns. Ein Kriegsteilnehmer. (...).
Ostermarschierer der ersten Stunde, Sinatra-Fan aber
Pazifist - dann wieder erzählte er Geschichten aus dem
Afrika-Feldzug, Tobruk, Bengasi, El Alamain, und kann
plötzlich so Sachen loslassen wie am Friedhoftörchen in
Fechenbach: Hier ein einziges MG hin, und der ganze Ort
könnte gehalten werden.
Wie viele solcher Schizos gibt es in dieser
Aufbaugeneration? Das müßte man mal ausforschen. Dann würde
einem vielleicht auch einiges klarer werden in unserer
Republik." (S.179f.)
Stadtsanierung und Konsumterror
"Durchs
Viertel ziehen, da wo man aufgewachsen ist (...).
Die reinste Nostalgie. Als ob nicht damals schon die
Spurenverwischer am Werk gewesen wären. Mit dem alten Markt
haben sie es am gründlichsten betrieben: Giebel und Erker
der Häuser aus der Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg
begradigt, auf Hochglanz das Fachwerk lackiert, kleine
Fenster, Luken und Leute raus, große Fenster, Läden,
Geschäfte rein, mit bunten Schildern behängt und beleuchtet
von innen und außen das Ganze am hellichten Tag. Das ist
Walt Disneys Märchenwelt im Verbund mit John Maynard Keynes'
propensity to consume (...).
So oder ähnlich sehen sie überall in unseren Städten aus,
die neuen alten, alten neuen Märkte, Einkaufszeilen und
Fußgängerzonen, und ich fühle mich wirklich mies, elend,
krank, wenn ich da durch bin - anders als Manne Kröger. Sind
wir in einer neuen Stadt - das erste, was er macht: er
wandelt durchs Einkaufszentrum, kommt strahlend zurück, ins
Hotel mit vollgepackter Tüte. Zu meinem Vortrag:
Entfesselung der Waren-Sinnlichkeit zur Unterdrückung
unserer eigentlichen Bedürfnisse und Sehnsüchte vor den
Kulissen eines verlogenen Gebrauchswertversprechens,
Warenbeziehung und Wegwerfmoral, Zerstörung von
Kommunikation - diese Kette, darüber lächelt er. Bestenfalls
bin ich für ihn der spinnerte Dichter, der den Traum vom
achtzehnten Jahrhundert träumt, ein grün-bunter
Sponti-Aktivist, vermutlich aber der kleinbürgerliche
Aufsteiger, der den Werktätigen den erkämpften
Lebensstandard mißgönnt, oder auch nur der Antikonsum-Kaspar,
wie mich dieser Kollege aus Eisenhüttenstadt genannt hat."
(S.87f.)
"Piets
Haß auf Ladenzeilen, Kaufhäuser, Boutiquen, Shops, dieses
Beieinander in den Fußgängerzonen, diese
Konsumkacke-Philosophie von ihm ist schon merkwürdig. Dabei
kauft er sich sofort alles, was er gerade haben möchte.
Seine Wohnungen sind vollgestopft mit wirklich teuren
Dingen, den letzen Hifi-Anlagen, Hunderten von
Schallplatten, Videogeräten, Sitz- und Liegemöbeln, Flaschen
und Flakons, nutzlosem Zeug und lauter Krimskrams. Wenn man
ihn auf diesen Widerspruch anspricht, legt er gleich los:
Abgesehen davon, daß er die Sachen brauche, sei er eben auch
verführbar, gerade er, das widerspräche aber doch nicht der
richtigen Erkenntnis ... und dann kommt sein Vortrag über
Konsum als Herrschaftsinstrument in der kapitalistischen
Massenkultur. Da kann man ihn nicht mehr abknipsen."
(S.201)