"Vor
zwanzig Jahren, 1951, verschlug es uns in dieses Dorf. Fritz
erlag der Werbung für den Ruhrbergbau in Schleswig-Holstein,
ich erlag der Werbung für den goldenen Westen - wie das
Ruhrgebiet Anfang der fünfziger Jahre scherzhaft genannt
wurde - in Franken.
(...).
Wir jungen Leute wurden in einem Ledigenheim untergebracht -
in Baracken und Notunterkünften wie heute die ausländischen
Arbeiter - vier Mann auf einer Stube. Dort lebten wir mehr
oder minder einträchtig drei Jahre, bis wir eine Wohnung
bezogen. Fritz ging in Miete, ich bewarb mich um ein
Eigenheim." (S.7)
"Als ich,
mit dreihundert anderen, in den ersten Jahren in einem
Ledigenheim wohnte, setzte er (Anm.: der Bürgermeister) sich
dafür ein, daß den Verheirateten schnellstens eine Wohnung
zugewiesen wurde. Das ist doch kein Leben, sagte er
manchmal, die Frau irgendwo und der Mann hier unter einer
Horde. Das geht nicht. Den Ledigen redete er zu, ein Mädchen
aus dem Dorf zu nehmen, dann würden auch sie innerhalb eines
Jahres eine Wohnung haben. Dafür sorge ich schon, ich, der
Bürgermeister." (S.14)
Die
60er Jahre - Der Strukturwandel im Ruhrgebiet und die
Wochenendpendler
"Die
jungen Männer, die nicht durch die Arbeit auf der Zeche an
die Wohnung gebunden waren, wie ihre Väter es heute noch
weitgehend sind, haben schon vor Jahren, bei Ausbruch der
Kohlenkrise, die Zeche verlassen, obwohl die
Zechenverwaltungen hohe Summen für ihre Ausbildung ausgaben.
Das ist denen ihr Risiko, sagen die jungen Leute. Die jungen
Leute kehrten ohne Groll von der Zeche ab, denn ihnen war,
im Gegensatz zu ihren Vätern und Großvätern, die Zeche
niemals Heimat, nur notwendiges Übel (...).
Sie fahren jetzt in die Nachbarstädte im eigenen Auto, nach
Unna, Hamm oder Dortmund, viele zu Opel nach Bochum, und
nicht wenige haben bei Bayer Leverkusen Arbeit gefunden. Sie
kommen am Freitagabend zu ihren Familien in ihre Siedlungen
zurück und fahren am Montagmorgen, wenn die Kinder noch
schlafen, nach Leverkusen wieder zur Arbeit. Sie stehen am
Samstag am Tresen in der Kneipe und erzählen denen, die noch
auf der Zeche bis zum bitteren Ende ausharren oder aushalten
müssen, weil die betriebsgebundene Wohnung wie ein Mühlstein
an ihrem Hals hängt, wie gut sie es haben, und bedauern, daß
sie nicht schon früher den Sprung wagten." (S.11f)