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Wolfgang
Herrndorf: Partyzone Berlin
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Beitrag
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Wolfgang Herrndorf in seiner eigenen Schreibe
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HERRNDORF, Wolfgang (2004): Klagenfurt.
Ein erfundener Erfahrungsbericht über das
Ingeborg-Bachmann-Wettlesen am Wörthersee,
in: Süddeutsche Zeitung v. 17.07.
-
Wolfgang HERRNDORF plaudert über seine
Teilnahme in Klagenfurt:
"Was wollte ich eigentlich
in Klagenfurt? Man wurde das Gefühl nicht los, sich rechtfertigen
zu müssen.
Goetz hatte sich
an Ort und Stelle selbst bestraft,
Nadolny seinen Preis verschenkt,
Georg Klein schrieb nur noch Fußballreportagen. Warum wollte
ich dahin, wo keiner hinwollte? Lassen Sie es mich so formulieren.
Martin Walser
inszeniert zu jedem Buch einen eigenen Skandal und hat es in
der Liste der reichsten Deutschen auf Platz 34 gebracht.
(...).
Eine andere Möglichkeit war, Tabus zu brechen wie ein
Geisteskranker (...). Das letzte Tabu hatte meines Wissens
Jana Hensel geknackt: Verniedlichung
des Totalitarismus.
(...).
Eine dritte Strategie sah vor, gerichtsnotorisch zu werden (....).
Biller, Herbst und
Lentz hatten das vorgemacht,
ich fand ihre Bücher fantastisch. aber auch dieser Weg war mir
verbaut, man brauchte häßliche Ex-Freundinnen dazu.
(...).
Meine ganze Aufmerksamkeit im Vorfeld galt der Erlangung des
Burkhard Spinnenschen
Wohlwollens. In den Jahren zuvor hatte man erkennen können, daß,
wer Juror Spinnen auf seiner Seite hatte, nicht unterging,
jedenfalls nicht auf dramatische oder unelegante Weise."
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Wolfgang Herrndorf: Gespräche
und Porträts
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MORISSE, Jörn (2007): Wolfgang Herrndorf (Schriftsteller)
- Es ist ja nicht so, dass man auf einer Kunsthochschule was
lernt,
in:
Derselbe - Wovon lebst
Du eigentlich? Vom Überleben in prekären Zeiten,
München: Piper Verlag
HERBOLD, Astrid (2010): Das Ding im Kopf.
Traurig, komisch: "Arbeit und
Struktur", der Blog des schwerkranken Autors Wolfgang
Herrndorf,
in:
Potsdamer Neueste Nachrichten v. 10.12.
PASSIG, Kathrin (2011): Wann hat es "Tschick" gemacht, Herr
Herrndorf?
Erst war er bei der „Titanic“, dann schrieb er „In
Plüschgewittern“ - und jetzt ist sein Roman „Tschick“ zum
Bestseller geworden. Im Interview erklärt Wolfgang Herrndorf,
warum schreiben kundenfreundlicher ist als malen,
in: faz.net v. 31.01.
HÖBEL, Wolfgang (2011): Warum denn nicht ich?
Der Schriftsteller Wolfgang
Herrndorf, dem mit dem Abenteuerroman "Tschick" ein
Überraschungserfolg gelang, schildert in seinem Netz-Tagebuch
seinen Kampf gegen den Krebs - komisch, traurig und poetisch.
Ein Literaturereignis,
in:
Spiegel Nr.6 v. 07.02.
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Klappentext
"Während in München Palästinenser
des »Schwarzen September« das Olympische Dorf
überfallen, geschehen in der Sahara mysteriöse
Dinge. In einer Hippie-Kommune werden vier Menschen
ermordet, ein Geldkoffer verschwindet, und ein
unterbelichteter Kommissar versucht sich an der
Aufklärung des Falles. Ein verwirrter Atomspion,
eine platinblonde Amerikanerin, ein Mann ohne
Gedächtnis - Nordafrika 1972.
Ein mitreißender Agententhriller - und noch viel
mehr: ein literarisches Abenteuer, ein
außerordentlicher Roman."
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Rezensionen
Neu:
SEIDL, Claudius
(2011): Die Form der Lärm und der Zorn.
475 Seiten,
fast so viele Figuren und ein Mann ohne Gedächtnis: "Sand",
der neue Roman von Wolfgang Herrndorf, sprengt alle Grenzen.
Vor allem die zwischen Autor und Leser,
in:
Frankfurter
Allgemeine Sonntagszeitung v. 06.11.
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Klappentext
"»Ich muss dir ein Geheimnis verraten«,
sagte ich. »Ich bin der größte Feigling unter der
Sonne. Der größte Langweiler und der größte
Feigling, und jetzt können wir zu Fuß weiter. Auf
einem Feldweg würd ich's vielleicht versuchen mit
dem Wagen. Aber nicht auf der Autobahn.« Zwei Jungs.
Ein geknackter Lada. Eine Reise voller Umwege durch
ein unbekanntes Deutschland.".
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Rezensionen
SEIBT, Gustav (2004): Zauberisch und superporno.
Maik, wohlstandsverwahrlost, und Tschick, hochbegabt,
asozial, werden nicht zu Tatjanas 14. Geburtstag eingeladen.
Sie drehen ein anderes Ding. Ein Buch wie ein Roadmovie -
nur besser,
in: Süddeutsche Zeitung v. 13.10.
BARTELS, Gerrit (2010): Endkomischer Roadroman.
"Tschick" von Wolfgang Herrndorf setzt genau das um, was
der Autor vom Schreiben erwartet. "Es muss einen packen",
meint er,
in: Tagesspiegel v. 14.10.
LOVENBERG, Felicitas von (2010): Wenn man all die Mühe
sieht, kann man sich die Liebe denken.
Tom Sawyer und Huck Finn kreuzen im geklauten Lada durch
den wilden Osten: Wolfgang Herrndorf ist in seinem neuen
Roman "Tschick" ganz groß in Fahrt,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 16.10.
HAMANN, René (2010): Schmeiß das Handy weg.
Jugend: Wolfgang Herrndorfs "Tschick" ist ein schönes
Roadmovie in Romanform über die Reise zweier junger Männer
ins Ungewisse,
in: TAZ v. 27.10.
SEIDLER, Ulrich (2010): Mist bauen im großen Stil.
Eine wilde, zarte Reise durch die Pubertät: "Tschick" von
Wolfgang Herrndorf,
in: Neue Zürcher Zeitung v. 28.10.
RÜDENAUER, Ulrich (2010): Abenteuerreise ins eigene Leben.
Zwei Vierzehnjährige und ein Sommer: Wolfgang Herrndorfs
großartiger Roman "Tschick",
in: Frankfurter Rundschau v. 13.11.
SCHACHINGER, Christian (2010): Durch den wilden Osten.
Wolfgang Herrndorf schickt zwei Berliner Jugendliche
hinaus in die dunkel-wildromantische Landschaft der Walachei
und deren Bewohner,
in: Der Standard v. 22.12.
SAAGER, Michael (2011): Die Welt ist schlecht, oder etwa
nicht?
Viel zu selten werden solche Romane geschrieben, Romane
wie Herrndorfs "Tschick" – hinreißend, lustig, spannend,
klug und wahrhaftig. Besser als die Wirklichkeit?,
in: Fluter v. 21.01.
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Stimmen zur Kurzgeschichte
"Die
Jury ließ sich begeistern. Etwa gleich am ersten Morgen, bei
der short story von Wolfgang Herrndorf, die kühl von
einer höchst unwahrscheinlichen Annäherung eines
bindungsunfähigen, depressiven Mannes und eines
pubertierenden Jungen erzählte, in dessen Träumen vom
Kosmonautenleben der Ältere die eigenen, im täglichen
Daseinskampf längst versickerten Sehnsüchte erkennt. Mit
kunstvoll verknappten Dialogen wurde hier eine Romantik im
Endstadium heraufbeschworen, Caspar David Friedrichs Mond
als trübes Restleuchten im trostlos-schwarzen Hinterhof der
Gegenwart"
(Richard
Kämmerlings in der Frankfurter Allgemeine Zeitung vom
28.0.2004)
"Herrndorf,
Jahrgang 1965, war die eigentliche Entdeckung des
Wettbewerbs. Sein Schreiben erweckt den Eindruck, es sei
ganz dicht an der Gegenwart, was immer das heißen mag, und
trotzdem angeschlossen an die Literaturgeschichte: an Kafka,
Beckett, Carver und die deutsche Popliteratur."
(Marius Meller im Tagesspiegel vom
28.06.2004)
"Eine transzendentale Obdachlosigkeit, die
unterm nächtlichen Firmament nicht minder erbarmungslos ist
als in tristen Hinterhofwohnungen, führte der in Berlin
lebende Wolfgang Herrndorf vor. Das präzise Kammerspiel von
der Hoffnungslosigkeit des Lebens wurde von der Jury
eindeutig unterschätzt, bekam aber den diesjährigen
Publikumspreis."
(Paul Jandl in der Neuen Zürcher Zeitung
vom 28.06.2004)
"Leer ist
die Welt in dieser eher wenig wagenden Literatur häufig,
leer geräumt, bevölkert von Monadenwesen, Einsamen, die sich
und Reste von Nähe eher zufällig finden, auf der Spitze
eines Berges aus Vergangenheit stehen. Düster kann diese
Leere sein, muss sie aber nicht. Entrümpelt, wie sie ist,
lässt sie, wie in der glänzenden Post-Carver-Erzählung des
Berliners Wolfgang Herrndorf, Raum für eine ganz neue
gereinigte Romantik."
(Elmar Krekeler in der Welt vom
28.06.2004)
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Der Beitrag in der
Debatte
LOTTMANN, Joachim (2004):
Ohren zu und durch!
Das Wettlesen beim Bachmann-Preis in Klagenfurt, vom
Fernseher aus gesehen,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v.
27.06.
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LOTTMANN charakterisiert zuerst
einmal -
Deutsche Einheit-mäßig -
den typischen Wettbewerbs-Literaten, dessen
hervorstechendsten Merkmale sein Dresscode und seine
Meinungslosigkeit sind. Davon hebt er dann die Ausnahmen
ab:
"Zwischen ihnen
und den neuen ernsten Gutaussehkandidaten sitzt aber immer
die eine Ausnahme, die sich Klagenfurt jedes Jahr leistet,
den einen Inhaltisten, den einen Pop-Autor, den einen, der
etwas erlebt hat (...), dieses Jahr Wolfgang Herrndorf."
Ein
bisschen Rebellion muss dann auch noch sein:
"Lichtblick: In
den kleinen Filmchen, in denen jeder Autor vor seinem
Lese-Akt gedankenschwer schweigend vorgestellt wird (...)
fehlte eines: Wolfgang Herrndorf hatte sich geweigert,
sich dergestalt dämlich aufnehmen zu lassen. Eine
Sende-Leerminute entstand, peinlich irre und aufregend. Es
war die einzige Minute im Fernsehen, die mir wirklich
literarisch vorkam."
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BARTELS, Gerrit (2004): Zeitlos groß in Klagenfurt.
Bei aller gebotenen
literarischen Qualität: Auf den 28. Tagen der
deutschsprachigen Literatur zu Ehren Ingeborg Bachmanns in
Klagenfurt wurde offenbar, dass sich die deutsche
Gegenwartsliteratur erstaunlich wenig für die Gegenwart
interessiert,
in: TAZ v. 28.06.
JANDL, Paul (2004): Trambahn
nach Dresden.
Der Ingeborg-Bachmann-Preis 2004,
in: Neue Zürcher Zeitung v. 28.06.
KÄMMERLINGS, Richard (2004):
Was zählt, ist auf dem Blatt.
Unter Wert verkauft: Der 28. Klagenfurter Bachmann-Preis,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 28.06.
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Richard
KÄMMERLINGS vermisste zwar eine Grundsatzdebatte über
das, was Literatur heute sein sollte, kritisierte also
vorwiegend die Jury, war aber ansonsten ganz zufrieden mit
dem Wettbewerb. |
KREKELER, Elmar (2004): das Ritual mit Leben gefüllt.
Ingeborg-Bachmann-Preis: In Klagenfurt trafen in diesem Jahr
gute Texte auf Kritiker in Hochform,
in: Welt v. 28.06.
MANGOLD, Ijoma (2004): Kuss
auf die Wange.
Alles anders: Der 28. Literaturwettbewerb in Klagenfurt,
in: Süddeutsche Zeitung v. 28.06.
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Ijoma
MANGOLD lobt die Vielfalt und Abwechslung an Genres
und Formaten beim Wettbewerb. |
MELLER, Marius (2004): In
Schokoladengewittern.
Kritik ist die
schönste Drecksarbeit der Welt – beim Wettbewerb um den
Bachmann-Preis in Klagenfurt fand sie würdige Gegner,
in: Tagesspiegel v. 28.06.
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Klappentext
"Dieser Roman ist eine hellsichtige Deutschlanddiagnose
aus der Sicht eines Beobachters mit überscharfer
Wahrnehmung und merkwürdigen Angewohnheiten, der bei
seinen pointierten Analysen immer wieder auch den Blick
auf das eigene Leben riskiert:
»Im Rückblick kommen mir die Höhepunkte meines Lebens
vor wie eine Reihe von Zufallsbildern.
Fußballübertragungen, Tapetenmuster, Werbemelodien, und
eine kleine Entzündung auf der Oberlippe des Gegenübers
erweist sich als haltbarer und beständiger als alle
Liebesschwüre oder Daseinskatastrophen«.
Die Einladung seines Freundes Desmond nach Berlin reißt
ihn aus dem Strom seiner Gedanken, und hier, in der
Metropole, taucht er ab ins anarchische Szeneleben."
Pressestimmen
"Der Berlin-Roman (...) ist in
Wirklichkeit ein Stahlgewitter der Einsamkeit, dem
sich dieser verzweifelte Romantiker aussetzt, weil
es Seinsgleichen nicht gibt. Seine Brüder im Geiste
stammen freilich alle aus dem zwanzigsten
Jahrhundert und hören auf Namen wie Holden Caulfield
oder Travis Bickle."
(Edo Reents in der Frankfurter
Allgemeinen Zeitung vom 05.11.2002)
"Man ist ihm schon oft begegnet, diesem
jungen Mann und namenlosen Icherzähler aus Wolfgang Herrndorfs Debütroman »In Plüschgewittern«: in den
Büchern von Benjamin Stuckrad-Barre, Christian
Kracht oder Marc Fischer. Herrndorfs Held ist zwar
kein überspannter Dandy, doch weiß auch er nichts
anzufangen mit seiner wohlbehüteten Kindheit und
Jugend in den Achtzigern und dem nachfolgenden
unspektakulären Irgendwie-vor-sich-Hinleben. Wie
schwer es ist, bloß mit sich selbst klarzukommen!
Warum kann man nicht wenigstens einmal in die Haut
eines anderen schlüpfen? Da bleiben nur gnadenloses
Durchblickertum und hilfloser Zynismus: Diese
Generation muss nur noch durch Plüschgewitter, nicht
mehr durch Stahlgewitter!"
(Gerrit Bartels in der TAZ v.
15.01.2003)
Zitate:
Die Generation
X als Medienphänomen
"Im Stern gab es mal dieses Foto,
Anfang der 90er Jahre, glaube ich, eine Reportage
über die Generation X. Generation X, das war so ein
Begriff, der damals aufkam, und das sollten
Jugendliche sein, die sich der Gesellschaft
verweigern, ohne gegen sie zu protestieren. Oder so
ähnlich jedenfalls. Ich hab es nicht genau
verstanden.
Natürlich gab es das auch gar nicht, und da hat dann
der Fotograf vom Stern eben so Leute wie Erika in
eine unordentliche Umgebung gesetzt, und im Text
hieß es dann, Erika, 22, sei wahnsinnig selbstbewußt
und intelligent, würde aber nur als Kellnerin
jobben, und das auch nur, wenn sie gerade Geld
brauchte, und mit Freunden würde sie durch die
Straßen ziehen, billige Drogen konsumieren und die
Spießer verhöhnen und nachts im Bett Turgenjew
lesen.
Es war ein klasse Foto, wie sei da auf der Bettkante
hockte und überhaupt nicht lächelte mit ihren
riesigen Schneidezähnen, und Erika hat sich
furchtbar darüber aufgeregt. Bei Turgenjew, der
aufgeschlagen auf ihrem Nachttisch lag, war sie über
die ersten dreißig Seiten nie hinausgekommen, und
das hatte sie dem Mann vom Stern auch gesagt. Aber
der wollte von Terry Pratchett wiederum nichts
wissen. Und daß der Rest auch nicht stimmte und daß
es die Generation X gar nicht gab - all das hat
Erika aufgeregt. Allerdings zu Unrecht. Denn es
dauerte nicht lang, und dann gab es das wirklich,
und die Leute liefen so herum, und das war auch kein
Wunder. Selbst mich überkam beim Anblick des
Mädchens, das auf der Bettkante hockte, billige
Drogen konsumierte, die Spießer verhöhnte und nachts
im Bett Turgenjew las, ein unbestimmtes
Sehnsuchtsgefühl. So ein Foto war das." (S.13f.)
Von Kneipe zu
Kneipe:
Oder das Elend des 21. Jahrhunderts
"Ich lasse alles, was nach Szenelokal
aussieht, links liegen und gehe nur in Kneipen mit
Holzvertäfelung und Sportpokalen über der Theke und
Namen wie Eck-Kartause oder Pilsner Stüberl. Und das
Schöne daran ist, da stehen dann so Frauen mit
Perückenfrisuren hinter der Theke, die gar nicht
warten, bis man den Mund auftut, sondern gleich:
»Ein Bier?« rufen und schon die Hand am Zapfhahn
haben, egal, ob man diese Schultheiss-Brühe wirklich
will oder nicht. Das ist schon erfreulich, daß es
das noch gibt, mitten in dieser riesigen Stadt.
Nach sechs oder sieben Kneipen lande
ich im Kaffee Burger in der Torstraße, einem völlig
heruntergekommenen 70er-Jahre-Wohnzimmer mit
speckigen Häkelvorhängen und Ostdevotionalien an der
Wand, und ich merke zu spät, daß das Ganze keine
Stüberl-Kneipe mehr ist. Und zwar merke ich das
daran, daß die Musik, die da läuft, nicht wirklich
scheiße ist und überall nur ganz, ganz junge Leute
in Trainingsjacken rumstehen. Sie sind alle noch
schlechter angezogen als ich, das heißt also besser,
denn die Masse hat ja irgendwie immer recht. Ich
versuche ein Bier zu bestellen, und es dauert eine
Dreiviertelstunde, bis die Bedienung reagiert. Daß
man nicht bedient wird, gehört in solchen Clubs ja
dazu. Keine Bedienung, Hosen ohne Form und
grauenvoll bedruckte T-Shirts. Ich fühle mich da
immer ein bißchen ausgegrenzt.
Das Komische daran ist, wenn man Marzahn rausfährt
oder in andere Elendsquartiere, sind die Leute
genauso gekleidet. Da sitzen die Kinder vor den
Supermärkten auch noch mit Stoffhosen und blauer
Adidas-Trainingsjacke, genau wie hier. Außer daß die
hier Achttausendmarksjobs machen und
Kommunikationsbrillen aufhaben. Das haben die in
Marzahn natürlich nicht. Da ist das noch
70er-Jahre-Elend, während das hier 21. Jahrhundert
ist. Wenn man von hier nach Marzahn läuft, kann man
wahrscheinlich sogar eine kontinuierliche Zeitreise
unternehmen durch alle Moden und Haltungen der
letzten dreißig Jahre. Die 90er in Friedrichshain,
die 80er in Lichtenberg, die 70er in Marzahn."
(S.166f.)
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Rezensionen
ZEHRER, Klaus Cäsar (2002): Wie geht's uns denn heute?
Wie "in Plüschgewittern" - wie
das ist, erzählt Wolfgang Herrndorfs Roman,
in: Berliner Zeitung v. 21.10.
REENTS, Edo (2002): Geboren
im Sternzeichen Krokodil.
Wolfgang Herrndorfs trinkfestes Romandebüt,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 05.11.
BARTELS, Gerrit (2003):
Berlin, 2001,
in: TAZ v. 15.01.
SEIBT, Gustav
(2003): Nicht ohne meine Kommunkationsbrille.
Halb sarkastisch, halb romantisch: Wolfgang Herrndorfs
kleiner Berlin-Roman "In Plüschgewittern",
in: Süddeutsche Zeitung v. 29.01.
-
Der
generationengerechte Gustav SEIBT schwingt sich zum
Vormund der Flutkatastrophenopfer auf. Als deren
selbsternannter Fürsprecher führt er seinen Kreuzzug gegen die
Spaßgesellschaft, genauer: gegen die "Partyzonen wie
»Mitte« oder »Friedrichshain«. Als Anlass dient
ihm dieses Mal die Rezension von Wolfgang HERRNDORFs "In
Plüschgewittern", die nebenbei zum Rundumschlag gerät
gegen alles worunter SEIBT Pop versteht.
Das beginnt bei
Sven REGENERs SO36-Roman
"Herr Lehmann", geht weiter zu
David WAGNERs "Meine
nachtblaue Hose" und endet bei den derzeit
erfolgreichen ostdeutschen Schriftstellern wie Thomas
BRUSSIG, Jakob HEIN ("Formen menschlichen Zusammenlebens")
und dem Reinhard MOHR-Hätschelkind
Jana HENSEL.
Das Hätschelkind
von SEIBT heißt dagegen Martin Z. SCHRÖDER, der "ein wenig
vom Ich absieht". Im Gegensatz zu SEIBT selbst, der erst
vor kurzem ICH-Sagen gelernt hat. Ina HARTWIG hat ihm
dafür eine "gewisse Steifheit der Selbstdarstellung" (FR
05.09.2002) bescheinigt. An HERRNDORFs Roman
gefällt SEIBT in erster Linie dessen kritischer Blick auf
den
Berliner "Kaffee Burger", den HERRNDORF als völlig
heruntergekommenes "70er-Jahre-Wohnzimmer mit speckigen
Häkelvorhängen und Ostdevotionalien an der Wand"
beschreibt (Detlef
KUHLBRODT sieht das ganz anders). Geiz-ist-nicht-geil-Oberlehrer
SEIBT fügt dem hinzu:
"Diese jungen Menschen tragen zwar dasselbe wie die Kinder
vor Supermärkten in Marzahn, mit dem Unterschied
allerdings, »dass die hier Achttausendmarkjobs machen und
Kommunikationsbrillen aufhaben«. Damit ist der Regelkreis
der
Neidgesellschaft geschlossen."
Aber vielleicht ist
alles auch ganz anders? So schreibt
Harald
MARTENSTEIN (ZEIT v. 30.01.2003) zu den Gesetzen der
Szenemode:
"Das, was bei der
gesellschaftlich tonangebenden Altersgruppe als besonders
geschmacklos gilt, wird von der nachwachsenen Generation
immer zur Szenemode ernannt".
Als Beispiel nennt
MARTENSTEIN die Clubgänger von Berlin-Mitte, die heute so
aussähen wie Bauarbeiter von 1980<-
"Also wie die Antithese
zu den aktuellen (...) Opinion-Leaders".
Daraus lässt sich
folgern: Die Partygänger der Spaßgesellschaft wollen unter
keinen Umständen mit Typen wie Gustav SEIBT verwechselt
werden. Was SEIBT kritisiert ist also nichts anderes als
die Kehrseite seines eigenen Generationenstils.
Das Ende der
Spassgesellschaft - Kulturkämpfe in der Popmoderne |
REICHELT, Matthias (2004): Modellbau Deutschland.
Wenn alles in Ordnung ist, ist nichts in Ordnung: Mit
seinem Romandebüt »In Plüschgewittern« beschreibt Wolfgang
Herrndorf die unsexy BRD-Bürgerlichkeit,
in: junge Welt v. 07.02.
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Wolfgang
Herrndorf im WWW
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