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Wolfgang Kraushaar: Was von den 68ern bleibt

 
       
     
       
     
       
   

Wolfgang Kraushaar in seiner eigenen Schreibe

 
   
  • KRAUSHAAR, Wolfgang (1999): 1968, das Jahr der Rebellion.
    Serie: Das Jahrhundert der Befreiung,
    in:
    Spiegel Nr.13 v. 01.04.
  • KRAUSHAAR, Wolfgang (2001): Vom Außenseiter zum Außenminister.
    Ein für Deutschland einzigartiges gesellschaftliches Cross-over: Joschka Fischers politische Karriere,
    in: Frankfurter Rundschau v. 20.01.
 
       
   

1968 als Mythos, Chiffre und Zäsur (2000)
Hamburg: Hamburger Edition

 
   
 
 

Klappentext

"Geschichte schreiben, meinte Walter Benjamin einmal, heiße »Jahreszahlen ihre Physiognomie« zu geben. Doch welche Gesichtszüge mit »1968« in Verbindung gebracht werden sollen, ist noch immer höchst umstritten. Das schillernde Jahr stand nicht nur für Aufbruch, Umwälzung und Emanzipation, sondern auch für einen Flirt mit dem totalitären Kommunismus und markiert zugleich die Geburtsstunde einer Apologie der Gewalt, des RAF-Terrorismus. In der Erinnerungskultur der Bundesrepublik spielt »1968« dennoch die Rolle einer Art Ursprungsmythos. Ob es sich zum 10., 20., 25. oder zum 30. Mal jährte, jedes mal haben sich die Medien den Hauptereignissen extensiv gewidmet. »1968« wird von vielen als eine Art soziokultureller Nachgründung der Republik angesehen. Inzwischen ist »1968« jedoch vor allem eine Münze im Kampf um das politische Selbstverständnis dieser Republik geworden. Der »Kulturkampf um 68« ist spätestens seit der deutschen Einigung ein ständig wiederkehrender Topos, an dem sich in Öffentlichkeit und Wissenschaft die Geister scheiden.

Der 68er-Bewegung wird auch von der Zeitgeschichte die Rolle einer bedeutenden, in mancher Hinsicht sogar einzigartigen historischen Zäsur eingeräumt. Mehr und mehr Historiker haben sich darauf besonnen, daß das umstrittene Jahr die Rolle eines Knoten- und Umschlagpunktes in der Geschichte der alten Bundesrepublik spielt. Wer dem »Mythos 68« nicht aufsitzen will, dem bleibt nichts anderes übrig, als die damalige Jugendbewegung zu historisieren. Es gibt kein politisches Erbe der 68er-Bewegung, auf das sich heute noch irgend jemand unmittelbar berufen könnte.

»1968« war sicher eine starke, vielleicht sogar die weitreichendste politische Herausforderung in der Geschichte der alten Bundesrepublik. Eine Tiefenwirkung besaß die antiautoritäre Bewegung vor allem aber als ein soziokultureller Bruch, als die Implementierung eines neuen Lebensgefühls, das eine erhebliche gesellschaftspolitische Durchsetzungskraft entfaltete. Das erzeugte in den siebziger Jahren eine nachhaltige Grundspannung zwischen den in ihrer Legitimität in Frage gestellten Institutionen in Erziehung, Wissenschaft, Kirche, Presse usw. und den Staatsorganen sowie den von den etablierten Parteien geprägten Einrichtungen."

Forschungsdefizit der 68er-Bewegungsforschung

"Es mangelt auch heute, mehr als drei Jahrzehnte danach, immer noch an einer quantitativen empirischen Sozialstudie, die genauer Aufschluß über soziale Herkunft, Schichten- und Konfessionszugehörigkeit sowie andere wichtige Sachverhalte wie Qualifikation, Berufs- und Karrieremuster bieten können."
(S.239)

Kritik an der Gleichsetzung der 68er-Bewegung mit der 68er-Generation

"Die pauschale Zuordnung von Parlamentariern nach Geburtsjahrgängen, die dem Generationenprofil der 68er zugerechnet werden, entgrenzt die Bezugsgrundlage."
(S.246)

Von der Anti-Elite der 68er-Bewegung zur postmaterialistischen Wertelite

"Meine Hypothese lautet: Die einstmalige Antielite der 68er-Bewegung ist weder zu einer Funktionselite noch zu einer Führungselite, auch nicht zu einer Weltanschauungselite mutiert, sondern zu einer Werteelite anderen Typs. (...).
Die Werteelite anderen Typs steht (...) nicht für Auslese, sondern für Vermittlung anderer, nichtmaterialistischer Werte. Ihr geht es nicht in erster Linie um die Wahrnehmung von Macht, auch nicht um die Erringung von Aufmerksamkeit, sondern um die Durchsetzung von Einfluß im Sinne der Ausprägung ziviler Wertvorstellungen.
Mittels ihrer Multiplikatorenrollen im Bildungs-, Medien und Kulturbereich haben die Exponenten der 68er-Bewegung Schneisen in die traditionalistische, von den Bedürfnissen nach Sicherheit geprägte Wertelandschaft geschlagen und selbstreflexiven, postmaterialistisch orientierten Wertemustern, in deren Zentrum die Lebensqualität steht, zum Durchbruch verholfen. Ich halte es deshalb für angemessen, hier von einer postmaterialistischen Werteelite zu sprechen."
(S.247f.)  
 

 
 
 
       
     
   
  • Von der Anti-Elite der 68er-Bewegung zur postmaterialistischen Werteelite (Personenliste, S. 240-242)

    • Professoren & Wissenschaftler
      • ALHEIM, Klaus
      • ALTVATER, Elmar
      • BACKHAUS, Hans-Georg
      • BAETHGE, Martin
      • BAUER, Gerhard
      • BECKER, Egon
      • BECKER-SCHMIDT, Regina
      • BERGMANN, Joachim
      • BERNDT, Heide
      • BILLERBECK, Ulrich
      • BLANKE, Bernhard
      • BOCK, Gisela
      • BÖCKELMANN, Frank
      • BOEHNCKE, Heiner
      • BOVENSCHEN, Silvia
      • BRANDT, Peter
      • BRAUNMÜHL, Claudia von
      • BRINKMANN, Heinrich
      • BRÜCKNER, Margit
      • BRUMLIK, Micha
      • BRUNKHORST, Hauke
      • BUCKMILLER, Michael
      • CLAUSSEN, Detlev
      • CLEMENZ, Manfred
      • DAHMER, Helmut
      • DÄHNE, Eberhard
      • DANNECKER, Martin
      • DEPPE, Frank
      • DEUTSCHMANN, Christoph
      • DINER, Dan
      • DRESSEN, Wolfgang
      • EBBINGHAUS, Angelika
      • ECKART, Christel
      • ERLER, Gisela
      • EßBACH, Wolfgang
      • FICHTER, Tilman
      • FREVERT, Ute
      • FREYBERG, Thomas von
      • FREYHOLD, Michaela von
      • FUNKE, Hajo
      • FÜLBERTH, Georg
      • GERHARDT, Uta
      • GERSTENBERGER, Heide
      • GORSEN, Peter
      • GRUNENBERG, Antonia
      • HACK, Lothar
      • HAUG, Frigga
      • HAUG, Wolfgang Fritz
      • HÄUßERMANN, Hartmut
      • HELBERGER, Christof
      • HERBERT, Ulrich
      • HERKOMMER, Sebastian
      • HERMANN, Klaus
      • HICKEL, Rudolf
      • HIEBER, Lutz
      • HILLACH, Ansgar
      • HIRSCH, Joachim
      • HOLZKAMP, Klaus
      • HONDRICH, Karl-Otto
      • HORN, Klaus
      • HOß, Dietrich
      • HUFFSCHMID, Jörg
      • JACOBI, Otto
      • JAERISCH, Ursula
      • JAPP, Uwe
      • KADRITZKE, Ulf
      • KAMLAH, Jörg
      • KLAAS, Herbert
      • KÖHLER, Christoph
      • KOENEN, Gerd
      • KRIEPENBURG, Rüdiger
      • KRIPPENDORFF, Ekkehart
      • KROVOZA, Alfred
      • LEGGEWIE, Claus
      • LENK, Elisabeth
      • LESSING, Hellmut
      • LAUERMANN, Manfred
      • LEINEWEBER, Bernd
      • LEITHÄUSER, Thomas
      • LEPPER, Gisbert
      • LETHEN, Helmut
      • LIEBEL, Manfred
      • LINDNER, Burkhardt
      • LIPPE, Rudolf zur
      • LÖNNENDONKER, Siegward
      • MARTIN, Peter
      • MENSCHING, Günther
      • MESCHKAT, Klaus
      • MOHL, Ernst Theodor
      • MÜLLER-PLANTENBERG, Urs
      • NAKE, Frieder
      • NAUMANN, Klaus
      • NEUSÜß, Arnhelm
      • NEUSÜß, Christel
      • NEGT, Oskar
      • NITSCH, Wolfgang
      • NITZSCHKE, Bernd
      • OFFE, Claus
      • PERELS, Joachim
      • PFÜTZE, Hermann
      • PLATO, Alexander von
      • PREUSS, Ulrich K.
      • PROKOP, Dieter
      • PROKOP, Ulrike
      • RABEHL, Bernd
      • RAJEWSKY, Xenia
      • REINICKE, Helmut
      • REXROTH, Tilman
      • RIESE, Hajo
      • RILLING, Rainer
      • RÖDEL, Ulrich
      • ROLSHAUSEN, Claus
      • ROTAH, Roland
      • ROTTLEUTNER, Hubertus
      • SACHSE, Carola
      • SCHÄFER, Gert
      • SCHEER, Jens
      • SCHMIDT, Friedrich W.
      • SCHMIDT, Ute
      • SCHMIDT-HARZBACH, Ingrid
      • SCHMIEDE, Rudi
      • SCHMIEDERER, Ursula
      • SCHOCH, Bruno
      • SCHRÖDER, Klaus
      • SCHUMANN, Michael
      • SCHWARZ Gudrun
      • SOFSKY, Wolfgang
      • STAADT, Jochen
      • STERZEL, Dieter
      • STÖHR, Irene
      • STÖSS, Richard
      • TESCHNER, Eckart
      • TESCHNER, Manfred
      • THOLEN, Christoph
      • THÜRMER-ROHR, Christina
      • TJADEN, Karl-Hermann
      • TÖNNIES, Sibylle
      • TRÖGER, Annemarie
      • VESTER, Michael
      • VINNAI, Gerhard
      • VRING, Thomas von der
      • WERKENTIN, Falco
      • WERDER, Lutz von
      • WIGGERSHAUS, Rolf
      • WILKE, Manfred
      • WOLFF, Reinhard
      • ZIEHE, Thomas
    • Journalisten, Lektoren, Verleger, Kritiker, Korrespondenten
    • Autoren
      • AMENDT, Günter
      • BUHMANN, Inga
      • CHOTJEWITZ, Peter O.
      • DUDEN, Barbara
      • ENZENSBERGER, Hans Magnus
      • ERBES, Volker
      • KURNITZKY, Horst
      • PLOGSTEDT, Sibylle
      • RUNGE, Erika
      • SALVATORE, Gaston
      • SCHARANG, Michael
      • SCHINDEL, Robert
      • SCHNEIDER, Michael
      • SCHNEIDER, Peter
      • STRUCK, Karin
      • THEWELEIT, Klaus
      • WIGGERSHAUS, Renate
      • WUNDERLE, Michaela
      • ZAHL, Peter Paul
    • Kultursektor (Schauspieler, Musiker, Filmemacher, Kabarettisten)
      • BELTZ, Matthias
      • BERBEN, Iris
      • BOHM, Hark
      • FAßBINDER, Rainer Werner
      • GÄRTNER, Claus Theo
      • GOEBBELS, Heiner
      • HEER, Hannes
      • JONAS, Bruno
      • KELLER, Ursula
      • MITSCHERLICH, Thomas
      • SANDER, Helke
      • SCHLÖNDORF, Volker
      • SCHWEDT, Ernst-Henning
      • WOLFF, Frank
    • Politiker (Minister, Staatssekretäre, Abgeordnete, Parteiführer
      • ALBERS, Detlev
      • COHN-Bendit, Daniel
      • DÄUBLER-GMELIN, Herta
      • EHMANN, Christoph
      • FISCHER, Joschka
      • HOLZAPFEL, Hartmut
      • KLÄR, Karl-Heinz
      • KOENIGS, Tom
      • KNAPP, Udo
      • NAUMANN, Michael
      • NEVERMANN, Knut
      • PFARR, Heide
      • SCHLAUCH, Rezzo
      • TRITTIN, Jürgen
      • VOIGT, Karsten
      • VOLLMER, Antje
      • WETZEL, Dietrich
    • Juristen (Rechtsanwälte, Staatsanwälte, Richter)
      • BAUER, Anette
      • BOCK, Wolfgang
      • COBLER, Sebastian
      • EISENBERG, Johnny
      • ESCHEN, Klaus
      • GEULEN, Rainer
      • GOLZEM, Armin
      • HEIN, Chris
      • KNÖSS, Mike
      • KRÄMER, Christoph
      • MAHLER, Horst
      • MONTAG, Jerzy
      • PLOTTNITZ, Rupert von
      • SCHIEFER, Dorothea
      • SCHULTZ, Eberhard
      • STRÖBELE, Hans-Christian
      • WISSELINCK, Harald
    • Mediziner
      • BROMBERGER, Matthis
      • HUBER, Ellis
      • RIDDER, Dorothea
      • ROTH, Karl-Heinz
    • Psychologen, Psychoanalytiker
      • BOPP, Jörg
      • JUELICh, Dierk
      • REICHE, Reimut
      • TOUSSAINT, Jochen
      • WOLFF, Michael      
 
   
  • Rezensionen

    • KRIPPENDORFF, Ekkehart (2000): Alte Mythen und neue Fronten.
      Zwei aufschlussreiche Bücher zu 1968 und den Folgen,
      in: Financial Times Deutschland v. 10.11.
    • ZICKGRAF, Hanno (2000): Der Zaungast als Archivar.
      Mythos 68 - ein neuer Versuch von Wolfgang Kraushaar,
      in: Süddeutsche Zeitung v. 18.11.
    • SCHÖNEBERGER, Reino (2000): Phantomschmerz.
      Die zum Eigennamen mutierte Zahl 68: Wolfgang Kraushaar sortiert Ereignisse und Erinnerungen,
      in: Frankfurter Rundschau v. 07.12.
    • MENSING, Kolja (2000): Papa, hast du das gewusst?
      In seinem neuen Buch untersucht Wolfgang Kraushaar die 68er als "postmaterialistische Werteelite" - und ein klein wenig die Verbindung der APO zur Stasi. Dass die Geschichte der antiautoritären Bewegung eine Erfolgstory ist, glaubt man ihm gern,
      in: TAZ v. 12.12.
    • RUTSCHKY, Katharina (2000): Es ging um die Kühltruhe.
      Was von 1968 bleibt, ist nur die Liberalisierung des gesellschaftlichen Lebens. Wolfgang Kraushaar sieht das anders,
      in: Welt v. 30.12.
    • AGUIGAH, René (2001): Wolfgang Kraushaar: 1968 als Mythos, Chiffre und Zäsur,
      in:
      Literaturen Nr.2, Februar
    • AREND, Ingo (2001): Triumph.
      Alles Kultur. Wolfgang Kraushaars intelligente Studie zum "Mythos 68",
      in: Freitag Nr.6 v. 02.02.
    • HERZINGER, Richard (2001): Die Ideen von 1968,
      in:
      Die ZEIT Nr.7 v. 08.02.
 
   
  • Das Buch in der Debatte

    • Neu:
      ANZ, Thomas (2001): 1968.
      Aus gegebenem Anlass: Hinweise auf Bücher und Anmerkungen zur Wirkungsgeschichte der Protestbewegung in Politik, Philosophie, Wissenschaft und Literatur,
      in: Literaturkritik.de Nr.2 v. 08.02.
 
       
   

Autonomie oder Getto? (1978).
Kontroversen über die Alternativbewegung

Frankfurt: Verlag Neue Kritik (vergriffen)

 
   
 
 

Klappentext

"Mit dem Aufbau alternativer Projektmodelle (Werkstätten, Buchläden, Druckereien, Landkommunen etc.), der Radikalisierung des eigenen Lebenszusammenhangs, der Entfaltung eines Systems der Gegenökonomie, letztendlich mit der »Politik der ersten Person«, stellen sich für eine Bewegung die Probleme von Widerstand, Kampf und Antizipation nicht länger mehr unter den Bedingungen der Klassengesellschaft, sondern nur noch im Medium subjektiver Erfahrung und konkreter Alltagspraxis. Spätestens seit dem Tunix-Treffen in Berlin hat das - was etwas pauschal als Alternativbewegung bezeichnet wird - ein öffentliches Interesse gefunden, das selbst über den Kommunikationszusammenhang der Linken hinausreicht. Indem für sie nicht mehr die soziale Wirksamkeit eines Klassenkampfkonzeptes, sondern der Entwicklungsgrad positiver Lebensentwürfe das Erfolgskriterium für ihre Arbeit darstellt, versucht die Alternativbewegung in einer existentiellen Krise der Neuen Linken eine Antwort auf Integration und Repression zu finden.

Jedoch ist die Frage zu stellen, ob sich tatsächlich die »Große Verweigerung« positiv in die Organisierung des eigenen Lebenszusammenhanges umkehren läßt, ob das Ende des langen Marsches durch die staatlichen mit dem Aufbau eigener Institutionen, die vollständige politische Isolation mit der Kehrtwendung in eine Autonomie-Position der Stärke beantwortet werden kann. Wie weit läßt sich der Kapitalismus transzendieren, ohne daß dies die Abschaffung seiner ökonomischen Strukturen zur Voraussetzung haben muß? Kann die Alternativbewegung wirklich einen neuartigen Ansatz zur Revolutionierung der spätkapitalistischen Metropolen begründen oder ist sie nur eine Zerfallserscheinung, eine subkulturelle Fluchtbewegung, die in der Umstandslosigkeit ihres Bedürfnisansatzes letztendlich zur politischen Wirkungslosigkeit verkommen muß?

Neben Diskussionsbeiträgen, die diese Fragen behandeln, enthält der Band noch einen historischen Anhang und eine ausführliche Biographie."

Zitate:

Konfliktlinie der 68er-Bewegung

"Die schier unvermittelbaren, ja sich geradezu ausschließenden Positionen im exemplarischen Konflikt zwischen der Kommune I und dem Berliner SDS, in dem Orgasmusschwierigkeiten gegen den Vietnamkrieg und die Verbandspolitik einer Studentenorganisation gegen die Revolutionierung der Verkehrsformen vice versa ausgespielt wurden, drückt diese Diskrepanz noch am gravierendsten aus, die dann im organisatorischen Ausschlußverfahren nur zum Schein gelöst wurde. Danach ist es in der Geschichte dieser im Laufe nur eines Jahrzehnts so ungeheuer rapide gealterten Neuen Linken kaum noch zu derartigen Brüchen gekommen, da die strikte Auseinanderdividierung von subjektiven und objektiven Momenten in der Motivation zum politischen Kampf eine folgenreiche Desillusionierung der einstmals emphatischen Ansprüche hinterließ."
(Wolfgang Kraushaar, 1978, S.20)

"Ich möchte sie (...) die Dunkelroten nennen, im Gegensatz zu dem bunten Haufen der Hellroten. Wie kam es zu dieser Spaltung und was bedeutet sie?
(...).
Sexualverhalten (...). Für (...) diese Verhaltensweisen gibt es in der Mythologie und auch in der Lehre der Roten keine strikten Vorschriften; sie schienen also dem Belieben des Einzelnen oder der Konvention der Gruppe anheimgestellt zu sein. Daher unsere Vermutung, daß der Keim der Spaltung gerade hier erwuchs und gedieh, also (...) auf der Ebene der Gesten und nicht der Sätze - was ihre anschließende Einbindung in Grund- und Vorsätze nicht etwa ausschloß, sondern geradezu erforderte, um der Reinheit und Verbindlichkeit der Lehre willen, die es nunmehr in zwei Versionen gibt. So sammeln sich heute die von ihrer Prägung her eher rigiden, asketischen, autoritären (oder kurz »analen«) Elemente in den (übrigens zerstrittenen (Organisationen der Dunkelroten (K-Gruppen, ML-Organisationen, Kaderparteien und wie die Namen alle heißen), wo sie ihre kargen Bedürfnisse auf die richtige Linie bringen können, während die anderen, die mehr lasziv, libertär und chaotisch (kurz: »oral«) veranlagt sind, die lockeren Haufen der Hellroten bilden und sich gerne Spontis nennen. Dieser Ausdruck ist von dunkler etymologischer Herkunft. Er läßt sich zurückführen auf lat. sponte (aus eigenem Antrieb, auf eigene Faust) oder auf germ. Sponde (vom lat. sponda: Bett, Sofa) oder auf germ. Spund (Loch im Faß und Zapfen), gebräuchlicher in der sexuell gefärbten Metapher junger Spund (Halbstarker, zu klein fürs Loch), oder schließlich auf germ. Spund/Spind (weicher Kern, davon abgeleitet spintisieren = labern). Alle diese Bedeutungen zusammengenommen beschreiben den Tatbestand recht gut. So heißt denn auch eine ihrer Zauberformeln  »Wir wollen alles!«, während die anderen sich unter den harten Spruch beugen: »Dem Volke dienen!«"
(Matthis Dienstag, 1978, S.154f.)

 
 
 
       
   
  • Die Beiträge des Diskussionsbandes

    • KRAUSHAAR, Wolfgang - Thesen zum Verhältnis von Alternativ- und Fluchtbewegung. Am Beispiel der frankfurter scene
    • BRÜCKNER, Peter - Thesen zur Diskussion der "Alternativen"
    • SCHMID, Thomas - Stämme und Stammtisch. Oder Bescheidener Vorschlag, die alternativen Institutionen wieder abzuschaffen
    • LEINEWEBER, Bernd & Karl-Ludwig SCHIEBEL - "Die Alternativbewegung". Ein Beitrag zu ihrer gesellschaftlichen Bedeutung und politischen Tragweite, ihren Möglichkeiten und Grenzen
    • HUHN, Jens - Die Stadtindianer auf dem Kriegspfad
    • DIENSTAG, Matthis - Provinz aus dem Kopf. Neue Nachrichten über die Metropolen-Spontis
    • Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer. Die Reduktion der Alternativbewegung auf ihre Projekte. Eine Diskussion mit Daniel Cohn-Bendit
    • FRECOT, Janos/GEIST, Johann Friedrich, KERBS, Diethart - Abriss der Lebensreform
 
     
   

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webmaster@single-generation.de Erstellt: 15. November 2000
Stand: 26. April 2008
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