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Ijoma Mangold:

 
    Generation auf Posten.
Mit den Dreißigjährigen - mäkeln ihre Kritiker und so sehen sie es selbst - geht es bergab. Die landläufige Diagnose: fortschreitende Entpolitisierung. Der "Generation Golf" gebricht es an der revolutionären Selbstgewissheit der 68er, Gut-böse-Schemata sind ihr abhanden gekommen. Kennzeichen eines Verfalls oder doch eines intellektuellen Fortschritts? (gekürzter Vorabdruck eines Textes aus dem Kursbuch 154 - Die Dreißigjährigen)
in: TAZ v. 29.11.2003
 
       
   
Klappentext:

"Eben noch Jetset, demnächst Lumpenproletariat? Die Dreißigjährigen trifft die gegenwärtige Krise besonders unvermittelt. Keine Generation vorher war so sehr an die Annehmlichkeiten eines hohen Lebensstandards gewöhnt, keine schien so weltläufig und gewieft im Umgang mit den neuen (und alten) Medien zu sein, keine so cool, flexibel und undogmatisch. Jetzt sind die Perspektiven zusammengebrochen - wenn auch (noch) auf hohem Niveau. Das Gefühl der Sicherheit befindet sich im freien Fall. Die Ostdeutschen kennen das. Für die Dreißigjährigen im Westen aber könnte gelten: So schön wie gestern wird es nimmer mehr"
(Kursbuch Nr.154 - Die 30jährigen, Rowohlt Verlag, Dezember 2003)

 
       
   
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    Kommentar

    Iljoma MANGOLD, ein Angehöriger der Generation Golf, Jahrgang 1971,  vergleicht die Mentalitäten und das Politikverständnis der 68er, der 78er und seiner eigenen Generation.
             Dazu vergleicht er exemplarisch 3 Generationenbücher, die in letzter Zeit erschienen sind.
             Als Beispiel für die Mentalität der 68er hat MANGOLD den "Mescalero" Klaus HÜLBROCK gewählt, dessen Geschichte er aus Uwe WESELs Buch Die verspielte Revolution. 1968 und die Folgen und anhand eines TAZ-Interviews aufrollt.
             Exemplarisch für die 78er hat er das Buch Generation Z des SPIEGEL-Autors Reinhard MOHR gewählt. Seine eigene Generation entnimmt er Florian ILLIES' Generation Golf zwei.
             Anhand des Vergleichs der drei Generationenrückblicke kommt MANGOLD  zum Schluss:

    "Vergleicht man diese drei Generationsrückblicke, wird deutlich, dass der Grad an unglücklichem Bewusstsein - man könnte auch sagen: an Selbstmitleid, ja Selbstzerfleischung, eindeutig und eklatant zunimmt. Noch ganz mit sich identisch ist auch nach 25 Jahren der Mescalero, der in Würde und Stolz auf die Taten seiner Jugend zurückblickt und nichts bereut. (...). Es folgt der Zaungast der 78er-Generation, der ziemlich zerrissen sich irgendwo zwischen den Stühlen verortet: Er spürt noch den Impuls, doch die Wirklichkeit, die diesen Impuls hervorgebracht und naturalisiert hatte, ist untergegangen und so fremd und kurios wie eine Märchenwelt geworden. Der Zaungast will diesen Impuls auf keinen Fall aus Zeitgeist-Opportunismus verleugnen, aber er kann ihn doch nur unter nachsichtigem Erröten wieder in Erinnerung rufen. Ging es beim Mescalero noch um Leben und Tod, so bei den Zaungästen nurmehr um öffentliche Nahverkehrstarife und bei der Generation Golf schließlich um die Erweiterung der Postleitzahlen um eine Stelle."

    MANGOLD geht sozusagen davon aus, dass die politischen Konflikte von Generation zu Generation belangloser geworden sind und dass gleichzeitig die Identität der Subjekte brüchiger geworden ist.
             Während dies die Älteren als zunehmende politische Indifferenz kritisieren, deutet MANGOLD dies positiv als zunehmende Zivilisierung.
             Aber ganz so positiv sieht er das Verhalten der Generation Golf dann doch nicht, denn für die politische Bearbeitung des Problems der Rentenreform hat seine Generation bisher keine geeignete Strategie gefunden.
             Das Politikverständnis von MANGOLD stammt vom Soziologen Ulrich BECK. Er übernimmt dessen Vorstellung des Individualisierungsprozesses, formuliert jedoch einseitig die damit verbundenen negativen Aspekte:

    "Wir müssen feststellen, dass Individualisierung keineswegs nur ein emanzipatorischer Prozess hin zu immer mehr Eigenverantwortung und Eigenmächtigkeit des Subjekts ist. Im Gegenteil: In vielerlei Hinsicht ist Individualisierung das Diktat einer gesamtgesellschaftlichen Transformation und nichts weniger als eine Zumutung. Sie bedeutet keineswegs ein Mehr an Autonomie. Sie realisiert sich in dem Paradox einer aufgezwungenen Freiheit, die Gestaltungsmöglichkeiten einschränkt. Das moderne Individuum ist frei und ohnmächtig zugleich. Es ist herausgelöst aus traditionellen Bindungen, aus festgefahrenen Rollenmustern und sozialen Konventionen, aber es muss sich auch alles, was sein Leben ausmacht, selbst zurechnen - sogar dort, wo es über die Bedingungen und Voraussetzungen dieses Lebens keineswegs verfügt."

    Mit dieser Beschreibung erkennt MANGOLD gleichzeitig die neoliberale Verfasstheit als legitim an.
             Er bedauert jedoch gleichzeitig den Verlust des "archimedischen Punkt, an dem man ansetzen könnte" und den es in den 60ern noch gegeben hätte. MANGOLD vernachlässigt hier also, dass die Studentenbewegung es auch damals nicht geschafft hatte, die Arbeiterschaft für ihr Projekt zu gewinnen.
             MANGOLD erwähnt zwei politische Strategien, mit denen gegenwärtig versucht wird, die politische Vorherrschaft über das Ökonomische zurück zu gewinnen.
             Zum einen sind da diejenigen, die auf den Kommunitarismus bzw. auf die Zivilgesellschaft setzen. Dieser Herangehensweise, die mit Sehnsuchtsformeln arbeitet, kann er jedoch nichts abgewinnen.
             Den zweiten Ansatz beschreibt er als "Attacisierung der politischen Lebenswelt". NEGRI & HARDT haben mit Empire die Utopie geliefert, während Slavoj ZIZEK mit Die Revolution steht bevor den Leninismus neu beleben möchte. Aber auch diesem zweiten Versuch verweigert MANGOLD die Gefolgschaft.
             Angesichts zu erwartender Veränderungen "grundstürzender Art", sieht er einzig Anknüpfungspunkte bei den Spontis der 68er-Generation:

    "Entgegen den habituellen Absetzungsritualen unserer Generation gegen die 68er könnte ich mir sehr wohl vorstellen, dass wir jene Seite der Studentenbewegung neu entdecken, die nicht der Dogmatismus der K-Gruppen war, sondern ihren Elan speiste aus dem Erbe der situationistischen Internationale und der subversiven Aktion."

    Um dieses Erbe fruchtbar machen zu können, bedarf es für MANGOLD eine Neuerfindung seiner Generation als 89er

    "Mehr als die Generation Golf sind wir die Generation 89 - und auch wenn es uns noch nicht gelungen ist, dieses Erbe fruchtbar zu machen, dürfte es doch das leuchtende Beispiel sein, an dem all unser politisches Denken und Handeln sein Maß nehmen sollte. Mit der friedlichen Revolution von 1989 haben nicht nur die Länder Osteuropas die Fesseln des Totalitarismus abgeworfen, sie haben auch unsere Generation von den Verdruckstheiten, den unfrohen Ritualen und neurotischen Scheingefechten, den Denkreflexen und klaustrophobischen Schaukämpfen der späten Bundesrepublik befreit."

    Unter dem Label der 89er haben sich inzwischen jene Angehörigen der Generation Golf zusammengefunden, die der Politik mehr Gewicht verleihen möchten, sich aber gleichzeitig zur SPD-Generation Berlin abgrenzen möchten.
             Zu diesen - auf eine Politisierung hoffenden - Angehörigen der Generation Golf gehören z. B. Daniel DETTLING, Susanne LEINEMANN und auch Florian ILLIES.
             Iljoma MANGOLD hat sich von Ernst JÜNGER die Zustandsbeschreibung der Führerelite im Wartestand geborgt:

    "Ernst Jünger schrieb in »Abenteuerliches Herz«: "Wozu man da ist, das erfährt man vielleicht nie, alle so genannten Ziele können nur Vorwände der Bestimmung sein; aber dass man da ist, mit Blut, Muskel und Herz, mit Sinnen, Nerven und Gehirn, darauf kommt es an. Immer auf dem Posten sein, dem Ruf zu folgen, der an uns ergeht - und es ist gewiss, dass der Ruf nicht ausbleiben wird." Ich glaube nicht, dass wir eine Generation mit verstopften Ohren sind. Wir sind aber gewiss eine, die zumindest theoretisch genug Anschauungsmaterial hat, um dem Ruf sirenenhafter Rattenfänger zu widerstehen. Irgendwo dazwischen sollten wir unser abenteuerliches Herz entdecken."

    Ob die Generation Golf jedoch reif genug ist, um Sirenen und Rattenfängern zu widerstehen, das dürfte die entscheidende Frage sein, denn angesichts der bevorstehenden Verteilungskämpfe ist die Gefahr groß, dass nicht besonnene Politiker, sondern demagogische Sozialpopulisten die Oberhand gewinnen werden.

     
     
     
           
       
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    webmaster@single-generation.de Erstellt: 30. November 2003
    Stand: 01. Dezember 2003
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