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Kommentar
Iljoma MANGOLD, ein
Angehöriger der Generation Golf, Jahrgang 1971,
vergleicht die Mentalitäten und das Politikverständnis der
68er, der 78er und seiner eigenen Generation.
Dazu vergleicht er exemplarisch 3 Generationenbücher, die in
letzter Zeit erschienen sind.
Als Beispiel für die Mentalität der 68er hat MANGOLD den
"Mescalero" Klaus HÜLBROCK gewählt, dessen Geschichte er aus Uwe
WESELs Buch Die verspielte Revolution. 1968 und die Folgen
und anhand eines TAZ-Interviews aufrollt.
Exemplarisch für die 78er hat er das Buch Generation Z
des SPIEGEL-Autors Reinhard MOHR gewählt. Seine eigene
Generation entnimmt er Florian ILLIES' Generation Golf
zwei.
Anhand des Vergleichs der drei Generationenrückblicke kommt
MANGOLD zum Schluss:
"Vergleicht man diese drei
Generationsrückblicke, wird deutlich, dass der Grad an
unglücklichem Bewusstsein - man könnte auch sagen: an
Selbstmitleid, ja Selbstzerfleischung, eindeutig und eklatant
zunimmt. Noch ganz mit sich identisch ist auch nach 25 Jahren
der Mescalero, der in Würde und Stolz auf die Taten seiner
Jugend zurückblickt und nichts bereut. (...). Es folgt der
Zaungast der 78er-Generation, der ziemlich zerrissen sich
irgendwo zwischen den Stühlen verortet: Er spürt noch den
Impuls, doch die Wirklichkeit, die diesen Impuls hervorgebracht
und naturalisiert hatte, ist untergegangen und so fremd und
kurios wie eine Märchenwelt geworden. Der Zaungast will diesen
Impuls auf keinen Fall aus Zeitgeist-Opportunismus verleugnen,
aber er kann ihn doch nur unter nachsichtigem Erröten wieder in
Erinnerung rufen. Ging es beim Mescalero noch um Leben und Tod,
so bei den Zaungästen nurmehr um öffentliche Nahverkehrstarife
und bei der Generation Golf schließlich um die Erweiterung der
Postleitzahlen um eine Stelle."
MANGOLD geht sozusagen
davon aus, dass die politischen Konflikte von Generation zu
Generation belangloser geworden sind und dass gleichzeitig
die Identität der Subjekte brüchiger geworden ist.
Während dies die Älteren als zunehmende politische
Indifferenz kritisieren, deutet MANGOLD dies positiv als
zunehmende Zivilisierung.
Aber ganz so positiv sieht er das Verhalten der Generation
Golf dann doch nicht, denn für die politische Bearbeitung
des Problems der Rentenreform hat seine Generation bisher
keine geeignete Strategie gefunden.
Das Politikverständnis von MANGOLD stammt vom Soziologen Ulrich
BECK. Er übernimmt dessen Vorstellung des
Individualisierungsprozesses, formuliert jedoch einseitig
die damit verbundenen negativen Aspekte:
"Wir müssen feststellen,
dass Individualisierung keineswegs nur ein emanzipatorischer
Prozess hin zu immer mehr Eigenverantwortung und
Eigenmächtigkeit des Subjekts ist. Im Gegenteil: In vielerlei
Hinsicht ist Individualisierung das Diktat einer
gesamtgesellschaftlichen Transformation und nichts weniger als
eine Zumutung. Sie bedeutet keineswegs ein Mehr an Autonomie.
Sie realisiert sich in dem Paradox einer aufgezwungenen
Freiheit, die Gestaltungsmöglichkeiten einschränkt. Das moderne
Individuum ist frei und ohnmächtig zugleich. Es ist herausgelöst
aus traditionellen Bindungen, aus festgefahrenen Rollenmustern
und sozialen Konventionen, aber es muss sich auch alles, was
sein Leben ausmacht, selbst zurechnen - sogar dort, wo es über
die Bedingungen und Voraussetzungen dieses Lebens keineswegs
verfügt."
Mit dieser Beschreibung
erkennt MANGOLD gleichzeitig die neoliberale Verfasstheit
als legitim an.
Er bedauert jedoch gleichzeitig den Verlust des "archimedischen
Punkt, an dem man ansetzen könnte" und den es in den 60ern noch
gegeben hätte. MANGOLD vernachlässigt hier also, dass die
Studentenbewegung es auch damals nicht geschafft hatte, die
Arbeiterschaft für ihr Projekt zu gewinnen.
MANGOLD erwähnt zwei politische Strategien, mit denen
gegenwärtig versucht wird, die politische Vorherrschaft über
das Ökonomische zurück zu gewinnen.
Zum einen sind da diejenigen, die auf den Kommunitarismus
bzw. auf die Zivilgesellschaft setzen. Dieser
Herangehensweise, die mit Sehnsuchtsformeln arbeitet, kann er
jedoch nichts abgewinnen.
Den zweiten Ansatz beschreibt er als "Attacisierung der
politischen Lebenswelt". NEGRI & HARDT haben mit Empire
die Utopie geliefert, während Slavoj ZIZEK mit Die Revolution
steht bevor den Leninismus neu beleben möchte. Aber auch
diesem zweiten Versuch verweigert MANGOLD die Gefolgschaft.
Angesichts zu erwartender Veränderungen "grundstürzender Art",
sieht er einzig Anknüpfungspunkte bei den Spontis der
68er-Generation:
"Entgegen den habituellen
Absetzungsritualen unserer Generation gegen die 68er könnte ich
mir sehr wohl vorstellen, dass wir jene Seite der
Studentenbewegung neu entdecken, die nicht der Dogmatismus der
K-Gruppen war, sondern ihren Elan speiste aus dem Erbe der
situationistischen Internationale und der subversiven Aktion."
Um dieses Erbe fruchtbar
machen zu können, bedarf es für MANGOLD eine Neuerfindung
seiner Generation als 89er:
"Mehr als die Generation Golf
sind wir die Generation 89 - und auch wenn es uns noch nicht
gelungen ist, dieses Erbe fruchtbar zu machen, dürfte es doch
das leuchtende Beispiel sein, an dem all unser politisches
Denken und Handeln sein Maß nehmen sollte. Mit der friedlichen
Revolution von 1989 haben nicht nur die Länder Osteuropas die
Fesseln des Totalitarismus abgeworfen, sie haben auch unsere
Generation von den Verdruckstheiten, den unfrohen Ritualen und
neurotischen Scheingefechten, den Denkreflexen und
klaustrophobischen Schaukämpfen der späten Bundesrepublik
befreit."
Unter dem
Label der 89er haben sich inzwischen jene Angehörigen der
Generation Golf zusammengefunden, die der Politik mehr Gewicht
verleihen möchten, sich aber gleichzeitig zur SPD-Generation
Berlin abgrenzen möchten.
Zu diesen - auf eine Politisierung hoffenden - Angehörigen der
Generation Golf gehören z. B. Daniel DETTLING, Susanne LEINEMANN
und auch Florian ILLIES.
Iljoma MANGOLD hat sich von Ernst JÜNGER die
Zustandsbeschreibung der Führerelite im Wartestand
geborgt:
"Ernst Jünger
schrieb in »Abenteuerliches Herz«: "Wozu man da ist, das
erfährt man vielleicht nie, alle so genannten Ziele können nur
Vorwände der Bestimmung sein; aber dass man da ist, mit Blut,
Muskel und Herz, mit Sinnen, Nerven und Gehirn, darauf kommt
es an. Immer auf dem Posten sein, dem Ruf zu folgen, der an
uns ergeht - und es ist gewiss, dass der Ruf nicht ausbleiben
wird." Ich glaube nicht, dass wir eine Generation mit
verstopften Ohren sind. Wir sind aber gewiss eine, die
zumindest theoretisch genug Anschauungsmaterial hat, um dem
Ruf sirenenhafter Rattenfänger zu widerstehen. Irgendwo
dazwischen sollten wir unser abenteuerliches Herz entdecken."
Ob die
Generation Golf jedoch reif genug ist, um Sirenen und
Rattenfängern zu widerstehen, das dürfte die entscheidende Frage
sein, denn angesichts der bevorstehenden Verteilungskämpfe ist
die Gefahr groß, dass nicht besonnene Politiker, sondern
demagogische Sozialpopulisten die Oberhand gewinnen werden.
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