Zitate:
Der Zukunftsschock
"In
einem 1965 in der amerikanischen Zeitschrift Horizon
erschienen Aufsatz habe ich den Ausdruck »Zukunftsschock«
geprägt. Darunter verstehe ich die erdrückende Belastung und
vollkommene Desorientierung von Menschen, die in zu kurzer
Zeit zu viele Veränderungen durchmachen müssen." (S.6)
"Stellen
wir uns einmal vor, daß nicht nur ein Individuum, sondern
eine ganze Gesellschaft, eine ganze Generation - mitsamt
ihren schwächsten, am wenigsten intelligenten,
unvernünftigsten Mitgliedern - plötzlich in eine neue Welt
versetzt wird. In diesem Fall tritt eine
Massendesorientierung ein, und der gesamte soziale
Organismus wird vom Zukunftsschock bedroht." (S. 14)
Die künstliche Gebärmutter
"Man stelle sich z.B. die
Folgen eines (...) Durchbruchs auf dem neuen Gebiet der
»Geburtstechnologie« vor. Dr. E. S. E. Hafez, international
anerkannter Biologe an der Washington State University, hat
auf der Grundlage seiner aufsehenerregenden Arbeit über die
Fortpflanzung vorausgesagt, daß innerhalb der nächsten zehn
bis fünfzehn Jahre eine Frau in der Lage sein wird, einen
winzigen tiefgefrorenen Embryo zu kaufen, ihn sich von ihrem
Arzt in die Gebärmutter einpflanzen zu lassen, um ihn nach
neun Monaten zur Welt zu bringen, als habe sie ihn selbst
empfangen. Solch ein Embryo würde mit der Garantie verkauft,
daß das spätere Baby frei von genetischen Mängeln ist. Beim
Kauf erhielte der Käufer auch Angaben über Augen- und
Haarfarbe, Geschlecht wahrscheinlich spätere Körpergröße und
voraussichtlichen Intelligenzquotienten. Aber mehr noch:
Eines Tages wird es möglich sein, die Gebärmutter ganz
abzuschaffen. Kinder werden außerhalb des Körpers
empfangen, genährt und »geburtsreif« gemacht. Es ist fraglos
nur eine Sache von Jahren, bis die von Dr. Daniele Petrucci
in Bologna sowie von Wissenschaftlern in den Vereinigten
Staaten und in der Sowjetunion begonnenen Arbeiten es den
Frauen ermöglichen, Kinder zu bekommen, ohne die Strapazen
der Schwangerschaft durchstehen zu müssen.
Die möglich Anwendung solcher Entdeckungen ruft Erinnerungen
an Aldous Huxleys Schöne neue Welt (...) wach.
(...).
Die Auswirkungen der neuen Geburtstechnologie werden (...)
unsere traditionellen Begriffe von Sexualität, Mutterschaft,
Liebe, Kindererziehung und Bildung umstürzen." (S.159f.)
Die Erlebnisgesellschaft im
Zeitalter des Zugangs
Die Erlebnisindustrie
könnte einer der Grundpfeiler des Superindustrialismus
werden, nämlich die Grundlage der
Nach-Dienstleistungswirtschaft.
Steigender Wohlstand und größere Unbeständigkeit untergraben
brutal den alten Drang nach Besitz. Konsumenten werden in
der Zukunft genauso bewußt und leidenschaftlich Erlebnisse
sammeln, wie sie einst Dinge gesammelt haben. (S.181)
Die
Familie im Zeitalter der Unbeständigkeit
"Man hat die Familie als
den
»großen
Stoßdämpfer« der Gesellschaft bezeichnet, als den Ort, wohin
das strapazierte und geschundene Individuum nach der
täglichen Auseinandersetzung mit der Welt zurückkehrt, als
einzige gesicherte Zuflucht in einer Umgebung, die sich
immer mehr und immer schneller verändert. Mit der
unaufhaltsamen superindustriellen Revolution wird dieser
Schockabsorbierer allerdings selbst einige harte Schocks
überstehen müssen". (S.191)
"So ist es z.B. durchaus
denkbar, daß die Familie weder verschwindet noch einem
goldenen Zeitalter entgegengeht. Sei kann - und das ist die
wahrscheinlichste Entwicklung - zunächst schwer angeschlagen
werden, sich sogar auflösen, um dann auf seltsame und
neuartige Weise zusammenzufinden." (S.192)
Die Familie der Zukunft
Die
superindustrialisierte Gesellschaft, die nächste Stufe in
der öko-technologischen Entwicklung, erfordert jedoch eine
noch größere Mobilität der Menschen. Logischerweise werden
viele Leute also in der Zukunft den Prozeß der
Familienverkürzung fortsetzen, infolgedessen ganz kinderlos
bleiben, und dadurch die Familie auf ihre elementaren
Bestandteile - Mann und Frau - beschränken. Zwei Menschen,
möglicherweise mit einander ergänzenden Karrieren, werden
erfolgreicher durch Ausbildungs- und soziale Untiefen, durch
Stellenwechsel und geographische Umsiedlungen steuern als
die gewöhnliche, mit Kindern überladene Familie. Die
Anthropologin Margaret Mead ist der Meinung, daß wir uns
unter Umständen einer Gesellschaftsordnung nähern, in der
wie sie es ausdrückt,
»Elternschaft auf eine kleinere Zahl von Familien beschränkt
ist, deren Hauptfunktion im Aufziehen von Kindern besteht«,
während die übrigen Menschen »zum erstenmal in der
Geschichte als freie Individuen funktionieren«.
Eine Alternative zur Kinderlosigkeit könnte in der
aufgeschobenen Elternschaft liegen. Männer und Frauen von
heute geraten oft in eine Konfliktsituation - sollen sie
sich den Kindern widmen oder ihrer Karriere? Zukünftig wird
man dieses Problem umgehen, indem man die gesamte Aufgabe
des Kinderaufziehens in die Zeit nach der Pensionierung
verlegt. Das mag heute noch reichlich seltsam klingen. Wenn
die Frage der Geburt aber erst einmal von ihrer biologischen
Basis gelöst ist, kann höchstens noch die Tradition
vorschreiben, daß man möglichst frühzeitig Kinder bekommen
soll. Warum also nicht warten und die Embryos erst dann
kaufen, wenn die berufliche Laufbahn abgeschlossen ist?
Demnach wird sich die Kinderlosigkeit unter jungen Ehepaaren
und auch unter Ehepaaren in den besten Jahren immer mehr
verbreiten, während Kinder immer häufiger von
Sechzigjährigen aufgezogen werden. Die »Ruhestandsfamilie«
kann durchaus zu einer allgemein akzeptierten sozialen
Institution werden." (S.195)