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News vom
22. März 2006
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- Inhalt:
Der Bevölkerungsstatistiker Gerd BOSBACH
widerlegt die Ausführungen von Matthias MATUSSEK und Frank
SCHIRRMACHER in der Spiegel-Titelgeschichte "Jeder für sich.
Wie der Kindermangel eine Gesellschaft von Egoisten schafft".
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Zitat
des Monats:
"Frauen,
die einsam sind, haben in der Wahrnehmung der Außenwelt »keinen
abbekommen«. Außer sie sehen aus wie Cameron Diaz, lachen
wie Penélope Cruz und haben einen Körper wie Helena Christensen.
Einsame Frauen haben ein massives Imageproblem. Während Männer
sich als »einsame Wölfe« in ihrer Selbstversunkenheit suhlen und
stilisieren dürfen (...), müssen Frauen noch sehr häufig
defensiv auftreten. Die selbstbewußte Singlefrau ohne tristen
feministischen Überbau und verhärmte Jungfern-Ideologie wurde Anfang des 21.
Jahrhunderts erst durch TV-Serien wie
»Sex and the City« salonfähig. Die einsame Frau wurde sexy
und aufregend, für Männer jeden Alters Herausforderung wie
Verlockung. Und dennoch scheint sich dies noch nicht
herumgesprochen zu haben.
In Deutschland
haben einsame Frauen noch das größte Emanzipationspotential.
Insofern kann man dieses Buch auch als feministisches lesen.
Über Jahrhunderte waren einsame Frauen als Hexen oder alte
Jungfern Außenseiter. Im Laufe der Emanzipation des 20.
Jahrhunderts hat sich das langsam geändert, aber erst jetzt
werden Frauen, die zu ihrer Einsamkeit stehen,
selbstverständlich.
(...).
Der einsame Mann
mißversteht sich als Held und verkennt, daß er in einer auf
Familie und Gemeinschaft ausgerichteten Gesellschaft ein
Mängelwesen ist. Gleichzeitig fungiert er in bürgerlichen
Gesellschaften als Leitbild eines konsequenten Individualismus:
Sein Freiheitsdrang schreckt auch vor den
Härten absolut verstandener Bindungslosigkeit nicht zurück.
Aber souverän und nicht pathologisch ist das Einsam-sein-Können
nur, wenn ihm gleichwertig das Mit-anderen-sein-Können
gegenübersteht."
(aus:
Ulf Poschardt "Einsamkeit", 2006, S.48f. & 74f.)
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SCHMIDT, Sarah (2006): Ja, bitte, reißt uns auf!
Wenn euch Männern ein
Aufreiß-Berater wirklich dazu bringt, die einfachsten Regeln den
Flirtens wieder zu beherrschen, dann schnappt euch eben das Buch »Die
perfekte Masche«,
in: Jungle World Nr.12 v. 22.03.
-
HARTMANN, Andreas (2006): Ja, spinnt ihr denn jetzt alle?
In einer Welt, in der
Profi-Aufreißer mit schlimmen Sprüchen bei euch Frauen ernsthaft
landen können, wollen wir metrosexuellen Softies nicht leben,
in: Jungle World Nr.12 v. 22.03.
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BIEDENKOPF, Kurt (2006): Familie als Firma.
Privathaushalte werden in
Zukunft Bastionen der Selbsthilfe und des Zusammenhalts gegen
staatliche Bevormundung,
in: Welt v. 22.03.
- Kommentar:
BIEDENKOPF verkauft den neuen Zwang zur
Familie, den der Staat z.B. bereits durch die Hartz-Gesetze für
Teile der Bevölkerung vorschreibt, als Befreiung von der
Bevormundung durch den Staat:
"Ohne
den Schutz der Familie und der kleinen Lebenskreise ist es für den
einzelnen weit schwieriger, sich der Konsumverführungen und
derjenigen des vormundschaftlichen Staates zu erwehren."
Die
politisch forcierte Verarmung großer Teile der Bevölkerung wird zum
Kuschelparadies der von der Individualisierung Erlösten erklärt:
"Im
Zuge der Individualisierung unserer Gesellschaft hat sich die
Bevölkerung förmlich atomisiert. Man ist auseinandergerückt und hat
auf diese Weise seine Selbständigkeit begründet. Dies gilt für die
Singles, die Jugend wie die Alten. Um diese Erfahrung einer
Gesellschaft im Wohlstand sind wir inzwischen reicher geworden. Aber
auch um die Erkenntnis, daß es keine aufwendigere Form des Lebens
gibt als die in kleinen und Kleinsthaushalten. Nirgends sind die
Fixkosten einer angemessenen Lebensführung höher als im
Einpersonenhaushalt. Vieles spricht deshalb dafür, daß nach einer
gewissen Erschöpfung des Triebes zur Selbständigkeit und
Vereinzelung die Haushaltsgrößen wieder zunehmen werden. Zum einen
ist es auf die Dauer schöner, in Gemeinschaft zu leben, vor allem,
wenn man älter wird. Zum anderen enthält die jetzige
Haushaltsstruktur eine erhebliche Rationalisierungsreserve."
Der Einpersonenhaushalt ist in vielen Fällen
nur eine amtlich beglaubigte Fiktion, denn Alleinwirtschaftende
wohnen vielfach nicht allein.
Wenn
die Zahl der Einpersonenhaushalte zukünftig kleiner wird, dann
könnte dies auch mit der gegenwärtigen Umstellung der amtlichen
Statistik zu tun haben.
BIEDENKOPFs Kritik an der Individualisierung hat nichts im
Geringsten mit der hier vertretenen
Kritik an der Individualisierungsthese
zu tun, vielmehr ist BIEDENKOPFs Darstellung geradezu symptomatisch
für den
Terror der Individualisierungsthese,
der im Gewande der Single-Rhetorik zur
Single-Lüge führt.
BIEDENKOPF erhofft sich von der politisch gewollten Verarmung der
Bevölkerung ganz unmissverständlich größeren Kinderreichtum:
"Der
funktionalisierten Familie fehlt die Kraft, ihre Vernunft gegen die
Macht des Marktes oder die Verführungen der Vormundschaft zu
behaupten. Und ihr fehlt die Kraft zur Erziehung der Kinder. Aber
wir fragen nicht, ob auch dies ein Grund dafür sein könnte, daß so
viele junge Männer keine Kinder wollen."
Singles wird offen damit gedroht, dass sie auch gegen ihre eigene
Einsicht - durch den Abbau des Sozialstaats - auf ihr eigenes
Netzwerk bzw. die Familie zurückverwiesen werden:
"Wir
werden lernen - der Not gehorchend, wenn nicht der eigenen Einsicht
-, daß wir die Entgrenzungskrise ohne die Hilfe der begrenzenden
Kraft der Familie und der kleinen Lebenskreise nicht überwinden
können. Deshalb werden wir sie wieder in ihr eigenes Recht
einsetzen."
In der
FAZ konnte man bereits vor einem Jahr einen Vorgeschmack auf den
kommenden
Krieg gegen die pluralistische Gesellschaft
erhalten.
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GOEHLER, Adrienne (2006): Kleine Lösungen.
Handeln heißt anfangen
können. Wie lassen sich in einer Welt, der die Arbeit ausgeht, soziale
Kräfte bündeln und gestalten? Dabei sollten KünstlerInnen und
WissenschaftlerInnen mitmischen: Wege und Umwege in die
Kulturgesellschaft. Ein Plädoyer,
in: TAZ v. 22.03.
- Kommentar:
Heute ist der Tag der großen
Gesellschaftsentwürfe. Zwischen Rechts und Links gibt es keine
Unterschiede in der Gegenwartsdiagnose: der Sozialstaat wird als
vormundschaftlicher Ammenstaat abgelehnt.
Bei
den Zukunftsentwürfen gibt es dagegen Differenzen.
Während BIEDENKOPF die alte Mitte bedient, spricht
GOEHLER die neue Mitte an und hier speziell die kreative Klasse und
die Wissensarbeiter.
Gemeinsam ist
beiden wiederum der Glaube, dass unser Heil in der postindustriellen
Dienstleistungsgesellschaft liegt.
Diese sieht
jedoch jeweils anders aus. BIEDENKOPFs Vorstellungen sind orientiert
am vormodernen Modell des "Ganzen Haus". Produktions- statt
Konsumgemeinschaft heißt seine Devise.
GOEHLER dagegen orientiert sich am postmodernen Modell des Projekts.
Beide
Modelle sind als Klassengesellschaften konstruiert.
Bei BIEDENKOPF
ist das offensichtlicher: "großbürgerliche" Haushalte werden
Arbeitgeber. Dies setzt große Einkommensunterschiede voraus.
GOEHLERs Klassengesellschaft setzt den flexiblen Selbstunternehmer
voraus. Für Arbeitnehmermentalitäten ist da kein Platz.
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- NUTT, Harry (2006): Inländer,
in: Frankfurter Rundschau v. 22.03.
- Inhalt:
"Die
große Medienerzählung vom Aussterben der Deutschen bedarf dringend
eines Bewusstseins davon, dass Migration ein irreversibler Vorgang
ist. Getreu des ersten soziologischen Hauptsatzes, dem zufolge
soziale Systeme nicht sterben können, bedeutet der Rückgang der
Geburtenrate keineswegs den Tod einer Gesellschaft. Der
demographische Wandel birgt soziale Konflikte, deren Konturen sich
erst schwach abzuzeichnen beginnen. Die Welt wird bunt, und das wird
nicht nur lustig werden.
(...).
Die Geburt eines Kindes bedarf einer Atmosphäre der
Ankunftserwartung. Die gegenwärtige Diskussion erweckt jedoch den
Anschein, sich in einem Taumel der Zukunftsangst zu befinden",
meint NUTT.
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DANNENBERG, Sophie (2006): Zu Besuch in der Zombiewerkstatt,
in: DeutschlandRadio v. 22.03.
- Kommentar:
Sophie DANNENBERG hat nun das "Bleiche Herz
der Revolution" in einem Berliner Gymnasium entdeckt:
selbstzufriedene Verwahrlosung bei der zukünftigen Elite. Das kann
nicht gut gehen:
"Jetzt,
wo die demographische Katastrophe sich über uns zusammenbraut,
sollen plötzlich alle Kinder kriegen, möglichst schnell und
möglichst viele. Das soll die Lösung sein. Aber sind denn dies die
Kinder, die uns einst retten werden?"
fragt DANNENBERG besorgt.
Iris
RADISCH hat ihr die Augen geöffnet! Nur noch RABENMÜTTER und -VÄTER
wohin man blickt. Und die Rendite muss stimmen:
"Hier
passt alles. Auf der einen Seite die hassenden Eltern, auf der
anderen Seite die hassenswerten Kinder. Diesen Eltern fehlt
augenscheinlich die entfernteste Vorstellung von dem, was ein Kind
bedeutet: Liebe und ein Versprechen an die Zukunft. (...).
Wie sollen Kinder
neugierig werden, wenn nicht einmal ihre eigenen Eltern auf sie
neugierig sind?(...). Früher gab es das viel sagende Wort vom
Menschen als Kanonenfutter; unsere nun plötzlich herbeigesehnten
Kinder sind so was Ähnliches: Rentenfutter. Die Beziehung zwischen
ihnen und uns gibt sich ganz offen instrumentell, auf einen einzigen
Zweck reduziert. Die Kinder sollen was abwerfen, sie sollen uns
retten, vor Armut und Überalterung, vielleicht auch vor
Überfremdung."
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Zu den News vom
21. März 2006
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