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Medienrundschau:
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News vom 01. - 10. Januar 2003
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des Monats:
"Wer
jugendlich ist, überschreitet permanent die Grenze zwischen
Berufsleben und Privatleben und damit auch das Modell der
Kleinfamilie als Ort der Regeneration. Diese Jugend ist daher
dem Phänomen des Outburn ausgesetzt. Niemand hält einem mehr den
Rücken frei. Im Gegenteil, die Patchwork-Familie verlangt
mindestens genauso viel Management wie die eigene Karriere.
Beziehungen, Ehen, Familien und Freundschaften gehören längst
der gleichen Innovationslogik an und bilden keineswegs mehr den
lebensweltlichen Gegenpol zur Teilnahme am Markt als Person."
(Leander Scholz
in: Freitag Nr.3
vom 10.01.2003) |
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HEINZ, Chris (2003): So werde ich Elite,
in: Freitag Nr.3 v. 10.01.
- Kommentar:
HEINZ führt die
Erkenntnisse des Soziologen Michael HARTMANN über den Mythos der
Leistungselite allgemeinverständlich, aber überzeichnet vor
Augen:
"Natürlich kann nicht jeder
Blödmann Manager werden. Oder sind Sie vielleicht Manager? Na bitte,
ich auch nicht. Ein paar Voraussetzungen braucht es schon: (...)
Herkunft (80 Prozent aller Führungskräfte kommen aus dem gehobenen
Bürgertum) sowie eine gesunde Kurzsichtigkeit (Leo Kirch).
(...) Von allzu viel Fachwissen raten die Experten ab. Wichtiger ist
die Persönlichkeit und ein hohes Selbstwertgefühl.
(...)
Examensnoten halten die Personalchefs großer Konzerne (...) für
nicht so wichtig. 48 Prozent der Führungskräfte haben in der Schule
angeblich geschwänzt, 27 Prozent gemogelt, 15 Prozent sind sitzen
geblieben. Wer weiß, vielleicht hätte ich doch das Zeug zur
Führungskraft."
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- MERKEL, Angela (2003): Die
zweiten Gründerjahre der Republik.
Warum die neue Soziale Marktwirtschaft die größte
gesellschaftspolitische Aufgabe des 21. Jahrhunderts ist. Die
CDU-Vorsitzende über Staat und Ökonomie in Zeiten der Globalisierung,
in: Süddeutsche Zeitung v. 10.01.
- Kommentar.
Angela MERKEL setzt sich als Eiserne Lady II. in Szene:
"weniger Staat in der Wirtschafts- und Sozialpolitik, aber mehr
Verantwortung des Staates in der Innen- und Außenpolitik".
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- KOCH, Claus (2003): Reden, wenn nichts mehr
geht,
in: Süddeutsche Zeitung v. 10.01.
- Kommentar:
"Sozialpolitiker und Wirtschaftsjournalisten können
schwerlich begreifen, was dem Historiker vollkommen
selbstverständlich ist: Dass es soziale Organisationsformen gibt,
die einmalig gelungen sind und sich daher nicht reparieren oder
wiederholen lassen" meint KOCH und fügt hinzu:
"Nun (...) verblasst der sozialstaatliche Code (...). Die künftigen
Solidaritäten, die auch keine rein deutschen mehr sein können,
brauchen einen ganz neuen Code.
Erst aber muss der
alte hinweggetan werden. Das braucht noch eine Generation,
vielleicht nur zehn Jahre, und ein anderes Volksleben.
Notreparaturen sind immerhin möglich und nötig. Aber etwas Ganzes
wird aus der Sache nicht mehr."
Dies
sollen die Journalisten und Intellektuellen kommunizieren, tun es
aber angeblich nicht genug.
Es ist als ob KOCH
am FAZ-Stammtisch gesessen hätte und
GEYERs Kritik an
Harald SCHMIDT nochmals SZ-altersmilde aufwärmen möchte:
"Gesagt sein lassen muss sich das
harte Wort auch das Feuilleton. Auch wenn es munter auftreten darf,
es darf seinen Funken der Aufklärungslust nicht durch Juxerei
verschütten, wie es heute auch in den besten Zeitungen viel zu oft
geschieht". Denn:
"Deutschland
fehlt es an der Potenz, in die Krise zu geraten. Es mag
wirtschaftlich noch auf lange Zeit niedergehen, die soziale
Ungleichheit mag in gleichem Schritt zunehmen – einen Anlass zur
Krise kann man daraus nicht erwarten. Es fehlt schon die Kraft zur
Klage."
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PILZ, Michael (2003): Trau keinem unter 40!
In der Krise entdeckt die Pop-Industrie einen neuen Käuferkreis:
den "reifen Konsumenten",
in: Welt v. 10.01.
- Inhalt:
PILZ beschäftigt sich mit den Folgen des
demografischen Wandels für die Musikbranche und macht die 14- bis
29-Jährigen als zunehmend bedrohte "Günstlinge der Werbewirtschaft"
aus. PILZ zitiert einen Manager aus der Musikbranche:
"»Der freundliche Teenager setzt
immer weniger Trends«, sagt Tim Renner, Deutschlandchef des größten
Musikkonzerns Universal. »Dass von der Zielgruppe die Entwicklungen
der gesamten Gesellschaft ausgehen, können wir getrost abhaken.
Unsere Aufgabe ist es also den 40jährigen Gelegenheitskäufer zu
aktivieren. Für diese Zielgruppe brauchen wir Künstler und Formate.
Sämtliche Inhalte, die wir ihr anbieten, müssen hochwertig und
bequem zu kriegen sein.«
Das sind die sogenannten Schläfer, die es zu erwecken gilt. Auf
diese »Sleepers» hat die Industrie die Markt- und
Konsumgüterforschung angesetzt und wurde durch entsprechende Befunde
nur bestärkt. Der Über-40-Jährige blickt stolz auf eine Jugend als
aktiver Plattenkäufer zurück. In gewohnter Art beschloss er ungefähr
mit 25 Jahren, dass sich sein Geschmack nun nicht mehr ändern müsse.
Er verlor die Fähigkeit, bei Neuem Unterschiede wahrzunehmen. Alles
elektronisch oder postmodern Erzeugte, Techno oder HipHop, fand er
abstoßend. Sein Argwohn wuchs. Und traute er sich ins CD-Geschäft,
genierte er sich vor den jungen Snobs und Schnöseln an der Theke.
Also schlich er heim und fand bei einer 74-er Bob-Dylan-Pressung
Trost.
Dort müsse man den tief im Innern kaufsüchtigen Konsumenten wieder
abholen".
PILZ
hofft trotzdem, dass die Jugend On the Long Run doch Trendsetter
bleibt.
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NAUMANN,
Michael (2003): Die Leichenschänder.
Die 68er sind längst verschwunden. Es waren nur wenige. Doch in der
konservativen Presse werden sie täglich wiederbelebt. Irgendeiner muss
ja schuld sein an Deutschlands Misere,
in: Die ZEIT Nr.3 v. 09.01.
- Kommentar:
Vor einer Woche hat
Bernhard
SCHLINK im SPIEGEL die 68er-Generation an der Macht gesehen und
heute will NAUMANN keine 68er mehr kennen.
Offenbar schreiben beide zwar über
68er, aber während SCHLINK die 68er-Generation meint, schreibt
NAUMANN über die 68er-Bewegung. Das ist durchaus nicht dasselbe. Den
Unterschied hat z.B. Heinz BUDE in dem
Buch "Das Altern einer Generation" dargelegt.
"Schauprozesse laufen zumeist in der
Welt, die selbst in der Hand von einigen konvertierten,
ehemaligen 68ern zu sein scheint, die immer neue Abrechnungen mit
ihrer eigenen Biografie zu Papier bringen" schreibt NAUMANN.
Dies
ist eher ungenau, denn es handelt sich um mehrere Grüppchen, für die
die 70er Jahre zum prägenden Jahrzehnt geworden sind. Der kleinste
gemeinsame Nenner ist deshalb die Begriffshülse "68er", die mit den
unterschiedlichsten Bedeutungsgehalten angereichert werden kann.
Zu diesem 68er-Debattierclub gehören
einerseits die 68er-"Hasser" wie Tilman KRAUSE oder der Angehörige
der 68er-Generation
Konrad ADAM, Konvertiten wie
Alan POSENER und der von NAUMANN genannte Michael STÜRMER,
Pflasterstrand-Geschädigte wie
Matthias HORX und
Cora STEPHAN, Aktivistentöchter wie
Mariam LAU und 68er wie
Michael RUTSCHKY.
Solange die Begriffshülse "68er"
Feuilleton-Debatten ermöglicht, die Aufmerksamkeit auf sich ziehen,
solange also kein
überzeugendes Nachfolgermodell mit demselben Spaß- bzw.
Neidfaktor gefunden ist, solange bleiben uns die 68er erhalten - ob
es NAUMANN passt oder nicht. Immerhin spielt er bei diesem
Gesellschaftsspiel selbst mit.
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- ÖCHSNER, Thomas (2003): Schönrechnerei bei
der Rente,
in: Süddeutsche Zeitung v. 08.01.
- Kommentar:
Die neoliberalen Besitzstandwahrer haben bereits
unter der Regierung KOHL das Rentenniveau für die
Nach-68er-Generationen drastisch heruntergesetzt. Dies ist den
meisten Bürgern nur verborgen geblieben, weil die Sozialpopulisten
viel vom Eckrentner und wenig von den realen Verhältnissen reden.
ÖCHSNER resümiert deshalb:
"der
viel zitierte »Eckrentner«. Dieser Durchschnittsverdiener bringt es
nach 45 Versicherungsjahren auf eine Monatsrente von 1151 Euro. So
viel bekommen aber nur wenige Frauen und gerade einmal 50 Prozent
der westdeutschen Männer. Viele von ihnen sehen nun zum ersten Mal
schwarz auf weiß, dass ihre Rente weit geringer sein wird".
Diejenigen Neoliberalen, die heute so
viel von Generationengerechtigkeit reden,
verschweigen erstens, dass die zukünftigen Rentner bereits gegenüber
Flakhelfer- und 68er-Generation gravierend benachteiligt wurden und
zweitens, dass die Versicherungsjahren-Schere INNERHALB der
Nach-68er-Generationen weit auseinanderklafft.
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- BÜSER, Wolfgang (2003): Arbeitslose müssen
umziehen.
Wohnungswechsel für einen neuen Job gilt als zumutbar.
Arbeitsplatzverlust muss den Behörden früher als bisher gemeldet
werden. Bescheid wissen, Nachteile vermeiden: Das Hartz-Konzept (1),
in: Süddeutsche Zeitung v. 08.01.
- Inhalt:
BÜSER klärt über die
singlefeindliche Zumutbarkeitsregel auf, die dem Vermittler -
positiv gesagt - Entscheidungsspielraum und - negativ gesagt -
Repressionsmöglichkeiten an die Hand gibt:
"Für
Arbeitslose ohne familiäre Bindungen bedeutet die Neuregelung nicht
zwangsläufig, dass ihnen ein Umzug vom ersten Tag der
Arbeitslosigkeit an zuzumuten ist. Hier besteht
Entscheidungsspielraum für den Vermittler, der eine Prognose dazu
treffen muss, ob eine Beschäftigungsaufnahme in den ersten drei
Monaten der Arbeitslosigkeit innerhalb des zumutbaren Pendelbereichs
zu erwarten ist. Ist dies der Fall, so wird ein Umzug vom vierten
Monat der Arbeitslosigkeit an zumutbar. Bei negativer Prognose muss
allerdings vom ersten Tag an Umzugsbereitschaft bestehen."
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- IMUE (2003): Ach, Deutschland: nie wieder
Spitze,
in: Süddeutsche Zeitung v. 08.01.
- Kommentar:
BÖLL ist auf den Hund gekommen!
Der Grund ist trivial, aber nicht zufällig.
Norbert NIEMANN hat in der
ZEIT
vom 02.01.2003 eine Hommage auf einen Vater der Ernstler -
Heinrich BÖLL - verfasst. Der hat u.a. den
Roman "Haus ohne Hüter" geschrieben, in dem das auch heute noch
populäre Modell der Onkel-Ehe behandelt wird. Und da in der SZ so
gerne ausgestorben und lamentiert wird, ist es von einem Haus ohne
Hüter nicht weit bis zum Aussterben des - nein, ausnahmsweise nicht
des deutschen Zweibeiners, sondern - des vierbeinigen Hofhundes.
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- VEIEL, Axel (2003): Im Schatten der Palmen.
Der Traum deutscher Rentner vom Lebensabend auf Mallorca und was
daraus wird,
in: Frankfurter Rundschau v. 08.01.
- Kommentar:
Das Feindbild Rentner ist eng verbunden mit der
spanischen Insel Mallorca. VEIEL berichtet aus dem deutschen
Rentnerparadies mit dem hohen Neidfaktor.
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- Fernsehtipp:
Dienstag 07.01.2003; 22.15-23.00
Single sein - glücklich sein?
Familienstand: ledig, geschieden, verwitwet,
in: SFB 1 - Berlin Fernsehen
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- PLATH, Jörg (2003): Staatsbelegschaft auf
Trab.
Über die Zukunft des Arbeitens und des Konsumierens,
in: Frankfurter Rundschau v. 07.01.
- Kommentar:
PLATH war auf
einer "Tagung, die vor kurzem das Essener Zukunftsforschungsinstitut
Z-punkt veranstaltete. Das Wiesbadener Bundesforschungsinstitut für
Bevölkerungsforschung sowie Siemens, Daimler-Chrysler, Karstadt, TUI
und Hypovereinsbank stellten ihre Zukunftsprognosen vor.
Das war - wie nicht anders zu
erwarten - wenig erbaulich. PLATH spickt seinen Artikel mit den aus
ZEIT
und
Süddeutscher bekannten Plattitüden aus dem Horrorkabinett der
Kulturpessimisten, garniert es ein wenig mit dem Konsumoptimismus
der Krisengewinnlerbranchen, um schlussendlich dort zu landen, wo
unsere Neue-Mitte-Eliten gewöhnlich enden, beim angeblich
Unabänderlichen:
"Z-punkt-Direktor Karlheinz
Steinmüller projektiert drei Szenarien: die Katastrophe, die
glückliche Gesundschrumpfung und den unverhofften Babyboom. Gegen
das letzte Szenario spricht jede Wahrscheinlichkeit, das erste muss
nicht eigens geplant werden".
Mit der
Wahrscheinlichkeit ist es glücklicherweise so wie mit dem richtigen
Leben: sie kümmert sich nicht im Mindesten um ihre Interpreten.
Diese narzisstische Kränkung verträgt kaum ein Kulturpessimist...
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- KASTNER, Ruth (2003): "Wir tun, als gäbe es
die Kinder nicht...".
Arme Familien? Eltern zahlen zu viele Steuern und haben
zu wenig Zeit, beklagt die Hamburger Familienexpertin
Susanne Mayer. Sie fordert eine radikal andere Politik nach dem
Vorbild Skandinaviens,
in: Hamburger Abendblatt v. 07.01.
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- THUSWALDNER, Anton (2003): Angst vor dem
großen Wort.
Wenn der Mensch ausbleibt: Franz Innerhofers Holl-Zyklus,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 07.01.
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- HANIMANN, Joseph (2003): Rekrut Houellebecq,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 07.01.
- Inhalt:
HANIMANN berichtet über den Artikel von HOUELLEBECQ
im französischen Le Figaro.
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- SCHIRRMACHER, Frank (2003): "Das System
steuert in seine akute Gefährdung hinein".
Ordnung des Landes (4): "Wie fand ich Barings Artikel
herzerfrischend!". Hans D. Barbier trifft Otto Graf Lambsdorff, der in
Eltern und ihren Kindern die revolutionäre Hoffnung des Landes sieht,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 06.01.
- Kommentar:
Frank SCHIRRMACHER unter alten
Kameraden, die über das Krisendeutschland schwadronieren.
Der Flick-Skandal-gestählte Graf und
BARBIER sitzen zusammen mit SCHIRRMACHER im Ohrensessel und
philosophieren über den ausbleibenden Aufstand der Jugend. Dabei
geht es zu, wie anderenorts am Stammtisch der Neuen-Mitte-Eliten:
"LAMBSDORFF: Was
wäre, wenn man sich mit dem vielleicht vernünftigen, vielleicht
absurden, jedenfalls revolutionären Vorschlag beschäftigen würde,
die Eltern von Kindern mit mehr Stimmrechten auszustatten?
BARBIER: Davon würde ich abraten.
Die stimmen nur für mehr Kindergeld.
BARBIER: So ist es".
So sieht der neue
Qualitätsjournalismus aus, der bei Feuilleton-Revolutionären hohes
Ansehen genießt...
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Eine verspätete und eine
überfällige Debatte:
GEBHARDT, Miriam (2003): Die Besserwisser.
Psycho-Talk ist überall. Sex, Karriere, Mord: Wir glauben, wir
können alles deuten. Wie eine Wissenschaft ruiniert wird,
in: Tagesspiegel v. 05.01.
- Kommentar:
20-30 Jahre zu spät kommt Miriam GEBHARDT mit ihrer
These von der Psychologisierung des Alltags, heute müsste
stattdessen von der Soziologisierung des Alltags gesprochen werden.
Während der Psycho-Talk im
Niedergang begriffen ist, erlebt der Sozio-Talk seit Anfang der 90er
Jahre seinen unaufhaltsamen Aufstieg zur ersten Deutungsmacht im
Lande.
Als
Beitrag zur Mediengeschichte wäre der Artikel interessant, aber
GEBHARDT tut so, als ob es sich hier um DAS Problem dieser
Gesellschaft handeln würde. Bezeichnenderweise ist bei GEBHARDT die
Psychologie fast identisch mit der in der Psychologie doch recht
randständigen Psychoanalyse.
Wer heute noch FREUD als
Mittelpunkt des Alltagsgesprächs auffasst, der hat sich vielleicht
in einen Woody- ALLEN-Film der 70er-Jahre verirrt. Die
Sozio-Gespräche der heutigen Paare sind stattdessen geprägt vom
Individualisierungsgerede.
Seit dem
Bestseller "Das Chaos der Liebe" von Ulrich BECK und Elisabeth
BECK-GERNSHEIM ist die Richtschnur unseres Alltags geprägt von dem
soziologischen Vokabular, das Anfang der 80er Jahre erfunden wurde,
um die Deutungsmacht Psychoanalyse zu ersetzen. Dies ist durchaus
gelungen, man muss nur den TAGESSPIEGEL lesen.
Wenn
GEBHARDT die Psychologie als Sozialtechnologie kritisiert, dann
gehört sie selbst zu den Kindern von Ulrich BECK. In 20-30 Jahren
lesen wir dann im TAGESSPIEGEL etwas über die Soziologisierung des
Alltags. Das interessiert dann zwar niemand mehr, aber dann ist es
endlich cool.
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- BLASBERG, Marian (2003): Acht Frauen in 40
Minuten.
Verbaler Quickie für Verklemmte. Die schnelle Nummer: Beim
Speed-Dating lernen Kuppelwillige Singles gleich mehrere potenzielle
Partner an einem Abend kennen,
in: Süddeutsche Zeitung NRW v. 04.01.
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- DECKSTEIN, Dagmar (2003): Alter neu denken,
in: Süddeutsche Zeitung v. 04.01.
- Kommentar:
DECKSTEIN denkt das Alter nicht neu, sondern
neoliberal, d.h. das Alter soll im "Zeitalter der Wissensarbeit"
produktiv gemacht werden.
Unter dem
Deckmantel
der "Generationengerechtigkeit" verhandeln die Neue-Mitte-Eliten
zur Zeit den Abbau des Sozialstaats und die Rückkehr zur
Klassengesellschaft.
Ein Teilziel ist hier die Verlängerung
der Lebensarbeitszeit. Unter dem Begriff "Zwangsverrentung", der DECKSTEINs Ansatz als Befreiung erscheinen lässt, soll der "Anspruch
auf Vorruhestand und Altersteilzeit" - in der Diktion von DECKSTEIN
als "nahezu Menschenrecht" diskreditiert - auf die neoliberale
Müllhalde...
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- FAZ (2003): Auf dem Weg zu mehr Wachstum,
Beschäftigung und Gerechtigkeit.
Aus dem Strategiepapier des Kanzleramtes,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 04.01.
- Kommentar:
Die FAZ druckt Teile des Papiers ab, das die
neoliberale Neue Mitte von rechts bis links entzückt.
Es fällt öfters einmal der
Begriff "Gerechtigkeit" - aber wohlweislich ohne
das Adjektiv "sozial"! Im Zentrum steht der Abbau des
Sozialstaats.
Ausführlich wird das Beispiel einer
fünfköpfigen Familie ausgeführt, die von der Sozialhilfe lebt. Diese
Spezies der kinderreichen Familie ist zwar nach landläufiger Meinung
vom Aussterben bedroht und auch das Strategiepapier weist an
zentralen Stellen auf diesen demografischen Wandel hin, aber wenn es
der Argumentation dient, dann müssen quantitativ irrelevante
Extremfälle herhalten, um die Notwendigkeit des Abbaus auch weniger
klugen Köpfen eindringlich vor Augen zu führen. Zu diesem Thema hat
Ulrike HERRMANN in
der TAZ vom 21.12.2002 bereits alles Notwendige gesagt.
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- KOHLENBERG, Kerstin (2003): Wo das Herz
rechts schlägt.
Meghan und Steve Stier lieben Barbecue-Abende und fahren ein
sicheres Auto, sie wollen ein Kind und lesen den konservativen
Newsletter. Eine amerikanische Familie, mitfühlend und
traditionsbewusst. Es ist diese Idee vom Leben, die George Bush im
Irak verteidigen will,
in: Tagesspiegel v. 04.01.
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- PEF (2003): Geburtenrate steigt wieder
langsam an.
Drei Prozent mehr Neugeborene - Erwerbsfähige werden immer älter,
in: Salzburger Nachrichten v. 04.01.
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HERRMANN, Ulrike (2003): Klassenkampf von oben.
"Generationengerechtigkeit" heißt das neue Schlagwort. Doch es
führt in die Irre: Es gibt keinen Kampf zwischen den Generationen -
sondern zwischen Reich und Arm,
in: TAZ v. 04.01.
- Inhalt:
HERRMANN zeichnet zuerst die politische
Karriere des Begriffs "Generationengerechtigkeit" nach:
"Norbert Blüm hat den Begriff für seine
Rentenreform benutzt, 1998 hat ihn die FDP für sich entdeckt. Die
Liberalen können zufrieden sein mit ihrem Marketingerfolg:
Inzwischen sind alle Parteien bemüht, als die Vorkämpfer der
Generationengerechtigkeit zu erscheinen. Und jüngst wurde die neu
entdeckte Generationengerechtigkeit noch weiter aufgewertet: Sie ist
nun sogar Anliegen eines Expertengremiums - der Rürup-Kommission,
die ihre Ergebnisse im Herbst 2003 vortragen wird."
Wo einige
Feuilleton-Revolutionäre den Krieg der Generationen schüren möchten,
da existiert jedoch Generationensolidarität.
HERRMANN zitiert den
Soziologen Marc SZYDLIK, der die familiären
Generationenbeziehungen anhand des umfangreichen Berliner
Alterssurvey empirisch untersucht hat. HERRMANN sieht deshalb nicht
den Krieg zwischen den Generationen, sondern den Krieg der Reichen
gegen die Armen als charakteristisch für die Gegenwart und die
Zukunft an:
"Die Wohlhabenden wollen sich ein
Proletariat leisten, trotz Bevölkerungsschwund.
Die
Solidargemeinschaft ist nicht
im Jahre 2030 gefährdet, weil Alt gegen Jung kämpft, sie löst
sich jetzt schon auf. Und nach allem, was man bisher aus der
Rürup-Kommission hört, wird sie nicht dazu beitragen, die sozialen
Unterschiede in Deutschland zu verkleinern. Im Gegenteil: Private
Vorsorge begünstigt jene, die genug haben, um vorzusorgen. Aber
Klassenkampf ist ja ein so unappetitliches Wort, und außerdem ist es
ein Klassenkampf von oben, das ist auch nicht vorgesehen. Also reden
wir uns lieber einen Krieg der Generationen ein."
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- TÖDTMANN, Claudia (2003): Kampf an allen
Fronten.
Eine aktuelle Studie liefert wenig Hoffnung für Frauen im Job:
Wenig Unterstützung gibt es von Chefs oder Kollegen - und erst recht
nicht vom Partner,
in: Handelsblatt v. 03.01.
- KERBER, Bärbel (2003): Kinder sind
Karrierekiller.
Karrierefrauen sind im geheimen Gebärstreik. Der Grund: Es fehlen
Betreuungsmöglichkeiten für die Kinder, und die Vorurteile gegen
Mütter im Job sind zu stark,
in: Handelsblatt v. 03.01.
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- HUMMEL, Katrin (2003): Sauber, hübsch,
bescheiden.
Wo die Trauben nicht zu hoch hängen: Deutsche Männer suchen sich
Frauen in Moldawien,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 03.01.
- Kommentar:
HUMMEL berichtet von einem Mann, der von deutschen
Emanzen -
houellebecqmässig - genug hat und sein Glück bei russischen
Frauen sucht. Während HUMMEL nicht gerade den typischen FAZ-Leser
präsentiert, hat Thomas KIRSCHNER mit seinem
Buch "Liebe ohne Grenzen" gerade auch den typischen FAZ-Leser im
Auge.
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- RUTSCHKY, Michael (2003): Mäßigung.
Die Freuden des Verzichts,
in: Frankfurter Rundschau v. 03.01.
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- GÄRTNER, Peter (2003): Kinderrabatt für
Häuslebauer.
Ostgemeinde gibt jungen Familien billiges Bauland,
in: Stuttgarter Nachrichten v. 03.01.
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NIEJAHR, Elisabeth (2003): Land ohne Leute.
Die vergreiste Republik. Deutschland verliert jährlich 200000
Einwohner, da mehr Menschen sterben als geboren werden. Es wächst ein
demografisches Problem ungeheuren Ausmaßes heran, doch die Politiker
ignorieren es,
in: Die ZEIT Nr.2 v. 02.01.
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VOGEL, Dita (2003): Vom Brain-Drain zur Elternfrage,
in: Blätter für deutsche und internationale Politik, Januar
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Die "Sieger" im Essaywettbewerb "Unter 28"
- LANGELÜDDECKE, Ines (2003): Gehen und
bleiben,
in: Merkur, Januar
- Inhalt:
LANGELÜDDECKE, Jahrgang 1976, auf der Suche nach der
richtigen Zugehörigkeit:
"Bin ich Ossi, Wessi, Wossi - oder etwa
ein Ost-West-Zwitter wie Jana Hensel in ihrem
Buch Zonenkinder schreibt? (Gern wäre ich natürlich
Avantgarde, wie
Wolfgang Engler behauptet, der anscheinend große Hoffnungen auf
die Bewohner meines Landstriches setzt."
- DEHÉZ, Dustin (2003): Fast eine Apologie
auf die Achtundsechziger,
in: Merkur, Januar
- Inhalt:
Umzingelt von den 68ern in der Regierung und den
68ern in der CDU sucht DEHÉZ, Jahrgang 1978, nach dem
generationsstiftenden Schlüsselereignis und findet es im 11.
September 2001.
- HARTMANN, Bernd (2003): Neue
Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten,
in: Merkur, Januar
- SCHABACK, Joscha (2003): Das Land zu
ironisch, die Arbeitslosenzahl zu hoch, das Theater zu schlecht:
Weshalb ich trotzdem in Deutschland studiere,
in: Merkur, Januar
- Inhalt:
SCHABACK, Jahrgang 1975, zählt sich angesichts der
Jobkrise der Generation Golf zur
Generation Angst.
Der Arbeitsgesellschaft geht die Arbeit
aus, davon ist er überzeugt und dennoch haben Arbeitslose mit
Identitätsproblemen zu kämpfen und für vogelfreie Teilzeitkräfte,
wie sie von Mark SIEMONS in
"Jenseits des Aktenkoffers" beschrieben werden, ist das
Allerwichtigste endlich eine feste Stelle zu bekommen.
Angesichts solch trister
Zukunftsaussichten hält Wolfgang ENGLER in dem
Buch "Die Ostdeutschen als Avantgarde"
die ultimative Lösung bereit: den sanften, d.h. sozialstaatlich
ermöglichten "Ausstieg aus der Arbeitsgesellschaft".
- ADAM, Ulrich (2003): Warum ich nicht in
Deutschland studiere,
in: Merkur, Januar
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KULLMANN, Katja (2003): Zwischen Profit und Sehnsucht.
Katja Kullmann begab sich für EMMA auf eine Reise durch die
wundersame Welt von Botox: Die Ware, die Verkäufer, die Kundinnen,
in: Emma , Januar-Februar
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BAYER, Felix (2002): Yesterday's Papers.
Von Popjournalisten und Feuilletonrevolutionären,
in: SPEX Nr.1-2, Januar-Februar
- Inhalt:
BAYER behandelt den
"Freundlichen
Aufruf zur Revolte" von Sascha LEHNARTZ als popkulturelles
Phänomen, bei dem ein generationsspezifischer Sound mit einer
generationsspezifischen Haltung verknüpft wird. Dies ist für BAYER
der archimedische Punkt, wo das Unpolitische ins Politische
umschlägt.
Dabei könnte die Sache so einfach sein.
Wenn man
Niklas LUHMANN auf das Phänomen der Selbstreferentialität
verkürzt, kann man jene, die dem Aufruf Folge leisten als Uncoole
entlarven, die sich in der schönen neuen Welt der Codes verlaufen
haben.
BAYER will dieser
FAS-Auslegung
nicht folgen...
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[ zum Seitenanfang ]
Zu den News vom
25. - 31. Dezember
2002
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Bitte beachten Sie:
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