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Medienrundschau:
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News vom
01. - 10. Oktober 2003
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Zitat
des Monats:
"Ich
kenne eine Frau, die wäre lieber aus falschen Gründen mit einem
Mann zusammen als aus richtigen Gründen allein - das kommt, weil
sie Angst hat, Angst vorm Verlassenwerden, vor dem Alleinsein.
Dabei entsteht aus der Angst erst Einsamkeit und daraus
letztendlich auch die Freiheit. Zu deprimierend? Nein, überhaupt
nicht. Zu oft und vor allem zu lange habe ich meine Zeit mit
Menschen verbracht, die mir furchtbar egal waren (...). Gerade
in meinem Alter scheint es so ein Zwang zu sein, sich in die
Gesellschaft zu begeben, Menschen kennen zu lernen
(...). Ich kenne welche, die leben seit Jahren in
Partnerschaften und sie sind einsam. Ich kenne welche, die haben
viele Freunde und sie sind einsam. Ich kenne Nachtlebenmenschen,
die gehen ständig aus und sind einsam. Angst zuzulassen bedeutet
also auch, die Einsamkeit hinzunehmen, sie zu ertragen, sie als
das zu akzeptieren, was sie ist, was sie sein sollte: der Ort,
an dem wir alleine sind, von dem wir beginnen - der Ort von dem
aus alles möglich ist."
(Matthias Kalle in
"Verzichten auf", 2003, S.216) |
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SCHMIDT, Kathrin (2003): Am Pool nichts Neues.
Adoleszentenprosa. Georg M. Oswalds neuer Roman "Im Himmel",
in: Freitag Nr.42 v. 10.10.
- Inhalt:
"Ein Jüngelchen
trifft auf einem bayerischen Schloss ein, einem privaten Institut
zur Erlangung der Allgemeinen Hochschulreife, und verabschiedet sich
von seinen Eltern und der Schwester, um sich wenig später an den
Tisch zu setzen, seiner vermeintlichen Berufung zum
Schriftstellerdasein zu folgen und die Geschichte der letzten Ferien
aufzuschreiben. Darin liegt nichts Besonderes, und das macht auch
schon den Kern des
vorliegenden Romans von Georg M. Oswald
aus, dem 1963 geborenen Autor und Rechtsanwalt aus München, der gern
als »Literat der Single-Generation« gepriesen wird: Nichts
Besonderes. In einer Sprache, die dem verschulten Adoleszenten alle
Ehre macht, erzählt er in aller Nichtigkeit, in aller
detailversessenen Langsamkeit von - nichts. So scheint es
zumindest",
erläutert SCHMIDT zu Beginn, um dann erst ganz zum Schluss zu
erwähnen:
"Wenn man die letzten beiden Sätze des Buches
überliest, ist, was Georg M. Oswald mitzuteilen hat, wahrlich nichts
Neues. Ein Stück Adoleszentenprosa, wie sie das ganze vergangene
Jahrhundert über immer und immer wieder geschrieben wurde. Aber das
weiß er, und das macht diese Geschichte auf seltsame Weise
sympathisch. "
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BÜHLER, Philipp (2003): Umso härter ist der Fall.
Das Leben so abbilden, wie es
ist, und nicht so, wie es sein soll: Das will Roger Michells Film "Die
Mutter" über Sex im Alter. Leider aber kommt er mit dem realistischen
Anspruch auch nicht weiter als bis zum Klischeebild der unwürdigen
Greisin,
in: TAZ v. 10.10.
- Inhalt:
Philipp BÜHLER porträtiert anlässlich des
Films "Die Mutter" den Drehbuchautor Hanif KUREISHI. Bei dieser
Gelegenheit wird auch das neue Buch "In fremder Haut" angesprochen:
"Die
Idee zu seiner etwas fahrigen Dorian-Gray-Geschichte um Jugendwahn
und Körperkult kam Kureishi beim Blick in den Fernseher, wo Themen
wie Klonen, plastische Chirurgie und Fitnesswahn das Programm
beherrschen. Und mit Blick auf seine beiden Söhne, die sich
inzwischen dem Teenageralter nähern. »Sie sind zehn Jahre alt und
machen schon Diäten!« Seine eigene Jugend erinnert er sorgloser:
»Ich bin in der frühen Ära des Massenkonsums aufgewachsen, als
Jugendlichkeit zum ersten Mal zum Fetisch erkoren wurde.« Damals sei
Jugend aber noch als etwas gewesen, mit dem man verschwenderisch
umgehen konnte. Heute gelte das nicht mehr. »Die Jugendlichen stehen
unter einem enormen Schönheitsdruck. Und manche rebellieren dagegen,
mit Magersucht oder Schlaflosigkeit. Das hat eine sehr
selbstzerstörerische Seite.«"
Vor
genau 20 Jahren hat KUREISHIs Altersgenosse
Matthias HORX
mit Blick auf seine eigene Generation zu diesem Thema geschrieben:
"»Verschwende
deine Jugend« lautet ein Graffitti, das sich in den letzten
Jahren auf den Mauern ausgewählter Großstädte verbreitet hat. Das
subjektive Gefühl von Verschwendung hat Karl nie gehabt, denn dazu
gehört so etwas wie eine Marge, ein Fixum, ein benennbares Quantum,
das verschwendet werden kann und dann »alle« ist. Karl hat einfach
»aus dem Vollen« gelebt, in einer Intensität, die das Leben erst zum
Leben macht. Erfolge, gelungene Experimente und »Grenzerfahrungen«
gehörten ebenso dazu wie Niederlagen und Flucht, Krisen und
Scheitern. Zu Karls Lebensintensität gehört die Großstadt, ein
ausgedehnter, vielfältiger Bekanntenkreis, den man - abfällig oder
affirmativ, je nachdem wie man sich fühlt - als »Scene« bezeichnet."
("Das Märchen vom Erwachsenwerden", 1983, S.19)
HORX,
der damals auf die 30 zuging, nimmt in diesem Beitrag die
Haltung des 35jährigen
ein, die gerade auf dem Buchmarkt besonders aktuell ist.
Der
Weigerung erwachsen zu werden hält HORX die erwachsene
"Notwendigkeit des Sparens, des Erhaltens, der Selbstdisziplin"
entgegen.
Während
HORX die Folgen der Jugendverschwendung anprangert, erscheint
KUREISHI seine eigene Jugend im Lichte der neuesten Jugend
nostalgisch verklärt.
Nachdem
KUREISHI mit dem
Roman "Rastlose Nähe" dem
Hedonismus-Verdikt zum Opfer fiel und von der Kulturkritik geschmäht
wurde, gibt er sich nun reumütig und bekehrt:
"Auch
Pop tauge nicht mehr als Fluchtpunkt, glaubt Kureishi.
»Als
ich aufwuchs, da gab es die Welt der Eltern, das war die ordentliche
Welt. Und es gab die Gegenwelt des Pop. Heute ist das alles nur noch
Kommerz«,
gibt er sich kulturpessimistisch. Das ist insofern erstaunlich, als
das Popmusik und Lebensgefühl bei ihm stets eine zentrale Rolle
spielten, weswegen Kureishi zu den Pionieren der Popliteratur
gezählt werden kann. 1994 veröffentlichte er zudem mit dem
Kulturtheoretiker Jon Savage das
»Faber
Book of Pop«,
einen Reader mit Texten zur Popmusik von 1945 bis 1988, der jene
neuen Schreibweisen dokumentierte, die mit dem Siegeszug der
Pop-Revolution einhergingen. Doch heute hört Kureishi lieber
klassische Musik oder Jazz und hat den Glauben an das utopische
Potential der Popmusik verloren. Auch Rebellen werden eben
irgendwann müde."
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Nachrufe zum Tod von Neil
Postman
- Kommentar:
"Für die
konservative Medienkritik der letzten Jahrzehnte war Neil Postman
der erfolgreichste Parolenerfinder; unter den
gebildeten Verächtern der Massenkultur war er der
massenkulturell erfolgreichste Star",
so beschreibt Jens BALZER das Paradoxon
des Aufklärers POSTMAN, dessen
bildungsbürgerlicher Habitus und apokalyptischer Ton bereits Mitte
der 80er Jahre die Forderung nach einem
"Ende der Spassgesellschaft"
vorwegnahm.
"Als
Neil Postmans 70. Geburtstag vor zwei Jahren gefeiert wurde, hieß
es, seine Prophezeiungen hätten sich nicht erfüllt. Das war falsch.
An der Entmündigung, die er ursprünglich nur vom Fernsehen
erwartete, arbeitet inzwischen auch das Verlagsgewerbe",
behauptet
Jens JESSEN,
dem Dirk KNIPPHALS unlängst einen
"aggressiv und elitär (...)(gebenden)
Kulturfundamentalismus" bescheinigt
hat.
Während
BALZER noch auf den "studentenbewegten Linksintellektuellen"
verweist, hebt Mariam LAU - entsprechend dem gegenwärtigen Zeitgeist - bei
POSTMAN den Verfechter einer "Protestantischen Ethik" hervor.
Doris
KRUMPL stellt POSTMAN in die Theorietraditionen von Marshall McLUHAN
und Guy DEBORD ("Gesellschaft des Spektakels"), nennt seine
Weiterführungen aber "brachial simplifizierend".
Norbert
BOLZ stellt ihn dagegen - ganz eigennützig - in eine andere,
gerade besonders aktuelle, Theorietradition:
"Wie
Adorno ging auch Postman davon aus, dass unsere Gegenwart nicht
Orwells »1984«, sondern
Huxleys »Schöner Neuer Welt« gleicht: Wir würden nicht durch
einen Großen Bruder überwacht, sondern durch Lust-Impulse
ferngesteuert."
Elegant
nutzt BOLZ den Kulturkritiker POSTMAN, um der telegenen Kulturkritik
eine Absage zu erteilen:
"Dass
selbst das »anspruchsvolle
Programm«
nicht die Lösung des Problems Fernsehen sondern das Problem selbst
ist, gehört zu den wichtigsten Einsichten Postmans. Er ließ keinen
Zweifel daran, dass »junk«
das Beste am Fernsehen ist – Nonsense also. Denn Gefahr droht unsere
Kultur nicht von Stefan Raab, sondern von
Roger Willemsen."
Fritz
GÖTTLER stellt POSTMAN als Moralisten POSTMAN vor:
"Als
Medienkritiker hat Postman sich immer als Moralist gesehen – was ihn
klar von seinem großen Kollegen Marshall McLuhan unterschied.
Postman glaubte an Vernunft und Intellekt, aber auch an die
Sinnlichkeit – ein Erbe von Emerson und Thoreau.
Der medialen Umweltverschmutzung wollte er mit einer eigenen
Medienökologie begegnen (...).
Als Moralist ist Postman schließlich Melancholiker geworden."
Der Nachruf von Christian GEYER
gerät so ganz nebenbei zum Loblied auf die Qualitätszeitung - FAZ
eben! Als den besseren Fernsehkritiker empfiehlt er dann
ausgerechnet Pierre BOURDIEU.
-
JESSEN, Jens (2003): Zu Tode amüsiert.
Eine Erinnerung an Neil Postman aus Anlass der Frankfurter
Buchmesse,
in: Die ZEIT Nr.42 v. 09.10.
-
BOLZ, Norbert (2003): Gutenbergs letzter Ritter.
Zum Tod des Medien-Denkers und Kulturkritikers Neil Postman,
in: Tagesspiegel v. 10.10.
-
LAU, Mariam (2003): Ein Feind der bösen neuen Welt.
Neil Postman, der den Untergang der Lesekultur prophezeite, ist
in New York gestorben,
in: Welt v. 10.10.
- BALZER, Jens (2003): Opfer der
Schundliteratur.
Zum Tod des Pädagogen und Medienkritikers Neil Postman,
in: Berliner Zeitung v. 10.10.
- GEYER, Christian (2003): Auf ein
System von Schelmen anderthalbe.
Das ist die Sprache, die das Fernsehen versteht: Mit Neil Postman
ist der Prophet der populären Kulturkritik gestorben,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 10.10.
- GÖTTLER, Fritz (2003): Kindheit als
Konzept.
Zum Tod des amerikansichen Medienkritikers und Moralisten Neil
Postman,
in: Süddeutsche Zeitung v. 10.10.
- KRUMPL, Doris (2003): Neil Postman
1931 - 2003.
Zum Tode des US-Medienkritikers,
in: Der Standard v. 10.10.
- STÄHELI, Alexandra (2003): Gegen das
Ende des Realen.
Zum Tod von Neil Postman,
in: Neue Zürcher Zeitung v. 10.10.
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THADDEN,
Elisabeth von (2003): Der Preis der Liebe.
Die israelische Soziologin Eva Illouz hat erforscht, wie heillos
das großartigste aller Gefühle in den Kapitalismus verstrickt ist,
in: Literaturbeilage der ZEIT Nr.42 v. 09.10.
- Kommentar:
Für Konservative gehören Paar und Familie
untrennbar zusammen, weswegen THADDEN gleich voranstellt:
"Wer
sich dafür interessiert, warum es in den postindustriellen
Gesellschaften an Kindern fehlt, kann in diesem Buch erstaunlich
gute Erklärungen finden. Allerdings fragt das Buch nicht danach. Es
untersucht nicht die Betreuungsschlüssel in Kindergärten, nicht die
Frauenbeschäftigungsquoten und Gleichstellungsgesetze. Es stellt die
Frage nach den Geburtenraten nicht mal. Kinder kommen fast gar nicht
vor."
Das Buch fragt vielmehr, was mit der Liebe sei."
Auch
die traditionelle Soziologie hat das Paar bisher nicht als
eigenständiges Sozialsystem in den Blick genommen. Eine
Soziologie des Paares
fristet deshalb ein Nischendasein, obwohl in unserer
paarorientierten Gesellschaft (Dorothea
KRÜGER) nichts wichtiger wäre.
Konservative Romantiker wie Michel HOUELLEBECQ sehen in der
Familie das letzte Bollwerk gegen den
Kapitalismus. Eva ILLOUZ ist da
realistischer:
"Ist
die Geschichte der Liebe eine Verfallsgeschichte?
»Jeder Versuch, das soziale Geflecht wiederherzustellen«, schreibt
Illouz am Ende gegen die konservativen Apologeten der Familie, »muss
sich mit der Tatsache auseinander setzen, dass sich die Verbindung
von Liebe und postmoderner Konsumkultur tief in die Seelen der
gebildetsten und kreativsten Gesellschaftsteile eingeprägt hat und
eine Macht ausübt, die sich nicht leicht im Schnellverfahren
abschaffen lässt.« Was der Markt von jedem Einzelnen an
Selbstdarstellung und Unverwechselbarkeit verlangt, was in der
Sphäre des Warentauschs notwendig ist, kann nicht an der privaten
Tür wie ein Arbeitskittel abgestreift werden."
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WINKELS,
Hubert (2003): Vorhölle mit Seeblick.
G. M. Oswalds allzu zarte Abrechnung mit der Münchner Schickeria,
in: Literaturbeilage der ZEIT Nr.42 v. 09.10.
- Kommentar:
Hubert WINKELS
sieht in
Georg M. Oswald
einen Gegenspieler zur "Second-Order-Generation" (z.B.
Thomas MEINECKEs "Mode & Verzweiflung"
und
Diedrich DIEDERICHSENs "Sexbeat"
) der 80er Jahre:
"Georg
M. Oswald gehört zu den deutschen Autoren der mittleren Generation,
die uns wieder über die realen institutionellen und
sozialpsychologischen Verhältnisse unserer »turbo«-kapitalistischen
Gesellschaft aufklären wollen und deshalb einen Erzählort jenseits
der selbstbezüglichen Avantgardismen und der intelligenten
Spielereien mit Second-Order-Welten suchen. Zu diesem Zweck hat sich
der vierzigjährige Oswald in einen knapp Zwanzigjährigen versetzt,
der als spätpubertierender Einzelgänger noch jenes tiefe Gefühl des
»Alles ist falsch« hegt, aber nicht sagen kann, was genau und wieso,
und wie komme ich hier raus?"
WINKELS
sieht auch Paralellen zum
neuen Roman von Benjamin LEBERT,
aber die Neue Ernsthaftigkeit erscheint WINKELS allzu zurückgenommen
im Vergleich mit dem
Erfahrungshunger der 70er Jahre
und deren Abrechnungen:
"So
kommt es, dass man bei der wohltemperierten Oswald-Lektüre manchmal
sehnsüchtig zurückdenkt an die Darstellung des Schweizer
»Paradieses«, der »Goldküste« am Zürichsee, einer Hölle, der
Fritz Zorn in den siebziger Jahre seine wütende
existenziell-radikale Abrechnung Mars entgegenschleuderte
wie eine Kriegserklärung. Doch Radikalität kann nicht verordnet
werden. Und die unaufgeregte Erzählhaltung in mittlerer Stillage hat
immerhin den zweifelhaften Vorzug, die Welt nicht in Grund und Boden
zu verdammen."
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SASS,
Björn-Erik (2003: Trauben des Zorns.
Einmal im Leben richtig
arbeiten, dachte sich unser Autor. Also fuhr er ins französische
Banyuls-sur-Mer, um Wein zu lesen. Ein harter Job. Die Berge sind
steil, und der Erntekorb wiegt 60 Kilogramm – dafür sind die Früchte
lecker und zuckersüß,
in: Die ZEIT Nr.42 v. 09.10.
- Inhalt:
SASS schreibt über das französische
Weinangebaugebiet Banyuls:
"Der
Blick über das Meer und die Küste ist einfach eine Wucht. Diese
letzten Kilometer Mittelmeer vor der spanischen Grenze heißen Côte
Vermeille, und Vermeille bedeutet vergoldetes Silber. Die Pyrenäen
schieben sich bis an den Strand; das Ufer ist felsig und zerklüftet,
mit vielen Buchten und Vorsprüngen, manche nennen diese Landschaft
deshalb auch Côte Rocheuse, die Felsenküste. Halb rechts hinter den
Bergen liegt Cerbère, die letzte Stadt vor der Grenze, auf der
linken Seite kommen, auch hinter Bergen verborgen, Port-Vendres und
schließlich Collioure, und mit dem unter mir liegenden
Banyuls-sur-Mer haben wir sie dann auch schon, die vier Ortschaften,
die Banyuls herstellen dürfen."
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GASCHKE,
Susanne (2003): Genossen ohne frohe Botschaft.
Mitgliederschwund,
Vertrauensverlust, programmatische Leere, Nachwuchsmangel: Das sind
die vier Plagen, von denen die SPD heimgesucht wird. Die Parteiführung
reagiert mit Durchhalteparolen. Und die Basis verzweifelt
in: Die ZEIT Nr.42 v. 09.10.
- Inhalt:
Susanne GASCHKE verbreitet angesichts des
Mitglieder- und Wählerschwunds Durchhalteparolen:
"In
aktuellen bundesweiten Umfragen kommt die SPD nur noch mit Mühe über
25 Prozent. »Viel weiter nach unten wird es nicht gehen«, sagt
Parteienforscher Walter. »Jetzt sind die Sozialdemokraten bei
den Treuesten der Treuen angelangt. Ironischerweise sind es diese
oft als Fossilien verspotteten letzten Traditionswähler, die den
Matadoren der Agenda 2010 noch die Stange halten – ohne von dieser
Politik überzeugt zu sein.« Unterstützung finde die Agenda im
Bürgertum: »Aber das wählt darum nicht SPD.«"
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ULRICH,
Bernd (2003): Frau Merkel traut sich was.
Bisher hat die
CDU-Vorsitzende sich inhaltlich nie festgelegt. Nur ihre Karriere
verlief nach Plan. Nach ihrer Rede vom 1. Oktober ist alles anders.
Merkel predigt radikale Reformen und wagt den Streit mit ihrer Partei,
in: Die ZEIT Nr.42 v. 09.10.
- Kommentar:
Bernd ULRICH, sieht sich auf seinem Weg, die Wende zum Weniger
gestalten zu können, einen Schritt weiter. Dafür vermarktet er
Angela MERKELs Vorstellungen zum Sozialstaat als "Thatcherismus
mit menschlichem Antlitz".
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SIEMS, Dorothea (2003): Angriff auf die Alten.
Mit Belastungen der Rentner
will Rot-Grün die Altersversorgung stabilisieren. Doch der
Verteilungskampf der Zukunft wird zwischen Eltern und Kinderlosen
geführt - nicht zwischen Alt und Jung,
in: Welt v. 09.10.
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- STIEGLER, Bernd (2003): Küssen wie im
Kino.
Die Soziologin Eva Illouz schildert die Verführung der romantischen
Liebe durch die kapitalistische Warenwelt,
in: Literaturbeilage der Frankfurter Rundschau v. 08.10.
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SCHRÖDER, Christoph (2003): Neues aus dem Wohlstandsghetto.
Georg M. Oswald üblickt die Unüberwindbarkeit von inneren
Grundstücksgrenzen,
in: Literaturbeilage der Frankfurter Rundschau v. 08.10.
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KRUSE, Katrin (2003): Nullen und Einsen.
Schriften zu Zeitschriften: Die aktuelle Ausgabe von "brand eins"
spürt den neuen Eliten nach, weiß aber leider nciht so genau, wer das
sein soll,
in: TAZ v. 08.10.
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REINECKE, Stefan (2003): Eine deutsche Reise.
Gerd Koenen wollte die linke
Opferikone Bernward Vesper demaskieren - doch dann hat es ihm die
ideologiekritische Sprache verschlagen. So schrieb er ein 68er-Buch,
in dem wirklich was Neues steht,
in: Literaturbeilage der TAZ v. 08.10.
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PETER, Stefanie (2003): Zwanzig Grad unter Null Bock.
Holden Caulfield in der Steppe: Roman Sencin seziert die russsische
Provinz,
in: Literaturbeilage der Frankfurter Allgemeinen Zeitung v. 07.10.
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KÖRTE, Peter (2003): Der Schrecken ist ein leiser Schatten.
Kontinentalverschiebungen der Seele: Neue Erzählungen von Haruki
Murakami,
in: Literaturbeilage der Frankfurter Allgemeinen Zeitung v. 07.10.
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TKALEC, Maritta (2003): Die neue Republikflucht ist weiblich.
Viel mehr junge Frauen als Männer ziehen in den Westen,
in: Berliner Zeitung v. 07.10.
- Inhalt:
"Warum sind unter den 620 000
Menschen, die der Osten zwischen 1991 und 2001 an den Westen verlor,
409 000 Frauen und nur 211 000 Männer?" fragt sich TKALEC und
spekuliert über die Gründe:
"Bekannt
aus alter Zeit ist die Dienstmädchenmigration, die junge Frauen
massenhaft vom Land in die Städte führte. Historisch üblich ist es,
dass die Frau eher dem Manne an dessen Wohnort nachzieht.
Traditionell trifft zu, dass Frauen ihren Mann gern dort suchen, wo
sie Gutverdiener vermuten. Und noch immer gilt die alte Regel,
wonach der Arbeitsmarkt der größte Heiratsmarkt ist.
Der Osten jedenfalls wird als Heiratsmarkt immer unattraktiver. Und
weil Frauen ihre Kinder dort bekommen, wo sie wohnen, hat der Osten
zwischen seinen Rentnern bald noch mehr Platz für die Ansiedlung von
Wölfen und Bären als heute schon."
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HAGE, Volker (2003): Fünf Arten, die Liebe zu erzählen.
Zur Frankfurter Buchmesse 2003 präsentieren sich die deutschen
Autoren mit so freizügigen wie fragilen Darstellungen erotischer
Begegnungen, ohne sich oder ihre Partner dabei zu schonen - wer sich
porträtiert glaubt, bemüht auch schon mal die Gerichte,
in: Spiegel Nr.41 v. 06.10.
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SCHLAK, Stephan (2003): Die Krise des
Grafikers im märkischen Badesee.
Wonnige Wehmut: Larissa Boehnings Kuschelmelancholie
"Schwalbensommer",
in: Literaturbeilage der Süddeutschen Zeitung v. 06.10.
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HABERL, Tobias (2003): Am liebsten liquidieren wir uns selbst.
Ein nobles Pseudonym und lauter miese Parvenus: Don Alphonso
beerdigt die New Economy,
in: Literaturbeilage der Süddeutschen Zeitung v. 06.10.
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BLÜM, Norbert (2003): Abschied vom Solidarprinzip.
Die Reform-Vorschläge der Herzog-Kommission belasten einseitig die
Arbeitnehmer,
in: Tagesspiegel v. 06.10.
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- LANGELÜDDECKE, Ines & Patrik SCHWARZ (2003):
Die Zweier-Wette.
Warum Bindungen befreien können - ein Lob der Verlobung,
in: Tagesspiegel v. 05.10.
- Kommentar:
LANGELÜDDECKE, Jahrgang 1976, kam
beim MERKUR-Essaywettbewerb "Unter 28" unter die Top Five und darf
nun hier mit Patrick SCHWARZ zusammen dem
Wandel des Wertewandels
hinterher schreiben (was als Provokation verkauft wird):
"Von
unserer Verlobung soll dieser Essay den Bogen schlagen zur Bedeutung
der Bindung in ganz anderen Feldern: Wo überall erscheint uns 25-
bis 35-Jährigen Bindung wieder attraktiv, im Privaten wie in der
Politik, obwohl sie doch denen, die vor 30 Jahren in unsrem Alter
waren, als Fessel galt? Letztlich sammeln wir damit Anhaltspunkte
für eine Suche: Wie kann ein Politikentwurf aussehen, der die
Wertschätzung für Bindung zum Maßstab hat? Unweigerlich reden wir
dabei in Kategorien von Generationen, von zweien vor allem: den
68ern und ihren Kindern. Was die einen abzustreifen suchten, so
unser Eindruck, erscheint den anderen viel versprechend. Unser Blick
ist dabei radikal subjektiv – und wir zählen auf eine beliebige Zahl
von Kronzeugen unseres Alters, die unseren Befunden nur zu
bereitwillig widersprechen. Schließlich gefällt uns am Lobpreis der
Verbindlichkeit nicht zuletzt die Kraft, im Zeitalter der
Beliebigkeit Widerspruch zu provozieren."
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- MROZEK, Bodo (2003): Der Mann, der Agnes
heißt.
Familiengeschichten: Oskar Roehler dreht eine Tragikomödie über
sexuelle Begierde - in der leeren Staatsbibiliothek,
in: Tagesspiegel v. 05.10.
- Inhalt:
Bodo MROZEK schreibt über einen neuen Film von
Oskar ROEHLER:
"»Agnes
und seine Brüder« ist die Geschichte so einer Familie. Drei Söhne,
die unterschiedlicher kaum sein könnten: Hans-Jörg (Moritz
Bleibtreu) ist ein sexsüchtiger Spanner, der sich in der Fassade
eines biederen Berufs eingerichtet hat. Den missbraucht er
allerdings für seine sexuellen Obsessionen. Werner (gespielt von
Herbert Knaup) ist Politiker bei den Grünen mit augenscheinlich
glücklicher Familie. Doch seine Frau hat ihn innerlich längst
verlassen und die eigenen Kinder versuchen ihn der Lächerlichkeit
preiszugeben. Agnes, der dritte Bruder, tingelt als Tänzerin durch
Nachtclubs, er hat aus Liebe zu einem Mann eine
Geschlechtsumwandlung hinter sich. Der Geliebte wandte sich danach
von ihm/ihr ab. Drei ungleiche Brüder, die nur die gemeinsamen Gene
verbinden, die ihnen der innig gehasste Vater vererbte."
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KUMMER, Jochen & Günther LACHMANN (2003): Kinderlose im Visier.
Jetzt wird es ernst mit den Sozialreformen - wer nicht für
Nachwuchs sorgt, soll kräftig zur Kasse geben werden,
in: Welt am Sonntag v. 05.10.
- Kommentar:
Offenbar gibt es nichts Neues zum Thema, weswegen die
Autoren Altbekanntes aufwärmen, um die Kinderlosenfeindlichkeit in
Deutschland weiter anzuheizen.
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FUCHS, Peter (2003): Die Bonzen und die Bockigen.
Die trotzigen Kinder der
Agenda 2010: Bundestagsabgeordnete der SPD, die sich dem
Fraktionszwang nicht beugen, werden wie Dissidenten behandelt. Was ist
bloß los in einer Partei, die Insubordination doch eigentlich schätzen
und schützen müsste?
in: TAZ v. 04.10.
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ROEDIG, Andrea (2003): Schluss mit dem Sex.
Heute vor hundert Jahren
erschoss sich Otto Weininger, Doktor der Philosophie und Autor eines
skandalösen Buches. "Geschlecht und Charakter" verschrieb sich der
Auslöschung der Geschlechter - ein Programm, das modifiziert heute
wieder Konjunktur hat,
in: TAZ v. 04.10.
- Inhalt:
Andrea ROEDIG referiert über die neue
Aktualität von Otto WEININGER:
"Der
Furor des Weiningerschen Frauenhasses wirkt heute, hundert Jahre
später, lächerlich anachronistisch und hat allenfalls an
Stammtischen, in
Teilen des FAZ- und Welt-Feuilletons
oder in den Büchern des Militärhistorikers
Martin van Creveld ("Das bevorzugte Geschlecht") überlebt. Eine
gewisse Modernität aber könnte Weiningers Wunsch nach der Ausmerzung
der Geschlechterdifferenz haben. Das Motto stop making
sex durchzieht, wenn auch implizit und mit umgekehrten
Vorzeichen, wie ein Refrain die neuere männliche Popliteratur.
Es durchzieht die Romane als narzisstisches Phlegma, wie
beispielsweise Benjamin von Stuckrad Barres »Soloalbum« (...). Es durchzieht
Georg M. Oswalds »Alles was zählt« oder
Christian Krachts Roman »Faserland« (...).
Und es durchzieht als Endpunkt
sexueller Obsession die Bücher des Erotomanen
Michel Houellebecq (...). Die Protagonisten seiner Romane meiden
die Penetration. Und ist (wie in
»Elementarteilchen« und
»Plattform«) endlich die Frau gefunden, die
Permanentbefriedigung gewährt, muss sie auch gleich wieder tragisch
sterben, durch Selbstmord, Attentat, Gebärmutterhalskrebs.
Weggeschafft.
Es wäre übertrieben, all diese Romane unter das gleiche Motto
stellen zu wollen oder im strengen Sinne Parallelen zwischen der
paranoiden Hitze eines Weininger und dem fischig-kalten Zynismus
Houellebecqs zu ziehen. Doch als Gedankenexperiment ließen sich
beide als extreme Enden einer Geschichte der Kastrationsangst
verstehen.
An ihrem Anfang steht Weiningers Fluch auf die Moderne als der
»jüdischsten« und »weibischsten« aller Zeiten, an ihrem Ende steht
Houellebecqs Romanfigur Michel Djerzinski, die in
»Elementarteilchen« gelassen feststellt, dass Männer nutzlos
geworden sind. Während sein Bruder Bruno, armes Erdentier, nichts
anderes kann als unermüdlich sexueller Befriedigung
hinterherzulaufen, verfasst der Mikrobiologe Michel eine »Prolegomena
zu einer vollkommenen Replikation« mit dem Ziel, die biologische
Entwicklung von Fortpflanzung und Sexualität abzukoppeln. (...).
Man könnte die Figur des Michel als einen kleinen, technologisch
geläuterten Wiedergänger Weiningers verstehen, sie ist in gewisser
Weise seine Erfüllung - und sein Gegenteil. (...).
Gemeinsam ist beiden die Sehnsucht nach der Befreiung vom Sex -
zumindest als Fortpflanzung - und der Auflösung der Geschlechter.
Michel Djerzinski, die Romanfigur, und Otto Weininger, der tote
Philosoph, sind Utopisten, sie basteln am Engel, der
geschlechtslosen Monade. Welch Zukunftsmusik. Uns Irdischen bleibt
unterdessen nur die Tristesse eines Soloalbums."
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BALZER, Jens (2003): Wie war das noch mal mit der Wiedervereinigung?
Leander Haußmanns "Herr Lehmann"-Version,
in: Berliner Zeitung v. 02.10.
- Inhalt:
"Man
sieht sich den Kinofilm »Herr Lehmann« wohl am besten so an,
wie Herr Lehmann sich »Herr Lehmann« im Kino ansehen würde:
breit wie drei Reiher, mit viel Flaschenbier und vielleicht
auch ein bisschen Koks; müde, aber schlaflos; gegen
Zusammenhänge gänzlich ertaubt, aber mit sekundenkurzen
Momenten der Klarheit beschenkt, in denen sich der Verstand
ruhelos immer wieder in irgendwelchen halb- bis unwichtigen
Details verhakt und diese von allen Seiten bestaunt und
analysiert und sich verhakt und verhakt und verhakt",
empfiehlt Jens BALZER
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SOMMER, Theo (2003): Leben in Deutschland.
Wie leben wir, was hat sich verändert - und warum? In dieser Woche
beginnt eine 29-teilige ZEIT-Serie. Sie schildert, wie wir auf die
Welt kommen, wie wir lieben, lernen, arbeiten, glauben, spielen,
träumen, alt werden und sterben - eine Entdeckungsreise in das eigene
Land,
in: Die ZEIT Nr.41 v. 02.10.
- Kommentar:
Die "Welt
von 1953 ist dahin. Lebensformen, -führung und -verläufe haben sich
seitdem massiv verändert,"
lautet die
Individualisierungsprosa,
wie sie seit 20 Jahren die Sichtweise auf diese Gesellschaft prägt.
Aber
stimmt das auch? Geändert haben sich weniger die Lebensformen an
sich, sondern die Normen.
Die
Vielfalt der Lebensformen wurde in den 50er Jahren als abweichend
stigmatisiert. Die bürgerliche Familie galt als unumstrittenes
Ideal, das durch das Rechtssystem zusätzlich stabilisiert wurde.
Einzig in Bezug auf dieses Leitbild, lässt sich eine Veränderung
konstatieren.
Veränderungen
gab es - unbestreitbar - im technologischen und organisatorischen
Bereich, aber die Veränderungen lassen sich nicht - wie es die
Individualisierungsprosa tut - über einen Kamm scheren.
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RUTSCHKY, Michael (2003): Was ist heute links?
in: TAZ v. 01.10.
- Kommentar:
Michael RUTSCHKY klagt über den öffentlichen
Dienst als Avantgarde der linken Mittelklasse.
Welch
ein Treppenwitz der Geschichte!
Ist RUTSCHKY nicht DER idealtypische Repräsentant eines
selbstgefälligen Milieus, das sich als die einzig wahre Elite
Deutschlands versteht?
Michael
RUTSCHKY ist eine Zentralfigur der 68er-Generation, die es sich
inzwischen - dank sozialem Aufstieg - in der Neuen Mitte bequem
macht.
Präsent
in fast allen Mitte-Feuilletons (Den Spagat zwischen TAZ und WELT
schafft man inzwischen in diesem Milieu spielend) gehört er zu einer
neuen Form des öffentlichen Dienst. Diese
Individualisierungs-Schickeria hat nur für das Altern noch keine
Endlösung gefunden hat.
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- ZIEGLER, Julia (2003): Das liebe Geld.
Scheidung erhöht das Armutsrisiko bei Frauen - eine Bielefelder
Studie untersucht die Folgen von Trennungen,
in: Tagesspiegel v. 01.10.
- Kommentar:
"Jede dritte Ehe in Deutschland wird geschieden, in
Großstädten ist es jede zweite", posaunt - nicht nur - ZIEGLER
hinaus.
Der
Soziologe
Kurt LÜSCHER hat solche reißerischen Sätze als
Familienrhetorik entlarvt:
"Die
Wahl der Bezugsgröße: Wird jede dritte Ehe geschieden - wie dies die
zusammengefaßte Scheidungsziffer nahelegt - oder sind es 80 von
10.000 bestehenden Ehen?" stellt LÜSCHER zur Debatte. Der
Sozialpopulismus und die moralische Empörung lebt von solchen
Dramatisierungen.
Die
Ökonomie der Aufmerksamkeit verlangt in der Zeitungskrise zudem
drastische Formulierungen.
Die
Individualisierungsdebatte, vor 20 Jahren vom Soziologen Ulrich
BECK angestoßen, lebt von
demographischer Rhetorik.
Singles
bekommen nun die Quittung präsentiert. Denn ihre quantitative
Verbreitung steht in keinerlei Verhältnis zur medialen
Aufmerksamkeit, die ihnen zuteil wird.
Der
Lifestyle-Soziologe
Stefan HRADIL
hat eine halbherzige Erklärung gefunden: Singles sind ideale
Projektionsflächen für Nicht-Singles.
Das mag stimmen, ist jedoch nur die halbe Wahrheit.
Die andere Hälfte der Wahrheit
liegt in der bewussten rhetorischen Dramatisierung, wie sie von
Kurt LÜSCHER in vielen Beispielen belegt worden ist.
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- FREI (2003): Falsches Sparen mit
"Geburtenkeule".
Die Kinder- und Jugendärzte warnen davor, dass Kinderspitäler
kaputtgespart werden. Der angebliche Geburtenrückgang finde derzeit
nämlich gar nicht statt - vielmerh müsse man qualitativ auf das
deutliche Ansteigen der Zahl von Frühgeburten reagieren,
in: Der Standard v. 01.10.
- Kommentar:
Verkehrte Welt! Wurde Österreich noch vor
kurzem von einer
Wertedebatte
erschüttert, die sich aus dem Geburtenrückgang speist. Und nun soll
das alles gar nicht wahr sein?
FREI zitiert:
"»Die
Politiker rennen mit der Keule des Geburtenrückgangs herum - aber
der Geburtencrash hat vor 25 Jahren stattgefunden.« In den 60er-und
70er-Jahren war die Geburtenrate von knapp 135.000 auf unter 90.000
abgesackt. Seither stagniere die Zahl, »im ersten Halbjahr 2003 gab
es sogar einen Zuwachs von zwei Prozent«".
Was den einen in die politische Strategie passt, das ist anderen gar
nicht recht.
Auch
in Deutschland ist der
Streit um den Geburtenrückgang
entbrannt. Die Neuen Mitte-Medien ignorieren dies jedoch beharrlich
- schließlich soll die drastische Sozialreform - mit Hinweis auf den
Sachzwang "demografischer Wandel" durchgepeitscht werden...
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BAßLER, Moritz (2003): Ein dystanziertes Gefühl.
Russlands junge Autoren transferieren mit Pfiff die Warenkultur des
Westens. Ein Streifzug durch den Pop à la Russe,
in: Literaturen, Oktober
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HEIDINGSFELDER, Markus (2003): Pop ist keine
Frikadelle.
Jetzt mal im Ernst! Professor Peter Fuchs sagt uns, warum wir
eigentlich Musik hören,
in: Rolling Stone, Oktober
- Kommentar:
Peter FUCHS räumt aus systemtheoretischer
Sicht auf mit dem Mythos popkultureller Selbstbeschreibungen. Pop
ist weder revolutionär, noch systemkritisch, sondern ist Teil der
systemstabilisierenden, gesellschaftlichen Reproduktion. Pop hat
eine Orientierungsfunktion im Hinblick auf die Frage, wie möchte ich
leben?
Das
Buch
"Verzichten auf"
von Matthias KALLE ist der beste Beleg für diese These.
Peter FUCHS
geht noch weiter und sieht Pop als Mittel, um die Komplexität der
postmodernen Gesellschaft zu reduzieren:
"Man
kann in der modernen Gesellschaft nicht mehr »präzise« oder
»eineindeutig« leben, weil es keine Unbezweifelbarkeiten gibt - es
sei denn um den Preis von Ideologie, Fundamentalismus, Ignoranz
gegenüber abweichenden Beobachtungen. Und da scheint es mir so zu
sein, dass Pop sozial attraktiv wird, weil er den massiven Verlust
an Eindeutigkeit kompensiert".
Anschlussfähig
ist die Argumentation auch zu
Eckhard SCHUMACHERs "Gerade Eben Jetzt":
"Pop
würde (...) nicht über Themen organisiert; er wäre folglich
kein intellektuelles Phänomen. Es ginge um Präsenz, die
Erzeugung einer Gegenwart, die über Musik, Körper, Gefühl sich
immunisiert gegen das Auch-anders-möglich."
Ganz
zum Schluss noch eine Zugabe:
"Leute
wie die Stones rücken in die Funktionsstelle ein, die früher der
Adel innehatte."
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GLASER, Peter (2003): Tanz im Vakuum.
Der deutsche Punk und die Neue Deutsche Welle im Schnelldurchlauf,
in: Rolling Stone, Oktober
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- Kommentar:
Bei single-dasein.de spielte die Eliten-Berichterstattung seit Anfang an
eine große Rolle. Inzwischen rücken die Eliten auch in der
Medienberichterstattung in den Mittelpunkt. In der Debatte kündigt
sich - ganz unscheinbar - die Rückkehr zur Klassengesellschaft an...
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LOTTER, Wolf (2003): Die Ausnahmen und die Regel.
Im Chaos des Wandels mag niemand vorangehen - Eliten sind verpönt,
der Begriff gilt als abgefackelt. Doch wie sollen Vorbilder entstehen,
wenn man sie nicht lässt?,
in: brand eins, Oktober
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SCHRÖDER, Lina (2003): "Wirtschaft ist keine Religion".
Ob Marxisten, Neo-Liberale oder Globalisierungsgegner - alle
glauben an die Allmacht der Wirtschaft. Der französische Philosoph
Pascal BRUCKNER nicht,
in: brand eins, Oktober
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Zu den News
vom 26. - 30. September 2003
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