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Medienrundschau:

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Medienberichte über single-generation.de
 
 
 
   

News vom 16. - 23. Juni 2004

 
 
     
     
     
       
   
Zitat des Monats:
"Die Instabilität heutiger Beziehungen ist nicht, wie manche Moralisten oder auch Psychotherapeuten klagen, eine Folge von Bindungslosigkeit oder Beziehungsunfähigkeit; sie ist vielmehr die Konsequenz des hohen Stellenwertes, der Beziehungen für das persönliche Glück beigemessen wird, und der hohen Ansprüche an ihre Qualität."
(aus: Gunter Schmidt & Johannes von Stritzky "Beziehungsbiographien im sozialen Wandel. Ein Vergleich dreier Generationen. In: Familiendynamik, H.2, April, 2004, S.99)
 
 
 
Falter: Die Bobos
   
  • RUNGE, Heike (2004): Supplement.
    Dinu Mendrea "Trying to be 20 in Jerusalem",
    in: Jungle World Nr.27 v. 23.06.
    • Inhalt:
      "
      Es gibt Städte, die sind wie dafür gemacht, darin jung zu sein und dem Morgen entgegenzufiebern. Es sind Orte, die das Neue geradezu anziehen. Andere Städte dagegen sind wie dafür geschaffen, es allem Neuen, Jungen und Unfertigen so schwer wie möglich zu machen; sie haben einen machtvollen Pakt mit der Geschichte geschlossen.
      Die Fotografien von Dinu Mendrea zeigen solch eine konservative Stadt – Jerusalem, in den Jahren 2000 bis 2003 –, und sie handeln davon, wie kompliziert es ist, ausgerechnet an diesem Ort der bedeutsamen Vergangenheit und ausgerechnet in den Zeiten des eskalierenden Konflikts und der latenten Gefahr ins Erwachsenenleben zu starten
      ", so beginnt RUNGEs Porträt des Fotografen Dinu MENDREA, Jahrgang 1970.
 
   
  • MERNISSI, Fatima (2004): Die neuesten Webtraditionen.
    Internet-Boom in Marokko: Nach Marrakesch kommen die Touristen nur der Märkte und antiken Schlangenbeschwörer wegen. Die Jugend bevölkert indessen die Internetcafés der Stadt, um Anschluss an die Welt zu finden. Ein Streifzug durch die Szene,
    in: TAZ v. 23.06.
    • Inhalt:
      Die Schriftstellerin Fatima MERNISSI berichtet u.a. über das Heiraten im Internet, das marokkanische Jugendliche fasziniert:

            
        "Während (...) Politiker, die sich in Marrakesch zur Wahl stellen, die Jugend mit Lobeshymnen auf die traditionelle Familie und auf bäuerliche Aktivitäten langweilen, verbringt diese ihre Zeit damit, sich gegenseitig Tipps zu geben zu Themen wie (...) "die virtuelle Heirat" (...).
      Kein Zweifel, die Hauptbeschäftigung der Internetbenutzer scheint darin zu bestehen, einen Ehepartner zu finden. (...).
      Heiraten per Internet weckt viele Hoffnungen in der arabischen Welt. Selbst eine Prestige-Zeitschrift wie die ägyptische Wighaat Nazar (»Ansichten«), die normalerweise einen sehr intellektuellen und wissenschaftlichen Stil pflegt, betont in einem Artikel über »Heirat per Computer«: »Bei dem Tempo der technologischen Entwicklung könnte es um 2019 möglich sein, sich virtuell zu lieben - als Alternative zur Ehe. Ein solcher technologischer Durchbruch könnte es den Ehepartnern ermöglichen, sich virtuell zu treffen (iftiradiyan), ohne eine ungewollte Schwangerschaft befürchten zu müssen.«
      Die Redakteure des »Dalil« sind sich der Gefahr bewusst, die das Internet birgt, nämlich sich von der Realität abzukoppeln. Deshalb versuchen sie, die virtuellen Leidenschaften ihrer Leser zu bremsen, indem sie über die Erfahrungen in anderen arabischen Ländern informieren, die technologisch weiter entwickelt sind: »Die arabische Jugend und ihre Erfahrungen mit Heirat per Internet.«
      "
 
   
  • WINKELMANN, Ulrike (2004): Die Bescheid wissen.
    Wie neoliberale Bündnisse den politischen Diskurs in den Medien hübsch vereinfachen - besonders gerne unter Einsatz von abservierten Politikern,
    in: TAZ v. 23.06.
    • Inhalt:
      Ulrike WINKELMANN berichtet anlässlich des Kongresses "Gesteuerte Demokratie" über die Methoden der neuen Bürgerbewegungen:

            
        "Wie man Meinungsführerschaft organisiert, lässt sich recht gut an Bündnissen wie der »Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft« (INSM) oder auch »Stiftung liberales Netzwerk« und »BürgerKonvent« betrachten. In diesen Projekten sammelt sich praktisch das ganze Personal der Republik, das in und mit den Medien vor allem eines zu vermitteln gelernt hat: »Reform« und »Eigenverantwortung« ist, was der Wirtschaft nützt und den Staat zurückdrängt."
 
     
   
  • Der wichtige Artikel:
    DORBRITZ, Jürgen (2004): "Nur Tempoeffekte, aber kein Babyboom".
    "Gerontokratie? Nichts da! Bald kommt der Babyboom", so überschrieb Detlef Gürtler einen Artikel, der am 19.08.2003 in der "Welt" erschien. Dort wurde ein dritter demographischer Übergang vorhergesagt, der nicht - wie die beiden ersten - zu einem deutlichen Geburtenrückgang führen wird, sondern einen neuen Baby-Boom bringen soll,
    in: BIB-Mitteilungen, Nr.2 v. 22.06.
 
   
  • GUPTA, Prem Lata (2004): Männlich, schlau und ein wenig schüchtern,
    Mit viel Fleiß, Akribie und technischem Know-how rüsten Besitzer privater Web-Seiten auf. Eine deutsche Studie untersucht ihre Motivation,
    in: Focus Nr.26 v. 21.06.
 
   
  • ZIMMER, Matthias (2004): Der Rückzug des Staates ist keine Lösung.
    Globalisierung, Gerechtigkeit und Solidarität: Bausteine einer Sozialpolitik im 21. Jahrhundert,
    in: Frankfurter Rundschau v. 21.06.
 
   
  • KLUY, Alexander (2004): Fenster oder Gang?
    Jüngste Studien und Projekte belegen: Architekten stehen vor der Herausforderung, sich verstärkt mit einer für das Alter angemessenen Architektur zu beschäftigen,
    in: Frankfurter Rundschau v. 21.06.
    • Inhalt:
      KLUY berichtet u.a. von einer Studie des Schweizer Soziologen François HÖPFLINGER:

            
        "Ein Befund wird weitgehend ausgeblendet, auf den der Schweizer Soziologe und Altersforscher François Höpflinger in unakademischer Deutlichkeit verweist: »Die ältere Gruppe ist alles andere als eine homogene Gruppe mit einheitlichen Lebens- und Wohnvorstellungen. Dies gilt insbesondere für die Gruppe von Menschen, die lebenslang gelernt haben, ihre Individualität zu pflegen. Dementsprechend sind alle Lebens- und Wohnprojekte, die von einem einheitlichen Typ älterer Menschen ausgehen, von vornherein zum Scheitern verurteilt.«
      Im Auftrag der in der Schweiz beheimateten Age Stiftung hat Höpflinger unter dem Titel Age Report 2004 - Traditionelles und neues Wohnen im Alter (Seismo Verlag) nun eine fundierte Studie herausgegeben."
 
     
     
   
  • SCHMID, Thomas (2004): Erfolgsrezept Enthaltsamkeit.
    Warum die Grünen so unverschämt erfolgreich sind,
    in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 20.06.
 
   
  • HEINE, Matthias (2004): Willkommen zurück im Abendland.
    Für einen Wiedereintritt in die Kirche zählt nicht nur die Sehnsucht nach den eigenen Wurzeln. Ein Selbstversuch,
    in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 20.06.
    • Inhalt:
      Matthias HEINE entdeckt die Religionszugehörigkeit als Distinktionsmerkmal und behauptet, dass in der Neuen Mitte Familiengründung und Re-Christianisierung zusammengehören.
 
     
   
  • WALTER, Franz & Tim SPIER (2004): Der skandinavische Weg.
    Das Potenzial für eine neue Linkspartei ist da: enttäuschte Arbeitnehmer, Arbeitslose und Opfer der Sozialreformen. Dennoch ist es fraglich, ob sie ihre Chance nutzen kann,
    in: TAZ v. 19.06.
    • Inhalt:
      Der Politikwissenschaftler Franz WALTER ("Abschied von der Toskana") sieht in der neuen sozialen Frage das zentrale Thema einer neuen Linkspartei:

            
        "Bleibt die Frage: Auf welche Inhalte müsste die neue Partei setzen, um erfolgreich zu sein? Soziale Gerechtigkeit und Bewahrung des Sozialstaates. Trotz der aggressiven Polemik, die in den mittlerweile ziemlich einheitlich neoliberal durchformten meinungsbildenden Medien gepflegt wird, sind die meisten Bürger gegenüber dem Wohlfahrtsstaat noch immer positiv eingestellt.
      Mit der Okkupation dieser Themen würde eine Linkspartei nicht nur in ein Feld vordringen, das einst die klassische SPD besetzt hielt. Mehr noch: Es ließen sich viele der aktuell diskutierten politischen Vorhaben und Gesetze auf diese Grundthemen zurückführen und herunterbrechen, sodass eine innere Kohärenz zwischen konkretem Protest und der ideologischen Grundlinie hergestellt werden könnte."

            
        Dass hierfür ein gesellschaftlicher Bedarf besteht, zeigen die skandinavischen Staaten, in denen sich Linksparteien erfolgreich im Parteienspektrum behaupten konnten:
            
        Interessant dürften in diesem Zusammenhang auch Entwicklungen in Skandinavien sein: Hier haben sich die Socialistisk Folkeparti (SF) in Dänemark, die Sosialistisk Venstreparti (SV) in Norwegen, der Vänsterpartiet (VP) in Schweden und der Vasemmistoliitto (VAS) in Finnland erfolgreich als Parteien links der Sozialdemokratie etabliert - weil sie das skandinavische Wohlfahrtsstaatsmodell verteidigen."
  • WALTER, Franz (2004): Das Ende der Volksparteien.
    Die Implosion von Politik trifft nicht nur die SPD ins Mark, sondern wird auch demnächst die CDU einholen,
    in: Frankfurter Rundschau v. 19.06.
  • WALTER, Franz (2004): Sinnkrise einer Volkspartei.
    Mitgliederschwund, "Mittigkeit" und Personalprobleme gehen der SPD an die Substanz,
    in: Welt v. 19.06.
 
   
  • Jürgen Habermas zum 75. Geburtstag

    • Kommentar:
      Martin GEGNER hat sich im Beitrag "Die Entmaterialisierung der Öffentlichkeit" (Beitrag zum Sammelband "Schöne neue Öffentlichkeit", 2003) u.a. mit dem HABERMAS-Buch "Strukturwandel der Öffentlichkeit" aus dem Jahre 1962 beschäftigt.

            
        GEGNER beschreibt die Schnittmengen zwischen HABERMAS und aktuellen Tendenzen im Neoliberalismus:
            
        "Ob das Funktionssystem der öffentlichen Vorsorge die Individuen eher einschränkt oder befreit, wird bei Habermas lediglich unter dem Blickwinkel formal-demokratischer Meinungsfreiheit problematisiert und nicht unter dem Gesichtspunkt der Freiheit von materieller Not und der damit verbundenen Dialektik von zwanghafter Systemintegration und individueller Autonomie" (S.83)
            
        GEGNER kritisiert, dass HABERMAS einen Gegenmodernisierungsschub präferiert, indem er die Rückverlagerung von systemischer Reproduktion (Sozialstaatskritik) auf lebensweltliche Verhältnisse (Familie) fordert.
            
        Mit der Kritik an der "Kolonialisierung der Lebenswelt" gerät HABERMAS in die Nähe konservativer und neoliberaler Ansätze:
            
        "Die Diagnose von Habermas, die Familie werde entprivatisiert und zur Intimsphäre konsumtiver Funktionen geschrumpft, wird heutzutage »produktiv« in die Gegenrichtung durch die Programme zur »aktivierenden« Sozialpolitik und der stärkeren Verantwortung der Familie bei »Kapitalbildung«, »Aufzucht und der Erziehung« (...) aufgenommen." (S.78)
            
        GEGNER verweist darauf, dass HABERMAS bereits 1962 die "Demografische Zeitbombe" beschworen habe:
            
        "In der Bundesrepublik sind mehr als drei Viertel der Bevölkerung Anwärter auf Versicherungs- oder Versorgungsrenten; in jedem Haushalt fällt jetzt schon mindestens eine laufende Rente an." (S.79)
            
        In diesem Sinne kann man in HABERMAS auch einen Vordenker des neuen Familienfundamentalismus sehen...
  • KNIPPHALS, Dirk (2004): Unser Projektleiter.
    Heute wird der Philosoph Jürgen Habermas 75 Jahre alt. Das Verhältnis der alternativen Linken
    zum Verfechter des herrschaftsfreien Diskurses und des Einsatzes der kritischen Vernunft war immer ambivalent - obwohl und weil seine Thesen mittlerweile mehrheitsfähig geworden sind,

    in: TAZ v. 18.06.
 
   
  • BECK, Ulrich (2004): Von Freunden umzingelt.
    Deutschlands Misere in europäischer Perspektive
    Am Beispiel Deutschlands und seiner derzeitigen Befindlichkeiten lässt sich studieren, wie falsch es wäre, die drängenden gesellschaftlichen Probleme - Arbeitslosigkeit, Alterssicherung, Migration - im Rahmen nationalstaatlicher Konzepte anzugehen. Es gilt, einen europäischen, einen kosmopolitischen Realismus zu entwickeln,

    in: Neue Zürcher Zeitung v. 18.06.
    • Kommentar:
      Der Münchner Soziologe Ulrich BECK verabschiedet sich vom kurzen Traum immerwährender bürgernaher Subpolitik und definiert nun den Bürger als politischen Störfaktor, der durch eine europäische Politik eliminiert werden soll. Als Beispiel einer solchen  bürgerfeindlichen Politik beschreibt BECK das Feld der Demografiepolitik:

            
        "Weder ist der Bevölkerungsrückgang das nationale Problem einzelner Gesellschaften (wie das bis jetzt sowohl bevölkerungswissenschaftlich als auch öffentlich-politisch diskutiert wird, im Banne des «methodologischen Nationalismus»), noch kann es im nationalen Alleingang angemessen gelöst werden. Wohin man schaut, dieselbe Situation überall in Europa. Die Überalterung droht, die Rentensysteme funktionieren nicht mehr, aber die notwendigen Reformen werden durch den organisierten Widerstand der betroffenen Gruppen blockiert.
      Ein wichtiger Schritt vorwärts aus dieser Falle könnte darin liegen, den Zusammenhang von Bevölkerungsrückgang, alternder Gesellschaft, notwendigen Reformen der sozialen Sicherungssysteme und einer gezielten Migrationspolitik als ein europäisches Problem zu definieren und kooperativ zu bearbeiten. Alle Regierungen, die sich in der nationalen Sackgasse mit Scheinlösungen begnügen müssen, können davon profitieren: Angenommen, es würde ein EU-Konzept entwickelt und verabschiedet, wie die Probleme Alterssicherung und Migration angesichts einer schrumpfenden Bevölkerung angegangen werden können und sollen. Dieses Vorhaben würde die nationalen Regierungen entlasten."

            
        Wenn Ulrich BECK das Buch "Methusalem-Komplott" von Frank SCHIRRMACHER zur "Deutschland erwache!"-Literatur zählt, dann könnte man BECKs Ausführungen zur Kategorie "Europa erwache!"-Literatur" zählen. Beide Kategorien ziehen ihre Legitimation aus Horrorszenarien, deren Realitätsgehalt mehr als fragwürdig ist. 
 
   
  • LAU, Jörg (2004): Der neue Familiensinn,
    in: Politisches Feuilleton. Sendung des DeutschlandRadio Berlin v. 17.06.
    • Kommentar:
      Obwohl keinerlei statistische Veränderungen auf eine Renaissance der Familie hindeuten, verliert die mediale Selbstbeschreibung als "Single"-Gesellschaft seit einiger Zeit eklatant an Bedeutung.

            
        Single-dasein.de beschreibt das seit 4 Jahren als gestörte gesellschaftliche Selbstbeschreibung. Mit der Formel vom Terror der Individualisierungsthese ist dieser Aspekt auf den Punkt gebracht worden.
            
        Während der Mainstream der Mitte-Medien den Single zum gesellschaftlichen Leitbild stilisiert hat, hat single-dasein.de dagegen auf den impliziten Familialismus der Gesellschaft verwiesen.
            
        Seit Heinz BUDE und Joachim BESSING sich das Comeback der Familie auf ihre Fahnen geschrieben haben, trauen sich nun auch die weniger Mutigen ins Rampenlicht, um eine Wende zu proklamieren.
            
        Jörg LAU greift nun nicht nur - wie BESSING - die Patchwork-Familie an, sondern stößt das linke Heiligtum -  die Ein-Eltern-Familie - vom Sockel:
            
        "Die Rehabilitierung der Familie als Ideal des Zusammenlebens ist unabweisbar. Das neue Kindschaftsrecht markiert hier einen Mentalitätswechsel. Es schreibt das Recht des Kindes auf beide Eltern fest und verabschiedet sich damit von der heimlichen Idealisierung der Alleinerziehenden als dem progressiven Modell der Familienpolitik."
            
        Diese Entwicklung hat single-dasein.de bereits viel länger vorausgesehen. Die mediale Beschreibung der Familie als Leistungsträger, d.h. die Ökonomisierung der Familie, grenzt Alleinerziehende aus dem Spektrum der Normalfamilie aus. Auch wenn LAU die Familie hier zum Bollwerk gegen die Ökonomie stilisiert.
            
        LAU kürt Joachim BESSING zum neuen Sprecher der Familien-Generation Golf, wenn er schreibt:
            
        "Viele von ihnen wollen eine »richtige« Familie und sehen die verbreitete Patchworkfamilie als schlechten Ersatz dafür. Weil viele dieser Scheidungskinder sich als Opfer der Lebensstilexperimente ihrer Eltern sehen, wollen sie in ihrem eigenen Leben keine Experimente mehr. Sie suchen Dauer, Gewissheit und Vertrauen.
      Wie man aber in einer Familie lebt, die sich nicht als Relikt längst vergangener Zeiten, bestenfalls vielleicht als Übergangsphänomen versteht, wissen sie aus eigener Anschauung nicht. Sie müssen das Familienleben wiederfinden. Man könnte auch sagen: Sie müssen eine heruntergekommene Form instandbesetzen wie es einst die Hausbesetzer mit den bürgerlichen Altbauten gemacht haben, die keiner mehr haben wollte.
      Die bürgerliche Familie ist für sie eine Utopie. Eine merkwürdige Utopie: Denn es geht nicht um die Befreiung des Individuums von den Fesseln des Alltags wie früher in den meisten anderen Utopien. Es geht geradezu um das Gegenteil, um das Sichverstricken und Sichverstrickenlassen in den Alltag. Familie bedeutet sich festlegen und mehr noch als festlegen lassen.
      "     
 
     
   
  • GÜNTNER, Joachim (2004): Hinfällige Jugend.
    Zweierlei Lebenserwartung für Alt und Jung?
    in: Neue Zürcher Zeitung v. 16.06.
    • Inhalt:
      GÜNTNER zweifelt die Praxis der linearen Fortschreibung von Trends in der Demographie an.

            
        Die ständig steigende Lebenserwartung könnte sich als Irrtum der Demografen herausstellen, behauptet GÜNTNER unter Berufung auf eine WHO-Gesundheitsstudie:
            
        "Schon Kinder haben Alterskrankheiten. Die heutigen Jugendlichen könnten zur ersten Generation werden, die vor ihren Eltern stirbt. Zum Krieg der Generationen taugen diese Kombattanten nicht. Und die gängige Idee, Wohlstandsbürger würden immer älter, könnte sich als Fehlinterpretation einer historischen Ausnahmesituation erweisen."
            
        GÜNTNER sieht - wie Paul NOLTE - einerseits sozioökonomische Faktoren wirken:
            
        "Es ist nicht ganz einfach, die besorgniserregenden Befunde der WHO mit der Zukunftsmusik biowissenschaftlich argumentierender Demographen zu einer schlüssigen Vision zu verquirlen. Die einen erklären schlecht ernährte Jugendliche zu Frühsterblichen, die anderen propagieren eine weitere Vermehrung der über Hundertjährigen. Beides kann stimmen - nur eben für verschiedene Gruppen. Wie bei der Bildungsstudie PISA stehen auch hier wieder Kinder aus sozial schwachen und Migrantenfamilien auf der Verliererseite. Die Scheidelinie zwischen unterschiedlichen Lebensspannen wäre demnach sozioökonomisch bestimmt und nicht etwa durch die Zugehörigkeit zu bestimmten Generationen. Junge stürben nicht deswegen früher, weil sie ausgerechnet heutzutage jung sind, sondern weil sie arm, missachtet, deklassiert und verwahrlost aufwachsen."
            
        Andererseits existieren gemäß GÜNTNER jedoch auch einzigartige historische Faktoren, die die Single-Generation zu "Glückskindern der Geschichte" werden lässt:
            
        "Wir hatten eine begünstigte Jugend. Bewegung bekamen wir genug, denn die Strasse gehörte noch uns, nicht wie heute den Autos, und wir streunten frei herum. Der flexible Kapitalismus war noch nicht erfunden, die Arbeitszeiten der Eltern waren berechenbar, die Mahlzeiten regelmässig. Die Politik liess Schulen und Badeanstalten noch nicht verkommen. Fernsehprogramme, die uns zu Stubenhockern hätten machen können, waren noch kein Problem. Mangel und Überfluss waren in unserem Dasein gerade richtig dosiert. Als Glückskinder der Geschichte haben viele von uns jetzt die Chance, erstaunlich alt zu werden."
 
   
  • Tagesthema: Die Konsequenzen aus den Wahlen

    • Kommentar:
      Die Wahlen haben es eindrucksvoll an den Tag gebracht: Die Parteienlandschaft repräsentiert nicht mehr den Wählerwillen, sondern nur noch die Blockadehaltung des neuen Establishment. Die FR widmet sich in zwei Artikeln der Frage, ob eine neue Alternative jenseits des etablierten Parteienspektrums eine Chance hat.

            
        Hans MONATH beschreibt im TAGESSPIEGEL das Wählerklientel der Grünen. Dieter RULFF hat bereits in der gestrigen TAZ am neuen Mythos der Grünen gearbeitet.
    • WILLE, Joachim (2004): "Wo ist die SPD denn noch eine linke Partei?"
      Nach der Schlappe vom Sonntag plädiert der Metaller Klaus Ernst erst recht für eine neue wählbare Alternative,
      in: Frankfurter Rundschau v. 16.06.
      • Inhalt:
        Klaus ERNST beschreibt jene Wählerschaft, die keine Stimme in der Regierung hat:

              
          "Die Grünen sind im Aufwind, obwohl sie in Berlin die gleiche Politik verantworten wie die SPD. Wie passt das zusammen?
        Die prozentualen Zuwächse der Grünen beruhen darauf, dass sie ihre Klientel ordentlich mobilisiert haben, während die Wahlbeteiligung sonst im Keller war. Die Ökopartei spricht zudem nicht das klassische sozialdemokratische Spektrum an, sondern die betuchteren Wählerschichten, die unter dem Sozialabbau weniger leiden. Die Arbeitnehmer, die Rentner oder die Arbeitslosen dagegen fühlen sich von der SPD nicht mehr vertreten, viele gar belogen und betrogen
        "
    • HANSTEIN, Reinhard (2004): Eine Bewegung sucht ihre Partei.
      Es ist wie in der Gründungszeit der Grünen: Auf der politischen Linken klafft eine Lücke - die sich bald schließen wird,
      in: Frankfurter Rundschau v. 16.06.
      • Inhalt:
        "
        Ähnlich der Umweltbewegung in den Siebzigern ist um die Jahrtausendwende die Globalisierungskritik entstanden und hat großen Zulauf gewonnen. Sie vertritt die Ansicht, dass die zurzeit vorherrschende neoliberale Wirtschaftspolitik, also Freihandel und freier Kapitalverkehr, Deregulierung, Wettbewerb und Privatisierung, nicht zu allgemeiner Prosperität und Wohlfahrt führen, sondern zu Sozialabbau und Ungerechtigkeit. Unterstützung erfährt das globalisierungskritische Lager um die Organisation »Attac« von Gewerkschaften, kirchlichen Gruppierungen und der Friedensbewegung. Eine Partei, die ihre Forderungen aufgreift und wirksam in den Parlamenten vertritt, gibt es dagegen nicht.
        Die SPD betreibt mit der »Agenda 2010« und den »Hartz-Gesetzen« eine eindeutig neoliberale Politik, für die sie gerade bei der Europawahl und der Landtagswahl in Thüringen abgestraft worden ist. Die Grünen tragen diese Politik mit und kommen daher für Attac nahe stehende Wähler ebenfalls kaum in Frage - sie finden ihre Potenziale in anderen Milieus
        ", schreibt HANSTEIN über das Defizit der Parteienlandschaft
    • MONATH, Hans (2004): Die Grünen - ungestaft.
      Volkspartei im Szeneviertel,
      in: Tagesspiegel v. 16.06.
      • Inhalt:
        MONATH sieht im Modell Prenzlauer Berg das zukünftige urbane Modell Deutschland schlechthin und die Grünen sind jene Partei, die dieses Neue Deutschland repräsentierten. Den idealtypischen Grünen-Wähler beschreibt MONATH folgendermaßen:

              
          "Vielleicht muss man sich die idealtypische Grünen-Wählerin als eine Frau mit Diplom, Laptop, Kinderwagen und Altbauwohnung vorstellen. Wie ihr Freund oder Mann hat sie einen ausgeprägten Sinn für soziale Gerechtigkeit und will ihrem Kind keine kaputte Umwelt hinterlassen. Was aber noch wichtiger ist: Die Grünen-Wählerin kann dank ihrer guten Bildung vom gesellschaftlichen Wandel profitieren – im Gegensatz zu Menschen mit niedrigerem Einkommen."
 
   
  • STREERUWITZ, Marlene (2004): Aber. Ja. Ich liebe,
    in: Frankfurter Rundschau v. 16.06.
    • Inhalt:
      Marlene STREERUWITZ berichtet am Beispiel von James JOYCEs Ullysses von der bildungsbürgerlichen Einstiegsdroge des identifikatorischen Lesens:

            
        "Zu begreifen war da nichts gewesen. Mit 16. Zu verstehen aber dann alles.
      Schon die Entdeckung des Ulysses kam aus dem Wunsch nach Fluchthilfe. Aus der Suche nach Fluchthelfern. Und missbräuchlich identifikatorisches Lesen war die Folge. Aber was für ein Gelingen der Flucht. Welche Entwindungen wurden da möglich.
      Ein Bekannter meines Vaters sagte beim Kaffee auf einer Veranda im Salzburgischen, dass er seine Einschlafprobleme mit dem Ulysses bekämpfe. (...). Und dazu lächelte er so zu meinem Vater über den Tisch hinüber. Ironisch. Überlegen. Sicher, dass alle seiner Meinung waren.
      Einer katholisch sozialisierten Person gerät das Gegen-diese-Religion-Sein leicht selbst zur Religion. Die Geste des Dagegenseins wird so rigoros wie die Selbstaufgabe von Zugehörigkeit. Und ich war 16, und das ironisch überlegene Einverständnis an diesem Frühstückstisch machte mich weinen vor Zorn und Hilflosigkeit. Ich fuhr noch an dem Tag mit dem Bus nach Salzburg. Gegen das Verbot das Haus zu verlassen. Ich machte mich auf die Suche nach dem Ulysses.
      "
 
   

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Zu den News vom 01. - 15. Juni  2004

 
 
   
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