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News vom 04. - 07. März 2005

 
 
     
     
     
 
   
Zitat des Monats:
"Typisch für Wochenendpendler ist das »Sonntagsgefühl«. Dieses zeichnet sich dadurch aus, dass die erste Hälfte des klassisch »letzten gemeinsamen Tages« vor der routinemäßigen Trennung besonders harmonisch gestaltet werden soll. Zugleich aber ist die zweite Hälfte des Tages bereits eingetrübt von der bevorstehenden Trennung - und kann somit auch nicht mehr unbeschwert erlebt werden. Dabei handelt es sich um eine vorweggenommene (prospektive) Trauer. (...). Die mögliche Unbeschwertheit der gemeinsamen Zeit ist dann vorbei, obwohl vielleicht die Abreise erst gegen Abend geplant ist. (...). Mit dieser Anforderung muss das Fern-Beziehungspaar umzugehen lernen bzw. einen eigenen Weg finden".
(aus: Peter Wendl "Gelingende Fern-Beziehung. Entfernt - zusammen - wachsen", 2005, S.40f.)
 
 
 
  • Der lesenswerte Artikel:
    WIDMANN, Stefanie (2005): "Fortpflanzung ist keine Menschenpflicht".
    Soziologe Schneider sieht Diskussion zwischen Kinderlosen und Eltern als schädlich an,
    in: Allgemeine Zeitung Mainz  v. 07.03.
    • Kommentar:
      Das hat heutzutage Seltenheitswert! Ein Soziologe (Norbert F. SCHNEIDER von der Universität Mainz), der Kinderlose verteidigt und dazu noch den SPIEGEL-Biologismus kritisiert:

            
        "Aus Sicht Schneiders, der sich schwerpunktmäßig mit Familie und Lebensformen beschäftigt, keinen. »Arterhaltung ist bei Menschen kein Argument, das wurde ihnen höchstens in Kriegszeiten manchmal gesagt«, stellt der Soziologe klar. Sich selbst zu reproduzieren, sich zu verwirklichen, die Erfahrung zu machen, wie das so mit Kindern ist - das seien eher die Motive, Kinder zu bekommen. Andererseits seien ein Drittel bis die Hälfte der Schwangerschaften ungewollt, das Wunschkind wiederum würde bei Frauen über 30 vielfach ausbleiben.
      Als »zwingend schädlich und falsch« bezeichnet Schneider die Diskussion über den Wert von Singles, Dinks (Double Income, no Kids) und Familien für die Gesellschaft. »Kinderlose lassen es sich gut gehen zu Lasten verantwortungsvoll handelnder Eltern« -  solche Aussagen seien ebenso falsch wie der Vorwurf, sie verweigerten der Gesellschaft einen Dienst, auf den diese Anspruch haben. »Fortpflanzung ist keine Menschenpflicht«, stellt Schneider klar. »Auch Kinderlose leisten ihren Beitrag zur Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft - sie arbeiten beruflich voll, zahlen die höchsten Steuern und Abgaben und finanzieren so manche nicht erwerbstätige Mutter mit, die kostenfrei an der Sozialversicherung der Gesellschaft partizipiert.«"
 
  • DPA/TSP (2005): Schneller flirten.
    Partnersuche im Internet, Speed Dating und Kreuzberger Kuschelpartys erhöhen das Tempo der Liebe,
    in: Tagesspiegel  v. 07.03.
 
  • RUTSCHKY, Michael (2005): Menschen warten draußen.
    Hier ein autonomer Kreislauf, dort der Feind von außen - darauf fußt die Metapher vom Ökosystem. Obwohl ein Phantasma, war dieses Schema in der deutschen Geschichte sehr wirkmächtig. Leider,
    in: TAZ  v. 07.03.
    • Inhalt:
      RUTSCHKY befasst sich u.a. mit den Folgen der Betrachtung von Familie als Ökosystem.
 
  • Eine Kriegserklärung an die jungen Singles in diesem Land:
    SCHIRRMACHER, Frank (2005): Deutschland-Thriller,
    in: Frankfurter Allgemeine Zeitung  v. 07.03.
    • Kommentar:
      Frank SCHIRRMACHER holt zum nächsten Schlag gegen die Kinderlosen dieser Republik aus.

            
        Nachdem Herwig BIRG den Deutschen 10 Lektionen in Bevölkerungspolitik erteilt hat. "Dreißig Jahre nach zwölf" nannte SCHIRRMACHER seinen Erstschlag.
            
        Jetzt hat er ein ZEIT-Dossier aus dem Jahr 1979 ausgegraben, das die demografische Entwicklung exakt prognostiziert habe:
            
        "Im Januar 1979 veröffentlichte Joachim Nawrocki in der Wochenzeitung »Die Zeit« ein zweiteiliges Dossier. Der erste Teil trug den Titel »Kinder unerwünscht«, der zweite hieß »Die Angst der Eltern vor dem Säugling«. Wer dieses Dossier heute liest erkennt, daß Nawrocki vor einem Vierteljahrhundert bei ganz wenigen Prognosefehlern exakt vorhersagt, was wir heute erleben. Nicht nur das: Alles was Nawrocki über die Probleme von Berufstätigkeit, Müttern, Familien und Kindern schreibt, liest sich, als sei es heute formuliert."
            
        Am 2. Februar 1985 - also 6 Jahre später, das erwähnt SCHIRRMACHER nicht - hat Joachim NAWROCKI das ZEIT-Dossier "Im Jahr 2030: Raum ohne Volk?" veröffentlicht. Dort werden die Folgen des Geburtenrückgangs folgendermaßen beschworen:
            
        "1995 wird es halb so viele Studenten geben wie heute geben, im Jahr 2000 nur halb so viele Hochschulabgänger und Heiratskandidaten wie 1990, und 2035 nur halb so viele Pensionierungen wie zehn Jahre zuvor."
            
        Wie wir alle wissen, kam - keine 5 Jahre später - die Wiedervereinigung und machte alle diese Prognosen zunichte. Und ob diese Prognosen ohne Wiedervereinigung zutreffend gewesen wären, dass wäre noch zu überprüfen.
            
        SCHIRRMACHER behauptet nun, Albrecht MÜLLER, der vor kurzem das Buch "Reformlüge" veröffentlicht hat, sei daran schuld, dass in Deutschland nicht rechtzeitig gehandelt worden sei, da er 1979 eine Entgegnung auf NAWROCKI geschrieben habe.
            
        Man fragt sich da eigentlich nur: WO WAR DAMALS DIE ALLMÄCHTIGE FAZ? Und war nicht die CDU seit 1983 an der Macht? Und vor allem: stimmen die heutigen Prognosen überhaupt? Es ist ein offenes Geheimnis, dass unsere Bevölkerungsstatistik nicht das Papier wert ist, auf das sie geschrieben wird!
            
        SCHIRRMACHER geht es ja auch um etwas ganz anderes. Er weist auf eine neue Studie des Instituts für Altersvorsorge hin. Dies ist eine Interessensvertretung der Versicherungsindustrie, die sich in Zukunft durch die Privatisierung der Altersvorsorge hohe Renditen erhofft. Meinhard MIEGEL vertritt die Interessen dieser Branche. SCHIRRMACHER macht sich zum Handlanger von Brancheninteressen.
            
        SCHIRRMACHER droht nun den Jahrgängen 1960 bis 1980 unverholen damit, dass sich diese Jahrgänge nicht einmal mehr auf das positive Image einer Lost Generation berufen werden können:
            
        "Sie werden von allen Seiten bedrängt werden: als die, die daran schuld sind, daß zu wenig Kinder geboren wurden, als die, die den Jüngeren die Arbeitsplätze wegnehmen, als die, die zu lange leben und so weiter."
            
        SCHIRRMACHER schreibt nun das, was von single-dasein.de bereits seit dem Jahr 2001 immer wieder prognostiziert wurde, dass nämlich Singles längst in die Defensive geraten sind.
            
        Bereits im Jahr 2002 nahm single-dasein.de das Ende des bevölkerungspolitischen Tabus vorweg.
            
        In den jeweiligen Jahresrückblicken 2002, 2003 und 2004 wurden die Tendenzen zur Verschärfung der Situation von Singles beschrieben und weitere Restriktionen für Singles vorhergesagt.
            
        Nun lässt sich das auch in den Mitte-Medien nachlesen:
            
        "Wenn für die Mehrheit einer Demokratie etwas »zu spät« oder verloren ist und diese Mehrheit das Unausweichliche der Verspätung auch begreift, dann wird, wie es nach Kriegen oder großen Katastrophen zu geschehen pflegt, die individuelle Biographie von unzähligen Menschen dramatisch politisiert.
      In dieser Lage befinden wir uns bereits. Daß im Augenblick über Kinder plötzlich wieder biographisch geredet wird, liegt daran, daß der typische Deutsche heute älter als vierzig ist. Die Frauen des Geburtsjahrgangs 1964 - des letzten der Baby-Boomer -, die bisher keine Kinder bekamen, werden aller Wahrscheinlichkeit nach auch keine mehr bekommen. Was einst als privatester aller privaten Entschlüsse galt, entwickelt sich jetzt vor den fassungslosen Augen der Beteiligten zu einem Politikum.
      "
            
        SCHIRRMACHER hat den Familienwahlkampf zur Landtags- und Bundestagswahl damit eröffnet. Damit müsste nun auch dem letzten jungen Single klar werden, dass das Ende der Schonzeit angebrochen ist.
            
        Die vor 1960 Geborenen haben Euch damit den Krieg erklärt!
            
        Wer sich mit der "schönen jungen Welt" auf eine Insel der Seligen träumt, dem dürfte in den nächsten Jahren ein böses Erwachen bevorstehen. 
 
  • Der lesenswerte Artikel:
    WINKELS, Hubert (2005): Damals in Düsseldorf.
    Ein großer Hirnriß und seine Folgen: Wie aus Punk, Poststrukturalismus und Poesie ganz dringend die neue Literatur entstehen mußte. Ein Beitrag zur Archäologie der Achtziger,
    in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung  v. 06.03.
    • Kommentar:
      Die ehemaligen Zaungäste sind gerade dabei die gesellschaftliche Hegemonie zu erobern, denn in ihrer Jugend bewältigten sie bereits jene Krise, die nun die Generation Golf zum ersten Mal erlebt: Die Nutzlosigkeit erwachsen zu werden:

            
        "Ich studierte schon viel zu lange ohne einen einzigen Gedanken an Beruf und Fortkommen. Wohin auch? An der Uni war mir unser Arbeitskreis Lacan und Heidegger das wichtigste geworden. Einmal in der Woche trafen wir uns, Jochen Hörisch, Michael Wetzel und einige Wechselkandidaten, um die Schriften des Meisters aus Frankreich zu besprechen oder komplizierte Graphen zu entschlüsseln."
            
        Hubert WINKELS erzählt von jenem Tag im Jahr 1982, als sein vorgezeichnetes Leben eine wundersame Wendung erlebte.
            
        Im Nachmittagskneipencafé "Tagtraum" begegnet er erstmals dem österreichischen  Puppie Peter GLASER:
            
        "der junge Mensch (stützte sich) auf einem schwarzen Krückstock (ab) (...), der mit einigen Pflastersteinen geschmückt war. Das war ein doppeltes Signal; es hieß: gehbehindert und Punkt. Und die Geschichte, die er erzählte, paßte dazu, weil sie von einer Arbeit als Landvermesser in der Steiermark handelte, wo man oft tagelang bei regnerischem Wetter draußen im Schlamm mit Meßgeräten aller Art sich fast den Tod geholt hatte: »man«, das waren Xao Seffcheque und er, der Erzähler. Da war sie wieder die Verbindung: Unterkühlt im Schlamm, das hieß Gelenkschmerz, Rheuma, Krückstock; und Xao Seffcheque, das hieß für jeden Düsseldorfer Kneipengänger: »Mittagspause«, »KFC«, »Fehlfarben« - die ganze Düsseldorfer Punk-Blase."
            
        Was Amelie von HEYDEBRECK im Jahre 2002 programmatisch als den Loser der neuen Schule formulierte, der seine zweite Chance ergreift, war bereits damals unbewusstes Programm der deutschen Generation X.
            
        WINKELS erzählt wie er durch die Bekanntschaft mit Peter GLASER, der damals für das Stadtmagazin "Überblick" als Setzer arbeitete, in einen Sog geriet, und dadurch zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort war:
            
        "Von diesem »Tagtraum«-Tag an verschoben sich sämtliche Koordinaten meines Studentenlebens; besser gesagt: damit endete es. (...).
      Durch meine ständige Anwesenheit in der Zeitschriftenredaktion wurde ich in wenigen Wochen vom Gelegenheitskorrektor zum Aushilfsredakteur zum Zuständigen für Literatur zum Vollredakteur, und da ein Herausgeber plötzlich seine Sachen packte und nach Norddeutschland zurückkehrte, wurde ich zum Chefredakteur. Das alles in weniger als einem halben Jahr."

            
        WINKELS beschreibt Peter GLASER, der damals vor seiner ersten Buchveröffentlichung stand, als typischen PUPPIE (so bezeichnete single-dasein.de bereits im Jahr 2001 unsere neue Kulturelite, die mit Elementen aus Punk und Hippietum unsere verkrustete Kultur aufbricht und damit erneuert):
            
        "Das wichtigste war das Buch, an dem Peter Glaser aufopferungsvoll schrieb. Es sollte »Der große Hirnriß« heißen, ein Roman sein,und es hatte einen Co-Autor, einen ökologisch und alternativmedizinisch engagierten Arzt namens Niklas Stiller, der bereits mit seinem Roman »Der Tod und das Flugzeug« in Rowohlts Reihe »Das neue Buch« Aufmerksamkeit erregt hatte. Stiller war ein grüner Spätachtundsechziger, sanft und sympathisch und das Gegenteil von dem, was Punk sein wollte. Allerdings war auch Peter Glaser eigentlich das Gegenteil von Punk; aber er hatte alle Achtundsechziger- und Hippies- und Moralheuchler-Verachtungstopoi internalisiert und konnte mit ihnen blendend jonglieren. Der »Große Hirnriß« erschien, und die große »Spiegel«-Story über den Roman trug den Titel »Der Apo-Opa und der Punk«. Das war's, das ging gut ab".
            
        Damals wurde auch jene "Borderline"-Literatur wieder erfunden, die Michael RUTSCHKY 2001 als erfolgsversprechendste Gattung bezeichnet hat (siehe hierzu auch LOTTMANNs "Die Jugend von heute") .
            
        Hubert WINKELS erzählt wie er mit "Liebesexpreß" einen "Roman" schrieb, der als authentisches Dokument verstanden wurde:
            
        "Es war Fake, aber das machte nichts. Ich schrieb über eine Reihe von erotischen und sexuellen Begegnungen von Menschen, die sich mittels Kleinanzeigen kennengelernt hatten, kreisförmig miteinander verbunden nach dem Modell von Schnitzlers »Reigen«. Der Stoff lag in der Luft. Damals entwickelte sich die Kleinanzeigenszene überhaupt erst zu jener teils obszönen öffentlichen Kommunikation sexueller  Wünsche, und obwohl ich kein einziges Mal eine solche Begegnung suchte, erfuhr ich einiges darüber durch die nicht selten bizarren Gestalten, die die Redaktion aufsuchten, um ihre Anzeigen persönlich abzugeben. Kurz: »Liebesexpreß. Ein Kleinanzeigenreigen« erschien bei »Panther«, und man hielt den Roman für einen Erlebnisbericht. So richtig begriffen habe ich das erst, als ich in die »Drehscheibe« im ZDF eingeladen wurde."
            
        WINKELS erklärt in dem Artikel auch, warum Punk-Kultur und Poststrukturalismus der Schamlosigkeit der Lüge zum Durchbruch verhalf.
            
        Er erzählt außerdem wie Helge MALCHOW zum Kölner Zentrum einer neuen Literatur wird:
            
        "Es war an einem (...) freundlich diskussionserregten Nachmittag, als ein junger Lektor aus dem Verlag Kiepenheuer & Witsch dazustieß. Sein Name war Helge Malchow, er hatte den »Großen Hirnriß« gelesen, und Peter Glaser sollte der erste Autor werden, den er zum Verlag holen würde."
            
        So entstanden nach und nach die ersten Werke jener Popliteratur, die stilprägend werden sollten: die Anthologie »Rawums«, Peter GLASERs »Schönheit in Waffen«.
            
        Selbstironisch merkt WINKELS zum eigenen Erzählungsband "Ausnahmezustand" an:
            
        "Glasers »Schönheit in Waffen« folgte mein Erzählungsband »Ausnahmezustand«, von dem sich mindestens ein Superlativ erinnern läßt: In seiner Besprechung erklärte Joachim Lottmann das Buchcover zum »schlechtesten Buchumschlag aller Zeiten«".
            
        Die ungekürzte Story erscheint als Prolog im neuen Buch von Hubert WINKELS' Buch "Gute Zeichen - Deutsche Literatur 1995 - 2005".     
 
  • KIESERLING, André (2005): Die leiblich-moralische Wende.
    Der Sexualforscher Alfred C. Kinsey hat nicht nur Fakten beschrieben, sondern dadurch auch Normen geändert,
    in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung  v. 06.03.
    • Kommentar:
      KIESERLING erklärt am Beispiel der Sexualwissenschaft, wie Wissenschaft durch angebliche Wertfreiheit, Normen verändert.

            
        Uns interessiert dagegen nicht die Sexualwissenschaft, sondern die Bevölkerungswissenschaft, denn hier treibt ein gewisser Herwig BIRG gerade mit diesem Prinzip - und mit Unterstützung der FAZ - sein Unwesen.
            
        Herwig BIRG ist der Alfred C. KINSEY unserer Zeit!  
 
  • DIEZ, Georg (2005): Die Armen sind die Avantgarde.
    Nichts wäre verkehrter als Herablassung: Die Kultur der Unterschicht ist womöglich unser aller Zukunft,
    in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung  v. 06.03.
    • Kommentar:
      Angeblich schreibt man bei der FAS nur noch über etwas wovon man auch etwas versteht.

            
        Georg DIEZ, der eigentlich eher für die Welt  der Reichen und Schönen zuständig ist, will uns nun die Unterschichten erklären.
            
        Dies delegiert er deswegen an so genannte Experten:
            
        "Die Auflösung ganzer Milieuformen sieht etwa Wolfgang Kaschuba, Professor für Europäische Ethnologie an der Berliner Humbold-Universität. Er spricht von der Individualisierung, die die Unterschicht besonders hart trifft, weil mit dem Verschwinden der klassischen Organisationsformen wie Verein oder Arbeit das Wir-Gefühl verloren geht. Ein Drittel der Gesellschaft zählt er zur Unterschicht, nach Kriterien wie Arbeitslosigkeit, Bildung, Einkommen, Milieu. Es gibt immer weniger kinderreiche Unterschichtfamilien, es gibt mehr Singles, mehr Getrennte. Die Vereinzelung führt zu neuen Formen der Organisation, von der Wiederkehr der Eckkneipe (...) bis zur Tankstelle, die vor allem in ländlichen Gegenden eine Mischung aus Jugendtreff, Disco und Kneipe ist."
            
        Seit 1983 verkündet Ulrich BECK die Auflösungstheorie, wonach Individualisierung - wohlgemerkt ausgehend von den individualisierten Milieus der neuen Mitte - die ganze Gesellschaft erfasst.
            
        Es spricht nichts dafür, dass diese These ausgerechnet heutzutage zutreffend sein sollte. Typischerweise sollten gemäß BECK ja auch die Klassen aufgelöst werden.
            
        Für KASCHUBA ist dagegen dieser Widerspruch kein Thema mehr, denn Klasse und Individualisierung sind für ihn keine ausschließenden Sachverhalte, sondern Individualisierung bezeichnen in dem Artikel nur Kultur- und Konsumphänomene.
            
        Kulturelle Individualisierung bei sozialstruktureller Polarisierung könnte man deshalb diesen Deutungsansatz nennen.
            
        Das mit den Armen als Avantgarde ist auch nicht wirklich ernst gemeint, denn:
            
        "Die Mittelschicht kennt vielleicht die Angst. Die Unterschicht lebt mit den Konsequenzen".
            
        Einzig als Anregungspotential für die zukünftigen Distinktionsspiele einer gelangweilten Oberschicht könnte sie dienen.
            
        Was ängstigt unsere Kulturelite aber am meisten? Das Internet:
            
        "Tassilo geht praktisch nie aus dem Haus, er schaut kein Fernsehen, er hat noch nie ein Buch zu Ende gelesen, er kauft sich keine Musik, er geht nicht ins Kino. Er lebt im Internet. (...). Er verdient auch ein bißchen Geld im Internet. (...). »Ich versuche mir da, eine Existenz aufzubauen«, sagt er. Eine unsichtbare Existenz. (...). Es ist eine zutiefst verunsicherte Schicht, die uns stark prägen wird.
      Man kann fast sagen, daß die Unterschicht eine Avantgarde ist. Sie zeigen uns, wie viele von uns in Zukunft noch leben werden."      
 
  • FLAMM, Stefanie & Mia FENGER (2005): 1 + 1 = 1.
    Sie hat eine Kaffeekanne – er auch. Sie hat eine Katze – er einen Vogel. Sie und er wollen zusammenziehen. Kann das gut gehn?
    in: Tagesspiegel  v. 06.03.
 
  • WICHERT, Silke & Julia WINKENBACH (2005): Alles, nur das nicht.
    Es gibt Dinge, die eine Frau einem Mann niemals antun darf. Halten Sie sich daran, wenigstens ihm zuliebe,
    in: Welt am Sonntag  v. 06.03.
 
 
  • KISTER, Kurt (2005): Zimmerwispern.
    Über das Wesen des Umzugs. Eine Selbsterfahrung - nach zehn Umzügen in fünfzehn Jahren,
    in: Süddeutsche Zeitung  v. 05.03.
    • Inhalt:
      KISTER beschreibt seine flexible Identität als anständigen "homo fluctuans" im Gegensatz zum "homo stabilis":

            
        Ich kann (...) mit Fug und Recht sagen, dass die Hauptqualifikation, die ich mir in meinem Berufsleben angeeignet habe, die des Umziehens ist. Wenn man sich so leidenschaftlich in die Arme der Flexibilität wirft, gewinnen Dinge im Leben eine Bedeutung, die der durchschnittliche homo stabilis nicht zu schätzen weiß. An erster Stelle steht dabei eindeutig der Karton. Für den homo fluctuans ist der Umzugskarton ein Element der Stabilität, ein gestaltverändernder Freund, auf den stets Verlass ist."
 
  • BURTSCHEIDT, Christine (2005): "Eine klassische Beziehung ist das nicht mehr".
    An der Seite der Macht. Die Ehepartner bayerischer Kabinettsmitglieder und ihr bisweilen schwieriges Privatleben,
    in: Süddeutsche Zeitung  v. 05.03.
 
  • ENCKE, Julia (2005): Alice Schwarzer über Freundinnen,
    in: Süddeutsche Zeitung  v. 05.03.
    • Kommentar:
      Je älter wir werden, desto jünger werden wir, behauptet Claudius SEIDL in seinem neuen Buch "schöne junge welt".

            
        Alice SCHWARZER bestätigt diesen Trend zur Juvenilisierung , wenn sie sich neuerdings ihrer Mädchenzeit zuwendet:
            
        "Auf Partys waren wir zugegebenermaßen irgendwann nicht mehr so beliebt, weil wir uns beim Tanzen mit den Jungs untereinander zuzwinkerten und hinter ihrem Rücken Grimassen schnitten. An einem bestimmten Punkt war das Partyterrain in Wuppertal so verbrannt, dass wir in die Nachbarstädte, bis nach Düsseldorf oder Köln ausweichen mussten. Düsseldorf wurde dann unser Ausgeh-Mekka."
            
        SCHWARZERs "Sex and the City" hieß "Die Clique", ein Buch der katholischen Schriftstellerin Mary McCARTHY aus Irland.
            
        "Liebe Alice! Liebe Barbara!" heißt das neue Buch von Alice SCHWARZER, das die Jugenderinnerungen der beiden Jugendfreundinnen aufarbeitet. 
 
 
  • MANGOLD, Ijoma (2005): Gemischte Besetzung.
    Ein humorfreies Urteil zu Texten aus den schrecklichen Siebzigern,
    in: Süddeutsche Zeitung  v. 04.03.
    • Kommentar:
      Ijoma MANGOLD empfindet die 70er Jahre als ein "besonders widerliches, verächtliches und abstoßendes Jahrzehnt".

            
        In dieser Meinung sieht er sich durch Franz M. SONNERs Buch "Werktätiger sucht üppige Partnerin" mit Kleinanzeigen aus dem Münchner Sponti-Stadtmagazin Blatt bestätigt.
            
        Die darin zum Ausdruck kommende "infantile Bedürfnisbefriedigungsregression" kann er nur als andere Seite des RAF-Terrorismus sehen.
            
        Dies übersieht völlig, dass der heutige Terror der Individualisierungsthese ein direkter Abkömmling des 70er Jahre Spontiismus ist.
            
        Sowohl die Gegner der Individualisierung (von Meinhard MIEGEL bis Herwig BIRG) als auch die Befürworter (HORX) sind im gleichen totalitären Denksystem gefangen.
            
        Solange die Debatten in dieser Endlosschleife der festgefahrenen Denkmuster stecken, sind die 70er Jahre nicht vergangen, sondern bestimmen die Gegenwart.
            
        Und ist der Begriff "Frust" nicht immer noch der heimliche Leitbegriff der elitären Krisendiskurse in den Feuilletons der Mitte-Presse? Ständig ist man dort vom Bürger enttäuscht, weil er partout nicht will, was er soll...
 
  • FELDMANN, Joachim (2005): LSD-Sekt aus dem Supermarkt.
    Zeitschriftenschau. Wie man sich um 1968 die Zukunft vorstellte,
    in: Freitag Nr.9  v. 04.03.
    • Inhalt:
      FELDMANN vergleicht die Zukunftsentwürfe im Kursbuch 14 (August 1968) mit dem Bravo-Heft 21 (31. Mai 1968). Der Sieg nach Punkten geht laut FELDMANN an die Jugendzeitschrift:

            
        "Es ist der ungebrochene Glaube an den technischen Fortschritt, der den beiden Zukunftsentwürfen gemeinsam ist. Doch während Dutschke, Rabehl und Semler von der großen kollektiven Arbeits-, Lern- und Wohnmaschine träumen, entpuppt sich das »Wohn-Center« der Bravo als eine Freizeit- und Konsumwelt, die vor allem an den Hedonismus ihrer Leser appelliert"
            
        Tröstlich findet es FELDMANN - mit Blick auf den allseitigen demografischen Alarmismus, dass die damals für Deutschland prognostizierte Überbevölkerung nicht eingetreten ist:
            
        "Erleichtert (...) sollten die Verkünder eines »Methusalem-Komplotts« zur Kenntnis nehmen, dass die demographische Prognose für das Deutschland des Jahres 2000 »Überbevölkerung« lautete. Geburtenkontrolle, so endet der Bravo-Artikel, werde zur gesetzlichen Pflicht eines jeden Bürgers. Je nach Zugehörigkeit zu einer der drei gesellschaftlichen »Intelligenz-Gruppen« würden Familien zwischen einem und drei Kindern zugestanden. Wie gut, dass uns diese Ausgeburt eines familienplanerischen Totalitarismus erspart geblieben ist."
 
 
   

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Bernd Kittlaus
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