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Medienrundschau:

News zum Single-Dasein

 
   
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Medienberichte über single-generation.de
 
       
       
   

News vom 16. - 31. Mai 2003

 
       
     
     
     
   
Zitat des Monats:

"An einem fremden Ort allein zu sein ist viel weniger schlimm, als daheim allein zu sein. Es ist eigentlich gar nicht schlimm. Daheim weiß man, wie wenig Leute man kennt, in der Fremde dagegen ist es normal, daß man keinen einzigen kennt, und man ist es zufrieden."
(aus: Iris Hanika "Das Loch im Brot", 2003)
 
       
   
  • ASSHEUER, Thomas (2003): Soziale Gerechtigkeit.
    Schattenboxen im leeren Ring. Mehr Freiheit? Oder mehr Gleichheit? Philosophen streiten über Gerechtigkeit,
    in: Die ZEIT Nr.23 v. 28.05.
    • Kommentar:
      ASSHEUER unternimmt einen Streifzug durch Gerechtigkeitstheorien von John RAWLS bis Angelika KREBS. Am Ende entdeckt ASSHEUER den linken Nationalismus und propagiert das Buch "Die Stakeholder-Gesellschaft von Anne ALSTOTT & Bruce ACKERMAN:

            
        "In ihrem viel diskutierten Buch Die Stakeholder-Gesellschaft machen sie ihrem Heimatland folgende Rechnung auf: Entweder verliert die amerikanische Ungleichheitsgesellschaft weiter ihren Zusammenhalt und baut Gefängnisse sonder Zahl – oder sie setzt alles daran, um in einem wohl verstandenen Patriotismus ihre soziale Ehre zurückzugewinnen.
      Alstott und Ackerman fordern mit einem Aufbruchspathos, das wohl nur in Amerika möglich ist, nichts weniger als eine sanfte Revolution, einen New Deal zwischen Armen und Reichen."

            
        Offenbar sieht ASSHEUER selber, dass das Aufbruchspathos hierzulande von Leuten gepachtet wird, die alles andere als einen New Deal im Auge haben:
            
        "Es ist ein Leichtes, von der Kommandobrücke einer alimentierten C-4-Professur (oder eines »Bürgerkonvents«) auf den Sozialstaat zu blicken und seine sofortige Abschmelzung zu fordern. Aber es erfordert unendlich viel an sozialer Fantasie, um zu zeigen, wie die Freiheitsgewinne, die beim Umbau des Sozialstaates durchaus entstehen können, einzubetten sind, damit sie für alle, und nicht nur für die maximale Minderheit von Ego-Taktikern, als Freiheit und nicht als Freisetzung erfahren werden. Man müsste schon sagen, wie man amerikanische Verhältnisse, die working poor, vermeiden will und welche Schutznetze es für jene gibt, die zwar ausgiebig Gebrauch von ihrer Freiheit machen, aber erfolglos bleiben, weil die Verhältnisse so sind, wie sie sind."
 
   
  • GASCHKE, Susanne (2003): Ein vierter Weg.
    Mit Geld allein schafft man keine soziale Gerechtigkeit. Mehr denn je kommt es heute darauf an, die Fähigkeiten des Einzelnen zu fördern,
    in: Die ZEIT Nr.23 v. 28.05.
    • Kommentar:
      GASCHKE liefert die "Theorie" und GREFE liefert das Anschauungsmaterial.

            
        Susanne GASCHKE propagiert einen "aktivierenden" Sozialstaat, der die Aufgaben eines strengen Familienvaters übernimmt. Im Sinne dieser Neuausrichtung sollen finanzielle Hilfen weitgehend durch "Orientierung", d.h. Sozialpädagogik, ersetzt werden.
            
        Nicht fehlende Arbeitsplätze, die eine Familie ernähren können, sondern persönliche Defizite der Arbeitslosen sind in der Perspektive von GASCHKE das Problem.
  • GREFE, Christiane (2003): Mittendrin außen vor.
    Armut ist schlimm. Noch schlimmer ist das Gefühl, nicht gebraucht zu werden. Eine Reportage aus dem Berliner Wedding,
    in: Die ZEIT Nr.23 v. 28.05.
 
   
  • SCHNEIDER, Markus (2003): Die glücklichen Alten.
    Die heutigen Rentner werden geschont, die zukünftigen bezahlen. Die Aussichten sind düster,
    in: Weltwoche Nr.22 v. 28.05.
    • Kommentar:
      Nicht nur in Deutschland, sondern auch in der Schweiz stehen Rentenreformen an.

            
        Auch dort sind die Pseudo-Provokateure - wie hierzulande Meinhard MIEGEL - im Grunde Besitzstandwahrer, weil sie die Rentenansprüche der derzeitigen Rentner verteidigen.
            
        Stattdessen sollen die Nach-68er-Generationen die ganze Zeche zahlen. Das wird diesen Generationen auch noch als Gewinn verkauft.
            
        Gewinne machen jedoch vor allem die Anbieter privater Altersvorsorge. Kein Wunder also, dass MIEGEL und das Deutsche Institut für Altersvorsorge an einem Strang ziehen.  
 
   
  • STEPHAN, Beat A. (2003): Die jungen Missionare.
    Moral is trendy, gerade bei Jugendlichen. Sie wenden sich von der Partywelt der Techno-Szene ab und engagieren sich für das Gute - zum Beispiel für den Frieden,
    in: Brückenbauer Nr.22 v. 27.05.
    • Inhalt:
      STEPHAN interviewt den Soziologen Ronald HITZLER, der den Wandel der Jugendkulturen an den Begriffen "Bewegungen" und "Szenen" festmacht. Seine Dialektik der Jugendkultur liest sich dann so:

            
        "Techno hat mit der Verweigerung der Debatte eine Vereinfachung bewirkt. Überspitzt gesagt, hat diese Szene das Diskussionsniveau auf Null runtergefahren. Die wortkarge Techno-Kultur befreite von der Last des Textes. Damit ebnete sie Jüngeren den Weg für die Wiederentdeckung von Text und Moral. Sie konnten sich abgrenzen, indem sie sagten: Wir haben ein Anliegen. Ich denke dabei auch an die Renaissance der textlastigen Gothic-Szene oder des Hip-Hop mit seinen oft sozialkritischen Texten."
            
        Man kann jedoch auch einen anderen Blick auf den Gegenstand werfen.
            
        Der Subkulturforscher Rolf SCHWENDTER hat z.B. den Zusammenhang zwischen der Forschung und ihrem Gegenstand so beschrieben:
            
        "Nie werde ich vergessen, wie 1976 - ich trank in einem Dubrovniker Touristenhotel meinen Nachmittagskaffee, eine Gruppe junger Männer zielstrebig auf mich zu trat und mir erklärte, sie seien die Street Corner Society von Dubrovnik und hatten gehört, ich würde mich für Leute wie sie interessieren. 1987 hatte ich ein Podium mit Skinheads (keine Angst, es waren Oi-Skins, und, entsprechend, ganz umgängliche Leute) - deren erster sich mit den Worten vorstellte: »Ich heiße... und gehöre der Jugendsubkultur der Skinheads an.« Schließlich (...) war ich, es ist noch nicht lange her, mit der Forderung eines Skaters konfrontiert, die Skater als Subkultur anzuerkennen und sie nicht als bloße Teilkultur zu betrachten."
      (aus: "Gibt es noch Jugendsubkulturen?", S.12f.1995) 
 
   
  • GOSWAMY, B. N. (2003): Partnersuche als Wissenschaft.
    Ein Blick in die Heiratsanzeigen indischer Zeitungen,
    in: Neue Zürcher Zeitung v. 27.05.
    • Inhalt:
      GOSWAMY berichtet über die Partnersuche per Inserat in Indien:

            
        "Die Beziehungen, die solchermassen angebahnt werden, sind zwar nicht mehr die arrangierten Ehen von einst; doch ist es nach wie vor die grosse Ausnahme, dass junge Männer und Frauen sich selbst auf Partnersuche begeben. Die Hauptlast der Sorge um eine passende eheliche Verbindung tragen nach wie vor Eltern und Familie, und zwar insbesondere, wenn sie selbst etwas zu bieten haben."
 
   
  • HERRMANN, Ulrike (2003): Teilhabe ist ungerecht.
    TAZ-Serie "Agenda 2010", Teil 4: Schröders SPD ist die Partei der Arbeitenden und der Familien - Schwache bleiben außen vor. Hilfe ist kein Recht mehr, sondern Gnade,
    in: TAZ v. 27.05.
    • Kommentar:
      HERRMANN hat die Geburtstagsrede für die 140-jährige SPD von SCHRÖDER analysiert und kommt dabei zu ähnlichen Schlüssen wie single-dasein.de anlässlich eines ZEIT-Artikels von Peter GLOTZ.

            
        HERRMANN sieht in der Verwendung des Begriffs "Teilhabe" eine Neudefinition sozialer Gerechtigkeit:
            
        "Chancengleichheit und Verteilungsgerechtigkeit stehen für positive Ziele, für eine Utopie. Sie formulieren einen sehr weit reichenden Anspruch des Einzelnen. Schröder hingegen definiert Gerechtigkeit in der Negation, als eine Art Untergrenze: »Oberstes Ziel einer Politik der Gerechtigkeit also ist es, zu verhindern, dass Menschen aus Arbeit und Gesellschaft ausgeschlossen werden. Aber auch nicht zuzulassen, dass sie dauerhaft von staatlicher Unterstützung abhängig werden.« (Hervorhebungen durch die Red.) In dieser Logik ist schon ein Minimum das Maximum an Gerechtigkeit. Teilhabe ist leicht erreichbar, wenn als einziges Kriterium gilt, dass man nicht vollkommen draußen bleibt. Da reicht es dann dicke, wenn der Lohn knapp über der Sozialhilfe liegt.
      Teilhabe ist Gerechtigkeit light für die Schwachen. Aber der Begriff hat den charmanten Vorteil, deutlich besser zu klingen."
 
   
  • WALTER, Franz (2003): Spirituell dürr und spröde.
    Die großen christlichen Kirchen in Deutschland müssen sich zurechtfinden zwischen alten Beharrungskräften und neuer Beweglichkeit,
    in: Frankfurter Rundschau v. 27.05.
    • Inhalt:
      Der Politologe Franz WALTER analysiert zum einen den Zusammenhang zwischen Konfession und Wählerverhalten und zum anderen die Entkonfessionalisierung, die u.a. mit der Abkehr des begabten katholischen Mädchen vom Lande einherging.

            
        WALTER spricht von einem "Clash of Generations":
            
        "In den Nachkriegskohorten, besonders bei den Baby-Boomern der 1950er und frühen 1960er Geburtenjahrgängen riss die Sozialisierungskette, welche den Bestand und die Wirkung der Kirche bis dahin reproduzierend gesichert hatte. Die Nachkriegsgeneration nahm die episkopalen und kurialen Gebote besonders zur Lebensführung nicht mehr an. So kümmern sich mittlerweile die Katholiken - mehrheitlich selbst diejenigen, die Sonntag für Sonntag den Gottesdienst besuchen - nicht mehr um das, was Bischöfe und Papst zur Sexualität, zur Ehe, zur Empfängnisverhütung verkünden. Die Kirche also prägt nicht mehr, deutet den Gläubigen nicht ihr Leben und ihren Alltag, führt sie nicht mehr - und verliert so an genuiner religiöser Substanz."
            
        Von einer neuen Jugendkohorte verspricht sich WALTER Chancen für die Kirchen, falls sie sich nicht auf eine reine Dienstleistungsorganisation zurückzieht.
 
   
  • WECKBACH-MARA, Friedemann (2003): "Singles trifft es hart."
    Bundesverkehrsminister Manfred Stolpe rechnet noch mit Widerstand gegen die Agenda 2010 von Bundeskanzler Gerhard Schröder,
    in: Welt am Sonntag v. 25.05.
    • Inhalt:
      In dem Gespräch geht es u.a. um die Zusammenlegung der Arbeitslosen- und Sozialhilfe und die Zumutungen für Singles:

            
        "Die Arbeitslosen- und Sozialhilfe wird ab 2006 zusammengelegt, bei Absenkung der Arbeitslosenhilfe als Arbeitslosengeld II. Die Auswirkung wird abgemildert durch Erleichterungen, etwa für Familien mit Kindern und allein Erziehende. Härter trifft es vor allem die Singles.
      WamS: Wie hart?
      Stolpe: Wer als Single zumutbare Arbeit in zumutbarer Entfernung ablehnt, erhält weniger Zuwendungen."
 
     
     
   
  • PAUER-STUDER, Herlinde (2003): Zwischen Liebe und dem nackten Leben.
    "Umverteilung oder Anerkennung?": Nancy Fraser und Axel Honneth erproben zentrale Begriffe einer zeitgenössischen Kritischen Theorie,
    in: Frankfurter Rundschau v. 24.05.
 
   
  • FUSS, Holger (2003): Seid fruchtbar und macht viele Fehler.
    Alle wollen perfekt sein. Sonst droht Ärger. Ganz falsch, sagt der Soziologe Dirk Baecker. Um die Angststarre in der deutschen Gesellschaft aufzulösen, müssen und sollen und dürfen wir irren,
    in: TAZ v. 24.05.
    • Inhalt:
      Dirk BAECKER betrachtet die
      Angstgesellschaft aus systemtheoretischer Perspektive. U.a. geht es um die Angst vor der Verschiedenheit und Homogenität als den instabilsten gesellschaftlichen Zustand.
 
   
  • NOLTE, Paul (2003): Ein Bruch? Aber sicher!
    Agenda 2010 (II): Gewerkschaften und Sozialdemokraten sind in Deutschland zu eng verbandelt. Das verhindert nicht nur politische, sondern auch gesellschaftliche Reformen,
    in: TAZ v. 24.05.
    • Kommentar:
      Paul NOLTE schlägt der SPD ganz eigennützig vor, sich seiner - d.h. der Neuen Mitte - noch mehr anzunehmen.

            
        Dazu ist ein Bruch mit den Gewerkschaften notwendig und ein bisschen Engagement für die Marginalisierten schadet zum Kaschieren des Eigennutzes auch nicht:
            
        "Die einstmals beschworene, inzwischen abgetauchte »Neue Mitte« könnte dann wieder ein stärkerer Bezugspunkt werden, aber auch jene neuen Unterschichten und Marginalisierten, die vom traditionalistischen Gesellschaftsbild der Gewerkschaften und von deren Interessenpolitik kaum erfasst werden."
            
        Die Gewerkschaften sollen sich aus der Produktionssphäre zurückziehen und sich stärker im Jenseits der Arbeitswelt engagieren.  
 
   
  • WINKELMANN, Ulrike (2003): Frühlingsgefühle.
    Die Wirtschaft darbt, die Motte frisst, und der Hammer lärmt dazu,
    in: TAZ v. 24.05.
    • Inhalt:
      Ulrike WINKELMANN hat Gründe gegen den Untergang Deutschlands gesammelt:

            
        "Erstens gibt es immer noch ausgesprochen viele Leitartikelschreiber mit 14 Monatsgehältern, die dazu noch die Muße haben, sich wöchentlich neues Untergangsvokabular aus dem Archiv besorgen zu lassen - auch die »geistig-moralische Wende« (nötig beziehungsweise kommend) lachte mich neulich wieder von einer Titelseite an. Zweitens könnte man doch zur Abwechslung mal behaupten, die Regierung habe Witz und Verstand und mache das Beste aus ihrem Handlungsspielraum. Wieso nicht? Ok, mir fällt jetzt auch nichts Konkretes ein. Müsste man die Pressemitteilungen der letzten Wochen noch einmal durchschauen.
      Drittens aber hat es doch auch was für sich, wenn die ganzen arbeitslosen Spitzentalente um die 30 in die USA gehen. Dort machen sie einen guten Eindruck und überzeugen so wenigstens das Ausland, dass die deutschen Schulen und Hochschulen noch etwas taugen. Viertens sind wir neulich durch süddeutsche Ortschaften gefahren, in denen ausschließlich BMWs vor Doppelgaragen standen. Die Straßen waren rot angemalt und die Straßenränder mit Blumen gesäumt, die anderen Leuten zu teuer sind für ihre Balkonkästen. Fünftens macht die Bahn ihre Preisreform wieder rückgängig. (...).
      Das Gefühl von Untergang oder Aufstieg, so stellte sich bei dieser kleinen Analysearbeit bald heraus, hängt von einer Reihe miteinander verbundener Faktoren ab: Was trägt die Verwandtschaft bei Familienfesten? Hat man bereits ein Bahnticket mit der neuen Bahncard erwerben müssen? War man in jüngerer Zeit im Süddeutschen? Arbeitet man noch für Geld, und wenn ja, in welcher Entfernung zur nächsten Baustelle?
      Der Presslufthammer draußen vorm Fenster dröhnt, ihm in den Takt fällt ein rhythmisch aufheulender Bohrer. Wir können die Fenster nicht öffnen, weil wir uns sonst nicht mehr verständigen könnten. Ich finde, die Wirtschaft boomt."

            
        Bei der Rückgängigmachung der Bahnpreisreform ist WINKELMANN eindeutig zu optimistisch.
 
     
   
  • FREY, Ringo (2003): Gescheitert,
    in: Welt v. 24.05.
    • Inhalt:
      Ringo FREY, der sich als Angehöriger der Single-Generation beschreibt, hat für die Quarterlife-Crisis der Generation Golf nichts übrig:

            
        "Die erfinden schon ihre eigene Krise (...), die alle befällt, die nach steiler Karriere mit Mitte Zwanzig nicht mehr wissen, was sie tun sollen und in der bleiernen Zeit zu ersticken drohen, die sie bisher gut ernährt hat. Also jene Menschen, die man in Judith Herrmanns Erzählungen erlitten hat.
      Quarterlife-Crisis? Hm. Das lässt uns arithmetisch befürchten, dass diese Langweiler 100 Jahre alt werden wollen."
 
   
  • RIEBOLD, Lars (2003): Einer flog über die Hängematte.
    Agenda 2010 (I): Die rot-grüne Regierung könnte eine Million Arbeitsplätze schaffen. Doch sie schikaniert die Langzeitarbeitslosen, statt eine umfassende Reform zu wagen,
    in: TAZ v. 23.05.
    • Kommentar:
      U.a. ein Seitenhieb auf neoliberale Ruck-Kampagnen:

            
        "Zuletzt appelliere ich an die großen Unternehmen, Leuten wie mir auf gar keinen Fall eine Chance zu geben. Investieren Sie das Geld lieber in Kampagnen, in denen von Innovation, Mut und der Bereitschaft, neue Wege zu gehen, die Rede ist. Zur Ausarbeitung entsprechender Strategien stehe ich Ihnen als Account-Manager einer Werbeagentur gerne zur Verfügung. Auf einen geldwerten Vorteil müssen Sie allerdings verzichten: Arbeitsmarktexperten wie mich braucht man nicht mehr zwecks Selbsterfahrung zum Feuerlaufen nach Fuerteventura zu schicken."
 
   
  • KARNIK, Olaf (2003): Diedrich Diederichsen - Sexbeat & Joachim Lottmann - Mai, Juni, Juli,
    in: Büchermarkt. Sendung des DeutschlandRadio v. 23.05.
    • Inhalt:
      Olaf KARNIK bespricht ausführlich die Wiederveröffentlichungen von Diedrich DIEDERICHSENs "Sexbeat" und Jochen LOTTMANNs "Mai, Juni, Juli", die er in einen Zusammenhang mit dem erfolgreichen Doku-Roman "Verschwende deine Jugend" von Jürgen TEIPEL bringt.

            
        KARNIK konfrontiert LOTTMANNs Aussagen im TAZ-Interview und eine Lobeshymne in der FAS mit Aussagen der damaligen SPEX-Redakteurin Clara DRECHSLER:
            
        "Also, als revolutionär habe ich das damals eigentlich nicht empfunden. Neu war an diesem Roman eigentlich nur – Lottmann war das Neue. Und dass man Lottmann noch ertragen konnte. So gesehen hatte er da eine gewisse Rückendeckung von uns aus, natürlich auch gegen die Leute, denen dann plötzlich aufgefallen ist, dass es überhaupt keine richtige Literatur ist und so weiter. Das heißt, er hat sich kurzzeitig die richtigen Feinde gemacht, gegen die man ihn dann verteidigen musste – an und für sich hätte sich sonst wahrscheinlich nie jemand die Mühe gemacht."
            
        Die Gemeinsamkeit und den Unterschied von DIEDERICHSEN und LOTTMANN beschreibt KARNIK folgendermaßen:
            
        "Joachim Lottmann und Diedrich Diederichsen haben den damals durch Bohèmia wehenden Zeitgeist auf den Begriff gebracht - Diederichsen eher kritisch, analytisch, historisierend; Lottmann eher affirmativ, erzählerisch, protokollierend."
 
   
  • KEEL, Aldo (2003): Ein anständiger Kerl.
    Finnlands Frauen zeigen Power,
    in: Neue Zürcher Zeitung v. 23.05.
 
     
   
  • HORX, Matthias (2003): Die krisophile Gesellschaft.
    Die seltsame Lust der Deutschen am Untergang nützt den Medien, nicht der Zukunft,
    in: Welt v. 23.05.
    • Kommentar:
      Im Maiheft von brand eins hat HORX bereits "Die Industrie der Angst" im Einklang mit neoliberalen Interessen analysiert.

            
        Auch in der WELT darf HORX nun seine kurzatmige Sicht auf die Angstgesellschaft darlegen.
            
        Angst interessiert HORX nur in dem Maße wie sie die Konsumlust als oberstes Gesellschaftsgebot stört. Ein "Angstshopper" wäre HORX dagegen willkommen...
 
   
  • GAUS, Günter (2003): Keine Zeit für große Würfe.
    Sieben Thesen. Bei einer Podiumsdiskussion zum Thema "Die Intellektuellen im Zeitalter der Ich-AG" am vergangenen Sonntag in der Berliner "Schaubühne" trug Günter Gaus einleitend die folgenden Gedanken vor,
    in: Freitag Nr.22 v. 23.05.
 
     
   
  • STRASSMANN, Burkhard (2003): Schlagfertigkeit.
    Frechheit siegt. Richtig kontern kann man lernen - bei einem "Schlagfertigkeitscoach". Ein Trainingsbericht,
    in: Die ZEIT Nr.22 v. 22.05.
    • Kommentar:
      STRASSMANN widmet sich einem Thema, das in Zeiten es Individualisierungszwangs Konjunktur hat.

            
        Filme wie "Fight Club" oder "Die Wutprobe" widmen sich dem Problem mangelnden Selbstwertgefühls. Ob kränkelnde Männlichkeit oder Schüchternheit, mangelndes Selbstbewusstsein verhindert die Ausschöpfung der eigenen Potentiale in einer neoliberalisierten Welt.
            
        STRASSMANN beschreibt die Methode eines Schlagfertigkeitscoach:
            
         "Matthias Pöhm war das jüngste von neun Kindern, eine ganz harte Schule. Auffallen machte ihm schon seit jeher Spaß. Der gelernte Softwareingenieur entdeckte in einem Rhetorikkurs sein Ding und sattelte um. Seit 1997 ist er Trainer für Schlagfertigkeit, Rhetorik und Fernsehauftritte. Sein Buch Nicht auf den Mund gefallen. So werden Sie schlagfertig und erfolgreicher (mvg Verlag, 19,90 Euro) verkaufte sich 100000-mal. Heute kann er 430 Euro plus Mehrwertsteuer pro Nase für den Schlagfertigkeitstag verlangen. »Sie sind aber sehr teuer, Herr Pöhm!« – »Stimmt!«
      Alle müssen aufstehen (»Immer aufstehen, das bringt eine ganz andere Ausstrahlung!«). Gerade stehen. Dem Gegner fest in die Augen blicken. Laut reden. Überhaupt reden. Lieber irgendwas sagen als schweigen! Und keine Angst vor Ärger haben! Der bleibt nämlich nicht aus. Schlagfertigkeit ist Frechheit. Sie hat mit Schlagen zu tun, und Schlagen tut weh. Dann sagt Pöhm etwas Bedrückendes: »Schlagfertigkeit ist nicht in erster Linie eine Technik, sondern eine Geisteshaltung.« Schade, doch wir hatten es geahnt. Die einen haben’s, wir nicht. Oder?
      »Was wir hier lernen, ist Selbstbewusstsein!« Der Schlagfertige riskiert eine Menge: die Peinlichkeit, danebenzuhauen, aufzufallen, sich zu blamieren; vielleicht ist der Gegner schlagfertiger oder kennt die Tricks. Nur der Selbstbewusste schert sich nicht um solche Bedenken".

            
        Singles haben zudem noch das Problem, dass ihre Lebensform gesellschaftlich nicht anerkannt ist. In einer solchen Situation ist die Entwicklung von Schlagfertigkeit doppelt schwierig.
 
   
  • TENBROCK, Christian (2003): Arbeit für 4,90 Euro.
    Erwerbslose sollen Billigjobs annehmen, fordert der Kanzler. Wie sehen diese Jobs aus, und wie kann man davon leben?
    in: Die ZEIT Nr.22 v. 22.05.
    • Kommentar:
      Die Folgen der HARTZ-Reform werden nicht mehr diskutiert, ein Nebeneffekt der Agenda 2010-Debatte.

            
         Die Arbeitswelt ändert ihr Gesicht und die Neue Mitte-Presse schweigt. Ausnahmen bestätigen diese Regel.
            
         Peter GLOTZ ist prototypisch für die neue Sicht auf Langzeitarbeitslose und sonstige Unproduktive.
            
         "Armut trotz Erwerbstätigkeit" der deutsche Ausdruck für "working poor" ist nur selten Gegenstand von Untersuchungen.
 
   
  • TRIPPEL, Katja (2003): Ängste und Phobien,
    in: Stern Nr.22 v. 22.05.
    • Kommentar:
      Der STERN widmet der seelischen Gesundheit eine sechsteilige Serie.

            
         Single-dasein.de hat das Thema bereits vor längerer Zeit aufgegriffen. Im Teil 2 werden Singles und ihre Ängste anhand konkreter Beispiele beschrieben. Im Teil 3 Anfang Juni geht es dann speziell um Partnersuchende und ihre Ängste. 
 
   
  • FLORIN, Christiane (2003): Die Du-AG.
    Liebesglück. Der Single hat ausgedient, wonnige Paare müssen her. Beobachtungen vom Mars, von der Venus und vom Deutschen Trendtag,
    in: Rheinischer Merkur Nr.21 v. 22.05.
    • Kommentar:
      Der Single kann nicht ausgedient haben, denn Singles waren in Deutschland gesellschaftlich nie richtig akzeptiert.

            
         Akzeptiert sind voreheliche Singles, geduldet das nacheheliche Alleinleben von Witwen. Singles im Familienlebensalter müssen dagegen mit negativen gesellschaftlichen Stereotypen leben, wenn sie ihre Lebensform nicht als vorübergehend betrachten.
            
         Die Verwechslung von Alleinwirtschaften, Alleinwohnen und Partnerlosigkeit hat eine zeitlang einem Single-Mythos Vorschub geleistet.
            
         Selbst die empirische Sozialforschung - als Nachhut gesellschaftlicher Entwicklungen - konstatiert mittlerweile einen Wertewandel.
            
         FLORIN kommt deshalb gut ein Jahrzehnt  zu spät mit ihrem Trendbericht.
            
         Selbst in der ehemaligen Alternativszene bekennt man sich heutzutage zum neubürgerlichen Eheglück.  
 
   
  • GAUS, Günter (2003): Schröders Pyrrhussiege.
    Die Bundeskanzler und ihr Sinn für Macht,
    in: Süddeutsche Zeitung v. 22.05.
    • Inhalt:
      Günter GAUS wagt einen Ausblick:

            
        "Kohls blühende Landschaften heute: Oasen in einer großen Brache. Schröders Reformpolitik in zehn Jahren bilanziert: eine bereinigte Arbeitslosenstatistik und schnelle Wechsel zwischen Niedriglohn und Sozialhilfe statt einem auskömmlichen Arbeitsleben mit einiger sozialer Sicherheit?
      Es kehrt nicht zurück, was gewesen ist. Es kann und wird nicht so bleiben, wie es ist. Erleben wir die Unausweichlichkeit eines gesellschaftlichen Wandels, der in den USA schon weiter fortgeschritten ist, als die US-Gläubigen auffassen können, der aber seinen Anfang nun auch hier genommen hat? Er wird sich lange hinziehen; aber schließlich wird er als Tragödie erkannt werden. Von wann an geht die mittelständisch geprägte Gesellschaft einer pluralistischen Demokratie in die Verfassungswirklichkeit einer Helotengesellschaft über? Wenn der soziale Aufstieg der Unterschicht ins Bürgerliche eine friedliche Revolution im Rahmen des Rheinischen Kapitalismus war, dann findet derzeit eine Konterrevolution statt."
 
   
  • ADEN, Mareke (2003): Neue Protestformen für die Jungen gesucht.
    Diskussion über "Generationengerechtigkeit" erbrachte nur Allgemeines zur Neufinanzierung der Sozialkassen,
    in: TAZ v. 22.05.
  • BEISE, Marc & Andreas HOFFMANN (2003): Das alte Land.
    Deutschland vergreist, doch Politiker und Experten tun sich schwer, die nun erforderlichen richtigen Konsequenzen zu finden,
    in: Süddeutsche Zeitung v. 22.05.
    • Kommentar:
      Zitate wie "Jeder Euro, den der Staat bereits früh in den Nachwuchs investiere, spare später ein Mehrfaches bei der Betreuung von Sozialfällen" (Jürgen KLUGE) sind anschauliche Beispiele für den Bankrott des Journalismus, der so sehr vereinfacht, dass am Ende nicht Aufklärung, sondern die Präsentation von Sündenböcken steht.
 
     
   
  • SIEMS, Dorothea (2003): "Gewaltiger Zulauf".
    Der Bürgerkonvent von Meinhard Miegel trifft den Nerv der Zeit. Das Ziel: endlich Reformen voranbringen - denn sonst drohen "revolutionäre Umbrüche",
    in: Welt v. 22.05.
    • Kommentar:
      Nach über einer Woche Medienrummel um den BürgerKonvent ist das Interesse der Öffentlichkeit sichtbar abgeflaut. Nun erhält MIEGEL im Interview reichlich Platz zur Selbstdarstellung.
  • MISHRA, Robin (2003): "Die Zeit ist reif".
    Zukunft. Gespräch mit Meinhard Miegel,
    in: Rheinischer Merkur Nr.21 v. 22.05.
 
   
  • SPRECHER, Margrit (2003): "Wie viel Geld hast du eigentlich, Papa?"
    Seit 200 Jahren geht es mit dem deutschen Adel bergab. Jetzt rappelt er sich zum letzten Mal auf: Moral statt Macht und Reichtum,
    in: Weltwoch Nr.22 v. 22.05.
    • Kommentar:
      SPRECHER arbeitet am Image des deutschen Adels:

            
        "Die Zeichen stehen gut. Je beliebiger die bürgerlichen Werte, desto brennender das Interesse an der Tradition der Herrschaftshäuser. «Deutschland braucht Vorbilder», preist sich Kaiser-Ururenkel Philip von Preussen an. Deshalb hält er Vorträge über die Verwerflichkeit der Abtreibung und bricht dabei in Tränen aus. Zudem engagiert er sich für die Keuschheitsbewegung: «Wahre Liebe wartet.» Eine Bewegung notabene, die viele Häuser gutheissen: Damit unterscheidet man sich vom triebhaften Volk.
      Um ihre Vorbildfunktion zu stärken, haben die Adelsverbände einen Wegweiser und Ehrenkodex für das 21. Jahrhundert erarbeitet. Er empfiehlt den Mitgliedern die «Schönheit der ehelichen Liebe» sowie «verantwortliche Fruchtbarkeit», also möglichst vier Kinder."
            
        Für Frankreich hat die Soziologin Monique de SAINT MARTIN die neuen Strategien des Adels erforscht.
 
   
  • BIESEL, Elke (2003): Der freie Fall aus der Kuschelecke.
    Genazino, zu Gast in Köln, beklagt im Gespräch: So viel Fremdheit war nie,
    in: Kölner Stadt-Anzeiger v. 21.05.
    • Kommentar:
      GENAZINO ist seit den 70er Jahren ein Chronist der Welt der kleinen Angestellten. Prototypisch steht hierfür Abschaffel. Der neue "Held" aus dem Roman "Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman" hält sein Leben in der Schwebe, während Abschaffel als alleinlebender Dreißiger zum Pessimisten geworden ist.

            
        GENAZINO plädiert für ein "Heraustreten aus dem verordneten Sehen".
            
        Sein eigener Wahrnehmungsunternehmer zu werden, das ist eine Beschäftigung, die auch in unserer neoliberalen Gesellschaft noch nichts kostet.
            
        In "Ein Regenschirm für diesen Tag" hat GENAZINO dieses Defizit beschrieben:
            
        "Gunhild geht durch ihr Leben und macht kaum eigene Beobachtungen. Ich bin blind, sagt sie oft; sie sagt es scherzhaft, meint es aber ernst. Man muß ihr sagen, was sie sich anschauen könnte, dann ist sie zufrieden." 
 
   
  • JUNGLE WORLD-Titelgeschichte: Vive le Streik!
    Proteste in Frankreich. Boule spielen erst ab 65? Da streikt der Franzose. Gegen die Renten- und Bildungspolitik der Regierung gehen ein bis zwei Millionen Menschen auf die Straße. Sogar die "Prekären" haben sich organisiert. Und die Archäologen. In Deutschland dagegen ersetzen laue Gewerkschaftsdemonstrationen den angekündigten heißen Mai,
    in: Jungle World Nr.22 v. 21.05.
 
     
   
  • FRICKE, Harald (2003): Liebe auf internationalem Niveau.
    Seit Jahrzehnte führt Claudia Püschel-Knies erfolgreiche Einsame auf den Weg zum Glück,
    in: TAZ v. 21.05.
    • Kommentar:
      Hier kann man lesen, wie alternde TAZ-"Revoluzzer" zum Neo-Bourgeois degenerieren und sich plötzlich wieder Alleinleben auf Einsamkeit reimt:

            
        "Die Wut auf Eheanbahnungsinstitute, auf Partnervermittlungen und Traumhochzeiten hat sich bei mir gelegt mit der Zeit. Wer immer mit derselben pennt, schimpft auch nicht aufs Establishment. Mittlerweile toben in meinem Bekanntenkreis glückliche Kinder von glücklichen Eltern, die das Glück zwar nicht bei Püschel-Knies, aber doch zumindest amtlich per Trauschein erworben haben.
      Nur die Alleingelassenen toben immer seltener mit. Stattdessen schleichen sie im Internet umher, wo es derweil keinen Unterschied macht, ob du im Chatroom Banker (41/Nichtraucher), Bürogehilfin (24/Asiatin) oder Manfred Stolpe (67/SPD) bist. Das Drehbuch zu diesen traurigen Filmen, in denen es letztlich auch meist um Liebe in Zeiten der Entfremdung geht, stammt nun eben von Michel Houellebecq und nicht mehr aus der Münchner First-Class-Partnervermittlung mit ihren Anzeigen voller märchenhafter Gestalten, die da draußen auf einen warten, wenn die Bezahlung stimmt."
       
 
   
  • RUTSCHKY, Michael (2003): Jenseits der Hauptsache,
    in: TAZ v. 21.05.
    • Kommentar:
      Erfahrungshunger war einmal! Michael RUTSCHKY parliert  - schwer erträglich - über das Altern eines 68ers, der sich mit 35 von der Jugend verabschiedet hat (keine Jeans mehr!) und nun mit 60 aufhört auf die Hauptsache zu warten.

            
        RUTSCHKY kann zwar bei den Nachgeborenen keine Altersstufen (E. H. ERIKSON lässt grüssen!) mehr identifizieren, bekennt sich jedoch nichtsdestotrotz zur anthropologischen Prägekraft der Lebensalter.
            
        Mit dem Alter gewinnt nun auch die Autorität wieder an Bedeutung und der Jugend wird die Neigung zum "ödipalen Antiautoritarismus" zugeschrieben. Da trifft es sich gut, dass Kanzler SCHRÖDER ebenfalls den autoritären Sozialstaat entdeckt hat!
            
        Wem RUTSCHKY noch nicht reicht, der kann sich bei SCHLAFFER den Rest geben...  
 
   
  • GLOTZ, Peter (2003): Die SPD muss umdenken,
    in: Welt v. 21.05.
    • Kommentar:
      Peter GLOTZ hat umgedacht.

            
        1999 erschien "Die beschleunigte Gesellschaft" und die Gefahr kam vom Dritten Drittel der Gesellschaft. Proletariat war jedoch gestern. Heutzutage protestiert das Erste Drittel. Mit diesem Artikel bewirbt sich GLOTZ sozusagen beim BürgerKonvent, dessen Perspektive er bereits adaptiert hat:
            
        "Eine Regierung, die nach Kohls Parole »Weiter so« handelte, ginge bankrott. Kurz vor diesem Punkt sind wir offenbar.
      Das merkt zuerst die obere Mittelschicht. An vielen Stellen bilden sich »Bürgerkonvente«, Denk- und Kampfzirkel. Zwar ist die Reform der Gesellschaft gegen die Parteien eine Illusion, überdies eine, die an die Weimarer Republik erinnert. Aber die Sparquote, die Angst und die aus Unsicherheit kommende Wut steigen. Die die Regierung führende SPD muss aufpassen, dass der längst zu teils freundlicher, teils spöttischer Gleichgültigkeit moderierte (140 Jahre alte) Hass eines bestimmten Teil des Bürgertums nicht wieder aufflammt."
       
 
   
  • SPROTHEN, Vera (2003): Aufbruch aus Bonn.
    Ein "Bürgerkonvent" will die Deutschen wachrütteln,
    in: Süddeutsche Zeitung v. 21.05.
    • Kommentar:
      Mit hohem Geldaufwand hat sich der "BürgerKonvent" ins Gespräch gebracht, aber die Bürger sind aus gutem Grunde mißtrauisch wie SPROTHEN darlegt:

            
        "Mehr als sechs Millionen Euro pro Jahr brauchen die Aufklärer, um ihre Kampagne am Leben zu erhalten. Bisher finanziert sie sich nach Miegels Angaben allein aus den Spenden von Privatleuten. Ob sie ihre Unabhängigkeit von Wirtschaft und Politik bewahren kann, daran zweifeln viele."
            
        Ein Debattierclub ist der BürgerKonvent auch nicht. Zwar dürfen die Bürger im Forum ihrer Debattierlust fröhnen. Die Richtlinienkompetenz liegt jedoch eindeutig bei den Initiatoren.
            
        Wirklichkeitsdefinition und Perspektive gibt bereits das Buch "Die deformierte Gesellschaft" von Meinhard MIEGEL vor. Am Ende bleibt vielleicht nur eine neue Form der Buchvermarktung.
            
        Die  Popliteraten haben das Buchmarketing zum Event gemacht und der BürgerKonvent ist sozusagen die konsequente Fortführung solcher  Events in Zeiten der propagierten Ernsthaftigkeit.
 
   
  • Bahnpreispolitik

    • Kommentar:
      Vor Weihnachten setzte die Bahn AG ihre "Jahrhundertreform" in Kraft. Ein halbes Jahr später gibt es bei der Bahn eher Jahrhundertverluste.

            
        Die Diskriminierung von Singles und Alleinreisenden hat sich für die Bahn AG nicht bezahlt gemacht.
            
        Jetzt gibt es ein paar Bauernopfer. Ob die geplanten Korrekturen singlefreundlicher sein werden, das muss abgewartet werden.
            
        Die Wiedereinführung der alten Bahncard als Option - wie sie von Albert SCHMIDT vorgeschlagen wird - wäre ein richtiger Schritt zu einer singlefreundlichen Bahn.
    • HEUER, Christine (2003): Welche Korrekturen am Preissystem der Bahn sind notwendig?
      Christine Heuer im Gespräch mit Albert Schmidt, verkehrspolitischer Sprecher der Grünen,
      in: Interview im DeutschlandRadio v. 20.05.
      • Inhalt:
        Albert SCHMIDT plädiert für Verbesserungen im Bereich Spontanreisende:

              
          "Nun gibt es aber ganz offensichtlich eine große Gruppe von Fahrgästen der Bahn, die gerade den Systemvorteil der bahn, nämlich zum Bahnhof gehen und losfahren, nutzen wollen, die also als Spontanreisende auch attraktive Preise wollen. Und da wäre doch durchaus denkbar, dass man diesen Fahrgästen mit diesen Bedürfnissen eine Bahncard anbietet, ergänzend zur Auswahl stellt, die im Einstandspreis möglicherweise teurer ist, aber bei der Einzelfahrt, auch für spontane und flexible Zugentscheidung ordentliche Rabatte bietet vergleichbar mit der früheren Bahncard 50".
    • ADEN, Mareke (2003): Die schlimmsten Sünden der AG.
      Die Bahn hält ihre Kunden für notorische Vorausplaner, kennt aber ihr eigenes Preissystem schlecht,
      in: TAZ v. 21.05.
      • Kommentar:
        Die Regierungs-TAZ hat dem Bahn-Fiasko ein Tagesthema gewidmet.
    • STEINFELD, Thomas (2003): Bruchlandung einer Illusion.
      Warum das neue Preissystem der Deutschen Bahn AG scheiterte,
      in: Süddeutsche Zeitung v. 21.05.
      • Inhalt:
        STEINFELD bringt das Problem der Bahn auf den Punkt:
        "Wollte (...) die ökonomisch wie ökologisch allen anderen Verkehrsmitteln überlegene Bahn tatsächlich versuchen, ein erfolgreiches Unternehmen zu werden, so müsste sie endlich aus dem Traum vom Fliegen aufwachen und sich ihren tatsächlichen Wettbewerbern stellen. Vor allem müsste sie auf den Gedanken verzichten, ihre Reisenden wie langfristig angekündigtes Sperrgut verstauen und verschicken zu wollen."
 
     
   
  • WALTER, Franz (2003): Zwischen Sein und Sollen,
    in: TAZ v. 20.05.
    • Kommentar:
      Der Politikwissenschaftler Franz WALTER lässt 140 Jahre SPD Revue passieren.
      Seine Sicht auf die heutige Unbehaustheit der Arbeiterklasse ist auch ein Vorwurf an die Adresse der sozialen Aufsteiger aus dem sozialdemokratischen Milieu:
      "Wahrscheinlich markierten die 1970er-Jahre das Ende der alten Arbeiterbewegung, der klassischen Sozialdemokratie - weil sie nun erfolgreich wurde, ihr großes Jahrzehnt in Europa erlebte. Es war die Zeit, in der die sozialdemokratisch lancierte Bildungsexpansion ihren Höhepunkt erreichte. In diesem Jahrzehnt gingen hunderttausende von Kindern sozialdemokratischer Tischler, Maurer und Bergarbeiter auf das Gymnasium, studierten - und verließen hernach die ehemaligen sozialdemokratisch dominierten Wohnquartiere. Die möglichen Organisatoren des sozialdemokratischen Milieus kehrten dem Milieu den Rücken und liquidierten es dadurch. Die Arbeiterquartiere verwaisten politisch und kulturell. Die Zurückgebliebenen waren nunmehr organisatorisch unbehaust und fühlten sich weder vom Habitus noch vom Stil, aber auch nicht mehr von der Politik der neuen mittelschichtigen Sozialdemokraten vertreten. War in den Weimarer Jahren Volatilität Ausdruck des gewerblichen Bürgertums, ist sie heute das Charakteristikum der Rest-Arbeiterklasse. Arbeiterklasse und Sozialdemokratie, das gehört nicht mehr zusammen."
 
   
  • HERRMANN, Ulrike (2003): Die Wirtschaftskrise lösen? Kein Problem.
    Oswald Metzger will endlich wieder mal bei "Christiansen" eingeladen werden. Sein polemisches und schlichtes Buch wird ihm da sicher helfen,
    in: TAZ v. 20.05.
    • Kommentar:
      Oswald METZGER - das Hätschelkind der Feuilleton-Revoluzzer - möchte die Grünen als Öko-FDP profilieren.

            
        Mit "Einspruch!" hat er dazu das mediengerechte Buch geschrieben, das HERRMANN als das beschreibt, was es ist: "bissiges Schwarzweißdenken", das die Ökonomie der Aufmerksamkeit bedient.
            
        Das einzig Ketzerische daran ist der Gebrauch des Wortes Ketzerisch. Ansonsten wird das neoliberale Mantra heutzutage in allen "Neue Mitte"-Medien als frohe Botschaft verkündet.
 
   
  • BARTELS, Hans-Peter (2003): Mit der Mehrwertsteuer die Sozialbeiträge senken.
    Fünf Prozentpunkte entlasten Arbeitskosten um 40 Milliarden Euro. Der sozialdemokratische Weg,
    in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 20.05.
    • Inhalt:
      Was Hans-Peter BARTELS - Angehöriger der SPD-Generation Berlin - bereits in der Frankfurter Rundschau (28.04.2003) ausführlich darlegte, darf er nun gekürzt in der FAZ vorbringen.
 
   
  • HOROWITZ, Nina & Edith MEINHART (2003): Die Nett-Generation.
    Die Netzwerkkinder von heute pflegen Tugenden wie Anständigkeit, Disziplin und Gemeinsinn. Ihre Revolution geht ohne großes Getöse vonstatten, dafür umso nachhaltiger behauptet ein neues Buch,
    in: Profil Nr.21 v. 19.05.
    • Kommentar:
      Das österreichische Nachrichtenmagazin berichtet über das neueste Buch der Trendherbeischreiber Andereas STEINLE und Peter WIPPERMANN.

            
        "Die Moral der Netzwerkkinder" klingt wie das schlechte Gewissen der Generation WIPPERMANN.
            
        In Katja KULLMANNs Buch "Generation Ally"  liest sich die Biografie von WIPPERMANN folgendermaßen:
            
        "»Ich komme ja aus einer Zeit, in der man sich politisch eingemischt hat«, sagte im Frühjahr 2001 der Kommunikationsdesigner und Trendforscher Peter Wippermann, der an der Uni Wuppertal lehrt, in einem Gespräch mit der Financial Times Deutschland. In den 70ern arbeitete er für das linke Sponti-Blatt Konkret, danach für die Zeit. In den 80ern war es jedoch flugs vorbei mit der politischen Einmischung, stattdessen war Marketing gefragt. Wippermann gründete gemeinsam mit dem Soziologen Matthias Horx das Hamburger Trendbüro und entwickelte im Auftrag des Tabakmultis Philip Morris das »Trend«-Magazin Übermorgen. Noch heute arbeitet er im Dienste des Großkapitals, wie es in seiner eigenen Jugend so schön hieß, und verrät Konzernen wie Unilever und Volkswagen, mit welchen Marketingstricks sie uns, die einstigen Konsumkids und heutigen kaufkräftige Thirtysomethings, am besten erwischen. Wenn das mal keine rasanten biografischen Schlenker sind."
            
        Wie sich WIPPERMANN die Kids wünscht:
      "Tugenden wie Anständigkeit, Disziplin, Verlässlichkeit kehren zurück – aber in veränderter Form. Das alte Pflichtgefühl gilt nicht mehr Staat und Gesellschaft, sondern bezieht sich auf den eigenen Erfolg. So wird das Revival der Werte bei näherer Betrachtung zur Strategie der Selbstverwirklichung".  
 
   
  • BRAUNS, Nick (2003): Übliche Verdächtige.
    Ein Verein namens BürgerKonvent bläst als neoliberale APO zum Sturmangriff auf den Sozialstaat,
    in: junge welt v. 19.05.
    • Inhalt:
      Im Gegensatz zur TAZ will BRAUNS im BürgerKonvent kein "ATTAC für Rentner" sehen, sondern eine rechte APO.
      Die TAZ sieht dagegen einen Mann am Werk:

            
        "Hinter der klotzigen Kampagne »gegen den Reform- und Wahrheitsstau« steckt Meinhard Miegel. Er beriet bis 1977 Kurt Biedenkopf in der CDU-Geschäftsstelle, seither leitet er das Institut für Wirtschaft und Gesellschaft. Außerdem ist er wissenschaftlicher Berater des Deutschen Instituts für Altersvorsorge, das sich für die private Rentenversicherung einsetzt."
 
   
  • NEUDECKER, Sigrid (2003): Hast noch der Töchter ja.
    Nicht nur für Phil Collins und Matula ist klar: Schweizer Frauen sind einfach die besten,
    in: SonntagsZeitung v. 18.05.
    • Kommentar:
      NEUDECKER verbindet Promi-Geschichten mit einer Werbung für eine Münchner Partnervermittlung.

            
        Deren Besitzerin preist deutsch-schweizerische Paare als optimal an, denn Schweizerinnen spielen anders als deutsche Frauen noch richtige Weibchen. Und bei deutschen Männer hat das patriarchale Verständnis offenbar ohne Probleme den Alice-Schwarzer-Feminismus überstanden:
            
        "Die Schweizerin bekommt am Schluss, was sie will, sie stellt es nur geschickter an?
      Sie setzt Weiblichkeit, Charme und Lebensklugheit ein. Während die Deutsche von Anfang an massiv dominant auftritt. Und das törnt ab. Männer wollen nach wie vor ein Weibchen. Und diese Kunst haben die Schweizerinnen und die Österreicherinnen drauf, dieses Weibchen zu spielen.
      Was macht einen deutschen Mann für eine Schweizer Frau interessant?
      Die deutschen Männer sind einfach männlicher. Die haben noch das Patriarchat in sich."
 
     
   
  • SCHIMMECK, Tom (2003): Bitte nicht küssen!
    Unser Autor schwört, dass er sich nichts hat zuschulden kommen lassen. Er ist halt gelegentlich im Internet. Sollten die unverlangt eingesendeten Verheißungen seiner E-Mailbox eines Tages wahr werden, wird er wirklich Hilfe brauche,
    in: Süddeutsche Zeitung v. 17.05.
    • Kommentar:
      SCHIMMECK schildet die Leiden eines Jedermann mit E-Mail-Postfach:

            
        "Sex und Zaster im Überfluss werden mir geboten, dazu mehr Lebenskraft, um den ganzen Segen zu genießen. So geht das jetzt jeden Tag. Das ganze globale Dorf scheint hinter mir her, eine Treibjagd. Ich schwöre, ein garantiert schuldloses Opfer zu sein. Doch alle Eindämmungsversuche (»Click here to be removed«) verschärfen die Lage nur. Immer eindeutiger zielen diese Botschaften auf die Entfesselung des totalen Testosterons ab, letztlich also auf einen Regimewechsel in meinem Kopf.
      Ich kann sie kaum noch zählen, die Michelles, Nicoles und Sandys, die mich mit Bekenntnissen und Geständnissen bombardieren. Du kannst alles haben, was du willst, zischeln mir Jasmina, Lara, Natascha und Victoria ins Ohr."
 
   
  • RASCHKE, Joachim (2003): Wo die Ziele unklar sind, gibt es auch keine Strategie.
    Über die katastrophale Lage der SPD, und warum Kanzler Gerhard Schröder der falsche Mann für eine langfristig angelegte Politik ist,
    in: Frankfurter Rundschau v. 17.05.
 
   
  • SCHLAFFER, Hannelore (2003): Vollendung im Leichenschmaus.
    Todesangst und Lebenshunger. Das eine ist die Umkehr des anderen,
    in: Frankfurter Rundschau v. 17.05.
    • Kommentar:
      Die Kulturpessimistin Hannelore SCHLAFFER widmet sich den jungen Alten:

            
        "Der Eintritt ins Alter, gerade weil er an die Pensionierung gebunden ist, beginnt mit einer Erleichterung, und diese setzt sich um in eine Beweglichkeit, wie sie eigentlich nur für die blühende Jugend vorgesehen ist. Der Lebensmut, ja -übermut der Alten, ihr Konsumvergnügen, ihre Reiselust, ihr sportlicher Elan fordern den Spott der Jungen heraus, die sich zu Recht durch diese falsche Frische schlecht kopiert sehen. Von Todesahnung also bei diesen jungen Alten keine Spur!
      Und dennoch ist dieser Lebenshunger die Kompensation der Todesangst."

            
        SCHLAFFER übernimmt unkritisch die gesellschaftliche Definition des Alters durch den Arbeitsmarkt und die damit verbundene Sozialpolitik. Auf den Gedanken, dass unsere Gesellschaft auf die Herausforderung durch die Alten nicht eingestellt ist, kann SCHLAFFER deshalb gar nicht erst kommen. 
 
     
   
  • KOHSE, Petra (2003): Der Prototyp.
    Wie Hellmut O. Brunn die Parole zur sexuellen Befreiung fand und als Amerika-Fan die US-Flagge auf Halbmast zog,
    in: Frankfurter Rundschau v. 16.05.
    • Kommentar:
      KOHSE hat die Spur der Parole "Wer zweimal mit dem gleichen pennt, der gehört schon zum Establishment" zu den Ursprüngen zurückverfolgt.

            
        Sie ist dabei u.a. im Seminar eines gewissen Kurt SONTHEIMER - der nicht unbedingt als Anhänger der 68er-Bewegung bekannt ist - fündig geworden:
            
        "Hellmut O. Brunn, 58 Jahre, Anwalt in Frankfurt am Main. Studium der Politologie ab 1964 in Berlin, Jura ab 1969 in München. Ein 68er. (...).
      Zur Geschichte des Establishment- Spruches gehört, dass Brunn an jenem Tag ein
      Seminar bei Kurt Sontheimer
      besucht hatte, in dem die wissenschaftliche Verwendungsfähigkeit dieses Modewortes diskutiert worden war. Zurück im Studentendorf, gesellte er sich zu zwei Zeitungswissenschaftlern auf dem Flur, die sich über eine gemeinsame Bekannte unterhielten. »Andy berichtete, dass Claudia jetzt mit Uwe befreundet sei. Worauf Charly fragte: Was, mit dem Uwe, die war doch gerade noch mit dem Erich befreundet, und Andy sagte, sie wäre zwischenzeitlich noch mit dem Karl befreundet gewesen. In der Situation habe ich dann spontan gesagt: 'Wer zweimal mit dem gleichen pennt, gehört schon zum Establishment.'«
      Ein prophetischer, programmatisch klingender Satz, für dessen Verbreitung der parolenfreudige Andy sorgte, und der allgegenwärtig ist, wenn es um die sexuelle Enthemmung der späten 60er und 70er Jahre geht. Erfunden wurde er jedoch, versichert Brunn, in völliger Enthaltsamkeit. »Ich selber war mit meinen Freundinnen noch nie im Bett gewesen, und auch diese Claudia hatte wahrscheinlich gar nicht mit ihren Freunden geschlafen.«"

            
        Die Entstehung neoliberaler Parolen scheint heutzutage so ähnlich zu laufen, denn selten sind deren Erfinder flexible Nomaden, sondern alte Herren im Ohrensessel...
 
   
  • VORNBÄUMEN, Axel (2003): Krawat-Attac.
    Die Bewegung "BürgerKonvent" hat den Parteienstaat als Wurzel allen Übels erkannt - wieder mal,
    in: Frankfurter Rundschau v. 16.05.
    • Inhalt:
      Axel VORNBÄUMEN charakterisiert den BürgerKonvent kurz und bündig:

            
        "Es könnte sich bereits um die besten Tage des »BürgerKonvents« handeln, den typischen Beginn einer Bewegung, die mit der allerdings seltenen Melange von Engagement und Finanzkraft ins Leben gesetzt worden ist, um - manchmal Monate, manchmal Jahre später - über die Mühen der Ebene müde geworden zu sein. Der »BürgerKonvent« - eine Art Krawatt-Attac der engagierten Zivilgesellschaft, angesiedelt irgendwo zwischen Rechnungshof und Rürup-Kommission, nur eben breiter, bodenständiger, vielfältiger."
 
   
  • DETTLING, Daniel (2003): Nach der Vertreibung aus dem Wirtschaftswunderland.
    Zukunftsfähige Gewerkschaften müssen den Übergang organisieren und dürfen nicht bloß den Untergang der klassischen Arbeit beklagen,
    in: Frankfurter Rundschau v. 16.05.
    • Kommentar:
      Warnfried DETTLINGs Sohn kennt nur zwei moderne Leitbilder, weswegen er den Übergang vom Industriearbeiter zum Wissensarbeiter organisieren möchte.

            
        Aber ist der ominöse Wissensarbeiter nicht nur der altbekannte Prototyp der Angestelltengewerkschaft?
            
        Der Soziologe Ulrich BECK hat mit der Individualisierungsthese bereits Anfang der 80er Jahre die theoretischen Grundlagen für den Übergang von der Industriearbeiter- zur Angestelltengesellschaft geschaffen. Die Wissensarbeiter der Marke DETTLING scheinen jedenfalls die Mentalität BECKscher Angestellter zu verkörpern. Sie sind unpolitisch und distanziert gegenüber den Gewerkschaften.
            
        Der Schriftsteller Wilhelm GENANZINO hat im Roman "Abschaffel" das Verhältnis der Angestellten zur Gewerkschaft bereits Ende der 70er Jahre auf den individualisierungstheoretischen Punkt gebracht:
            
        "Gersthoff war über Nacht zu dem armen Schwein geworden, das er schon immer gewesen war. Er würde wochenlang im Krankenhaus liegen müssen, und wenn es Mörst und das Gesetz nicht gegeben hätte, dann müßte er die Schicksalsmächte darum bitten, das Maß vollzumachen und ihm den Tod zu bringen (...). Mörst (...) hoffte dieser Fall würde auf andere Angestellte, die ebenfalls nicht gewerkschaftlich organisiert waren, wie auch Abschaffel, beispielgebend wirken. (...). Tatsächlich waren nur wenige Angestellte in der Gewerkschaft. Jeder Angestellte war ein privates Monstrum. Allein die Vielzahl ihrer persönlichen Wehwehchen verleitete die meisten dazu, sich schon für Persönlichkeiten zu halten, die mit anderen Menschen nichts gemeinsam hatten. So war es auch mit Abschaffel. Er hörte sich in diesen Tagen interessiert Mörsts Reden an und stimmte ihm in allem zu. (...). Er war am Anfang des Weges, den Gersthoff mit einem Herzinfarkt soeben nahezu beendet hatte. Aber das Eingeständnis führte zu nichts. Es war für ihn nur wieder eine schöne Stimmung, die er sofort zu seiner Privatsache machte. Und er ging gleich dazu über, sein Privatleben dem Privatleben Mörsts gegenüberzustellen. Ein Hundezüchter, hah! Die beiden Leben waren unvereinbar, und es war Abschaffel nicht möglich davon abzusehen."
            
        Der beklagte tiefe Riss besteht also nicht erst seit heute, sondern bereits Ende der 70er Jahre sind die von DETTLING beschriebene Probleme der Gewerkschaften nicht mehr ganz neu. Man benötigt dazu keinen neuen Begriff wie jenen von der "Wissensgesellschaft".
            
        Auch die Theorie der kollektiven Güter ist nicht weiterführend.
            
        Bereits die Entstehung der Grünen lässt sich mit rationalen Theorien nicht erklären und schon gar nicht das Verhalten von Sozialstaatsabhängigen (Da die Theorie der kollektiven Güter - ungeachtet ihrer empirischen Richtigkeit - den geplanten Sozialabbau rechtfertigen hilft, ist sie auf alle Fälle die Theorie der Stunde).
            
        Hier führen nur Theorien weiter, die sowohl Emotionen bzw. Identäten als auch die Machtverhältnisse in einer Gesellschaft berücksichtigen.
            
        DETTLING dagegen setzt auf das Ideal der Vernunft und ein Bündnis von Starken und Schwachen, das doch sehr an GLOTZige Ideen erinnert. Wo ist hier die Denkfabrik der jungen Generation? Fehlanzeige!
 
     
   
  • FREITAG, Jan (2003): Der Soundtrack des Lebens.
    In der Popliteratur verewigt, von der Industrie verschmäht, lebt die analog bespielbare Kompaktkassette heute nur noch in Liebhabernischen fort. Eine Ausstellung in Hamburg widmet sich nun dem kulturellen Gedächtnis der "Generation Mixtape",
    in: TAZ v. 16.05.
    • Inhalt:
      Jan FREITAG informiert über eine Ausstellung und die Bedeutung von Mixtapes für eine ganze Generation:

            
        "Republikweit gibt es Partys oder Radiosendungen rund um die 2,81 Millimeter breiten Bänder. Daneben haben jüngere Autoren, von Stuckrad-Barre über Christian Gasser, Nick Hornby und Karin Duve bis hin zu Max Goldt, sie literarisch verewigt. In Subkulturen wie der HipHop- und der Reggae-Szene sind Mixtapes bis heute wichtige Verbreitungsmedien".
 
   
  • BRANDT, Jan (2003): Prognosen unter Wasser.
    Die Zukunft der Arbeit (Teil 1): Was sollen wir werden? Was sollen wir tun in Zeiten knapper Arbeit? Ein Ratgeber aus den Siebzigerjahren gibt praktische Tipps für das Berufsleben im 21. Jahrhundert,
    in: TAZ v. 16.05.
    • Inhalt:
      Die TAZ startet eine neue Serie:

            
        "Gibt es eine Zukunft für die Arbeit? Muss es überhaupt eine Zukunft für die Arbeit geben? Und was bedeutet Arbeit überhaupt? Jan Brandt eröffnet heute eine Serie zu diesem Thema. Die nächsten Folgen handeln vom Lob der Langeweile, dem steinigen Weg zurück zur Uni sowie Klassenunterschieden innerhalb der arbeitslosen Boheme".
 
       
   

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Zu den News vom 01. - 15. Mai 2003

 
       
   
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