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STATISTISCHES BUNDESAMT (2006): Im Jahr 2050 doppelt so viele
60-Jährige wie Neugeborene,
in: Statistisches Bundesamt v. 07.11.
- Exklusiv-Story von
single-dasein.de:
Das Statistische Bundesamt hat 3 Jahre nach
der letzten Bevölkerungsvorausberechnung eine erneute
Vorausberechnung vorgelegt.
Wie
bereits beim letzten Mal wird die Geburtenrate in der mittleren
Variante auf 1,4 Kinder pro Frau bis ins Jahr 2050
festgeschrieben.
Aber
wie realistisch ist dieses Szenario?
Junge
Demografen wie
Michaela KREYENFELD vom Rostocker
Max-Planck-Institut für demographische Forschung oder
Tomáš
SOBOTKA vom
Vienna Institute of Demography
haben den Tempoeffekt durch die Erhöhung des Erstgebäralters
herausgerechnet. Dieser verfälscht die Geburtenrate. Demnach liegt
bereits heute die Geburtenrate bei 1,6 und nicht bei 1,4.
Die
Einschätzungen zur lebenslangen Kinderlosigkeit in Deutschland
unterscheiden sich gravierend.
Dies
zeigt ein kurzer Blick auf den
westdeutschen Frauenjahrgang 1965, der seit
etlichen Jahren familienfundamentalistischen Hardlinern als
Paradebeispiel für das kinderlose Deutschland gilt.
Der
nationalkonservative Bevölkerungswissenschaftler Herwig BIRG
schätzt in seinem Buch "Die demographische Zeitenwende" (2001) den
Anteil der Kinderlosen dieses Jahrgangs auf 32,1 % (S.73). Dieser
Sichtweise, dass heute bereits 1/3 der Frauen lebenslang kinderlos
bleiben, folgten auch die Verfassungsrichter in ihrem Pflegeurteil
aus dem Jahr 2001. Im Jahr 2003 forderte Susanne GASCHKE deshalb
sogar
"Keine Kinder, keine Rente!".
Der
WSI-FrauenDatenReport 2005 der Hans-Böckler-Stiftung schätzt den
Anteil der Kinderlosen im Anschluss an
Berechnungen von Heribert ENGSTLER auf 31,2 % (S.29).
Jürgen
DORBRITZ vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung kommt
dagegen bereits im Jahr 2001
in den BIB-Mitteilungen zum Ergebnis, dass der Jahrgang 1965
aufgrund einer
rapiden Zunahme von Spätgebärenden höchstens zu ca. 27 %
lebenslang kinderlos bleiben wird.
Das
Sonderheft "Bevölkerung - Fakten - Trends - Ursachen -
Erwartungen. Die wichtigsten Fragen" des
Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung aus dem Jahr 2004
kommt gar nur noch auf 26,5 %.
In
einem
Arbeitspapier aus dem Jahr 2005 schätzt der Demograf
Tomáš
SOBOTKA,
dass vom Jahrgang 1965 gar nur 23,3 % lebenslang kinderlos bleiben
könnten.
Wie
kann es sein, dass die Einschätzungen zur Kinderlosigkeit des
westdeutschen Frauenjahrgangs 1965 zwischen 23,3 und 32,1 %
differieren?
Ob
es in Deutschland fast 10 % Kinderlose mehr oder weniger gibt, ist
nicht nur entscheidend, wenn es darum geht, den Kinderlosen die
Schuld am angeblichen Aussterben der Deutschen zuzuschieben,
sondern es geht auch darum, dass der Bevölkerungsrückgang wie er
jetzt gerade wieder vom Statistischen Bundesamt berechnet wurde,
unrealistisch ist.
Im
Newsletter
Demografische Forschung aus erster Hand
Nr.1/2005 schreibt SOBOTKA:
"Die
Differenz zwischen der gewöhnlichen Geburtenziffer und der
Geburtenziffer exklusive Tempoeffekt mag zwar gering erscheinen;
jedoch bedeutet dies eine beachtenswerte Veränderung des
voraussichtlichen Bevölkerungsrückgangs, falls sich der Trend über
längere Zeit hält: Eine Fruchtbarkeitsrate von nur 1,46 Kindern
hat einen jährlichen Bevölkerungsschwund von 1,1 % zur Folge,
während dieser bei 1,71 Kindern pro Frau nur 0,6 Prozent betrüge."
Das
Statistische Bundesamt geht dagegen davon aus, dass bestenfalls im
Jahr 2025 eine Geburtenrate von 1,6 erreicht wird.
Die
Berechnungen von
Michaela KREYENFELD oder
Tomáš
SOBOTKA
legen dagegen nahe, dass ein Wert von 1,6 bei der
zusammengesetzten Geburtenziffer bereits in den nächsten Jahren
erreicht werden kann. Es muss dem Statistischen Bundesamt also
vorgeworfen werden, dass es diese wahrscheinliche Variante nicht
berücksichtigt.
Im
Buch
"Die Single-Lüge" wird der Betrug
an den Kinderlosen, wie er von Nationalkonservativen wie Herwig
BIRG und seinen Mitstreitern ungehindert betrieben wird,
detailliert nachgewiesen. Keiner kann mehr behaupten, dass dies
nicht bereits seit vielen Jahren bekannt ist.
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SCHWENTKER,
Björn (2006): Schwarzmalen nach Zahlen.
Deutschland entvölkert sich, sagen die Statistiker. Doch unter
leicht veränderten Annahmen kommt man zu ganz anderen Ergebnissen,
kommentiert Björn Schwentker,
in: ZEIT online v. 07.11.
- Anmerkungen:
Björn SCHWENTKER,
eine Art schlechtes Gewissen der
ZEIT, darf nun zumindest online
Zweifel am Realismus der Modellrechnungen anmelden:
"Was
die Statistiker für die Öffentlichkeit aufbereitet haben, liest sich
hingegen so gar nicht wertfrei. War etwa in der letzten
Vorausberechnung noch die Rede von der »Differenz zwischen
Lebendgeborenen und Gestorbenen«,
hat man den technischen Terminus jetzt durch einen griffigeren
Begriff ersetzt:
»Geburtendefizit«.
Die
Botschaft zwischen den Zeilen ist klar: Momentan erfüllen die
deutschen Frauen den Sollwert an Geburten nicht. Die Bevölkerung
schrumpft, und das darf wohl nicht sein.
Dabei
verkennt das Statistischen Bundesamt allerdings seinen eigentlichen
Auftrag. Und der lautet, für die öffentliche Diskussion die Fakten
zu liefern, und zwar in neutraler Form. Ob die Tatsache, dass es
einen demografischen Wandel gibt, nur negativ zu sehen ist oder auch
große Chancen für Wirtschaft, Staat und Gesellschaft bietet, soll
und kann das Bundesamt nicht beurteilen.
In
der wissenschaftlichen Debatte nämlich mehren sich in letzter Zeit
die positiven Stimmen. Das Bundesamt hingegen bedient weiter die
Volksneurose des Alterns und kokettiert mit dem Schrecken des
Schrumpfens."
SCHWENTKER
darf sogar noch weiter gehen und zweifelt -
wie
single-dasein.de - an, dass die Annahmen zur
Geburtenentwicklung in Deutschland realistisch sind:
"Erstmals
seit Jahren berechneten die Statistiker auch ein Szenario mit
steigender Kinderzahl pro Frau. Bis 2025 erhöht sich die
Geburtenrate dabei von jetzt etwa 1,4 auf 1,6. Für Radermacher ist
das »optimistisch« und nur unter
günstigen familienpolitischen Bedingungen zu erreichen. Eine typisch
deutsche Sicht. Bei der UNO zum Beispiel sieht man es anders. In
deren Bevölkerungsberechnungen steigt hierzulande die Geburtenrate
bis 2050 auf 1,85 – im mittleren Szenario. Doch wer wissen will, was
allein eine durchschnittliche Kinderzahl von 1,6 für Deutschland
hieße, sucht die entsprechende Kurve in der schönen farbigen
Präsentation der Wiesbadener vergeblich. Man muss sich schon die
Mühe machen und die Zahlenkolonnen ganz hinten im Tabellenteil
auseinanderdröseln, dann findet man schließlich doch eine Antwort:
77,5 Millionen Menschen würden nach dieser optimistischeren Prognose
2050 in Deutschland leben."
- SPERBER, Katharina (2006): "Der Kuchen
wird größer, und jeder kann ein Stück abbekommen".
Wenn die künftigen Versorger einer kleiner werdenden Bevölkerung
gut ausgebildet sind und Arbeit bekommen, steigt die Produktivität.
Das Bruttoinlandsprodukt wächst, es ist genug für alle da, meint der
Statistiker Gerd Bosbach
in: Frankfurter Rundschau v. 08.11.
- Anmerkungen:
Die FR widmet der Bevölkerungsvorausberechnung
das Tagesthema "Land mit Nachwuchssorgen".
Der
Statistiker
Gerd BOSBACH bezweifelt im
Interview, dass die Annahmen zur Erhöhung der Lebenserwartung
realistisch sind.
Ist
die Bevölkerungsvorausberechnung also eine Art
Gefälligkeitsgutachten, um die geplante Erhöhung der
Lebensarbeitszeit reibungsloser durchsetzen zu können?
Bereits
bei der letzten Bevölkerungsvorausberechnung
vermutete single-dasein.de dass sie im Hinblick auf die
Durchsetzbarkeit der damaligen Agenda-Reformen gesehen werden müsse.
- ZYLKA, Regine (2006): Deutschland
schrumpft dramatisch.
Statistisches Bundesamt legt düstere Prognose zur
Bevölkerungsentwicklung bis 2050 vor. Immer weniger Erwerbstätige.
Lebenserwartung von Frauen steigt auf 88 Jahre,
in: Berliner Zeitung v. 08.11.
- Anmerkungen:
Was tut man, wenn die Realität nicht dem
entspricht, was man sich erwartet hat? Man dramatisiert wie
Regine ZYLKA, wenn sie schreibt:
"Das
Statistische Bundesamt hat gestern neue Berechnungen vorgelegt, die
von früheren Prognosen erheblich abweichen. Danach wird die
Bevölkerung von heute rund 82 Millionen bis zum Jahr 2050 auf unter
70 Millionen zurückgehen. Bislang waren die Statistiker davon
ausgegangen, dass die Zahl der Deutschen auf etwa 75 Millionen
sinken wird. Das Bundesamt erwartet inzwischen jedoch eine
wesentlich niedrigere Zuwanderung als bei der letzten
Bevölkerungsprognose vor drei Jahren."
ZYLKA
leitet daraus in ihrem Kommentar "Land ohne Kinder" die Forderung
nach einer aktiven Bevölkerungspolitik ab.
Fakt
ist jedoch, dass sich die veränderte Bevölkerungsentwicklung zu
allererst daraus ergibt, dass zum einen mit einer höheren
Lebenserwartung gerechnet wurde und zum anderen die Zuwanderung
geringer angesetzt wurde. Wie realistisch diese Annahmen sind, soll
hier unbeachtet bleiben.
Vergleicht
man aber die Variante 7 von 2003 mit der Variante 1 W von 2006 - das
sind jene beiden Modellrechnungen, die sich in ihren Annahmen am
ähnlichsten sind - dann ist das Ergebnis fast identisch: statt 69,6
Millionen Menschen würden 2050 nur noch 68,7 Millionen Menschen in
Deutschland leben.
Geht
man jedoch - wie
etliche Demografen - davon aus, dass die Geburtenrate mit
1,4 zu niedrig ausgewiesen wird, dann fällt der Bevölkerungsrückgang
noch geringer aus.
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